Das Festhalten an der deutschen Geschichte lehrt nicht, Konserven zu erhalten, anstatt Ideen zu entwickeln.
Bundesbruder Hermann Ehlers hielt den folgenden Vortrag anläßlich einer öffentlichen Veranstaltung im Rahmen der Verbandstagung in Marburg 1953.
Ich habe den Auftrag, über die Grundlagen der deutschen Staatsidee zu sprechen. Das könnte dazu verführen, in kurzer Zeit Gegenwärtiges und Zukünftiges, Grundsätzliches und Praktisches, Ewiges und Zeitliches abhandeln zu wollen. Und es würde mir wie dem Professor gehen, der eine Vorlesung über die deutsche Staatsidee zu halten hätte und am Ende des Semesters die Zeit Bismarcks noch nicht ganz erreicht hat.
Man soll das nicht in einer halben Stunde in der ganzen Breite abhandeln wollen. In dem, was heute gesagt ist, mancher mag das mit gespitzten Ohren gehört haben, ich auch!, ist schon manches von der Geschichte unseres Verbandes durchgeklungen. Es sind bestimmte Namen genannt, es sind Bekenntnisse zu bestimmten Ereignissen ausgesprochen worden, es ist das für mein Empfinden in einigen Fällen etwas zu positiv weggekommen. Wir sollten vielleicht unseren neuen Weg damit beginnen, etwas selbstkritischer und kritischer zu sein und nicht gar zu positiv die Geschichte unseres eigenen Verbandes und die des deutschen Volkes in den letzten 20 oder 70 Jahren betrachten. Ich meine sogar, daß die heutige Frage nach einer Staatsidee aus den Schwierigkeiten und Pannen herauswächst, die wir in den letzten 70 Jahren erlebt haben. Wenn ich mir vorstelle, daß man 1881, als die ersten Vereine Deutscher Studenten entstanden, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit den Wahlspruch „Mit Gott für Kaiser und Reich” und die schwarz-weiß-rote Fahne des Bismarckreiches als Symbol wählte, dann hat sich die Fragwürdigkeit, die nicht nur in diesem Wahlspruch, sondern im Staat überhaupt vorhanden war, in sehr kurzer Zeit sichtbar gemacht, als Bismarck eben nicht mehr Reichskanzler war. Ich habe vor einigen Tagen erst wieder die Bilder von dem Tage gesehen, an dem die deutsche Studentenschaft, und unter ihnen die Chargierten der Vereine Deutscher Studenten, Bismarck in Friedrichsruh aufsuchten. Aber in diesem Vorgang allein ist ja schon deutlich, daß die Bismarcksche Staatsidee, die 1881 so selbstverständlich und unerschütterlich schien, es nicht war, sondern daß zwischen dem Kaiser und dem. Reich und Bismarck als dem Repräsentanten des Reiches, wie ihn unsere Vorfahren vor fast 100 Jahren gesehen haben, ein erheblicher Dissensus vorhanden war. Wir tun uns gar keinen Dienst, wenn wir so tun, als ob das nicht so gewesen wäre. Wir haben heute nicht die Aufgabe, den Weg zum Bismarckreich zurückzugehen. Auch für Otto von Bismarck ist der Übergang vom preußischen Legitimismus zu den tragenden Ideen eines deutschen Reiches nicht bruchlos, und wahrscheinlich nicht einmal zutreffend gefunden worden. Man hat damals eben weithin keine echte Staatsidee gehabt, sondern sich oft mit Fassaden zufriedengegeben. Man soll gerade in dieser Frage sich nicht an Fassaden, sondern an Fundamente halten, denn Fassadenbauten haben wir in den letzten 70 Jahren genug gehabt, die brauchen wir nicht noch einmal aufzurichten. (Beifall).
Verbandsgeschichte als Teil der allgemeinen Geschichte
Es konnte ja, gar nicht anders sein, als daß diese Schwierigkeiten sich in der Verbandsgeschichte widerspiegelten. Ich habe gerade von einem Bundesbruder einen Briefwechsel mit einem anderen ehemaligen Bundesbruder übersandt bekommen, in dem der Naumannstreit eine Rolle spielte, es beschäftigt sich ja nicht nur der Senat der Universität Tübingen mit dem Naumannstreit. Wenn ich mir anhand eines Vorgangs einmal vorstelle, welche verschiedenen Linien in der Verbandsgeschichte vorhanden sind, und ich rate den Bundesbrüdern, das Werk, das unter besonderer Initiative unseres Bundesbruders Maßmann zum fünfzigjährigen Verbandsjubiläum herauskam und das Leben hervorragender VDSter schildert, immer wieder einmal zu studieren, dann wird doch deutlich, daß es keinen studentischen Verband gegeben hat, in dem so verschiedenartige Persönlichkeiten, die nach den verschiedensten Richtungen ausstrahlten und auch gegangen sind, vereinigt waren. Der Verband ist nicht nur christlich-sozial im Stöckerschen Sinne gewesen, er war nicht nur Anhänger der „rein nationalen” Richtung. Er bestand nicht nur aus Naumannanhängern, obwohl es gut wäre, wenn wir uns mit jenen Ereignissen bis hin zu den letzten Ausstrahlungen Friedrich Naumanns in der Weimarer Nationalversammlung immer wieder einmal befassen würden. Hier liegen Aufgaben, die uns zu einer echten Auseinandersetzung mit der Frage nach den Grundlagen einer Staatsidee treiben sollten. Der Verband ist auch, und ich sage das in diesem Augenblick sehr betont, nicht nur antisemitisch gewesen. Wir haben aber die Aufgabe, uns mit dieser Frage heute in aller Klarheit auseinanderzusetzen und nicht an ihr vorbeizureden. (Beifall). Bundesbruder Bach hat seine Ausführungen mit dem Satz begonnen, es gäbe auf der Welt keine Tragödie, die größer wäre als die Geschichte der Deutschen. Ich glaube zwar, daß das vom Standpunkt des deutschen Volkes aus richtig ist, aber ich meine, daß es in der Geschichte auch der Neuzeit keine Geschichte gäbe, die tragischer wäre als die des jüdischen Volkes. (Beifall). Es ist eine, nüchterne Frage an uns: Was hat der Kyffhäuserverband der Vereine Deutscher Studenten durch die Art der Ablehnung des Judentums, wie er sie vertreten hat, zu dieser Tragödie beigetragen? Um diese Frage kommen wir nicht herum,. Ich bin weit davon entfernt, eine falsche Gleichsetzung vorzunehmen und zu meinen, daß irgendeiner der Männer, die 1881 aus einer bestimmten und einsehbaren volklichen und politischen Situation heraus ein antisemitisches Programm aufstellten, das, was sich in den Vernichtungslagern des Dritten Reiches abgespielt hat, gewollt oder auch nur geahnt hätte. Aber es ist die Frage zu stellen, ob nicht in unserer Geschichte irgendwo ein Rinnsal ist, das in einen großen Strom hineingemündet ist und mit ihm zu dem geführt hat, was geschehen ist. Wir müssen uns auch über die Frage der Erhaltung des Volkstums und — ich nehme das bittere Wort in den Mund! — der Rasse, sehr neue Gedanken machen. Wir dürfen auch insoweit nicht in alten Kategorien denken, wir dürfen aber ebensowenig an den Dingen vorbeireden, als ob sie nicht gewesen wären. Im übrigen ist das eine Frage, die auch in der Studentenschaft nicht nur den Verein Deutscher Studenten angeht, sondern die auch über die Grenzen des deutschen Volkes hinausreicht, wie die immer wieder laut werdenden Klagen über den wachsenden Antisemitismus in den Ländern des Ostens und des Westens deutlich machen.
Die versäumte Chance der Weimarer Republik
Und ich sage ein zweites von den Fundamenten unserer Staatsidee: die versäumte Chance des Weimarer Staates. Ich habe darum auf Naumanns Tätigkeit in der Weimarer Nationalversammlung hingewiesen, weil sich hier ein Ansatzpunkt für die Beantwortung der Frage bietet: Was haben wir eigentlich versäumt, als sich in Weimar notgedrungen zum ersten Male die Chance bot, einen demokratischen Staat in Deutschland zu bauen. Warum haben wir draußen gestanden, warum haben wir die Chancen nicht ausgenutzt, die wie ich hoffe, alle Bundesbrüder mit allen zehn Fingern ausgenutzt hätten, wenn sie gewußt hätten, was aus unserem Nichtmittun herauswachsen würde? Warum haben wir diese Möglichkeiten verspielt? Wir haben damals einen falschen Zusammenstoß zwischen dem nationalen Gedanken und der Demokratie konstruiert. Wir haben uns selbst eingeredet und uns einreden lassen, daß Demokratie und nationaler Gedanke im Weimarer Staat ein Gegensatz hätten sein müssen. Wir müssen uns heute fragen, welche ungeheure nationale Bedeutung diese Weimarer Demokratie in der Erhaltung der Einheit des Reiches gehabt hat, ja welche großdeutschen Ideen im echten Sinne sie in ihrer Verfassung niedergelegt hat. Es wäre wirklich gerade unser Auftrag damals gewesen, nicht nur in der Verneinung stehenzubleiben. Wir sind damals leider nur zu einer Antieinstellung zur Demokratie gekommen. Ich halte das „Anti” überhaupt für eine wenig konstruktive Idee. Es war Hitler vorbehalten zu, glauben, daß ein Antikominternpakt eine förderliche Sache für die Weltpolitik sein konnte. Den Kampf gegen uns bedrohende Mächte können wir nur dann recht führen, wenn wir in der Lage sind, gegen sie eine konstruktive eigene Idee zu setzen.
Im Weimarer Staat haben wir uns unsere Antieinstellung gegen die Demokratie durch das Schlagwort von der Erfüllungspolitik glaubhaft gemacht, wobei ich die Frage gar nicht erörtern will, wer heute sich diese Einstellung zu eigen gemacht hat. Wir haben weiter gemeint, daß Monarchie und Demokratie in einem Gegensatz stehen müßten, und haben nicht die uns gerade in England immer wieder sichtbar werdende Möglichkeit der engeren Verbindung von Demokratie und Monarchie in unsere Vorstellungen aufgenommen. Wir haben von Anfang an eine falsche Animosität gegen das Parlament in uns wachsen lassen, weil wir weithin nicht verstanden haben, welche Funktion das Parlament hatte. Ich sage das als jemand, der heute die Ehre hat, das deutsche Parlament zu repräsentieren, weil ich glaube, daß diese Vorstellung in weiten Kreisen des deutschen Bürgertums immer noch nicht ausgestorben ist.
Wir haben uns, und das muß man gerade dann, wenn man an einem Rednerpult mit der historisch überkommenen Farbe unseres Verbandes steht, sagen, durch eine falsche Einstellung zur Flaggenfrage den Zugang zu jenem Staat und die Einflußnahme in jenem Staat verbaut. Diese Frage ist auch heute aktuell in Deutschland. Es gibt sicher viele Menschen, die in der Flaggenfrage gern eine, andere Lösung gesehen hätten. Damals wie heute kommt es nicht darauf an, was wir lieber gesehen hätten, sondern darauf, daß wir das geringe Maß . von verpflichtender Symbolik, das jener Staat aufbrachte und unser Staat aufzubringen imstande ist, achten und ernst nehmen. Und seitdem am 17. Juni die Berliner Jungens die rote Flagge vom Brandenburger Tor heruntergeholt und dafür die schwarz-rot-goldene Flagge gesetzt haben, sollte es keine Diskussion über die Flagge unseres Staates mehr geben. (Stürmischer Beifall).
Der Irrtum des Nationalsozialismus
Und das dritte, was uns zu der Überlegung über die Grundlagen des Staates zwingt, ist der Irrtum des Nationalsozialismus. Es ist die im Anfang verständliche, im Ergebnis falsche Vorstellung gewesen, daß vieles, was fünfzig Jahre lang Zielsetzung der Vereine Deutscher Studenten war, im Staate Hitlers seine Realisierung finden könnte. Die ganze Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und mit Hitler, zu der ein echter Gesprächsbeitrag zum ersten Male im Frühjahr 1953 in Loccum geleistet wurde, vorher hat man sich ja wesentlich mit der Herausgabe der Tischgespräche Hitlers beschäftigt!, muß ja endlich einmal stattfinden. Sie muß im Negativen, aber auch im Positiven gesehen werden und deutlich machen, daß viele aus der Geschichte der nationalen Bewegung in Deutschland gewachsenen richtigen Ansätze jeweils durch eine dämonische Kraft in ihr Gegenteil verkehrt worden sind. Haben wir denn einen Grund zu sagen, daß der Gedanke der Zusammenführung aller Deutschen in einem deutschen Staat ein falscher Gedanke gewesen wäre? Das Tragische war, daß er mit den Methoden und Zielsetzungen Hitlers verwirklicht wurde, und das hat uns Jahrhunderte zurückgeworfen. Wir müssen bereit sein, eine echte Auseinandersetzung mit den Tatsachen der Hitlerzeit ohne Schönfärberei vorzunehmen. Ich wagte, selbst im Rahmen einer Totenehrung, nicht zu sagen, daß unsere Bundesbrüder und alle Toten unseres Volkes ausschließlich für die Existenz Deutschlands gefallen seien. Gerade vor der Wiederkehr des 20. Juli muß man doch die Frage stellen, ob ein wesentlicher Teil nicht leider für die Existenz Hitlers hat fallen müssen. Das müssen wir klar sehen. (Starker Beifall). Uns ist nicht damit geholfen, daß wir eine gefährliche und zerstörerische Zeit unserer Geschichte nachträglich aus unserem guten Willen heraus heroisieren und glorifizieren.
Die Einheit Deutschlands: nicht zurückschauen, nach Europa vorausschauen
Nun will ich aber etwas zur Staatsidee sagen. Es ist bereits von dem Reichsgedanken gesprochen, und ich habe im Januar vor dem VDSt Berlin dazu einiges gesagt. Ich möchte mich nur heute wie damals dagegen abgrenzen, daß wir den Reichsgedanken wie eine romantische Antiquität behandeln. Wir dürfen ihn nicht in einer falschen Romantik ausdeuten und meinen, daß man damit in der Gegenwart etwas erreichen könnte. Der Reichsgedanke kann für uns eine prägende Idee sein. Aber wenn er es sein soll, dann müssen wir uns wehren gegen das gefährliche Zurückschauen. Das führt nämlich dazu, daß wir in der Zurückschau der Reichsgeschichte historische Fakten und Argumente unterschieben, die sie in der Praxis nie gehabt hat. Wir sollten uns in dieser Auseinandersetzung sehr sorgsam um unser Vokabular mühen. So sehr wir bereit sein sollen, und ich wiederhole das, was ich dazu in Berlin gesagt habe, uns nicht die Verwendung bestimmter prägender Begriffe unseres völkischen Lebens dadurch verekeln zu lassen, daß Hitler sie mißbraucht hat, so sehr müssen wir dafür sorgen, daß wir nicht durch den Gebrauch solcher Vokabeln berechtigterweise in den Verdacht kommen, in den geistigen Bereichen der Hitlerzeit steckengeblieben zu sein. (Beifall). Das gilt etwa für das, was wir einmal großdeutsch genannt haben. Auch hier ist eine genaue Beschreibung dessen, was wir meinen, nötig. Wir arbeiten unablässig daran, dem deutschen Volk das zu sichern, was auch andere Völker für sich in Anspruch nehmen, das Recht auf seinen Heimatboden und auf seine Einheit. Das deutsche Volk wird sich so wenig wie andere Völker das Recht nehmen lassen, sich um die Deutschen zu kümmern, die in irgendwelchen anderen Staaten als Bürger dieser Staaten leben, und ihnen die Möglichkeit der Erhaltung ihrer deutschen Kultur zu garantieren. Wir müssen, wenn wir so vom Reich reden, aber auch die echte Abgrenzung zum Begriff Europa vornehmen. Wir müssen wissen, daß diese Begriffe nicht in der zeitlichen Aufeinanderfolge stehen, sondern daß sie sehr weitgehend ineinander übergehen können. Es könnte sein, daß wir das, was uns im Bismarckreich als eine kleindeutsche Enge Not gemacht hat, nicht in einem erneuten großdeutschen Ansturm, sondern in einer Europäischen Integrationspolitik zu überwinden imstande sind. Man muß großdeutsche Politik auch als verantwortliche nüchterne Politik in den Möglichkeiten von heute betreiben.
Und das zweite ist die innere Fundierung des Reichsgedankens. Man befaßt sich heute viel mit dem Konservativismus und versteht in ihm die tragende Idee der Zukunft, auch innerhalb unseres Verbandes. Ich habe heute keine Auseinandersetzung mit dem Konservativismus vorzunehmen, das habe ich vor acht Tagen im Liljeschen „Sonntagsblatt” versucht, und darf wegen der Kürze der Zeit darauf verweisen. Wenn man vom Konservativismus spricht, hat man die Wahl, Konserven zu erhalten oder eine Idee zu entwickeln. Das erstere darf für uns keine Möglichkeit sein. Die Älteren unter uns, besonders die der Generation vor 1914 angehören, sind versucht, uns zu sagen, welche herrlich schöne Zeiten wir gehabt haben. Wir werden sie nicht wiederbekommen! Wir leben in einer anderen Zeit, haben andere Aufgaben, aber auch andere Möglichkeiten, auch wenn sie viel schwerer zu verwirklichen sind. Aber unser Konservativismus muß sich von Restauration und Reaktion täglich neu abgrenzen.
Christentum als tragende Grundidee
Wir müssen weiterhin endlich verstehen, daß das Christentum keine schöne Übermalung eines Wahlspruchs oder einer Verbandsgeschichte ist. Hitler hat uns auch einmal klarmachen wollen, daß das Christentum nur dazu da sei, zu bestimmten nationalen Veranstaltungen die Verbrämung, die Feierlichkeit, das Glockengeläut und das Lied: Wir treten zum Beten, mit der falsch übersetzten Zeile: „er läßt von den Schlechten die Guten nicht knechten” beizutragen. Das Christentum ist, wenn wir den Reichsgedanken ernst nehmen, eine den einzelnen ganz persönlich anpackende Sache und von diesem Anpacken her eine staatstragende Idee. Es fängt beim einzelnen an, es darf niemals eine Fassade sein, und erst so wird es auch zu einer Kraft im politischen Handeln. Es sollte bei uns, gerade in Marburg, nicht nötig sein, darauf hinzuweisen, welche Bedeutung der Glaube für das Handeln und Leben des Staates hat.
Neben dem Reichsgedanken lassen Sie mich die Demokratie nennen. Ich tue das so deutlich, weil ich vorhin von der gefährlichen Absetzung vom demokratischen Gedanken im Weimarer Staat gesprochen habe. Natürlich ist die Frage nach der Demokratie heute von den weltpolitischen Auseinandersetzungen bestimmt. Natürlich stehen wir vor der Alternative „Totalitarismus oder Demokratie”. Aber die Demokratie darf bei uns nicht nur davon bestimmt sein, daß wir antikommunistisch sind und daß wir uns gegen einen kommunistischen weltrevolutionären Vorstoß zu wehren haben. Sie kann nur Fundament unserer Staatsidee sein, wenn wir aus ihr tragende und gestaltende Kräfte für unser politisches Leben ableiten. Es ist — auch heute — so betont von der überparteilichen Stellung des Verbandes gesprochen worden. Ich bin damit durchaus einverstanden, weil daraus ja auch die Feststellung abgeleitet wird, daß die Farben des Verbandes keine parteipolitische Ausdeutung zulassen. Aber wenn sich dahinter die Arroganz des deutschen Bürgers verbergen sollte, der die Arbeit in der Partei den Dummen und den Funktionären überlassen will und sich zu fein findet, in solche Arbeit hineinzugehen, dann unterschreibe ich diese überparteiliche Parole — auch unter der schwarz-weiß-roten Farbe — nicht! (Starker Beifall).
Demokratie als tragende Staatsform
Es geht darum, daß wir uns in einer eingehenden Auseinandersetzung mit den Argumenten und Möglichkeiten der Demokratie unseren Standort suchen. Dazu gehört auch, daß wir uns in einer guten Weise, mehr als wir das bisher getan haben, mit der angelsächsischen Demokratie auseinandersetzen. Ich verkenne gar nicht, daß wir sie in einer sehr ungeschickten Weise als Exportware geliefert bekommen haben. Solche Exportwaren sind meist unbeliebte Artikel, besonders wenn sie einem, zwangsweise eingeführt werden. Aber wir sollten uns doch darüber klar werden, daß diese angelsächsische Demokratie einiges bedeutet hat für die Stabilität ihrer Staaten. Ich hoffe, daß wenigstens einige der Bundesbrüder in diesem Saal das Buch unseres Bundesbruders Wilhelm Dibelius über England in ihrem Schrank stehen haben. Es ist ja auffällig, daß es kaum ein einziges Problem unseres politischen Lebens gibt, zu dem nicht Bundesbrüder wesentliche Beiträge geleistet haben. Leider machen wir nur zu wenig Gebrauch davon. Ich bin immer sehr skeptisch, wenn auch bei uns die Behauptung laut wird, daß wir Beten die östliche Idee keine echte eigene Idee zu stellen hätten, die Menschen in Bewegung bringt. Zunächst muß doch einmal daran erinnert werden, daß in Korea Amerikaner, Engländer, Türken und manche andere für die westliche Demokratie sich schlagen und dafür sterben. Die Ehrfurcht auch vor diesem Kampf sollte uns nicht abhanden kommen. Aber wir sollten nicht dem Irrtum verfallen, daß wir unseren Staat auf einer Idee, oder man pflegt dann meist zu sagen, auf einer Ideologie, aufbauen könnten, die in der äußeren Durchschlagskraft der östlichen gleichwertig wäre. Es ist nicht Aufgabe des Westens, zur Inanspruchnahme des Menschen für die Ideen des Ostens und die Einfügung in die Organisationen einer totalitären Gewalt eine Parallele aufzurichten. (Beifall). Wir müssen uns damit begnügen, daß wir im Westen, auch in der Bundesrepublik Deutschland, niemals mit dem Osten in den Aufmärschen von Massen, in der Demonstration von Staatsgewalt, den Vergleich mit dem Osten aufnehmen können. Allerdings schließt das bei uns auch das Erfreuliche ein, daß bei uns der Bundeskanzler die Bundesminister zwar persönlich ernennt, aber nicht persönlich erschießt. Das scheint mir doch ein ganz wesentlicher Vorteil zu sein.
Die innere Beziehung zwischen Demokratie und Christentum
Als letztes in diesem Zusammenhang die innere Beziehung zwischen Demokratie und Christentum. Wir wissen, daß der Westen manchmal in etwas flacher Weise geneigt ist, diese beiden Begriffe als auswechselbar zu verstehen und dann sogar nicht ganz zu wissen, welcher Begriff an der Spitze stehen soll. Wir reden auch etwas zu häufig, ich vermeide diese Vokabel darum meistens, von dem christlichen Abendland. Wenn wir unser Land und den freien Westen ansehen, dann ist von diesem christlichen Abendland nur noch ein bescheidener Rest übergeblieben, den wir nicht überbewerten sollten. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß es keine Identifizierung zwischen dem Christentum und den demokratischen Lebensformen geben kann. Wir müssen uns aber darum mühen, die demokratischen Freiheiten —die Menschen sind eben nicht nur unfrei, wie uns Bundesbruder Bach gesagt hat, sondern auch frei, wir sind ja alle zu Dialektikern geworden! —auf den Fundamenten des Glaubens zu begründen. Woher kommen denn die Freiheitsrechte, woher kommt die Menschenwürde, wenn nicht aus dem Worte Gottes! Daß dazwischen eine Französische Revolution lag und daß es bis heute Menschen gibt, die Freiheit und Würde des Menschen nur auf den Ideen dieser Revolution aufbauen wollen, soll uns nicht daran hindern, tiefer zu pflügen, weiter zurückzugreifen und unser Wissen darzutun, daß es Freiheit in der Welt nur dann gibt, wenn sie garantiert wird als die Freiheit des von Gott geschaffenen Menschen. Das ist die letzte und entscheidende Verbindung zwischen Demokratie und Christentum, die bestimmt dann aber auch die Demokratie. Wir haben uns über diese Freiheitsrechte neu zu besinnen und sind nicht damit. zufrieden, daß sie in einer Verfassung garantiert sind. Sie stehen in jeder Verfassung, auch im Osten. Aber wir haben erlebt, daß sie nur ein Fetzen Papier sind, wenn nicht im Staate solche Kräfte lebendig sind, die dafür sorgen, daß im Konfliktfall weder Lenin noch Stalin, weder Pieck noch Hitler, noch auch wir selbst die Freiheitsrechte dann beiseiteschieben können, wann es uns paßt. Das ist die echte Gegenposition gegen den Kommunismus.
Der nationale Gedanke und die Verantwortung der Korporationen
Lassen sie mich zum Schluß noch etwas von der Bedeutung des nationalen Gedankens sagen. Ich habe von der räumlichen Bedeutung dieses Gedankens als der Sehnsucht nach der Zusammenführung aller Deutschen in einem Staat gesprochen. Wir haben diesen nationalen Gedanken auch ideengeschichtlich zu verarbeiten. Dabei haben wir uns nicht nur zu sagen: laßt Europa bleiben, wo es will! Erst die souveränen Staaten, und dann mögen sich diese zusammenfinden. Dieser Begriff der Souveränität ist im Sturme der Weltgeschichte versunken. Wir müssen einen anderen Übergang in eine echte Integration finden, und ich glaube, daß die Politik der letzten Jahre dazu etwas beigetragen hat.. Wir haben verstanden, wie nötig es ist, dort, wo es praktisch möglich ist, mit der Zusammenführung der Völker zu beginnen. Man darf den nationalen Gedanken in keiner Weise als eine Abgrenzung gegen die Zusammenführung der europäischen Völker verstehen. Auch insofern haben wir einen großen Wandel in unserer Geschichte durchzumachen, und wir wollen ihn endlich in die Praxis umsetzen.
Das alles wird in einer studentischen Korporation gesagt, Es ist über ihre Aufgaben so viel Gutes gesagt worden, daß ich das nicht zu wiederholen brauche. Aber zu warnen ist, gerade im studentischen Leben, weil die jungen Studenten weithin den Ideen oder der Reaktion ihrer Alten Herren ausgesetzt sind, davor, daß die studentischen Korporationen zu Vertretern der Konservengedanken werden. Die Frage ist, ob die studentische Korporation den Willen und die Kraft hat, eine Aufgabe zu erfüllen, die über ihren engeren gesellschaftlichen und persönlichen Bereich hinausgeht. Wenn sie das hat, dann hat sie ihren rechten Ort, dann prägt sie Menschen und sendet sie in die Verantwortung für die Gesellschaft hinein, Dann muß sie sich auseinandersetzen auch mit den sozialen Fragen. Ich fürchte, daß wir etwas kurzschlüßlich denken, wenn wir meinen, den sozialen Unterschied, wie er auch heute vorhanden ist, abhandeln zu können nach dem Worte Morgensterns, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf”. Wir müssen noch etwas mehr Mühe darauf verwenden, die aktuelle sozialpolitische Situation zu sehen. Es gibt eben zehn Millionen Vertriebene, Millionen von Kriegsopfern, vier Millionen Familien, die noch keine eigene Wohnung haben, Millionen von Rentnern. Da hilft nicht die Feststellung, das dürfe nicht sein. Ein Staat, ein Parlament und eine Regierung, die heute und morgen die Aufgabe versäumten, diesen Menschen im Rahmen des überhaupt Möglichen zu helfen, würden ihre Aufgabe versäumen, und ein studentischer Verband, der so täte, als ob das alles nicht vorhanden wäre, würde auch seine politische Aufgabe nicht wahrnehmen.
Nüchternheit, Realismus, Verantwortung
Nüchternheit und Realismus sind die ersten Aufgaben jedes politischen, aber auch jedes studentischen Lebens.
Wir können auch in den studentischen Verbänden nichts anderes tun, als unsere Mitglieder so zu erziehen, daß sie es lernen, in dem Staat mitzuarbeiten, das heißt aber insbesondere in den Parlamenten von der untersten bis zur obersten Stufe. Wir haben dafür zu sorgen, daß es überall im Lande Menschen gibt, die sich an diese Erziehung erinnern und sie in die Tat umsetzen. Unsere Aufgabe ist es, diese Einzelgänger, die wir weithin sind, endlich zu dem zusammenzufassen, was die Amerikaner ein „team" nennen, Das führt dazu, daß aus ihrer Zusammenarbeit mehr herauskommt als die Summierung der Tätigkeit des einzelnen. Das scheint mir die Aufgabe unseres Verbandes und jedes anderen studentischen Verbandes zu sein.
Daß wir heute ein Ziel als vornehmstes ernst nehmen, nämlich die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit, das ist unser Gelöbnis auch in dieser Stunde.
Die Möglichkeit dazu zu schaffen, ist unsere Aufgabe, ist das Ziel unserer Arbeit im Verbande, ist das Ziel unseres politischen Handelns überhaupt. Darum Iassen Sie mich mit einem so romantisch klingenden Wort Eichendorffs schließen, das in der Zeit deutscher Unfreiheit als ein Wort der Hoffnung auf die Freiheit und Einheit Deutschlands gesprochen wurde: Denn eine Zeit wird kommen, da macht der Herr ein End, da wird den Falschen genommen ihr unechtes Regiment.
Dieser Aufsatz Hermann Ehlers erschien In den „Akademischen Blättern”, Heft 8, August
1953, S. 159-165

Die Fundamente der deutschen Staatsidee




