
Wachstum, Wachstum über alles ist die heimliche Nationalhymne der Deutschen. Besonders lautstark zu vernehmen seit dem Wiedereintritt der besonders offen wachstumsverliebten Freidemokraten in die Bundesregierung; im Grunde aber ist sie die Grundmelodie für die Politik der letzten Jahrzehnte. Denn sie vereint die widerstreitenden politischen Lager. Alle streben möglichst großes wirtschaftliches Wachstum und materielle Wohlstandsmehrung für so viele wie möglich an.
Nur im Streit um den Weg dorthin unterscheiden sich die handelnden Politiker und Parteien: Steuersenkungen oder staatlich gesetzte keynesianische Wachstumsimpulse; Energie verbilligen oder für „grünes Wachstum“ verteuern; tagesaktuelle Wirtschaftsförderung oder nachhaltig höhere Bildungsausgaben. Im Ziel aber sind sich alle einig; und, dieser Unterton schwingt immer mit: Kommt das Wachstum nicht, stehen schlimmste gesellschaftliche Verwerfungen ins Haus.
Dem stellt der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel in seinem Buch „Exit“ eine gänzlich andere Prognose gegenüber. Erstens: Es wird für lange Zeit kein starkes Wachstum und geben, nicht in den frühindustrialisierten Ländern und zum Ende des Jahrhunderts auch aufs globale Ganze gesehen nicht mehr; eher sogar eine Schrumpfung. Und zweitens: Das ist kein Unglück, sondern für viele Gesellschaften eine Chance.
An diesem Zweiklang orientiert sich die Struktur des Buches, sie zerfällt in die Beweisführung – kein Wachstum – und die Konsequenzen: „Wie wir besser leben können“.
Bilanz
Die Beweisführung ist gründlich und streift vielerlei Aspekte. Das Wirtschaftswachstum in den westlichen Volkswirtschaften ist, rechnet Miegel vor, relativ und absolut seit den 1970er Jahren immer mehr zurückgegangen. Wo dieses Wachstum in der traditionellen Realwirtschaft nicht mehr zu erzielen war, wurde der Umweg über Spekulation und Verschuldung genommen und ein Scheinwachstum erzeugt – mit der Wirtschafts- und Finanzkrise als einem Ergebnis – oder Raubbau an nicht regenerativen Gütern betrieben und die Grundlage für künftiges Wirtschaften damit gefährdet.
Das aber geht zu Ende. Der Raubbau an der Natur wird künftig nicht mehr in vergleichbarem Umfang möglich sein, zumal wenn die bisher armen Länder am Wohlstand der Welt teilhaben wollen. Atembare Luft, sauberes Wasser, fruchtbare Ackerböden und andere elementarste Ressourcen drohen mancherorts bereits zur Mangelware zu werden, wie Miegel mit umfangreichem Zahlenwerk vorrechnet. Menschliche Kreativität mag hier noch manches optimieren können, zaubern können aber auch die Ingenieure nicht.
Es gibt nun aber auch, wie Miegel schon in seiner „Deformierten Gesellschaft“ festgestellt hatte, physischen und mentalen Verschleiß innerhalb der Völker selbst. Miegel zählt dazu – das ist eine der Stellen, an der man in dem Werk eine leicht konservative Note spürt – die nachlassende Bindewirkung etwa der Familien, die niedrigen Geburtenraten, die mäßigen Erfolge bei der Integration von Zuwanderern und die Bildungs- und Ausbildungsdefizite in der demographisch ohnehin dünn besetzte nachwachsenden Generation. Über die Beurteilung dieser Phänomene im Einzelnen wird jeder Leser je nach politischer Färbung etwas anders denken; dass überalterte und innerlich ruhelose Gesellschaften, bei denen zudem relevante Teile der Jugend schlecht ausgebildet sind, nicht mehr so dynamisch wachsen können wie zuvor – und das ist in diesem Zusammenhang das Entscheidende – dürfte freilich nicht von der Hand zu weisen sein.
Soweit, in Auszügen, Miegels Beweisführung. Kein Wachstum, nirgends. Kommen nun also die sozialen Unruhen, vorhergesagt von politischen Auguren verschiedenster Couleur, wenn das Bruttoinlandsprodukt auf Dauer nicht mehr wächst?
Miegel sagt nein, und hier beginnt der zweite, etwas spekulativere, weniger zahlengestützte, aber umso interessantere Teil des Buches.
Einerseits bedeutet mehr Wachstum nicht automatisch mehr Wohlstand. Menschen haben natürlich materielle Grundbedürfnisse. Aber oberhalb einer gewissen Sättigungsgrenze, die Miegel, die Forschung zitierend, mit rund 20.000 US-Dollar Jahreseinkommen sogar in etwa zu quantifizieren können glaubt, gibt es keinen Zusammenhang mehr zwischen Einkommen und Glücksempfinden, zwischen materiellem und ideellem Wohlstand. Weniger Wachstum bedeutet nicht automatisch Elend und Not, nicht objektiv, aber vor allem auch nicht subjektiv.
Andererseits ist das schnelle Wirtschaftswachstum seit der Industriellen Revolution keineswegs ein evolutionärer Normalzustand, sondern im Gegenteil menschheitsgeschichtlich ziemlich einmalig; die alten Agrargesellschaften kannten nur Fluktuation oder allenfalls schleichend langsames Wachstum, ohne dass sie daran zerbrochen wären. Arbeitsplatzmangel schließlich wird es, so Miegel, auch nicht geben, weil zwangsläufig der Energieeinsatz in vielen Teilen der Wirtschaft, etwa im Agrarsektor zurückgehen, menschliche Arbeitskraft wieder an Wert und Wichtigkeit gewinnen wird.
Materiell scheint der Wachstumsrückgang insgesamt also verkraftbar zu sein.
Gewinn und Verlust
Werden ihn die Völker auch psychologisch verkraften? Das scheint nicht so einfach zu beantworten sein. Wachstum ist eine Droge, von der man nicht so leicht loskommt. Miegel stuft das Wachstumstreben als eine veritable Ideologie, eine sinnstiftende Ersatzvision ein, nachdem die Seligkeitsversprechungen der Religionen schwach geworden und mit dem Gleichheitsversprechen des Kommunismus und dem besonders in Deutschland heftig blamierten Nationalismus zwei andere mächtige Ersatzreligionen indiskutabel geworden waren. Der Abschied davon wird für viele ehrlich überzeugte Wachstumsverfechter schwer werden.
Schwer auch deshalb, weil der Geltungsbereich des wirtschaftlichen Wachstums so weitgreifend, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche so weit fortgeschritten ist. Miegels Lieblingsbeispiel sind hier die Lehrpläne der Schulen. Wenn etwa Sport- und Musikunterricht ihre Daseinsberechtigung vorwiegend aus indirekten Wachstumseffekten ableiten – Gesundheit fördert Wachstum, musische Bildung fördert Kreativität, damit Innovation, damit Wachstum –, hängt etwas schief in der Werteordnung.
Darin liegt nun allerdings, das ist Miegels Pointe, auch der mögliche Gewinn durch den Wegfall des Wachstums. An dessen Stelle rücken andere, immaterielle Werte und gewinnen ihre frühere Stellung wieder. Bildung beispielsweise, in einem umfassenden, nicht verwertungsgebundenen Sinn. Länder wie Deutschland oder Frankreich werden ihre Stellung nicht mehr vorwiegend an ihrem Beitrag zum Weltsozialprodukt, sondern an ihren Kulturleistungen bemessen. Gesellschaftliche Bindungen und Bürgersinn werden, zumal der Sozialstaat schrumpfen wird, eine Renaissance erleben; wenngleich wahrscheinlich in neuen Formen.
Gar zu düster ist die Langfristprognose also nicht. Die Übergangsphase mag freilich für manche hart werden.
Trotz gelegentlicher inhaltlicher Wiederholungen aus früheren Schriften, die sich in einem langen Wissenschaftlerleben nicht vermeiden lassen, hat Meinhard Miegel erneut eine lesenswerte und überzeugende Gesellschaftsanalyse vorgelegt. Und einen wohltuenden Kontrapunkt gesetzt zu den um sich selbst kreisenden Wachstumsdebatten der Politik.
Meinhard Miegel: Exit. Wohlstand ohne Wachstum. Propyläen-Verlag 2010. 301 Seiten













