Freitag, 10. Sep 2010

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Die Wiederentdeckung Mitteleuropas

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Mitteleuropa als politischer Leitbegriff erlebt zur Zeit — so scheint es — seine Wiederentdeckung. Der folgende Beitrag nimmt die Spuren dieses Prozesses auf und versucht, ein erstes Ergebnis darzustellen.

Internationales Kolloquium in Duino

Als auf der 100. Verbandstagung im Juni 1981 in Berlin die mitteleuropäische Thematik erstmals angerissen wurde und Ende 1981 (vgl. Akademische Blätter 5/1981, S. 212ff.) einige Bundesbrüder Mitteleuropa als politischen Leitbegriff forderten, waren sie in ihrem Vorhaben noch ziemlich alleinstehend. Etwa gleichzeitig befaßte sich der aus dem ungarischen Teil Siebenbürgens stammende Genfer Professor Andre Reszler mit diesem Thema. Als Kolloquium-Direktorvon Denis de Rougemonts Centre Europeen de la Culture in Genf bereitete er thematisch ein internationales Symposium über die Europäische Bedeutung von Mitteleuropa vor, das vom 19. bis 21. September 1983 auf Schloß Duino bei Triest stattfand. Gastgeber war der Enkel jener Marie von Thurn und Taxis, die einst Rilke beherbergt hatte. Mitveranstalter waren die Stiftung Coudenhove-Kalergi und die Associazione Guiliani nel Mondo. In Triest und Friaul ist Mitteleuropa schon lange populär, findet doch dort schon seit über einem Jahrzehnt der italienisch-österreichische Convegno mitteleuropeo statt. Inzwischen ist in Oberitalien in einer erstaunlichen Intensität die mitteleuropäische Vergangenheit wieder entdeckt worden. Das ist nachzulesen in Hoffnung aus Vergangenheit. Die Wiederentdeckung Österreichs in Norditafien. Graz 1982 von Alexander Sixtus Freiherr von Reden, dem Enkel des letzten kaiserlichen Landeshauptmanns von Tirol.

In Duino wurde nach der Eröffnung durch Otto von Habsburg von der Donaumonarchie als Kern Mitteleuropas ausgehend die Strahlkraft der Wiener Kultur zu Beginn des Jahrhunderts in Literatur, Kunst und Wissenschaften ausführlich dargestellt u. a. von Sir Karl Popper, Eugene lonesco, Adam Wandruszka und den Gebrüdern Weißkopf. Es wurde dabei herausgearbeitet, daß sehr viele Strömungen unseres Jahrhunderts dort entstanden, sei es die moderne Musik, die Vorwegnahme der totalitären europäischen Zukunft bei Franz Kafka und ödon von Horväth, der Prager Strukturalismus, die Psychoanalyse oder die Schule Wittgensteins. Das geistige Wien nach der Jahrhundertwende wird heute vielfach als erste Hauptstadt des modernen Europa angesehen. Ich möchte hier einfügen, daß viel von dieser Strahlkraft Wiens auf das Berlin der Zwanziger Jahre überging. Dieses Berlin als mitteleuropäische Weltmetropole bedarf jedoch noch der Wiederentdeckung und könnte damit in die Zukunft weisen.

Auf die zahlreichen Vorträge und vorbereiteten Diskussionsbeiträge kann hier nicht ausführlicher eingegangen werden. Erwähnt sei aber der aus Warschau angereiste ehem. Diplomat und Schriftsteller Andrzej Kusniewicz, der in der Darstellung einer vergangenen Welt deutlich machte, daß viele mitteleuropäische Gemeinsamkeiten durch zwei Weltkriege nicht zerstört werden konnten; in seinem Roman Königreich beider Sizilien schildert er das Österreich des Jahres 1914, das er als Zehnjähriger erlebte. Beachtlich war die geistesgeschichtliche Tiefe, mit der der junge amerikanische Professor William Johnston die mitteleuropäische Kultur Österreichs als Vermittler der transatlantischen Kultur von heute darlegte.

Die Referenten und Teilnehmer waren vornehmlich Italiener und Schweizer; es waren jedoch auch Angehörige fast aller Völker der ehemaligen Donaumonarchie vertreten, die entweder aus dem Ostblock — wie Vertreter der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und der erwähnte Kusniewicz — kamen oder aus ihren westlichen Emigrationsländern. Vornehmliche Konferenzsprache war Französisch, wobei zu vermerken ist, daß der deutsche Begriff "Mitteleuropa" nicht nur von den italienischen, sondern wohl erstmals auch von den französischen Referenten übernommen wurde.

Für einen deutschen Teilnehmer auffallend war die weitgehende Ausklammerung Deutschlands sowohl in der thematischen Behandlung wie in der Beteiligung. Ebenso wie ich wurde der ehem. Vorsitzende eines anderen studentischen Korporationsverbandes nur durch Ankündigungen in der Auslandspresse aufmerksam. Eine Antwort konnte man bald atmosphärisch wahrnehmen: Auf dem Hintergrund verständlicher alter Vorbehalte gegen Deutschland schafft die neue, gegen das 'System' gerichtete Gesinnungsbewegung neue Unsicherheit, weniger durch ihre Ziele als vielmehr durch die quasi-religiöse, als sehr deutsch empfundene Art ihres Vorgehens. Deutschland ließ sich aber doch nicht ganz ausklammern; bei Behandlung wirtschaftlicher Fragen am dritten Tag betonte der Abteilungsdirektor der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Professor György Ranki, gleich einleitend, daß man in erster Linie über Deutschland als stärksten Partner sprechen müsse.

Es ist kritisiert worden - so in der Neuen Zürcher Zeitung (vom 8.10.1983) -, daß sich kein echter Dialog ergab und auch keine Handhaben zur Überwindung des Faktums der sowjetischen Fremdherrschaft aufgezeigt wurden. Es ist weiter kritisiert worden - so in dem Mitteleuropa gewidmeten Heft 13 von Die Jahreszeiten. Beiträge zur Kultur der Verwandlung. Wien —, daß die Ursachen des Zerfalls der Donaumonarchie nicht hinterfragt wurden. Das ist richtig; nur scheinen die Veranstalter dies auch gar nicht beabsichtigt gehabt zu haben. Die geistige Strahlkraft Mitteleuropas an einer entscheidenden Schnittstelle aufzuzeigen, ist ihnen gelungen. Darauf kann aufgebaut werden.

Papst und US-Vizepräsident in Wien

Der italienische Staatspräsident Pertini und der Papst stellten sich in Grußbotschaften nachdrücklich hinter das Vorhaben in Duino. Dort erinnerte der römische ORF-Mitarbeiter und Publizist Alfons Dalma an die Aussagen des Papstes auf der Europa-Vesper auf dem Heldenplatz in Wien am 10. September. Der Papst habe zwar nicht den Ausdruck .Mitteleuropa' verwendet, sondern von den europäischen Ländern zwischen Ost und West und der Einheit und Vielfalt des europäischen Kontinents gesprochen; er empfinde sich aber selbst als Mitteleuropäer - so bezeichnete ihn auch US-Vizepräsident Bush. Gerade in Wien habe der Papsf deutlich gemacht, daß dieses kulturell und religiös nach Westen und Osten offene Mitteleuropa wie geschaffen sei, Konflikte auszugleichen. Wien erlebte in den Tagen des Besuches von Karo/ Wojtyla eine Renaissance des Begriffes .Mitteleuropa'. So sah es der Osteuropa-Korrespondent von Die Welt, Carl Gustav Ströhm, in seinem Beitrag Mitteleuropa - eine Aufgabe (vom 28. 9. 1983).

Es war gewiß kein Zufall, daß der US-Vizepräsident Bush eine Südosteuropareise wenige Tage später in Wien mit einer Grundsatzrede über Mitteleuropa abschloß. Die Neue Zürcher Zeitung bemerkte dazu am 23. 9. 1983: „Selten zuvor hat man von einem amerikanischen Politiker so viel Verständnis für Kultur und Vielfalt Mitteleuropas gehört". Bush erteilte denen eine klare Absage, die aus dem Abkommen von Jalta eine Teilung Europas in Einflußzonen ableiten: denn in Jalta habe eine Übereinstimmung darüber bestanden, Polen und den anderen Ländern volle Unabhängigkeit zu gewähren und freie Wahlen abzuhalten. Die Mißachtung dieser Verpflichtungen sei die Hauptursache der heutigen Spannungen. Auch in Helsinki sei der Status quo nicht festgeschrieben worden. Washington strebe als große Leitlinie eine Politik der Differenzierung gegenüber den Ländern Ostmitteleuropas an, abhängig von einer autonomen Außenpolitik und einer innenpolitischen Liberalisierung. Aus der Nähe betrachtet mag man die letzten Punkte skeptisch betrachten, aber die Feststellung Washington hat kein Mitteleuropa-Konzept — der Wiener Tageszeitung Die Presse, in Akademische Blätter 5/1983 abgedruckt - ist zumindest nicht mehr zutreffend.

Milan Kundera und Frangois Bondy

Vizepräsident Bush bezog sich u. a. auf eine Erzählung des jüngeren tschechischen Schriftstellers Milan Kundera, der seit 1968 in Paris lebt und sich dort zum Mitteleuropäer entwickelte. In deutscher Sprache sind von ihm erschienen: Das Leben ist anderswo. 1974; Der Abschiedswalzer. 1977; Das Buch vom Lachen. 1980. An der Spitze des Novemberheftes der französischen historischpolitisch-literarischen Zeitschrift Le Debat ist ein Beitrag Kunderas über Der Geraubte Westen oder die Tragödie Mitteleuropas abgedruckt. Kundera geht darin von dem berühmten Telex des Direktors der ungarischen Presseagentur im Herbst 1956 aus: „Wir sterben für Ungarn und Europa". Während in Budapest 1956, in Prag 1968 und in Danzig 1970 und 1980 nach verbreiteter westlicher Meinung nur das politische Regime in Frage stand, zeigt Kundera auf, daß gerade dem kulturellen Erbe bei diesen „mitteleuropäischen Revolten" eine entscheidende Bedeutung zukam; es sei nur daran erinnert, daß der Schriftstellerkreis, der den Namen des ungarischen romantischen Dichters Petöfi trug, durch seine Kritik schließlich den Aufstand von 1956 vorbereitete und das Verbot einer Mickiewicz-Aufführung 1968 eine polnische Studentenrevolte auslöste. Die nach 1945 eingetretene Veränderung wurde in diesem Mitteleuropa nicht nur als politische Katastrophe, sondern auch als Infragestellung der westlichen Kultur empfunden.

Kundera stellt durchaus die Frage, ob der sowjetische Kommunismus eine Negation oder Fortführung der russischen Geschichte sei, und beantwortet sie dahingehend, daß beides der Fall sei. Während im Inneren der Sowjetunion die Negation stärker gesehen werde, spiele in den Satellitenländern der Gesichtspunkt der Kontinuität eine größere Rolle.

Kundera bezeichnet als Mitteleuropa die kleinen Völker zwischen Deutschland und Rußland, deren Existenz in Frage gestellt werden kann und die aus dieser enttäuschenden historischen Erfahrung eine Originalität ihrer Kultur entwickelten, die sich über Größe und Ruhm mockiert und die Verletzlichkeit der europäischen Kultur klarer und früher als andere sah. Er leitet daraus die These ab, daß Europa das Verschwinden dieses kulturellen Brennpunktes nicht bemerkt habe, weil es seine kulturelle Einheit nicht mehr empfinde. Mitteleuropa könne seine Identität nur verteidigen, wenn es seine kulturelle Dimension bewahre, denn seine eigentliche Tragödie sei nicht Rußland, sondern ein Europa, in dem die Kultur ihre Bedeutung verliere.

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik von Francois Bondy ein, dem Chefredakteur der Weltwoche und der Schweizerischen Monatshefte. In der periodisch erscheinenden Rubrik .Blick in Zeitschriften' der Süddeutschen Zeitung vom 10.111. 12. 1983 versucht er unter der Überschrift Phantom Mitteleuropa Kundera gerecht zu werden. Bondy entgegnet Kundera, daß sich neuerdings immer mehr europäische Stiftungen und Initiativen mit Kultur als der einigenden Qualität Europas beschäftigen und die Blüte der Zeitschriften überdies nicht das einzige Kriterium sei.

Bezeichnend ist auch die unterschiedliche Begriffsbestimmung. Was Kundera als Mitteleuropa umschreibt, nennt Bondy mit Recht Ostmitteleuropa. Er versteht auch Kunderas Enttäuschung über Frankreich nicht ganz, zumal dort in Zeitschriften Mittel- und Osteuropa mehr Interesse finde als in der Bundesrepublik. Wesentlich ist der Hinweis auf die unterschiedlichen Auffassungen zu Mitteleuropa: „Im deutschen politischen Gespräch heißt Mitteleuropa: Wir gehören nicht so ganz zum Westen, die Mitte soll Vermittler sein. Im französischen Gespräch heißt es: Offenheit für den Freiheitsdrang im Zeichen einer erneuerten politischen Kultur im überlagerten Mitteleuropa".

Ein Vordenker für Willy Brandt

Ganz im Sinne dieser skizzierten deutschen Auffassung liegt ein Beitrag von Peter Bender Interessen in Mitteleuropa in Merkur, Heft 6. Dezember 1983. Der Berliner Publizist und WDR-Korrespondent wurde mit den 1968 veröffentlichten Zehn Gründe für die Anerkennnung der DDR zum Vordenker der Brandtschen Ostpolitik. Als sich zunehmende Skepsis gegen diese Politik ausbreitete, legte er 1981 Das Ende des Ideologischen Zeitalters. Die Europäisierung Europas, vor, das Willy Brandt in Der Spiegel (Nr. 23 vom 1. 6. 1981) als erster besprach und empfahl. Bender vertrat darin die Auffassung, daß das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und den USA ein „ganz gewöhnlicher Machtkonflikt" sei und leitete daraus eine Gleichsetzung der Großmächte ab, denen gegenüber sich die Europäer behaupten müßten. Diese Thesen verleiteten ihn zu der Erwartung, „daß der Kreml die Demokratie bis an die Grenzen des Sowjetreiches herankommen läßt". Christoph Royen, Referent für Außenpolitik der Sowjetunion und der Staaten Osteuropas bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, hat in Osteuropa (6/1983) diese Thesen Benders mit grundsätzlicher Kritik am klarsten herausgearbeitet. Bender verkenne, daß der Ausschließlichkeitsanspruch des Systems für die Bewahrung der Führungsrolle der Sowjetunion im Weltkommunismus und der kommunistischen Parteien im Ostblock „unersetzlich, aber eben nur ideologischdogmatisch zu begründen ist" und Illusionen „letztlich in Enttäuschung, Resignation oder gar Zynismus münden".

Auch in seinem neuesten Beitrag geht Bender von diesen Auffassungen aus, ohne sie so deutlich zu formulieren, es sei denn seine scharfe Kritik an der unter Carter einsetzenden Ideologisierung der US-Außenpolitik. Unter Mitteleuropa versteht er Deutschland und Polen, jedenfalls werden Polen, die Bundesrepublik und die DDR in besonderen Kapiteln behandelt. Bender vertritt die These, daß nach dem August 1980 „das eingespielte Gleichgewicht zwischen Moskauer Anspruch und Warschauer Freiraum" zerstört wurde und die DDR dadurch auch außenpolitisch zur Nummer2 im Warschauer Pakt werde und bereit und fähig sei, „die politische Rolle zu übernehmen und als Transporteur sowjetischer Interessen zugleich die eigenen zu befördern".

Diese These ist auf dem Hintergrund des nicht nur im Ausland, sondern auch von der radikalen Linken kritisierten merkwürdigen Verständnisses von Bender und Bahr für die Unterdrückung der polnischen Solidarität zu sehen. Ob die DDR den Spielraum für die zugedachte Rolle hat und ihn erfolgreich nutzen kann, ist zu bezweifeln. Rüdiger Altmann vertrat auf der Bonner Mitteleuropatagung (vgl. Akademische Blätter 5/1983 S. 140) einen gegenteiligen Standpunkt. Und Altmann hat sich schon 1968 als der vorausschauendste Kritiker Benders erwiesen. Zuzustimmen ist Bender aber bei der Feststellung: „Die Bundesrepublik wird ihre, nach wie vor erstaunliche, nationale Enthaltsamkeit nur wahren können, wenn sie europäischen Spielraum hat. Um ... im Westen gebunden zu bleiben, muß nach Osten viel Bewegung möglich sein."

Richard von Weizäcker

Obwohl von Weizsäcker in der Einleitung zu seinem jüngsten Buch Die deutsche Geschichte geht weiter nicht den Begriff Mitteleuropa benutzt, sieht Peter Scholl-Latour - Stern (Heft 45 vom 3.11. 1983) - darin eine Wiederbelebung des alten Begriffes. R. von Weizsäcker betont, daß bis in die Weimarer Zeit hinein die Lage der Mitte auch als politische Richtschnur verstanden wurde, die deutsche Teilung aber die alte Mittellage in ein Spannungsverhältnis zwischen zwei Grunddaten verwandelte, wobei das erste die Westbindung sei. Es heißt dann: „Das zweite Grunddatum steht im Spannungsverhältnis zum ersten. Es ist unsere geopolitische Lage. Die Teilung hat unseren perspektivischen Standort verschoben; aber aus der Mittellage sind wir nicht entlassen. Unser geographischer Platz in Europa, unsere Menschen, unsere politische Verantwortung - alles bezieht uns in die Aufgaben und Interessen Zentraleuropas ein. Dies ist nicht nur deshalb so, weil es die Deutschen im anderen deutschen Staat und weil die Berliner es so sehen. Es entspricht in Wahrheit auch der objektiven Lage und den Interessen der Westdeutschen selbst.

Vor der Teilung war die Mitte weder Osten noch Westen, sondern Mitte. Dadurch, daß am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Mitte Europas, Deutschlands und der Stadt Berlin ein Trennungsstrich gezogen wurde, ist aber die Mitte nicht ausgelöscht worden. Was heute unmittelbar westlich oder östlich von der Grenzmittellinie liegt, hat eine geopolitische Doppelrolle. Für die Bundesrepublik bedeutet dies im politischen Domino: Wir sind nicht nur der Osten des Westens, sondern auch der Westen der Mitte ...

Die deutsche Geschichte hat noch nie den Deutschen allein gehört. Das ist die Folge unserer Lage im Zentrum des Kontinents. Alle Nachbarn, alle auf Europa bezogenen Mächte suchen Einfluß auf die politische Struktur Zentraleuropas. Diese Region kann Ausgleich oder Spannung verbreiten, je nach Maß des Verständnisses, welches die Deutschen und ihre Nachbarn für gegenseitige Rücksicht und gemeinsame Verantwortung entwickeln. Geschichtliche Erfahrung und Geographie erlauben uns nicht, nach oben oder unten auszusteigen. Wir dürfen nicht versuchen, Vormacht zu sein oder auf dem Weg der Neutralisierung unsichtbar zu werden. Wir können es nicht ändern, daß die anderen Einfluß auf die Mitte des Kontinents suchen. Aber wir wollen sie dabei nicht allein lassen."

Gegensätzliche Konzepte

Kunderas Mitteleuropa wurde in Duino durch die Einbeziehung Österreichs und der mitteleuropäisch geprägten Teile Oberitaliens ergänzt. Zwischen diesen Vorstellungen und Benders .Interessen in Mitteleuropa besteht kaum eine Ver einbarkeit. Dazu wurde die Brandt-Bahrsche Ostpolitik im östlichen Mitteleuropa ebenso wie bei den westlichen Nachbarn zu sehr als ein Arrangement mit den Sowjets auf der Linie traditioneller deutsch-russischer Politik auf Kosten dieser Länder empfunden. Das wenig solidarische Verhalten gegenüber der polnischen Solidarität und die nationa len Parolen der Friedensbewegung haben  dieses  Mißtrauen verstärkt. Wohl am heftigsten kritisierte dies der junge linke Publizist Wolfgang Pohrt in Endstation. Über die Wiedergeburt der Na tion. Rotbuch-Verlag Berlin. Gerade durch seine pamphletartig überspitzte Darstellung wird der sachliche Kern deutlicher.

Im Gegensatz zu dieser aufgezeigten Linie ist Weizsäckers Ansatz eine Grundlage für eine fruchtbare Begegnung mit den in Duino vertretenen Auffassungen. Dabei wird es darauf ankommen, gemeinsam mit den Nachbarn, friedenspolitische Strategien zu entwickeln, in deren Rahmen eine Zusammenarbeit auf verschiedensten Gebieten sowohl in den Ländern Ostmitteleuropas wie bei der Sowjetunion erfolgen kann. Bei allem Verständnis für die anti-russische Einstellung in Ostmitteleuropa – Bondy hält sie Kundera vor -, könnten wir Deutsche mehr zum Abbau der wechselseitigen Ängste beitragen.

Dr. Phil. Diethelm Keil (AH Tübingen)

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