Gedanken zu einem Vortrag von Hermann Ehlers aus dem Jahre 1953 „Zur ethischen Existenz des evangelischen Politikers der Gegenwart".
Unser Bundesbruder Weert Börner, Staatssekretär im niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, ist Verfasser der maßgeblichen Biographie über Hermann Ehlers. Im folgenden beschäftigt er sich mit der Frage der Politik aus christlicher Verantwortung, so wie Hermann Ehlers dies verstanden hat. Die Frage nach der „ethischen Existenz des evangelischen Politikers" ist heute so aktuell wie vor 30 Jahren.
Mein Thema lautet: Politik aus christlicher Verantwortung — Gedanken zu einem Vortrag von Hermann Ehlers aus dem Jahre 1953 „Zur ethischen Existenz des evangelischen Politikers der Gegenwart”.
Ich muß zugeben, daß das Thema von der christlichen Existenz des evangelischen Politikers der Gegenwart für uns heute etwas fremd klingt. Wir werden aber im weiteren sehen, daß es hochaktuell ist. Immerhin: Wir haben das Thema dann leicht verändert.
Mir gings im Grunde darum, bei einem Vortrag aus Anlaß der 80. Wiederkehr des Geburtstages und des 30. Todestages von Hermann Ehlers ein Thema zu wählen, das sein Thema war. Denn wenn wir über Hermann Ehlers sprechen, dann kann es nur um den Politiker von damals gehen. Ich werde also im wesentlichen über Gedanken von Hermann Ehlers in seiner Zeit sprechen. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß diese Gedanken auch heute noch ihren Wert haben — um so besser.
Wir müssen uns also in die Zeit der frühen 50-er Jahre hineindenken. Diese Zeit hatte ihre besonderen Anforderungen. Die Politiker von damals hatten ihre besonderen Erfahrungen — mit der Weimarer Republik, mit dem Nationalsozialismus, mit dem Zweiten Weltkrieg — das prägte sie.
Hermann Ehlers: typischer Vertreter des deutschen protestantischen Bürgertums
Hermann Ehlers war eigentlich ein sehr typischer Vertreter des deutschen protestantischen Bürgertums. Er hat die Schwierigkeiten des evangelischen Bürgertums in den genannten Perioden besonders intensiv durchlebt. Er ist durch eine harte Schule gegangen und erst langsam der große Demokrat geworden, als der er sich dann als Bundestagspräsident erwies.
Ich darf die wesentlichen Daten kurz aufzählen: 1904 geboren, zu Beginn des Ersten Weltkrieges also 10 Jahre alt. Sein Vater war ein konservativer Beamter, seine Mutter wird als besonders fromme Frau geschildert. Beide Eltern stammten aus dem Dorf Suelze, nicht weit von unserem Tagungsort Celle entfernt.
Hermann Ehlers schloß sich früh dem Bibelkreis höherer Schüler (BK) an. Dem BK blieb er zeitlebens verbunden. Der BK dürfte Ehlers in besonderer Weise geformt haben. Ehlers studierte dann von 1922—1927 in Berlin und Bonn Rechts- und Staatswissenschaften. Er trat dem Verein Deutscher Studenten (VDSt) bei. Carl Schmitt machte als Lehrer auf Ehlers besonderen Eindruck. Politisch-ideologisch, beeinflußten ihn die Schriften von Arthur Moeller van den Bruck. Ehlers sympathisierte in der Weimarer Zeit mit der Deutschnationalen Volkspartei, wurde aber nicht ihr Mitglied. Auch die Lage der evangelischen Kirche in der Weimarer Zeit beeinflußte Ehlers. Die evangelische Kirche war wegen der traditionell engen Verbindung von Staat und Kirche, Thron und Altar, besonders hart betroffen von Niederlage und Revolution des Jahres 1918.
Alle diese Einflüsse führten bei Ehlers zu einer eher ablehnenden Haltung gegenüber der Weimarer Republik. Ehlers gab später zu, daß seine Haltung in der Weimarer Zeit — wie die vieler anderer — falsch gewesen war. In einer kritischen Auseinandersetzung sagte er in einem Vortrag vor dem VDSt im Jahre 1953:
„Im Weimarer Staat haben wir uns unsere Antieinstellung gegen die Demokratie durch das Schlagwort von der Erfüllungspolitik glaubhaft gemacht ...” „Wir haben damals einen falschen Zusammenstoß zwischen dem nationalen Gedanken und der Demokratie konstruiert.” „Wir haben weiter gemeint, daß Monarchie und Demokratie in einem Gegensatz stehen müßten ... ". „Wir haben von Anfang an eine falsche Animosität gegen das Parlament in uns wachsen lassen, weil wir weithin nicht verstanden haben, welche Funktion das Parlament hat.” „Wir haben uns ... durch eine falsche Einstellung zur Flaggenfrage den Zugang zu jenem Staat und die Einflußnahme in jenem Staat verbaut.”
Ehlers verhielt sich allerdings strikt ablehnend gegenüber dem Nationalsozialismus. Er wurde sehr schnell Mitglied der Bekennenden Kirche. Mit der Zeit übernahm er die Aufgaben des Justitiars in der Bekennenden Kirche des Preußischen Bruderrats. Im Kriege war Ehlers Soldat.
Nach dem Kriege begann Hermann Ehlers politisch und kirchlich völlig neu. Ich habe versucht, in meinem Buch ,.Hermann Ehlers und der Aufbau einer parlamentarischen Demokratie in Deutschland" im Vergleich die völlig andere Einstellung von Ehlers in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik Deutschland herauszuarbeiten.
Man könnte über zwei bedeutende Leistungen von Ehlers für den Aufbau der Bundesrepublik Deutschland sprechen: Das eine ist seine Leistung als Bundestagspräsident. Es gelang ihm, in relativ kurzer Zeit durch die Kraft seiner Persönlichkeit, durch seine vorbildliche stilbildende Haltung, durch seine hervorragende Leitung des Hohen Hauses dem Parlamentarismus zum Durchbruch zu verhelfen. Zum anderen ist seine besondere Leistung beim Aufbau der Christlichen Demokratischen Union Deutschlands hervorzuheben.
Aufbau der CDU: Hineinführung des Protestantismus in die Politik
Ich möchte im wesentlichen über die zweite Leistung sprechen. Ehlers sah seine besondere Aufgabe darin, der CDU im evangelischen Bevölkerungsteil zum Durchbruch zu verhelfen.
Das konservative christliche Lager in Deutschland war bis 1945 immer gespalten, vor allen Dingen auch konfessionell. Im katholischen Lager gab es bereits im 19. Jahrhundert eine große politische Sammlung, das Zentrum. Es gab außerdem die Bayerische Volkspartei.
Im evangelischen Lager gab es nur Ansätze für eine christliche Partei. Diese hatten allerdings auffallenderweise Verbindungen zum VDSt. Es gab die Christlich-Soziale Bewegung Adolf Stoeckers. Es ist bekannt, daß Adolf Stoecker einen großen Einfluß auf den VDSt und seine Mitglieder ausübte. Es gab außerdem den Nationalsozialen Verein Friedrich Naumanns. Friedrich Naumann war Mitglied des VDSt bis zu seinem Ausschluß aus politischen Gründen. Die konservativ-christliche Einstellung war zu finden in Teilen der Deutsch-Nationalen Volkspartei und schließlich auch im Christlich-Sozialen Volksdienst der Weimarer Zeit.
Im Jahre 1945 kam es zur Gründung der CDU, die den Versuch unternahm, alle Kräfte zusammenzufassen. Hier fanden sich zusammen:
Vom Zentrum: Konrad Adenauer, Andreas Hermes, Jakob Kaiser und Heinrich Krone.
Von der Deutschnationalen Volkspartei: Hans Schlange-Schöningen, Robert Lehr und Otto Fürst von Bismarck.
Von der Deutschen Demokratischen Partei: Ernst Lemmer, unser Bundesbruder Ferdinand Friedensburg und Theodor Stelzer.
Vom Christlich-Sozialen Volksdienst: Paul Bausch und Wilhelm Simpfendörfer.
Zur CDU stießen auch Männer, die vorher nie einer Partei angehört hatten, wie Heinrich von Brentano und Hermann Ehlers.
Einige Norddeutsche wie Wilfried Hasselmann und Heinrich Hellwege fanden nicht den direkten Weg in die CDU, sondern wirkten zunächst einmal in der Deutschen Partei.
Es war von vornherein klar, daß die evangelischen Bürger sich mit der CDU schwerer taten als die Katholiken. Darum sah Hermann Ehlers eine besondere Aufgabe darin, der CDU im evangelischen Bevölkerungsanteil Anhang zu verschafften. Er wurde der Vertreter des evangelischen Teils der CDU.
Ehlers' Thema: Zur ethischen Existenz des evangelischen Politikers der Gegenwart
Darum sein eigentliches Thema: „Zur ethischen Existenz des evangelischen Politikers der Gegenwart”.
Ich werde in meinem Vortrag an das anknüpfen, was Hermann Ehlers seinerzeit gesagt hat. Und ich werde, weil man das Thema gar nicht erschöpfend behandeln kann, im wesentlichen Anmerkungen zum Thema machen. Diese mögen richtig oder falsch sein, Ihre Zustimmung oder Ablehnung finden. Wir werden nachher Zeit haben, darüber zu diskutieren.
Ich will gleich die Antwort von Hermann Ehlers vorwegnehmen: „Die ethische Existenz des modernen evangelischen Politikers ist vielleicht die innerlich und äußerlich gefährdetste, die es gibt, weil er bei aller Weisung und allem Rat der Kirche und der Brüder letztlich dennoch allein vor Gott steht. Wir sollten erkennen, daß das aber unsere eigentliche Stärke ist.
Der Weg, den Gott uns in den vergangenen Jahrzehnten geführt hat, könnte ein Weg sein, der uns diese Einsamkeit unserer Entscheidung, aber in der Einsamkeit mit Gott, deutlich gemacht und uns gelehrt hat, daß wir in dieser Einsamkeit die stärkste Position in der Welt haben, die uns überhaupt gegeben werden kann. In dieser inneren Freiheit können wir den Weg als Politiker gehen und können auch bereit sein, dort, wo es um den Grenzfall der christlichen Verantwortung geht, wie in Apostelgeschichte 5, dem Staat und der Welt gegenüber zu bekennen: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. Hier liegt der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der ethischen Existenz des evangelischen Politikers. Von hier aus ist er aber auch in die Verantwortung vor Staat und Volk gerufen in der Gewißheit, daß es keine andere ethische Existenz gibt als die im Evangelium begründete.”
Diese kräftigen Sätze von Ehlers kommen nicht von ungefähr. Hermann Ehlers wußte, wovon er sprach. Wir, die wir in der Bundesrepublik in der freiheitlichsten Demokratie leben, die Deutschland je hatte, und außerdem das Glück haben, eine der längsten Friedensperioden genießen zu dürfen, haben es schwerer, den Gehalt der Sätze nachzuvollziehen. Ein Bürger der DDR wüßte wahrscheinlich mit ihnen mehr anzufangen.
Hermann Ehlers war ein begeisterter BK'Ier. Er war 29 Jahre alt, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen. Ehlers war vom Elternhaus her ein Gegner der Weimarer Republik. Ihm wie anderen jungen Menschen wurde 1933 der entschiedene Widerspruch gegen eine im Namen der nationalen Erneuerung Deutschlands auftretende Bewegung nicht leicht. Aber Ehlers war von Anfang an gegen den Nationalsozialismus eingestellt, und zwar aus politischen und religiösen Gründen. Ehlers warnte 1932 die Jungen des BK: „BK und Hitlerjugend schließen sich aus . . ." 1933 schrieb er: „Und doch meinen wir, daß unser liebes Volk den Herrn Christus braucht. Das bestimmt unser Handeln und Wehren.”
So fanden die unterschiedlichsten Männer sich in der Führung der Bekennenden Kirche zusammen: Otto Dibelius, Kurt Scharf, Martin Niemöller und Hermann Ehlers.
Es ist sicherlich kein Zufall, daß drei von diesen Männern, nämlich Otto Dibelius, Kurt Scharf und Hermann Ehlers VDSter waren.
Ehlers nahm dafür als junger Mann berufliche Nachteile auf sich, wurde schließlich aus dem Staatsdienst entlassen. Er mußte zahlreiche Haussuchungen und eine Verhaftung durch die Gestapo über sich ergehen lassen. Diese Erlebnisse müssen wir uns vergegenwärtigen, um die Sätze von Ehlers verstehen zu können, die ich verlesen habe: „ ... Der Weg, den Gott uns in den vergangenen Jahrzehnten geführt hat, könnte ein Weg sein, der uns diese Einsamkeit unserer Entscheidung, aber in der Einsamkeit mit Gott, deutlich gemacht und gelehrt hat, daß wir in dieser Einsamkeit die stärkste Position in der Welt haben, die uns überhaupt gegeben werden kann.”
Der Glaube an die Vollkommenheit des Menschen hat sich als trügerisch erwiesen
Ein paar Sätze sollen die Situation verdeutlichen, mit der Ehlers und andere dann 1945 ans Werk gingen, den Staat neu aufzubauen:
Das Jahr 1945 bedeutet im Zusammenhang mit meinem Thema einen tiefen Einschnitt. Im Dritten Reich hatten sich viele Standpunkte als nicht mehr aus-reichend erwiesen.
Ehlers meinte, die Frage nach der ethischen Begründung der politischen Entscheidung des evangelischen Menschen in Deutschland sei sehr alt, sie sei aber lange überdeckt worden insbesondere durch die oberflächliche Vorstellung im Zeitalter des auslaufenden Landeskirchentums, daß die Wahrnehmung politischer Aufgaben im Interesse des Staates eine hinreichende Fundierung für den evangelischen Politiker bedeute und daß man sich um die zusätzliche Legitimierung vor dem Worte Gottes selbst keine Gedanken zu machen brauche.
Ehlers zitierte einige Sätze eines Tübinger Theologen über politische Ethik aus dem Jahre 1916. Dort heißt es:
„Für den Politiker als solchen bleibt die Moral immer dienstbar dem politischen Erfolg, nie letztes Mittel, nur Mittel zum Zweck, zur Selbstdurchsetzung des Staates.”
Und weiter:
„Die Interessen der Politik gehen weitgehend mit denen der Moral Hand in Hand. Es liegt zum Glück für die Menschheit und allgemeine Kultur doch so, daß gewisse sittliche Verhaltensweisen zugleich klug und menschlich fördernd sind.”
Daß dieser Standpunkt hohl ist, ist eigentlich erst im Dritten Reich offenbar geworden. In ihm wurde eine innere Auflösung mehrerer Jahrhunderte sichtbar. Der falsche Glaube an den Menschen brach zusammen. Er war aus den verschiedensten Quellen gewachsen. Kant und Herder wären hier zu nennen. Von hier aus und auf dem Wege einer Verflachung und Simplifikation sei der substanzlos gewordene Glaube an die Güte und Vollkommenheit des Menschen gewachsen, der bis in das Dritte Reich angedauert habe. Und auch die brutalste Übersteigerung dieses Menschen zum totalitären Tyrannen und Verbrecher habe es offenbar nicht vermocht, alle Menschen davon zu überzeugen, daß der Mensch in dieser Sicht keine hinreichende ethische Fundierung sein könne.
Friedrich Dürrenmatt hat mit Recht festgestellt, daß der Optimismus, der uns anderthalb Jahrhunderte im Blick auf den Menschen begleitet hat, nicht in Pessimismus, sondern in Nihilismus umschlagen mußte.
Gegen die nihilistische Aushöhlung der Staatsidee
Das zweite, so meint Ehlers, was im Dritten Reich zusammenbrach, war das falsche Verständnis von der Eigengesetzlichkeit des Staates. Wir haben sie von Machiavelli gelernt.
Bei Treitschke liest sich das so:
„Die Moral muß politischer werden, wenn die Politik moralischer werden soll. Das heißt, es müssen die Moralisten erst erkennen, daß man das sittliche Urteil über den Staat aus der Natur und den Lebenszwecken des Staates und nicht des einzelnen Menschen schöpfen muß, dann wird ihnen auch das politische Leben unendlich moralischer und sittlicher erscheinen.”
Die nächste Stufe war Carl Schmitt mit seinem Werk „Der Begriff des Politischen” (Freund-Feind-Verhältnis). Die eigentliche Übersteigerung des falschen Verständnisses von der Eigengesetzlichkeit des Staates geschah dann im Hitlerstaat („Recht ist, was dem Volke nützt").
Der dritte Beitrag zur Auflösung einer ethischen Fundierung der Politik kam vom Marxismus im 19. Jahrhundert. Ehlers dazu: „Seine Lehre eliminiert den Staat und ersetzt ihn durch die Gesellschaft. Er proklamiert die Vormacht der ökonomischen Verhältnisse und — wie hätte es zu seiner Zeit anders sein können! — den Glauben an den guten Menschen, der nur aus der Tyrannei befreit zu werden braucht und der durch die Zwangsläufigkeit der ökonomischen Entwicklung befreit wird. Nun, wir wissen, was aus dieser Idee geworden ist und wohin das Gegenteil der Überschätzung des Staates, nämlich seine Eliminierung geführt hat.”
Dies nur kurz zur Geschichte. Man könnte darüber lange reden. Mir geht es nur darum, den Einschnitt 1945 deutlich zu machen. Die Männer der ersten Stunde suchten neue Ansätze.
Der Gegenentwurf: Gründung einer „christlichen” Partei
Wir kommen zum ersten ethischen Problem für evangelische Politiker, nämlich zu dem einer „christlichen” Partei.
Es ist sicherlich kein Zufall, daß es bis 1945 wohl im katholischen Lager einige erfolgreiche Ansätze für eine christliche Partei gegeben hatte, nicht aber im evangelischen Lager.
Es ist sicherlich kein Zufall, daß es bis 1945 wohl im katholischen Lager einige erfolgreiche Ansätze für eine christliche Partei gegeben hatte, nicht aber im evangelischen Lager.
Karl Barth und Walter Künneth u. a. lehnten aus evangelischer Sicht eine „christliche” Partei ab. Helmuth Thielicke baut eine Brücke. Er führt aus:
und gründliche evangelische Theologie hat sich dieser Frage mit großer Akkuratesse angenommen und jenseits und diesseits des Rheins wird sehr viel Mühe darauf verwandt, immer wieder zu beweisen und zu betonen, daß es weder eine christliche Politik noch eine christliche Partei geben könne. Es scheint mir in diesem ganzen Wirbel notwendig zu sein, einmal ganz schlicht darauf hinzuweisen, daß wir uns bei der Gründung der Partei im Jahre 1945 über diesen ganzen Wust von Ideen und theologischen Lehren nicht die geringsten Gedanken gemacht haben. Selbst die überzeugtesten Anhänger einer Naturrechtslehre haben das sicher nicht getan, sondern alle haben instinktiv eine Folgerung aus einem bis zum Sterben des Volkes ausgekosteten Erlebnis gezogen.
Sie haben erfahren, daß ein Volk, das in seinem ganzen Leben, in seiner Kultur- und Sozialpolitik, in seiner Wirtschaftspolitik, in seiner Innen- und Außenpolitik darauf ausgerichtet wird, Gott zu vergessen, ihn von seinem Thron zu stoßen und auf diesen Thron einen lebendigen Menschen oder eine Ideologie zu setzen, untergeht. So brutal, aber auch so einfach war es. Und daraus zogen nicht wenige Menschen in Deutschland die nicht so ganz abwegige Folgerung, sie wollen auch im politischen Leben ihres Volkes und Staates
Das Programm einer politischen Partei hat — wenigstens soweit es um den Grundsatzbereich geht — für den Protestanten eine andere Bedeutung als für den Katholiken. Für den Katholiken wird dieses Programm im wesentlichen naturrechtlich bestimmt sein. Der Katholik verfügt über ein naturrechtlich fundiertes christlich-politisches Programm. Er hat christliche Kriterien für die politischen Fragen und einen Katalog vor-gegebener Antworten. Das ist für den durch die Reformation bestimmten Christen grundsätzlich anders. Seine theologische Ethik enthält grundsätzlich kein solches Programm.
Der theologischen Ethik des Protestantismus würde es daher entsprechen, daß nicht eine bestimmte Institution (hier eine Partei) als spezifisch christlich deklariert wird, sondern daß evangelische Christen in den verschiedensten Parteien sind.
Für beide Seiten — aber auch für die Christen in anderen Parteien — würde es daher — so Thielicke — eine Erleichterung bedeuten, wenn eine Partei, die sich dem Gedankengut und dem Ethos beider Konfessionen besonders verpflichtet weiß, die Bezeichnung „christlich” vermiede.
Thielicke hält aber einen Notstand für möglich, eine Situation, in der die Elemente des Lebens so fundamental an-getastet sind, daß der Rückgriff auf die christliche Substanz in einer Unmittelbarkeit gewagt und in einer Weise politisch zur Wirkung gebracht werden muß, die in normalen Zeiten so kaum möglich waren.
Das aber war 1945 der Fall.
Für die Frauen und Männer der ersten Stunde 1945 stellte sich das Problem einfacher. Man wollte eine neue Partei, in der
1. aus dem Gegeneinander von Katholiken und Protestanten im politischen Raum ein Miteinander wurde;
2. das Wort „christlich” als Mahnung aufgenommen wurde.
Kurz vor seinem Tode 1954 schrieb Ehlers in einem Artikel über die CDU: „Die immer besonders grundsätzliche dafür sorgen, daß das — so es in ihren Kräften läge — nicht wieder vorkäme. Sie haben damals wahrscheinlich mit Naivität gemeint, daß das eigentlich allen selbstverständlich sein sollte. Vielleicht war es damals auch vielen klar geworden, nur haben nicht wenige es inzwischen wieder vergessen."
Das war die Situation 1945. Es war genau die Situation, in der auch Helmut Thielicke ausnahmsweise die Bezeichnung einer Partei als „christlich” zuläßt, nämlich in einer Art politischen Notstandes in rebus christianis.
Thielicke sagt dann selbst: „Eines wird man ihr allerdings kaum zumuten können: daß sie sich nach Erledigung ihres Notstandsdienstes wieder auflöst.”
Aber eines dürfen wir, glaube ich, bis heute feststellen, daß von ihrem ethischen Selbstverständnis her, den evangelischen Christen bis heute der Bei-tritt zu und das Wirken in der CDU schwerer fällt als den Katholiken.
Die Neubildung ethischer Normen für den evangelischen Politiker
Nach dieser historischen Rückblende und dem Aufzeigen eines neuen Ansatzes nach 1945 stehen wir vor der „ Frage nach der Neubildung oder Freischauflung ethischer Normen” für den evangelischen Politiker.
Ehlers meinte damals in seinem Vortrag: „Angesichts der ungeheuerlichen Zerstörung der Rechte und Freiheiten von Menschen und Völkern in der Zeit des totalitären Staates war es nur natürlich, daß unsere wachsende neue staatliche Ordnung alles Gewicht auf die Begründung der Menschenrechte legte.”
Die Grundrechte der Deutschen waren allerdings schon einmal im Weimarer Staat formuliert worden und im Augenblick ihrer ersten wirklichen Bewährung
erwiesen sie sich als Schall und Rauch. Dennoch, wurden diese Rechte erneut in unserem Grundgesetz verankert und soweit wie möglich gesichert.
Der Weg der verfassungsmäßigen Festlegung und Garantie von Rechten und Freiheiten der Menschen und Bürger ist s!cherlich notwendig. Die Frage ist lediglich, auf welcher Grundlage und mit welchem Ziel diese Festlegung geschieht.
Friedrich Gogarten hatte Recht, als er in seiner Politischen Ethik 1932 fast prophetisch sagte, daß die menschliche Freiheit nie bedrohter gewesen sei als heute, wo man die Freiheit des Individuums zum A und 0 des Staates gemacht habe.
Hier war 1932 der Weg in den Nihilismus verbunden mit der Glorifizierung der Freiheit des Menschen vom Staat, sogar gegen den Staat. Die Gefahr, die hier aufsteht, hat Jakob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen schon aufgezeigt, wenn er sagt:
„Der Staat soll alles mögliche können, aber nichts mehr dürfen.”
Die Menschen- und Freiheitsrechte sind damit zum Ausdruck einer Staatsauffassung geworden, nach der nicht der Staat souverän -ist, sondern das Individuum, das auf Grund seines sittlichen Vermögens frei über sich bestimmen kann. Hier wird die ganze Fragwürdigkeit dieser Freiheit des einzelnen und der Unabhängigkeit seines Gewissens erkenn-bar. Gogarten, so meinte Ehlers, sprach mit Recht davon, daß in diesem veräußerlichten und liberalisierenden Verständnis der Menschenrechte nicht Luthers Gewissen, sondern das der Täufer und Spiritualisten der Reformationszeit sichtbar wird.
Ehlers: „Wir haben inzwischen erkannt, daß die Menschen- und Freiheitsrechte, die ihre entscheidende Prägung erfahren haben durch die Auswirkungen der Französischen Revolution, nicht Werte an sich sind, sondern Größen, die einer Einordnung bedürfen. Wenn sie in der Isolierung stehen und als Rechte des losgelösten und bindungslosen souveränen Menschen verstanden werden, halten sie dem Sturm der totalen Gewalt nicht stand.”
Wir wissen alle, daß wir aus der Gefahrenzone noch nicht heraus sind, daß wir im Gegenteil in den letzten Jahren wieder in großer Gefahr waren.
Man könnte über dieses Thema Stunden sprechen. Ich muß darauf achten, daß ich an dieser Stelle nicht vom Thema abkomme. Ich will darum nur zwei Zitate anführen, die das Problem verdeutlichen sollen. Beide stammen von dem Hamburger Bischof Hans-Otto Wölber, und zwar aus seinem Vortrag „Christliche Werte in unserer Zeit”.
„In diesem Sinne ist es meine sorgenvolle Frage, ob wir mit den gegenwärtigen Leitbildern und Ideen gerüstet sind. die zweifellos zu erwartenden Krisen und Turbulenzen zu bestehen. Es geht nicht ohne den rechten Geist. Es geht nicht ohne die Suche nach der Bestimmung des Menschen, für die er durch sein Leben sich zu verbürgen hat. Ein ständig nur sich selbst verwirklichender Zeitgenosse, so etwas wie ein bloßes Funktions- und Bedürfniswesen, reicht da nicht heran. Wir sind eine ziemlich armselige Gesellschaft, was die Bedeutung von Tugenden und Gesinnungen und den Respekt davor angeht. Da bei uns jeder nach seiner Fasson selig wer-den kann, legen wir überhaupt keinen Wert mehr auf eine Fasson.”
Das zweite Zitat:
„In unserer realen Demokratie wurde diese Freiheit nun durch das Emanzipationssyndrom ausgefüllt. Plötzlich war z. B. Autorität unter Verdacht gestellt. Bindungen ließen Tabus vermuten usw. Die Werte wurden gleichsam ein Teil der Marktwirtschaft. Auch sie richteten sich nach Angebot und Nachfrage, was mit Hilfe der Demoskopie möglich ist. Die einzige Schranke schien die Sozialpflichtigkeit zu sein. Aber sie dient im Grunde der Fürsorge für das sich selbst verwirklichende Individuum. Eine neue Totalität war erfunden. Und es ist schließlich gleichgültig, wo die Totalität angesiedelt ist, ob bei der Klasse, bei der Rasse oder bei dem Individuum.”
Für die Balance zwischen Gemeinschaft und Individuum, zwischen Staat und Freiheitsrechten
Hier setzt Ehlers an:
Wenn die Menschen- und Freiheitsrechte die Dokumentierung der Stellung des gebundenen, d. h. durch das Wort Gottes gebundenen Menschen sind, sind sie die Übersetzung der gottgegebenen Rechte des Menschen in den Bereich des Politischen und in die Sprache der Öffentlichkeit." Wir sind gerufen, dieser Konkretisierung und Einordnung der Menschen- und Freiheitsrechte in ein Gesamtbild von Mensch und Staat unsere ganze Kraft zu widmen. Es geht tatsächlich um die Schaffung eines von der Sache her gewachsenen Balancesystems zwischen Gemeinschaft und Individuum, zwischen Staat und Freiheitsrechten."
Um es mit Dürrenmatt zu sagen: „Die Freiheit des einzelnen muß auf das Ganze gerichtet sein.”
Oder Martin Luther:
„Verflucht sei das Leben, das einer für sich selbst allein lebt und nicht seinem Nächsten.”
Martin Luther hat in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen” gesagt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden untertan.” Und: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.” Luther ging also von den heute üblichen Grund-begriffen Freiheit und Solidarität oder Freiheit und Liebe aus. Aber diese Begriffe stehen nicht nebeneinander, sie sind miteinander verwoben.
Dazu einige auslegende Sätze von Bischof Wölber: „An Luthers komplementären Sätzen, an seiner, wenn man so sagen will, Dialektik von Freiheit und Bindung, von Souveränität einerseits, aber Liebe und Dienst andererseits, wird zunächst einmal deutlich, daß Freiheit nicht dasselbe ist wie die Summe einzelner Freiheiten oder daß Freiheit nicht dasselbe ist wie die Schaffung von — wie es heute heißt — Freiräumen. Luther meint in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen”, daß Freiheit eine Sache des, wie er sagt, „inneren Menschen” sei. Verkürzt formuliert: Auch wenn man äußere Schranken erfährt, kann man innerlich frei sein. Natürlich müssen Staat und Gesellschaft Spielräume schaffen, damit die Freiheit zur Auswirkung aus dem Sein des Menschen kommt. Aber frei ist man zunächst nicht durch das, was man hat, sondern durch das, was man ist. Unsere Gesellschaft hat durch ihre vielen Zugeständnisse heute die Menschen nicht freier gemacht, genauso wie unsere sozialen Impulse die Menschen nicht liebevoller gemacht haben.”
Die Forderung nach einem Minimum von Staatlichkeit bleibt davon unberührt. Ich unterstreiche diese Forderung. Der totale Staat verlangt ein Maximum von Staatlichkeit. Das wollen wir nicht. Deswegen können wir doch den Staat im Sinne von Römer 13 bejahen.
Wer sich für dieses Thema interessiert, dem kann ich nur die Lektüre des immerhin schon 1958 erschienenen Bandes „Ethik des Politischen” von Helmut Thielicke empfehlen. Das Buch ist faszinierend wegen seiner Aussagen z. B. über den Wohlfahrtsstaat. Die Gefahren, mit denen wir heute zu tun haben, sind dort exakt vorhergesagt.
Auch der unvergessene Bischof Volkmar Herntrich schrieb übrigens 1959: „Wir müssen mit einem Minimum an Staat auskommen! Denn der Staat nimmt keineswegs nur der Kirche den Lebensraum, sondern er engt notwendigerweise den gesamten Raum persönlicher Freiheit immer weiter ein.”
Ehlers sagte: „Es geht um eine echte Polarität zwischen der Freiheit des einzelnen und der Autorität des Staates. Das ist der Inhalt moderner Demokratie.”
Ehlers meint dann, wir sollten uns nicht dadurch. anfechten lassen, daß der Staat bei uns und an anderen Stellen in der Welt selbst seine eigene Autorität vernichtet hatte und sie heute weiter gefährdet. „Wenn wir vom Staat und seiner ethischen Qualität reden, meinen wir nicht das Bild, das viele Staaten selbst bieten, sondern Staaten, die in ihrem Selbstverständnis dem Bild von Römer 13 ähneln.”
„Insofern können wir Gogarten zustimmen, wenn er sagt, daß der Staat seine ethische Qualität darin habe, daß er mit seiner Souveränität, mit seinem Recht über Leben und Eigentum seiner Untergebenen dem Bösen wehrt, dem die Menschen verfallen sind.”
In den Barmer Thesen von 1934 liest sich der gleiche Gedanke dann wie folgt: „Die Schrift sagt uns, daß der Staat nach göttlichen Anordnungen die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.”
Nicht nur vom Staat fordern, sondern im Staat verantwortlich mitwirken
Zahllose Menschen in unserem Volk — so meinte Ehlers — seien der Auffassung, daß der Staat ihnen zwar in allen Lebensbereichen die Existenz garantieren solle, daß man ihm aber das Recht abspreche, über die Existenz irgendeines Bürgers zu verfügen. Die Ablehnung staatlicher Autorität paare sich bei uns mit der Grenzenlosigkeit der Forderungen an den Staat. Die Ablehnung staatlicher Ordnung werde begleitet von der Forderung, daß der Staat im persönlichen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich alles tun solle.
Das führt Ehlers schon 1953 zu der Feststellung: „Wir haben als evangelische Christen die Verantwortung, dieser Überforderung des Staates und der darin sichtbar werdenden Auszehrung staatlicher Autorität zu wehren und das echte Gegeneinander von Forderung an den Staat und Forderung des Staates wiederherzustellen.”
Dazu gehöre die Notwendigkeit, die Abneigung gegen den anonymen Staat zu überwinden. Entscheidend sei dafür nicht die theoretische Erklärung des Staates, sondern seine persönliche Demonstration.
Ich möchte noch einmal Bischof Wölber zitieren: „Wenn die Rahmenbedingung der Freiheit das Vertrauen ist, dann gibt es Freiheit im Staat eben nicht, weil er sich aus allen Geboten zurückzieht, sondern weil seine Autorität nobel ist, ohne Korruption, unbestechlich, durchsichtig. Und es ist immer auch die Frage, wieweit im Staat mit einem entsprechenden sittlichen Bewußtsein vorangegangen wird, was also seine Verantwortungsträger und Meinungsbildner machen. Es ist schließlich die Frage, ob der Staat raumbietend und fördernd dort offensteht und respektiert, wo die Tiefendimension der Werte gesucht wird. Die Christen können sich hier nur anbieten, und zwar nicht, indem sie sich selber zum Maßstab setzen, aber mit ihrer Sache, die groß genug ist.”
Ich kann dazu im Rahmen dieses Vortrages mehr nicht sagen. Ich will nur andeuten, daß es Anzeichen dafür gibt, daß wir Evangelischen und in dieser Situation schwerer tun als die Katholiken, zu einem ausgewogenen und gesunden neuen Staatsverständnis zu kommen.
Vielleicht hängt das auch damit zusammen, daß der Protestantismus — wie Martin Niemöller einmal ausführte — zweimal im Lauf dieses Jahrhunderts einen Schlag erlitten hat, der seine Existenz in Frage zu stellen schien. Der erste Schlag erfolgte mit dem deutschen Zusammenbruch 1918, der mit dem Ende der Monarchien zugleich das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments brachte. Damit war die Frage gestellt, ob die evangelische Kirche, die seit bald vierhundert Jahren in der Form von Landeskirchen bestanden hatte, Kraft genug in sich trüge, um auf eigenen Füßen stehen und bestehen zu können. Der zweite Schlag kam mit dem Jahre 1933 und der Machtergreifung des Nationalsozialismus. Mit der Schaffung einer einheitlichen evangelischen Reichskirche mit einem „Reichsbischof” an der Spitze und unter bewußter Förderung durch die politische Führung schienen alle Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung zu gehen, die nach 1918 unerfüllt geblieben waren; doch alsbald stellte sich heraus, daß die Kirche dafür einen Preis zu zahlen haben würde. Ich kann — wie gesagt — auf dieses interessante Thema hier nicht weiter eingehen. Es scheint nur so, daß in unserer Bundesrepublik Deutschland das Staatsbewußtsein im katholischen Bevölkerungsteil stärker entwickelt ist als im evangelischen.
Im Bismarck-Deutschland war das sicherlich umgekehrt und der evangelische Bevölkerungsanteil im Staatsdienst führend. Heute sprechen statistische Zahlen für eine Umkehrung. Als Beispiel greife ich nur das Offizierskorps der Bundeswehr heraus.
Wie lassen sich ethische Normen in der Politik verwirklichen?
Die Frage, vor der wir stehen, ist die nach der aktuellen Verwirklichung ethischer Normen in der Politik.
Ehlers stellte dazu zwei Fragen:
Einmal, ob eine allgemeine humanitäre Verpflichtung heute noch gültige Kraft hat. Vielen Menschen reicht sie aus. Aber ich bin mit Hermann Ehlers der Ansicht, daß sie in den Stürmen der vergangenen Jahrzehnte ihre mangelnde Kraft und Widerstandsfähigkeit in den eigentlichen Augenblicken der Bewährung erwiesen hat. Einzelne Menschen haben mit diesem Hintergrund vielleicht eine persönliche Bewährungsprobe bestanden. Aber die Auswirkung auf die politische Entscheidung war fast immer unzureichend.
Zum zweiten die Frage, ob der Sozialismus in überkommener oder moderner Form abseits des leninistischen und stalinistischen Bolschewismus eine hin-reichende ethische Fundierung geben kann. Diejenigen, die nicht Marxisten sind, werden an den heutigen Sozialismus die Frage zu stellen haben, wo seine ethische Fundierung liegt. „Wenn die Weltanschauung des dialektischen Materialismus vom westlichen Sozialismus nicht mehr ausschließlich vertreten wird, wenn die Idee des Klassenkampfes im ganzen nicht mehr als bindend verstanden wird — wobei man nicht übersehen kann, daß sie aus propagandistischen Gründen noch oft genug benutzt wird — dann wird der Sozialismus zu fragen sein, was er an die Stelle einer konsequenten Durchführung des marxistischen Programms nicht nur im ökonomischen und politischen Bereich, sondern auch im ethischen zu setzen bereit ist. Der deutsche Sozialismus ist uns die Antwort auf diese Frage bisher schuldig geblieben. Das was er zur ethischen Fundierung seiner Politik sagt, sind Anleihen bei den verschiedensten Weltanschauungen und Ideen, ohne daß eine geschlossene Ausprägung des eigenen Wollens und seiner inneren Fundierung sichtbar geworden wäre.
An dieser Feststellung von Ehlers hat sich — soweit ich erkennen kann — bis heute nichts geändert.
Wenn wir also keine verpflichtenden anderen ethischen Normen gefunden haben, stehen wir unmittelbar vor der Frage nach der christlichen Ethik des Politikers.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es geht hier nicht darum festzustellen, daß nur eine Partei und ihre Mitglieder eine ethische Grundlage haben. Es geht um die ethische Fundierung der einzelnen Politiker. Und da läßt sich bei führenden Sozialdemokraten ebenso wie bei führenden Christlichen Demokraten die christlich-ethische Fundierung aufzeigen: Ich denke etwa an Helmut Schmidt, Gustav Heinemann und Johannes Rau.
Von den evangelischen Christlichen Demokraten nenne ich nur Richard von Weizsäcker, Ernst Albrecht und Gerhard Stoltenberg, von den katholischen Christlichen Demokraten Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Hans Maier.
Ehlers meinte in seinem Vortrag:
Um die Frage nach der christlichen Ethik des Politikers zu verstehen, bedürfe es zunächst des Wissens um die Polarität der persönlichen Ethik und der Ethik der Gemeinschaft. Die Normen, die für den einzelnen gelten, die Gebote könnten nicht ohne weiteres auf die Gemeinschaft übertragen werden, ohne Beachtung der besonderen Situation der Gemeinschaft (5. Gebot) (Römer 13).
Allerdings, so Ehlers, habe das, was wir durchlebt haben, uns gelehrt, daß die Differenzierung zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft nicht so bedenkenlos geschehen könne wie es Jahrhunderte hindurch erfolgt sei. Es handele sich nicht darum, daß die Ethik des einzelnen und die Ethik der Gemeinschaft berührungslos nebeneinander gehen und verschiedenen Gesetzen folgen, sondern es handele sich um eine echte Polarität, in der die Beziehung zwischen der Einzelethik und der Gesamtethik nicht verlorengehe.
Ein weiteres: Das, was für den einzelnen Inhalt unserer christlichen Erkenntnis sei, daß es keinen Weg gebe, das unaufhebbare Böse des Menschen aus eigenen Kräften zu überwinden, gelte im gleichen Sinne für die Gemeinschaft. Die Vorstellung, daß der Staat durch die Beachtung ethischer Normen anders als der einzelne von der Sünde frei sein könnte, sei Phantasterei. Bonhoeffer weise darauf hin, — und das gelte ins-besondere für die Ethik der Gemeinschaft —, daß ein zeit- und ortloses ethisches Reden der konkreten Ermächtigung entbehre, deren jedes ethische Reden bedürfe. Barth sage uns dasselbe mit anderen Worten: Daß Gottes Wort nur in der Aktualität des Hörens vernommen werden könnte. Ethik sei insofern die Umschreibung und Bezeugung des Gebotes Gottes und des ihm entsprechenden guten menschlichen Handelns.
Es gebe also nichts Gefährlicheres, als wenn die spezielle Ethik zur Kasuistik werde, sich damit selbst auf den Thron Gottes setze und Gutes und Böses unterscheide.
Die „Freiheit eines Christenmenschen”
Hier werde deutlich, daß die Frage nach der ethischen Existenz des Politikers eine unerhört schwierige sei. Wie sollte es auch anders sein, wenn der einzelne Mensch in der Befolgung des ethischen Gebots jeden Augenblick an der Grenze seiner Möglichkeiten stehe und nur noch beten könne: Herr, sei mir Sünder gnädig! — wie sollte das anders sein bei einem Politiker, der weit über den persönlichen Bereich. hinaus in eine Gesamtverantwortung für andere Menschen, für Völker und Staaten, ja für die ganze Welt gestellt sei. Er stehe jeden Tag vor der Aufgabe der Umschreibung und Bezeugung des Gebotes Gottes für seinen Bereich.
Ehlers dazu: „Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das als unsere Not, aber auch als unsere Aufgabe erkennen und nicht mehr meinen würden, daß wir das Gebot Gottes in unserer konkreten politischen Entscheidung eliminieren könnten.”
Wenn ich an dieser Stelle noch einen Augenblick verweilen darf! Ehlers sagte: „Hier wird deutlich, daß die Frage nach der ethischen Existenz des Politikers eine unerhört schwierige ist und daß sie jedenfalls nicht mit einigen Normalantworten hinreichend erledigt werden kann.”
An dieser Stelle kann uns Helmut Thielicke noch etwas mehr Klarheit verschaffen, wenn er sagt, daß Ethik uns streng genommen nicht lehre, was wir tun sollen, sondern was wir tun dürfen. Das Thema der Ethik sei also die „Freiheit eines Christenmenschen”. Zur Freiheit berufen zu sein, bedeute nun aber nicht nur, im Rahmen einer gegebenen Alternative wählen, sondern die Alternative selber finden zu können — und sie auch finden zu sollen.
Thielicke meint dann, ein Hinweis darauf, daß diese Forderung auf der Linie des neutestamentlichen Denkens liege, scheine ihm darin zu bestehen, daß in entscheidenden Punkten die ethischen Anweisungen Jesu und der Apostel dialektisch gefaßt seien. Sie sagten nicht, „was” zu tun sei, sondern sie formulierten einen Gegensatz, innerhalb dessen zu wählen sei und dessen Verarbeitung dem zum Gehorsam Aufgerufenen überlassen bleibe.
Thielicke nennt drei Beispiele:
Erstens: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist” (Mt. 22, 21).
Zweitens: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben” (Mt. 10, 16). .
Drittens: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen” (Apg. 5, 29).
Das konkrete Tun bleibt also offen. Und damit ist möglich, daß zwei Christen in einer bestimmten Situation etwas Entgegengesetztes tun.
Das ist das Schwierige an der ethischen Existenz des Politikers. Daran ändert auch Franz Alt mit seiner Schrift „Frieden ist möglich — Die Politik der Bergpredigt” nichts". Die Bergpredigt ist kein Leitfaden für politisches Handeln!
Ich kann hier nicht auf die einzelnen Stimmen eingehen, die Alt widerlegen, insbesondere nicht auf die Erkenntnisse der neueren Bibelwissenschaft. Aber ich will doch hinweisen auf die Schrift von Manfred Hättich („Weltfrieden durch Friedfertigkeit"), auf den Aufsatz von Professor Martin Hengel, Tübingen („Wider den politischen Mißbrauch der Berg-predigt) und auf den jüngsten Artikel des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Lohse, im „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt”.
Zu diesem Thema hat auch Hermann Ehlers schon Stellung genommen.
Bonhoeffer hat in seiner Ethik Erwägungen darüber angestellt, wo die Stelle ist, die in dieser Not Weisung zu geben imstande und berechtigt ist. Bonhoeffer hat diesen Versuch in der Situation des Hitlerstaates unternommen. Sein Bild der Ethik der Gemeinschaft ist das Mandat, ist der konkrete, in der christlichen Botschaft begründete und durch die Schrift bezeugte göttliche Auftrag, die Ermächtigung und Legitimation zur Ausführung eines bestimmten göttlichen Gebots, die Verleihung göttlicher Autorität an eine irdische Instanz. Er nennt dabei Ehe, Obrigkeit und Kirche als Bei-spiele. Die Ermächtigung zum ethischen Reden, also auch zur ethischen Weisung, soll sich, niemand selbst geben, sondern sie., wird dem Menschen zuteil, sie fällt ihm zu, und zwar primär nicht auf Grund subjektiver Leistungen und Vorzüge, sondern auf Grund einer objektiven Stellung in der Welt.
Die Aufgabe der Kirche gegenüber dem Politiker
Wenn wir so zu einer christlichen Fundierung der politischen Ethik kommen, stellt sich uns die Frage nach der Rolle der Kirche gegenüber dem Politiker. Die Beziehung zwischen der Botschaft der Kirche und der ethischen Einzelentscheidung ist deutlich. Wenn Ethik, wie Barth sagt, die Einübung im Halten der Gebote ist, dann hat der Pastor eine konkrete seelsorgerische Aufgabe am Politiker.
Er kann ihm natürlich nicht die konkrete Einzelentscheidung abnehmen. Von ihr mag der Pastor nichts verstehen und braucht er vielleicht auch nichts zu verstehen. Der Pastor muß aber — wie Ehlers sagt — in seiner Botschaft und in seiner Seelsorge das normative Element sein, das den Politiker daran hindert, aus der Bahn, in der die Gebote Gottes gelten, herauszulaufen.
Was für den Pastor gilt, gilt für die Kirche insgesamt. Auch sie kann dem Politiker die praktische Einzelentscheidung nicht abnehmen. Aber auch die Kirche als Ganzes hat durch ihre Organe, Kirchenleitungen und Synoden die Grenzen des Raumes festzulegen, in dem der Politiker seinen Weg gehen muß, wenn er die verpflichtende Kraft christlicher ethischer Normen anzuerkennen bereit ist.
Was ist daraus in unserer Bundesrepublik Deutschland geworden? Ich möchte zwei Dinge festhalten: Ich glaube, es gibt viele Politiker, die das seelsorgerische Wort des Pastoren und der Kirche brauchen und erwarten. Auf der anderen Seite ist die Bereitschaft der Pastoren und der Kirche zu dieser seelsorgerischen Arbeit durchaus vorhanden.
Aber einige Dinge müssen wohl langfristig aufgearbeitet werden.
Helmut Hild, der Kirchenpräsident von Hessen-Nassau und stellvertretende Vorsitzende der EKD, meinte auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte, der Westen müsse davon ablassen, starr und schematisch am Denken im Gleichgewicht festzuhalten. Es könne notwendig sein, begrenzte Risiken vorübergehend in Kauf zu nehmen.
Die Äußerung mußte umstritten bleiben. Denn der Nachrüstungsbeschluß mit seinen beiden Teilen, Verhandlungen und, wenn diese nicht zum Erfolg führen, eventuell Nachrüstung, war nun wirklich alles andere als starr und schematisch. Und begrenzte Risiken? Ein bißchen Krieg riskieren?
Mit dieser Äußerung verließ Kirchenpräsident Hild das seelsorgerische Wort und nahm politisch Stellung. Mir ist klar, daß sich an einem solchen Beispiel die Geister scheiden.
Lassen Sie mich das, was ich sagen will, an einem Zitat von Landesbischof Lohse in seinem Brief an die Pastoren der Landeskirche vom Anfang dieses Jahres deutlich machen:
„Helmut Gollwitzer hat soeben noch einmal die Forderung erhoben, die Kirche habe nicht nur allgemein zur Friedenspolitik und zur Abrüstungsbereitschaft zu mahnen, sondern sie habe bei jedem Rüstungsschritt zu prüfen, ob er den Frieden stabiler oder unsicherer macht. Das habe die Kirche in allen ihren Gliedern zu tun, sowohl die einzelnen Christen wie die einzelnen Gemeinden, wie die Leitungsorgane der Kirche. Dieser Meinung — so Lohse — kann ich aufgrund meiner theologischen Überzeugung nicht zustimmen. Wohin würden wir denn geraten, wenn wir uns die Rolle zuschreiben wollten, gleichsam als Obergutachter in allen wesentlichen politischen und militärischen Fragen auftreten zu wollen? Abgesehen von dem Bedenken, daß es hierzu fast ausnahmslos an dem erforderlichen Sachverstand mangelt, um wirklich begründete Urteile abgeben zu können, meine ich, daß solche Ansicht evangelischem Verständnis von Auftrag und Dienst der Kirche zutiefst zuwiderläuft. Zwar muß die Kirche in der Tat das Evangelium in die Welt von heute so hineinsprechen, daß konkrete Folgerun-gen sichtbar gemacht werden und in den Gemeinden darum gerungen wird, den rechten Weg %zu erkennen und zu gehen. Aber wenn der Anschein erweckt wird, als ob für Christen ein bestimmtes politisches Urteil die allein mögliche Weisung darstelle, wird die verantwortliche Freiheit des Christen gefährdet und das Evangelium in Gesetz verkehrt.” Um diesen Gedanken noch etwas zu verdeutlichen, zitiere ich noch einmal aus dem Brief von Bischof Lohse:
„Die hinter uns liegenden Auseinandersetzungen haben für mein Verständnis die Frage nach der Einheit der Kirche mit neuer Eindringlichkeit gestellt. Worin liegt die Einheit der Christenheit begründet? Die alte Antwort, die die Augsburgische Konfession im siebten Artikel gibt, gewinnt wieder an Aktualität: allein in der rechten Predigt des Evangeliums und dem stiftungsgemäßen Gebrauch der Sakramente.”
Und an anderer Stelle:
„Es wäre ein fundamentales Mißverständnis, wenn man meinen wollte, politische Mitverantwortung ginge uns nichts an. Aber es kommt darauf an, daß wir uns gerade dabei dem Auftrag der Kirche verpflichtet wissen, nicht Gräben aufreißen, sondern Gemeinschaft fördern und Gemeinsinn entwickeln.”
Wir wissen aber auch alle um die Verirrungen und Verwirrungen der letzten Jahre, die die sowieso schwierige Lage in diesem Bereich nicht gerade erleichtert haben.
Gegen eine „politische Theologie”
Immer wieder haben kirchliche Vertreter versucht, dem Politiker die praktische Einzelentscheidung abzunehmen. Sie wirkten dabei nicht sehr überzeugend, weil sie meistens nicht sachkundig genug waren, um ihr Wort überzeugungskräftig zu gestalten. Die Einwirkungsmöglichkeit der Kirche und ihrer Vertreter auf die Politiker nahm aber natürlich bei solcher Handhabung ab. Es entstand oftmals eine Irration zwischen Kirche und Politik, die der Sache nicht dienlich sein konnte.
Ich will an einigen wenigen Beispielen deutlich machen, was ich meine. Dabei will ich keineswegs die Nachrüstungsdebatte wieder aufleben lassen. Gott sei Dank konnte unsere Bundesrepublik diese Bewährungsprobe gut bestehen.
Ein weiteres Beispiel:
Ich persönlich habe es als unerträglich empfunden, daß der Kirchengemeinde-rat meiner Gemeinde mit Mehrheit beschloß, der Gemeinde zu empfehlen, das Gemeindezentrum zur atomwaffenfreien Zone zu erklären. Ich zögere seit-dem, in meiner eigenen Gemeinde zum Gottesdienst zu gehen. Wo bleibt da die Seelsorge — für alle Gemeindemitglieder?
Nicht akzeptabel war die Denkschrift des Reformierten Bundes mit der Behauptung, bei der Frage nach den Wegen gehe es um das Bekenntnis oder die Verleugnung des Evangeliums, also um den status confessionis. Es ist dank-bar anzuerkennen, daß der Rat der EKD und auch einzelne reformierte Pfarrer dem kräftig widersprochen haben.
Ebensowenig ist akzeptabel, daß auch kirchliche Vertreter gemeint haben, in der Frage der Nachrüstung sei „Widerstand” erforderlich. Widerstand kann es in unserer freiheitlichen Demokratie nicht geben, wenn sie richtig verstanden wird. Solange die Grundlagen dieser Demokratie nicht in Frage stehen, solange also das gemeinsame Fundament da ist, kann es immer nur parlamentarische Mehrheitsentscheidungen geben.
Es ist gut und dankenswert, daß der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Lohse, dies wie auch vieles andere klar zurechtgerückt hat. Er sagte: „Widerstand trägt die Gefahr in sich, unsere demokratische Staatsordnung überhaupt in Frage zu ziehen. Das kann ernsthaft niemand wünschen.”
Wie ich überhaupt manchmal denke, ob es nicht einem recht verstandenen Christentum mehr entsprechen würde, das gemeinsam Tragende mehr zu betonen als das Trennende. In der Nachrüstungsdebatte hätte ich mir z. B. gewünscht, daß von seiten der Kirche viel mehr betont worden wäre, daß nie strittig gewesen ist, daß der Frieden eines der höchsten Güter ist.
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.”
Jahreslosung 1984
Ich hätte mir auch gewünscht, daß alle Vertreter der Kirche der weitverbreiteten Angst entgegengetreten wären und nicht einzelne diese Angst noch geschürt hätten. Ministerpräsident Albrecht hat darauf bei dem Neujahrsempfang in
Loccum hingewiesen, wo er sagte, die Christen trügen ständig ihre Angst vor sich her, statt mit ihrer Heilsgewißheit auf andere Menschen auszustrahlen.
Ich möchte hier auch noch einmal zitieren, was Bundespräsident Carstens bei der Luther-Feier in Worms gesagt hat. Ich zitiere:
„Wenn Christen, Theologen oder Laien sich in der breiten Öffentlichkeit außer-halb von Kirchenmauern zu Wort melden, bei Andachten im Rundfunk und Fernsehen, in kirchlichen Publikationen, sollten sie da nicht vor allem von der christlichen Botschaft sprechen? Statt dessen treten sie oft in Konkurrenz zu Politikern, Soziologen, Psychiatern, um das zu wiederholen, was die anderen reden. Verdient ein Kindergarten den Namen „evangelisch”, in dem den Kindern gesagt wird, bald käme der Dritte Weltkrieg, und dann würden alle Menschen eines schrecklichen Todes sterben?”
Wieviel anders klingt da die Jahreslosung für 1984: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.”
Dr. Weert Börner (AH Bonn), Staatssekretär im niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, hielt diesen Vortrag bei der Arbeitstagung des Verbandes der Vereine Deutscher Studenten in Celle am 27. Oktober 1984.

Politik aus christlicher Verantwortung




