Freitag, 18. Mai 2012

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Der Krieg des Charlie Wilson

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„Und dann versauten wir das Endspiel.“
Charlie Wilson und der Ursprung eines neuen Krieges

Es war einmal ein Junge, der bekam an seinem sechzehnten Geburtstag ein Pferd geschenkt. „Wie wunderbar!“, riefen die Dorfbewohner, doch der alte Zen-Meister antwortete nur: „Wir werden sehen“. Kurz darauf stürzte der Junge herab und brach sich ein Bein. „Welch ein Fluch!“, hörte man die Dorfbewohner klagen, „Wir werden sehen“ entgegnete der Zen-Meister. Wenig später brach ein Krieg aus und während alle Wehrtauglichen an die Front mussten, blieb der Junge aufgrund seines verletzten Beines zuhause. „Welch ein Segen!“ riefen wiederum die Dorfbewohner, doch der alte Zen-Meister mahnte abermals: „Wir werden sehen“.

Charlie Wilson und Gust AvrakotosDas Gleichnis des alten Zen-Meisters ist Gust Avrakotos` (Philip Seymour Hoffman) Art, die Moral von Mike Nichols` neuem Film „Der Krieg des Charlie Wilson“ zusammenzufassen. Gust arbeitet als Agent für die CIA. Er ist bei seinen Kollegen nicht besonders beliebt, vielleicht, weil er seinem Vorgesetzten immer mal wieder aus Frust über entgangene Beförderungen das Büro demoliert. Doch als es darum geht, dem meilenweit seine Kompetenzen überschreitenden Kongressabgeordneten Charlie Wilson (Tom Hanks) bei der Durchführung eines geheimen Krieges zu helfen, kann Gust beweisen, dass er ein Vollprofi ist. Außerdem, so merkt er an, habe er momentan sowieso nichts anderes zu tun.

Charlie und JoanneDer Hintergrund wird von den Ereignissen des ausgehenden Kalten Krieges gebildet. Ende der Achtziger Jahre fällt die Sowjetunion mit 130.000 Soldaten in Afghanistan ein. Die dem Kommunismus feindlich gesonnenen, islamischen Mudschaheddin haben den modernen Waffen der Sowjets nichts entgegenzusetzen. Von seiner guten Freundin und Geliebten Joanne Herring (Julia Roberts) – der sechstreichsten Frau von Texas und einer christlichen Hardlinerin – angestiftet, schmiedet Wilson ein haarsträubendes Geheimbündnis zwischen Israel, Saudi Arabien, Pakistan und den USA, um den bedrängten afghanischen Kämpfern mit Waffenlieferungen zu Hilfe zu eilen. Sein Handwerkszeug sind seine Eloquenz und ein blindes Verständnis des politischen Business. Fast jeder Abgeordnete schuldet Wilson noch den einen oder anderen Gefallen. Seine politische Vorgehensweise entspricht hierbei seinem Lebensstil als feiernder Playboy, gleichzeitig ist er jedoch bestens über die internationalen Vorgänge informiert. Während Wilson nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten ein kumpelhaftes Verhältnis zu Pakistans Regierungschef aufbaut, haben seine weltfremden politischen Widersacher nichts Besseres zu bieten als eine Pressekampagne aufgrund seines Kokainkonsums. Doch im Hinblick auf die Abwehr dieser Kampagne kann Charlie sich auf seine überaus gut aussehenden Assistentinnen verlassen. Kurzum: Politik erscheint sexy und dynamisch, sofern man die richtigen Tricks beherrscht.

Wilson und der Regierungschef PakistansDie Darstellung der Ereignisse in Afghanistan lässt den Zuschauer eindeutig Partei für die unterlegenen Mudschaheddin ergreifen. In einer atemberaubend überspitzten Kampfsequenz jagen sowjetische Hind-Kampfhubschrauber – begleitet von tiefstimmigen russischen Männerchören – die sich verzweifelt wehrenden, aber chancenlosen afghanischen Kämpfer. In einem flammenden Inferno werden ihre Körper von den Geschossen förmlich zerfetzt. Der aus der Cockpitperspektive miterlebte Höllenritt nutzt die übertriebene Action-Ästhetik eines Computerspiels, wodurch die Willkür des Tötens verdeutlicht wird. Als bei einem späteren Angriff die ersten Hinds dank amerikanischer Sidewinder-Raketen brennend zu Boden stürzen, freut sich der Zuschauer ebenso wie die ausgelassen feiernden Wüstenkrieger. Auch die Abschussbilanz – von zehn Raketen treffen sieben ihr Ziel – kann sich sehen lassen. Dass dies auch heute noch der Fall ist und zahlreichen westlichen Soldaten in Afghanistan das Leben kostet, ahnt der Zuschauer erst später. Der Film vollführt eine doppelte Entlarvung: Zum einen wird das Credo der amerikanischen Politik „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ ad absurdum geführt, zum anderen erkennt der Zuschauer an seiner eigenen Reaktion die Wirkmächtigkeit inszenierter Bilder, die ihn Sympathie für die heutigen Feinden des Westens empfinden lassen. Metaphorisch für das gefährliche Spiel, das die Amerikaner mit der Unterstützung der Mudschaheddin treiben, richtet sich Joanne mit einer Sicherheitsnadel ihre Wimpern. Die Bilder erinnern an eine Szene aus Luis Buñuels „Ein andalusischer Hund“. Nur muss in „Der Krieg des Charlie Wilson“ der Augapfel der Frau nicht durchschnitten werden, um die Gefahr ihres Handelns zu verdeutlichen.

Joanne - Ein gefährliches SpielDer Film zeigt die verschiedenen durch die Amerikaner beeinflussten Entwicklungen auf, die die Herausbildung eines „neuen Krieges“ in Afghanistan begünstigten. Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität, beschreibt die „neuen Kriege“ vor allem als Resultat eines Prozesses der Entstaatlichung. So treten nicht mehr souveräne Staaten in einem geregelten bewaffneten Konflikt, der mit einer Kriegserklärung beginnt und mit einem Friedensvertrag endet, gegeneinander an. Vielmehr profitieren private – vor allem ökonomisch motivierte – Akteure von der Kriegsführung selbst, indem sie die Bevölkerung und Ressourcen eines Gebietes systematisch ausbeuten. Im Falle Afghanistans leisteten die USA der Entstaatlichung einen entscheidenden Vorschub, indem sie die kommunistische Regierung durch die Unterstützung der Aufständischen gezielt schwächten. Durch die Lieferung moderner, tragbarer Waffen kam es zudem zu einer fortschreitenden Privatisierung des Krieges. Der Staat verlor zunächst die Gewalthoheit und brach dann, nach dem Abzug der Russen und ausbleibender internationaler Wiederaufbauhilfe, unter dem Ansturm rivalisierender Warlords zusammen.  Zudem unterstützte die Vorgehensweise der USA die Herausbildung einer radikalisierten „Politik der Identität“. Mary Kaldor beschreibt diese in ihrem Buch „Neue und alte Kriege“ als die rücksichtslose „Etikettierung“ von Volksgruppen, um diese zu unterjochen oder auszulöschen. Nur wer den jeweiligen lokal vorherrschenden Warlord aktiv unterstützt, ist einigermaßen vor dessen Repressalien sicher. Durch die Waffenlieferungen an die Mudschaheddin stärkten die Amerikaner letztlich den religiösen Fanatismus, den sie heute bekämpfen. In Mike Nichols Film wird dies in einer bitter-ironisch anmutenden Sequenz verdeutlicht: So spornt der Vorsitzende des amerikanischen Verteidigungsunterausschusses mittels einer flammenden Rede die afghanische Bevölkerung in einem Flüchtlingslager zum Glaubenskrieg gegen den Kommunismus an. Ein weiteres Merkmal für die neuen Kriege beschreibt Münkler mit der Asymmetrisierung der Konflikte. Die nicht-staatlichen Gewaltakteure müssen demnach nicht zwangsläufig militärisch siegen. Es reicht, wenn sie dem staatlichen Gegner so lange stetigen Schaden zufügen, bis dieser den Krieg aufgrund finanzieller oder innenpolitischer Gründe nicht mehr weiterführen kann. Angesichts des laufenden Verlusts teuren Kriegsgeräts – wie Kampfhubschraubern – durch den Einsatz verhältnismäßig billiger Waffen – wie Stinger-Raketen – und tausender Opfer in den eigenen Reihen, sahen sich die Sowjets nach zehn Jahren Okkupation gezwungen, Afghanistan zu verlassen. In demselben Land läuft nunmehr der Einsatz der USA, Deutschlands und der übrigen Verbündeten seit über als sechs Jahren – Ende und Opferzahlen noch offen. Seit des Briand-Kellog-Paktes von 1928, in dem das Verbot jedes Angriffskrieges beschlossen wurde, investieren die internationalen Kriegsherren viel Energie in die öffentlichkeitswirksame Begründung ihres Handelns.  Im Film sind es die Bilder von grausam verstümmelten Kindern in einem Flüchtlingslager, die Charlie Wilson und den Zuschauer gleichermaßen das Eingreifen der USA gutheißen lassen. Das Unrecht dieser perfiden Kriegsführung, in der Sprengfallen als Spielzeug getarnt werden, existiert unumstritten. Trotzdem sind auch die Bilder dieser unschuldigsten Opfer der Gewalt häufig ein Teil der neuen Kriege, wenn es beispielsweise gilt, einen Militäreinsatz in einer Demokratie mit der Zustimmung des Volkes auszustatten. Gleichzeitig kann der Krieg der Bilder auch dem Westen zum Verhängnis werden, denn was passiert, wenn irgendwann die Opfer der in den aktuellen Konflikten noch immer eingesetzten amerikanischen Streubomben auf den Fernsehschirmen auftauchen?

Ansporn zum GlaubenskriegCharlie Wilson muss letztlich einsehen, dass nicht die Linderung des Elends, sondern die Kampfbereitschaft der Afghanen gegen den Kommunismus seine Kollegen in der Politik bewog, den Etat für die verdeckte Kriegsführung von 5 auf 500 Millionen Dollar aufzustocken. Als der Krieg jedoch gewonnen ist, verblasst das Interesse. Nicht einmal eine Million Dollar wird Charlies Wiederaufbauprogramm zugedacht. Der Film endet mit einem Zitat des realen Wilson: „Diese Dinge passierten wirklich. Sie waren glorreich und veränderten die Welt. …Und dann versauten wir das Endspiel.“ Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Der amerikanische Verteidigungshaushalt wird 2009 astronomische 515 Milliarden Dollar erreichen, vielleicht auch mehr. Bei gleichzeitigen Kürzungen auf dem sozialen Sektor innerhalb der USA bleibt nicht viel Geld übrig, um Afghanistan und den Irak wiederaufzubauen. Ein überlegener militärischer Sieg vermarktet sich eben besser als die Einweihung einer neuen Schule. Doch als George W. Bush im Mai 2003 auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln überschwänglich das Ende der Hauptkampfhandlungen im Irak verkündete, sagten sich die Aufständischen in Bagdad und Kabul vermutlich nur eines: „Wir werden sehen“.

Literatur:
Mary Kaldor: Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung. Frankfurt am Main 2000.
Herfried Münkler: Die neuen Kriege. Reinbek bei Hamburg 2005.

Bilder: Mit freundlicher Genehmigung von Universal Pictures

Über den Autor dieses Artikels: Rasmus Greiner


 

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