Freitag, 18. Mai 2012

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Der Jugendprotest

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Der Deutsche Bundestag ermittelte: Es ist kein Generationenkonflikt — der Jugendprotest der 70er und 80er Jahre meint die ganze politische Kultur der westlichen Demokratien

Die Grünen und Alternativen sind am 6. März 1983 von 2.167.431 stimmberechtigten Bürgern der Bundesrepublik Deutschland in den Deutschen Bundestag gewählt worden. Während der 10. Wahlperiode, also bis 1987, hat die Partei des Jugendprotests in der gesetzgebenden Versammlung unseres Staates 27 Sitze im Bundestag. Diese Entwicklung bahnte sich seit langem an. Die Grünen sind bereits in 6 Länderparlamenten vertreten. Der Deutsche Bundestag beschloß am 26. Mai 1981 die Einsetzung einer Enquete-Kommission „Jugendprotest im demokratischen Staat". Die Aufgabe der Kommission lautete, „Ursachen, Formen und Ziele der Proteste junger Menschen zu untersuchen. Dabei sollen auch Erfahrungen, die in anderen europäischen Ländern gemacht wurden, berücksichtigt werden. Die Enquete-Kommission soll Möglichkeiten für eine Verbesserung des Verständnisses zwischen den Generationen, zwischen Jugend und Politik sowie für eine Förderung von Demokratie- und Staatsverständnis der jungen Menschen aufzeigen. Sie soll prüfen, welche Wege möglich und notwendig sind, um die Lage der Jugend zu verbessern und Spannungen abzubauen, die auf unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Lebenseinstellungen beruhen."

Am 12. 1. 1983 veröffentlichte die Enquete-Kommission ihren Bericht als Drucksache 9/2390. Diese 50 Seiten verdienen weithin Aufmerksamkeit und Beachtung, denn sie sind eine Zusammenfassung dessen, was Politiker und Sachverständige heute zu diesem brandaktuellen Thema ermitteln können. Kritisches zum Zwischenbericht der Kommission ist verschiedentlich gesagt worden, was die Leistung des dokumentarischen Teils nicht schmälern soll. (Vgl. auch das Heft „Jugend und Jugendprotest" der Akademischen Blätter, 1/1983.)

Die Kommission hielt 32 Sitzungen ab, veranstaltete Anhörungen von Wissenschaftlern und befragte Vertreter von Jugendverbänden. Sie führte Gespräche mit Hausbesetzern und anderen Protestlern vor Ort. Der Bericht ist unterzeichnet vom Vorsitzenden der Kommission, dem Mitglied des Bundestages Matthias Wissmann (CDU) und seinem Stellvertreter, dem Mitglied des Bundestages Rudolf Hauck (SPD).

Nachstehend wichtige Teile des Berichts „Jugendprotest im demokratischen Staat".

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Erziehungsvorstellungen in der Gesellschaft des öfteren geändert: konservative, autoritäre, liberale, antiautoritäre, permissive und partnerschaftliche Modelle haben einander abgewechselt. Durch diesen Wechsel wurde zwar die weitgehend autoritäre Erziehung wilhelminischer Zeit abgebaut und eine demokratische Erziehung ermöglicht. Zugleich aber wurden dadurch auch Eltern und Erzieher in ihrer Autorität verunsichert. Sie entzogen sich oft der Orientierung und Auseinandersetzung und überließen die Kinder weithin sich selbst.

Zum Zusammenhang von bestimmten Erziehungsstilen und Jugendprotest läßt sich heute nur sagen, daß sowohl eine streng autoritäre Erziehung als auch eine allzu nachgiebige, permissive (mißverstanden anti-autoritäre) Erziehung am ehesten unter den Ursachen des gewaltsamen Jugendprotests zu entdecken sind. Eine partnerschaftliche Erziehung ermutigt indes eher zu Reformbewußtsein und Engagement in der Gesellschaft.

Einig war sich die Kommission darin, daß der Jugendprotest wesentlich als Reaktion auf ungelöste gesellschaftliche Probleme verstanden werden muß und nicht als klassischer Generationenkonflikt erklärt werden kann. Da der neue Protest Angehörige aller Generationen einbezieht, ist selbst die Bezeichnung „Jugendprotest" fragwürdig. Alles deutet darauf hin, daß es sich bei der heutigen Protestbewegung um den Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels von Auffassungen und Einstellungen in weiten über die Jugendlichen hinausgehenden Teilen der Gesellschaft handelt.

Dies heißt nicht, daß es keinerlei Probleme im Verhältnis zwischen den Generationen gäbe. Von mehreren Sachverständigen wurden Vorurteile und Mißverständnisse im Verständnis der Generationen untereinander als Teilursache für den Jugendprotest betont. Oft wird nicht verstanden, daß bewußte Provokationen oder aggressive Akte von Jugendlichen Hilferufe sein können. Ein Grund für die Zuspitzung zu gewaltsamen Auseinandersetzungen liegt auch darin, daß das Gespräch zwischen den Generationen häufig verstummt ist. Die zunehmende Absonderung älterer und jüngerer Menschen in getrennte Lebensräume sowie alters- und erfahrungsbedingte Auffassungsunterschiede können die Konflikte zwischen Jugendlichen und ihrer sozialen Umwelt hervorrufen oder verschärfen.

Zukunftsangst

In vielen Stellungnahmen der Jugendlichen selbst und auch in den Ausführungen der Sachverständigen und Jugendverbandsvertreter wurde auf die Zukunftsangst als eine Ursache des jugendlichen Protests verwiesen.

Als Gründe für ihre Zukunftsangst führen Jugendliche zum Beispiel an:

Arbeitslosigkeit und generelle Verschlechterung der Ausbildungschancen und Berufsaussichten für Jugendliche;

zunehmende Zerstörung der natürlichen Umwelt, gewachsener Lebenszusammenhänge und der persönlichen Beziehungen;

fortschreitendes Wettrüsten und zunehmende Kriegsgefahr;

weitere Einengung der persönlichen Entfaltungsspielräume durch die Ausdehnung wirtschaftlichen Denkens und Handelns auf alle Lebensbereiche, durch Bürokratisierung und staatliche Kontrolle;

Probleme wachsender Minderheiten in der Wohlstandsgesellschaft.

Viele Jugendliche bedrückt die Angst, ob man in der Zukunft überhaupt noch ein lebenswürdiges Dasein führen könne und ob die Welt in Zukunft für Menschen noch bewohnbar sei.

In dieser Angst um ihre Zukunft äußern sie den Verdacht, daß die Erwachsenen, die heute die Entscheidungen für die Zukunft treffen, ihrer Verantwortung für die Erhaltung menschenwürdiger Lebensbedingungen nicht gerecht würden. Auf der anderen Seite seien sie selbst von wirklicher Mitsprache und Mitentscheidung ausgeschlossen, obwohl sie diese sich abzeichnenden bedrohlichen Fehlentwicklungen „auszubaden" hätten. Dieser Angst kann auch nicht mit dem berechtigten Hinweis auf Verbesserungen in Teilbereichen des Umweltschutzes wirksam begegnet werden, weil täglich Informationen über neue Umweltgefährdungen auf die Menschen einwirken.

Die allgemeine Lebenssituation wird durch die Undurchschaubarkeit und Unpersönlichkeit der modernen Industriegesellschaft, den Vorrang zweckbetonter Verhaltensweisen und die Zwänge bürokratisierter Lebensformen geprägt. Viele Menschen fühlen sich überfordert und klagen gleichzeitig über die Behinderung eigenverantwortlicher Tätigkeit. Eine wachsende Zentralisation und Bürokratisierung in Wirtschaft, Verbänden und Staat droht die persönliche Leistung und Verantwortung des einzelnen zu untergraben. Ferner fördert sie die Neigung, Schuld für erlittenes Unrecht und eigenes Versagen ausschließlich der Gesellschaft anzulasten.

Wertwandel und Sinnfrage

Die große Mehrheit der befragten Sachverständigen versuchte, den Jugendprotest auch durch die Folgen eines Wertwandels zu erklären, der sich seit Mitte der sechziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland vollzogen hat. Dieser Wertwandel, der zuweilen im Verdacht des Wertzerfalls steht, führt weg von einem Denken, das Wohlstand, Verdienst, Lebensstandard, Sicherheit und Leistung zu den hervorragenden Bezugspunkten der Lebensgestaltung macht. Statt dessen genießen Selbstverwirklichung, Gemeinschaft, Kreativität und Mitbestimmung (sogenannte postmaterialistische Werte) höhere Beachtung. Teilweise werden dabei auf neue Weise alte Werte wiederentdeckt und verwirklicht.

Dieses neue Wertbewußtsein findet sich vornehmlich bei jungen Leuten. Sie versuchen, es vor allem in alternativen Lebensformen und in einem „produktiven Lebensstil" zu verwirklichen. Viele Jugendliche verstehen und bewerten die soziale Wirklichkeit anders als die Mehrheit der Erwachsenen. Sie versuchen auch, ihre eigenen Vorstellungen in anderen Formen des Zusammenlebens und des Zusammenarbeitens zu erproben. Diese veränderten Lebensformen verteidigen sie gegen eine oft unduldsame Umwelt.

Die These, daß sich die „postmaterialistischen Werte" insbesondere in der jungen Generation ausbreiten, ist zwar in der Sozialwissenschaft nicht ganz unumstritten, scheint aber teilweise durch empirische Untersuchungen bestätigt zu werden. Der hier angesprochene „Wertekonflikt" hängt zusammen mit den unterschiedlichen Erfahrungen der Älteren, die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren allgemein Not erlebten und wesentlich vom Streben nach Wohlstand und sozialer Sicherheit geprägt sind, sowie den Erfahrungen der Jüngeren, die in Wohlstand und sozialer Sicherheit aufgewachsen sind und dies als selbstverständlich hinnahmen.

Bestand über die Tatsache eines gesellschaftlichen Wertwandels und seines Einflusses auf die Protestbewegung noch weitgehend Einigkeit, so zeigten sich bei den Sachverständigen in der Einschätzung dieser Vorgänge unterschiedliche Meinungen. Man wird den positiven Ansätzen in der Protestbewegung nicht gerecht, wenn man ihr allgemein eine tiefe Gefühlsbetontheit und Verstandesfeindlichkeit, die Ablehnung des Leistungsprinzips und eine sich als „anarchisch" verstehende Freiheitsauffassung zuweist. Trotzdem darf nicht übersehen werden, daß eine Selbstverwirklichung, die ihre Sozialbindung bestreitet und sich nur an den eher lustbetonten eigenen Bedürfnissen orientiert, sich selbst wieder zerstören würde. Sie würde auch jenen inneren Zusammenhang auflösen, der zwischen dem neuen Wertbewußtsein und der Sinnfrage gerade für junge Menschen besteht.

Im Zusammenhang mit den hier angesprochenen Fragen des Wertwandels darf auch nicht übersehen werden, daß die Struktur und Dynamik unserer Industriegesellschaft und ihrer Arbeitsweise selbst die Herausbildung einer „ambivalenten" oder „doppelten Moral" begünstigt hatten. Dies läßt sich beispielhaft am Spannungsverhältnis zwischen Arbeits- und Konsummoral zeigen: Wie nie zuvor in der Geschichte wurden in der Industriegesellschaft Mensch und Gesellschaft von der Arbeit und der ökonomischen Leistung her definiert. Arbeit und Erwerb wurden weithin zum wichtigsten Mittel gesellschaftlichen Erfolges und eines sinnerfüllten Lebens; sie sind fortan nicht mehr nur notwendige Bedingungen menschlicher Existenz, sondern vielfach beherrschender Lebensinhalt. Die — auch gegenüber vorindustriellen Epochen - verlängerte Arbeitszeit und erheblich gesteigerte Arbeitsintensität, die erhöhten Mobilitätsanforderungen und die damit zusammenhängende Zerstörung traditioneller Lebensbezüge machten das Leben für die meisten Menschen weitgehend zum Arbeitsleben. Entsprechend war Erziehung nun vor allem anderen Erziehung zur Arbeit; Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Disziplin hatten Vorrang.

Erst die Weiterentwicklung der Industriegesellschaft zur Gesellschaft des Massonkonsums brachte hier einen Wandel. Der Aufspaltung des Lebens in Arbeitsund Freizeit, die durch die fortschreitende Verkürzung der Arbeitszeit immer deutlicher wurde, entsprach bald eine Aufspaltung der Moral in eine asketische Arbeitsmoral und eine hedonistische, d. h. eine ausschließlich und zumeist auch auf unmittelbaren Lustgewinn ausgerichtete Konsummoral. Die Konsumgesellschaft förderte gleichzeitig beide sich widersprechenden Moralen und begünstigte so eine folgenreiche gesellschaftliche Bewußtseinsspaltung. Die Klammer zwischen den beiden Moralhaltungen besteht vor allem im Ökonomismus, in der Auffassung nämlich, daß allein das ökonomisch Verwertbare im Leben zählt. Etwas - wenn möglich, immer mehr - leisten und sich etwas -wenn möglich, immer mehr leisten können, darauf reduziert sich nach ökonomischer Sicht der Inhalt des menschlichen Lebens.

Viele Menschen, insbesondere diejenigen, die unter Bedingungen arbeiten müssen, die wenig oder kaum Raum für Selbsttätigkeit, selbstverantwortetes Tun, Phantasie und Kreativität lassen, und dies ist heute die Mehrzahl, betrachten die Arbeitszeit als „verlorene Zeit" und suchen in der Freizeit das eigentliche Leben. Umfragen zeigen, daß heute die Freizeit und die sich in ihr bietenden Möglichkeiten, trotz wachsender Probleme bei der Sicherung der Arbeitsplätze, vor der Arbeit als Ort der Wertverwirklchung und Persönlichkeitsbildung rangieren. Damit geht einher, daß auf die Freizeit bezogene Wertvorstellungen die auf die Arbeit bezogenen als Leitwerte der Gesellschaft abzulösen beginnen. Diese Entwicklung dürfte sich fortsetzen, wenn die sich abzeichnenden großen Rationalisierungsschübe zu weiteren erheblichen Arbeitszeitverkürzungen führen.

Dies bedeutet für viele Menschen, daß es für sie wichtiger wird, sich entsprechend der vorherrschenden Konsummoral immer mehr leisten zu können, als selbst immer mehr zu leisten. Es hat wenig Sinn, nur darüber Klage zu führen und in diesem Zusammenhang von Sittenverfall oder persönlichem Versagen zu sprechen; es handelt sich hier auch um Auswirkungen von allgemeineren gesellschaftlichen Veränderungen wie exzessiver Arbeitszerlegung und beschleunigter Rationalisierung und Automation, der Zerstörung der traditionellen Arbeitskultur und der weiteren Steigerung des Massenkonsums.

Selbstbestimmung

Die verstärkt vorgebrachte Forderung nach „Selbstverwirklichung" und „Selbstbestimmung", die im neuen Jugendprotest ebenso wie in der Studentenbewegung am Ende der sechziger Jahre eine zentrale Rolle spielt, ist aber insofern doppeldeutig, als sie sowohl im Sinne der Konsummoral, d. h. hedonistisch, als auch im Sinne einer neuen sozialen postmaterialistischen Sicht und Lebensweise verstanden werden kann.

Die mit dem Jugendprotest eng verflochtenen „neuen sozialen Bewegungen", insbesondere die Alternativbewegung, streben auch danach, Formen des Arbeitens, des Produzierens, der gesellschaftlichen Leistungserbringung durchzusetzen. Diese erlauben in einem erweiterten Sinne die Entfaltung menschlicher Möglichkeiten und suchen Strukturen der Unterordnung, übertriebene Konkurrenz, zu weit getriebene Spezialisierung und Monotonie zu vermeiden. Es geht also auch hier im Kern nicht um Verneinung von Leistung, sondern um die Veränderung der Bedingungen, unter denen Leistung erbracht wird, und um den humanen und sozialen Sinn der Leistung.

Damit im Zusammenhang sind auch die Versuche zu sehen, die rigide Trennung von Arbeit und Freizeit zu überwinden, Formen der Integration von Wohnen und Arbeiten zu entwickeln und insgesamt eine ganzheitliche Sicht gegen die moderne Zerstückelung des Lebens und der Menschen durchzusetzen. Die neuen sozialen Bewegungen setzen im ganzen weniger auf die Befreiung von der Arbeit. Ihr Motto lautet weder „Leben, um zu arbeiten" noch „Arbeiten, um zu leben"; ihr Leitziel ist die Entfaltung der Persönlichkeit in einem nach humanen und solidarischen Grundsätzen neugeordneten sozialen Leben, das Arbeit und Muße, Spiel und Ernst, Dienst am Nächsten (sowie am Fernsten!) und Selbstverwirklichung gleichrangig und ohne falsche Entgegensetzung umfassen soll. Der einheitliche Gesichtspunkt oder der „Sinnhorizont", von dem her diese Vorstellungen entwickelt werden, ist kaum je ausdrücklich formuliert. Eine entscheidende Rolle scheint aber ein „ganzheitliches", dem ökonomistischen entgegengesetztes Menschenbild zu spielen.

Eines freilich kann auch diese Entwicklung nicht aufheben: den asketischen Grundzug, der in aller, auch der als sinnvoll erlebten und selbstbestimmten Arbeit liegt. Auch sie ist notwendig mit einem gewissen Maß an Mühe und Triebverzicht verbunden. Aus diesem Grunde darf die neue sich herausbildende Arbeits- und Leistungsmoral, wenn sie sozial funktionsfähig sein soll, nicht hedonistisch sein. Sie wird notwendig jenseits der falschen und zerstörerischen Alternative einer hedonistischen Konsummoral und einer den Menschen als Person negierenden Arbeitsmoral zu suchen sein.

Jugendliche lehnen Leistung nicht schlechthin ab; Jugendliche setzen die Leistung lediglich nicht als obersten Wert ihres Lebens und lassen sich nicht für alles einspannen. Sie können und wollen außerordentliche Leistungen erbringen, wenn sie von den Zielen überzeugt sind und sich auch persönlich gefordert fühlen. Beispiele für eine sinnbringende Arbeit sehen sie im Einsatz für Jugendzentren, für sozial Benachteiligte, für Völker der Dritten Welt, für Abrüstung und Friedenssicherung. Leider werden sie oft an einer eigenständigen sozialen Leistung gehindert, manchmal sogar in ein gesellschaftliches Abseits gedrängt. Statt Ermutigung erleben sie häufig Entmutigung.

Undurchschaubarkeit

Wie in der Frage der Einstellung der Jugendlichen zur Leistung muß auch in der Frage ihrer politischen Einstellung unterschieden werden. Nicht die pluralistische Demokratie, das Mehrheitsprinzip und die Notwendigkeit des Kompromisses werden abgelehnt, sondern — wie es Jugendliche empfinden - die Undurchschaubarkeit der politischen Entscheidungswege, der Mangel an tatsächlichen Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bürger, der starke Einfluß wirtschaftlicher Interessen, die Unfähigkeit zu zukunftsgerichtetem Handeln. In ihrem Streben nach mehr Mitbestimmung treffen sie sich mit gleichlaufenden Interessen der Erwachsenen.

Neben dem gestiegenen materiellen Wohlstand bieten wachsende Freizeit und breitere Ausbildung diese Voraussetzungen für mehr Mitsprache und Mitbestimmung. Ebenso veranlaßt die Bürgerferne mancher politischer Entscheidungen viele, ihr Begehren nach Mitbestimmung in Bürgerinitiativen oder in der Protestbewegung zum Ausdruck zu bringen. Dieser friedliche Protest kann im wesentlichen als prodemokratisch angesehen werden. Leider wird er zuweilen durch die ihm eigene Unduldsamkeit wieder fragwürdig.

Der Staat und seine Vertreter werden von den protestierenden Jugendlichen zumeist als ihre eigentlichen Gegner, wenn nicht gar als Feinde wahrgenommen. Dies bedeutet freilich nicht, daß sie durchweg vom „Staat" nichts mehr erwarten. Vielmehr richten sie ihre Forderungen fast immer an staatliche Stellen und sind enttäuscht, wenn ihren Forderungen und Erwartungen nicht entsprochen wird.

Dieses auffällige Schwanken zwischen einer schroffen Ablehnung des Staates und der Forderung nach Beistand und Unterstützung durch den Staat - wie es etwa in der Diskussion um die „Staatsknete" in der Alternativbewegung zum Ausdruck kommt - ist keineswegs kennzeichnend für den Jugendprotest allein. Wie anhand von umfangreichem Untersuchungsmaterial belegt werden kann, findet sich diese Art von „Steinbruchmentalität" gegenüber dem Staat -Nehmen ohne zu Geben - auch bei vielen Erwachsenen. Der eigentliche Grund dürfte darin liegen, daß dem Staat in den letzten Jahrzehnten in allen entwickelten Industriegesellschaften gleichsam eine Allzuständigkeit für die Lösung von Problemen zugewachsen ist. Er kann ihr aber - vor allem bei fortschreitender weltwirtschaftlicher Krisenentwicklung - zunehmend weniger gerecht werden.

Das Handeln des Staates wird heute von vielen Jugendlichen eher a!s Knebelung und nicht als Grundlage eigener Selbständigkeit erfahren. Der Staat gilt neben den großen Konzernen für viele protestierende Jugendliche als der verantwortliche Träger einer wirtschaftlichtechnischen Entwicklung, die zunehmend als „lebensbedrohend" empfunden wird. In Politik und Verwaltung werden Lebenszusammenhänge zumeist nach bürokratischen Zuständigkeiten aufgespalten. Viele Menschen haben deshalb das Gefühl, daß die „Rationalität", die durch Staat, Verwaltung und Großinstitutionen verkörpert wird, im Kern „lebensfeindlich" ist.

Diese Auffassung spiegelt sich auch in dem vor allem in der Jugend verbreiteten Vorbehalt gegen Institutionen und in der Überschätzung der Spontaneität. Sie berührt sich auch mit einer verallgemeinernden Kritik an der Bürokratie und einer ebenso verallgemeinernden Verteufelung großer Konzerne, wie sie heute vielfach üblich geworden ist. Sie verfestigt sich bei Jugendlichen in dem Maße, in dem sie erfahren, daß ihre Anregungen, ihr Protest, ihr Streben nach Mitwirkung vom politischen System nicht zur Kenntnis genommen oder abgewehrt wird.

Entfremdung

In der Wahrnehmung vieler Jugendlicher existiert eine tiefe Kluft zwischen dem offiziellen, auch von der Verfassung vorgegebenen Verständnis von gewaltlosem Protest in der Demokratie und der staatlichen Reaktion auf diesen Protest.

Junge Menschen erleben häufig, daß ihren Forderungen hinhaltend begegnet wird, indem sich eine ausufernde Bürokratie oftmals für unzuständig erklärt oder rechtliche Schwierigkeiten vorgibt. Dies verschärft Konflikte oder führt zu Resignation bei den Betroffenen.

Einige Jugendliche glauben, aus dem mangelnden Willen oder der mangelnden Fähigkeit des Staates, auf ihre Forderungen einzugehen, ein Widerstandsrecht ableiten zu können. Da sie ihre eigene Zukunft, ja die Zukunft der Menschheit schlechthin, gefährdet sehen, halten sie letztlich auch die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele für berechtigt.

Allgemein ist festzustellen, daß die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen eher überschätzt wird und weit geringer ist, als es durch die Darstellung in den Medien erscheint. Häufig bestimmen kleine Gruppen von gewalttätigen Jugendlichen das öffentliche Bild von ansonsten friedlichen Massendemonstrationen. Gleichwohl zeigt sich in der Gewaltbereitschaft auch kleiner Gruppen ein Verlust an politischer Kultur.

Die Kommission ist der Auffassung, daß in der Bundesrepublik Deutschland als einer Demokratie allein der Staat berechtigt ist, Gewalt auszuüben und damit über das Gewaltmonopol zum Schutz für die Schwächeren und als Garantie für ein friedliches Zusammenleben aller Bürger verfügt. Wenn andere zur Durchsetzung ihrer Interessen dies für sich beanspruchen, kann die eigentliche Aufgabe des Staates, die Freiheit der Bürger, das Recht jedes einzelnen sowie inneren Frieden zu gewährleisten, nicht mehr erfüllt werden. Die Weichen in eine „Ellenbogengesellschaft", in der der Schwächere auf der Strecke bleibt, weil das Faustrecht des Stärkeren die Wirklichkeit prägt, wären gestellt.

Freiheit für den einen darf nicht Unfreiheit für den anderen bedeuten. Das heißt, daß der Schutz der Freiheit des einen nicht auf Kosten der Freiheit des anderen gehen darf.

Die Anhörungen haben in der Kommission den Eindruck bestärkt, daß die eingetretene Entfremdung zwischen einem Teil der Jugend auf der einen und dem politischen System und seinen Vertretern auf der anderen Seite nicht durch kurzfristig taktische Maßnahmen behoben werden kann. Dies wird nach Auffassung der Kommission nur nach einer langen Phase „vertrauensbildender Maßnahmen" und nach überzeugenden Schritten zur Veränderung von Stil und Inhalt der Politik gelingen können. Allerdings wird man negativen Vorurteilen gegenüber Staat, Parteien und deren Vertretern — insgesamt gegenüber „denen da oben" — entgegentreten müssen. Unter Jugendlichen herrscht oft ein wirklichkeitsfremdes und vorurteilsvolles Politikverständnis, welches die Gefahr in sich birgt, daß auch undemokratische Traditionen der Parteienkritik wieder aufleben.

Eine nennenswerte Zahl von; Jugendlichen, darunter auch viele Kinder von Ausländern, erhält heute in unserer Gesellschaft kaum eine Chance, überzeugende Zukunftsaussichten zu entwickeln.
Dieser Teil ist heute glücklicherweise noch relativ klein, würde aber weiter wachsen, wenn die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und mit ihnen die Jugendarbeitslosigkeit zunähmen. Auf Dauer kann dies zur Herausbildung eines zahlenmäßig bedeutsamen jugendlichen Subproletariats führen, das, da es nichts zu verlieren und auf normalen Wegen auch nichts zu gewinnen hat, zum Nährboden für Gewalt und Kriminalität und zum Sammelbecken links- und rechtsextremistischer Gruppen wird.

Eine Verschärfung der Auseinandersetzungen würde aller Voraussicht nach dazu führen, daß immer mehr Jugendliche, die sich im Protest engagieren und mit der Staatsgewalt in Konflikt geraten, ins Abseits abgedrängt werden. Ist ein Jugendlicher erst einmal straffällig geworden, dürfte es ihm schwerlich gelingen, sich aus eigener Kraft wieder in das soziale Gefüge der Gesellschaft einzufinden. Schon heute lebt ein Teil der Jugend in unseren Großstädten in sozialen Gettos.

Das allen Bürgern dienende Recht zu wahren und den Brückenschlag zu den Jugendlichen zu versuchen, ist in der Praxis zweifellos schwierig, muß aber mit Nachdruck immer wieder versucht werden. Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland darf nicht den in mancher Hinsicht bequemer erscheinenden Weg der Ausgrenzung gehen. Ebenso wäre es falsch, dem jugendlichen Protest mit kritiklosem Nachgeben zu begegnen. Auch im Interesse der Festigung unserer Demokratie sollte statt dessen der spannungsreiche und sicher nicht immer einfache Weg des kritischen Dialogs, der sozialen Reform und der Integration beschriften werden.

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