Montag, 6. Sep 2010

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Das Volk an das Parlament, das Parlament an das Volk heranbringen

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Hermann Ehlers und der Aufbau der Demokratie in Deutschland

Bundespräsident Theodor Heuss spricht in seiner Trauerrede vor dem Deutschen Bundestag am 2. November 1954 von dem „menschlichen Erschrecken, wie der Tod ein in der Entfaltung stehendes reiches, ja verschwenderisches Leben an sich reißt.” Theodor Heuss drückt aus, was viele Bürger im Lande empfinden: „Hier wurde dem Vaterlande eine Kraft geraubt, die berufen war, die sich auch berufen wußte, mit ein Baumeister der deutschen Zukunft zu werden.”


Im folgenden weitere Ausschnitte aus der Rede des ersten Bundespräsidenten im Gedenken an Hermann Ehlers.

Das Religiöse, in der Formenwelt und in der inhaltlichen Bestimmtheit, wie sie durch Luther geprägt wurden, bildete, von den Jugendjahren her, die tragende Mitte seines Wesens. Es ist sehr sinnvoll, daß die frühen Erprobungen und ersten Bewährungen eines breiteren Wirkens in die Jahre fielen, da der kirchliche Raum, seine Ordnungen, seine Glaubensgehalte, seine Maßstäbe des Sittlichen gegen die Vermachtung durch einen Staat der primitiven Gewalt und der seelischen Leere verteidigt werden mußten. Aber dann, nachdem jenes böse Machtgebilde in der furchtbaren und zynischen Verschleuderung deutscher Menschen, deutscher Geschichtswerte zerschlagen war, die innere Notwendigkeit: jetzt an einem neuen Staate mitzubauen, der solches Unheil von Willkür und Rechtlosigkeit aus seiner Zukunft verbanne.

Ich glaube, ein Mann, dessen Temperament sich mit nüchternem Realismus der Tatsachenerkenntnis wohl vertrug, hat keinen Augenblick sich Illusionen gemacht über Opfer, Schwierigkeiten, Enttäuschungen, die in dem Erbe des Bösen jeden erwarten mußten. Er trat als einfacher Mann in das Glied einer Partei. Er wußte, in der zum Schicksal und zur Hoffnung gewordenen Demokratie bilden die Parteien die einzigen Stufen eines tätigen, handelnden, sich wagenden Patriotismus. Was nützt dem Staat, dem Volk in solcher Not vaterländische Kontemplation, sie mag gehaltvoll genug sein, was nützen — oder schaden ihm — verstimmtes Trauern, verstocktes Räsonieren, verblasene romantische Ideologie?
Aber nun dies: eine örtliche, eine provinzielle Bewährung führt einen schier unbekannten Mann in das Parlament. Er ist ein Neuling in diesen Geschäften, und nach einem knappen Jahr zeigt er, daß er ein Meister in ihnen ist. Ich glaube, das ist ein Vorgang, wie ihn die Geschichte der Parlamente sonst nicht kennt. Revolutionen, aus dem Irrationalen brechend, nicht die methodischen, machen gelegentlich solche Experimente. Doch wir hatten keine Revolution, und Hermann Ehlers, der dem Wieder-gewinn des Rechtes als Grund der Gemeinschaft gedient hatte, war kein Revolutionär.
Dies aber ist — beim Versuch einer geschichtlichen Würdigung — das Großartige und Bedeutende des Vorgangs und der Erscheinung: in einer Zeit, da von Masse und Vermassung, von Organisation und Funktionär, von Apparatur und Bürokratismus geredet und geklagt wird, stand ein Mann da, eine großangelegte, eigenwüchsige, auch eigenwillige Natur, die sich nicht durch Anpassungen und Geschicklichkeiten empfohlen hatte, sondern einfach da war, um der Pflicht zu genügen.

Für das Wesen der Demokratie missionieren

Ihm kam es nicht nur darauf an, daß die Arbeit der Legislative ordentlich vorangehe, daß deren Stellung gegenüber der Exekutive in ihrer eigentümlichen Würde gewahrt und gefestigt werde. Er wollte, in großem erzieherischem Sinne gedacht, das Volk an das Parlament heranbringen, das Parlament an das Volk, zumal die Jugend mit diesem ihrem werdenden Staat verbinden. Er wußte dies: Demokratie ist in der Legislative nicht nur ein technisches Sonder-, ja Geheimverfahren der Eingeweihten, sie bedarf der Kenntnis, der Einsicht des Volkes, damit aus dem Verstehen das Vertrauen erwachsen könne. Mir scheint, es ist keine übertreibende Bezeugung solcher Trauerstunde, wenn ich dies ausspreche: daß ich hier die sehr persönlich bedingte und tiefwirkende Leistung von Hermann Ehlers sehe. Das schnöde Gerede über das Parlament, das in seinem Beginn Sport von Stammtischen und Konventikeln gewesen, ist weggesunken. Es wird nie ganz verschwinden. Aber dem anständig Empfindenden wird vielleicht dieser Tod, der in solcher Schau wie ein Opfer, ein Selbstopfer wirkt, Zwang zur rechten Würdigung.

Ehlers hat vor Jahren einmal meiner Frau dargelegt, er rede lieber in allgemeinen, politisch „neutralen” Kreisen als in Parteiveranstaltungen; denn dort, im ungewissen Gebiet, könne man, müsse man für das Wesen der Demokratie missionieren. Sie war von diesem Gespräch beeindruckt. Ich war selber einige Male Zeuge solcher Unternehmungen: vor den Studierenden und der Bürgerschaft von Wilhelmshaven, vor einem Kurs in der Evangelischen Akademie zu Bad Boll. Es war wunderbar, wie er diese Aufgabe anpackte und löste. Ich spreche jetzt nicht von der sprachlichen Sicherheit der freien Diktion, die Ihnen allen vertraut ist, sondern denke an den strengen Ernst der Absicht und an die sarkastische Freiheit, mit der er etwa selbstgefällig professorale Weisheiten demolierte, die einem in seiner Not und Unvollkommenheit ringenden Volk die Arznei eines logistischen Skeptizismus anboten. Da brach ein echter und besorgter Zorn aus seinem leidenschaftlichen Wesen, das ja immer unter dem Gesetz einer erzwungenen, aber in den großen Fragen und Antworten gewonnenen Selbstbeherrschung stand.

Mit diesem zugleich nüchternen und bewegten Willen, banal gewordene Formen der nationalen, der nationalistischen Selbststeigerung umzugießen, trat er vor den Kreis der akademischen Vereinigung 1), die ihm selber geistige Jugendheimat gewesen war. Er wußte, in seinem als sittliche Bindung verstandenen Preußentum, immer dem Erbe zu danken; aber er war auch wach genug, um nicht der Sklave einer zur unrealen politischen Fiktion erstarrten Formelwelt zu werden. Er holte sich wohl aus den Vergangenheiten Kräfte der Gesinnung, aber nicht die Maßstäbe der Entscheidung, die dem Morgen gelten.

Diesem Morgen galt, während er dem Heute als dessen fester Grundlegung in verzehrender Pflicht diente, sein Gedanke, unser Gedanke.

Indem wir ihm danken für das, was er in Arbeit, Leistung, Beispiel war und gab, trauern wir um das, was er werden und was er geben sollte.

1) Gemeint ist der Verband der Vereine Deutscher Studenten.

Aus der Rede anläßlich der Trauerfeier des Deutschen Bundestages am 2. November 1954.

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