Von der ethischen Fundierung seines politischen Handelns
Es war ein sehr männliches Christentum, das Hermann Ehlers lebte, das er vorlebte. Freunde, die ihm im Kirchenkampf nahestanden, erzählen von seiner fast fröhlichen Furchtlosigkeit, die, ohne in Unbesonnenheit sich zu verlieren oder gar zu verspielen, als stärkende Kraft einfach da war, wenn manche Seele drohte, matt zu werden.
Diese wache Bereitschaft zum Kampf, die sich nicht einschüchtern läßt, ruhte bei ihm, lutherisch gesprochen, in der „Freiheit eines Christenmenschen”, die sich im Glauben gesichert weiß. Dieser Glaube aber war, in seiner Substanz, durchaus reformatorisch bestimmt. Aber die Confessio war für ihn, wenn ich die, Dinge richtig sehe, kein Zaun, keine Mauer, die begrenzt, die abdichtet, die schützend ihre, Glieder einhegt, sondern nun eben der feste Grund, den man unter den Füßen haben soll, um seines Tuns innerlich gewiß zu sein, wenn man sich zu dem wendet, dessen Glaubenswelt in diese Form, in jenem Inhalt in einem anderen geschichtlichen Lichte steht.
Das Wort „Toleranz”, das einmal in dem Munde Lessings ein sehr tapferes Wort gewesen und etwas in Verschleiß läßlicher, weichmütiger Wohlmeinenheit geraten ist, will nicht recht in die Nähe eines so starkmütigen Mannes passen: es ist der Respekt vor den echten Werten, der mit freier Seele geschenkt wird, wo die Gegengabe der Achtung gewährt bleibt.
Hermann Ehlers war ein treuer und dankbarer Sohn seiner Kirche, er war auch ein eifriger, nicht eifernder Diener ihres recht gestalteten Wesens geworden, — ich zweifle, daß er als Sohn, als Diener immer bequem gewesen, das war in seiner Natur nicht angelegt. Er hatte geholfen, die Kirche vor der Vermachtung durch einen widerchristlichen Staat, der die Vernichtung folgen sollte, zu retten. Jetzt sollte und soll die Kirche ihre Aufgabe neu überdenken oder doch neu anfassen: nicht in einem Kampf mit dem Staat, der von allem pervertierten Totalitätsanspruch zum Nutzen eines geläuterten Staatsdenkens geheilt ist, aber in einem Kampf um das Volk, um dieses Volk, das nach dem unerhörten Geschichtseinbruch, mit seinen Tüchtigkeiten und seinen Armseligkeiten in einen Wandel gestellt ist: Die Kirchentüren weit aufmachen und, wenn die Leute von der Straße nicht hereinkommen, dann zu ihnen hinausgehen und, wenn ihnen die Sprache Kanaans fremd geworden ist, dann muß man sie ihnen übersetzen, das heißt: ihr soziales, ihr familiäres, ihr berufliches Sein mit den Kräften des Christentums durchsäuern. Vor ein paar Monaten war dies unmittelbar zu spüren: durch seine Stimme schwang ein Ton der Freude und des Beglücktseins, als er, aus Leipzig zurückgekehrt, vom Kirchentag erzählte, gerade auch von den formlosen, zufälligen, unregulierten Begegnungen mit Bauern und Studenten, mit dem Straßenbahnschaffner und der alten Kaufmannsfrau. Das unzerstörte und unzerstörbare Einheitsbewußtsein im Seelisch-Religiösen war ihm eine tröstliche und kräftigende Bestätigung, daß politische Macht des Tages ein Volk wohl technisch trennen mag, aber nicht sein gemeinsames Erbe und seine gemeinsame Zukunft vernichten.
Aus der Rede anläßlich der kirchlichen Trauerfeier in Oldenburg am 3. November 1954

Der Christ Hermann Ehlers




