Fünf Minuten, die das Leben einer Schulklasse veränderten
Die vielen Ostalgiepartys der vergangenen Jahre haben mitunter darüber hinweggetäuscht, dass es sich bei der DDR um einen totalitären Unrechtsstaat samt Einparteiendiktatur handelte. Nicht wenige der Schergen des SED-Regimes sind auch heute noch in Amt und Würden, sitzen gar im Bundestag und Landesparlamenten und tun das ihre, den alltäglichen Terror in der DDR zu verharmlosen und eine objektive Aufarbeitung der Geschichte zu behindern.
Mit „Das schweigende Klassenzimmer“ hat Dietrich Garstka nicht nur ein Stück Aufklärungsarbeit geleistet, sondern obendrein eine bewegende und packende Geschichte geschrieben.
Wir schreiben das Jahr 1956. In Storkow, in der Mark Brandenburg, legen Dietrich Garstka und seine Schulklasse, nachdem sie aus dem in der DDR verbotenen Radiosender RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) von der brutalen Niederschlagung des Ungarnaufstands durch die Sowjetarmee erfahren hatten, fünf Schweigeminuten ein.
„Entweder man passt sich an oder man geht seinen Weg“
Was als spontane Aktion geplant war, wird zum politischen Skandal, der eine Lawine lostritt: die Parteiapparate der SED beginnen zu rotieren, die Staatssicherheit nimmt sich des Falls an, und selbst der damalige Volksbildungsminister Fritz Lang fährt eigens nach Storkow, um der Schulklasse mit Rauswurf zu drohen, falls diese den Rädelsführer nicht benennen sollte. Was folgt sind unzählige Beschimpfungen, Verhöre und Untersuchungen, die die jungen Leute über sich ergehen lassen müssen. Doch die Schüler, geeint durch Kameradschaft und Solidarität, widerstehen dem Druck und werden schlussendlich vom Abitur ausgeschlossen und von der Schule verwiesen.
Die 15 Schüler und eine Schülerin, deren Leben sich auf immer verändert hatte, verabreden sich daraufhin zur Republikflucht. Die Flucht, deren Versuch oder Absicht schon vor dem Bau der Mauer strafbar waren, gelingt, und kurze Zeit später treffen sich die meisten von ihnen in Westberlin wieder. Nur ein Jahr darauf legen sie in Westdeutschland geschlossen ihr Abitur ab.
50 Jahre später hat Dietrich Garstka diese bewegende Geschichte authentisch rekonstruiert und jene Zeit noch einmal atmosphärisch aufleben lassen: politischer Terror, Propaganda, Indoktrination, Angst, Bespitzelung, Heuchelei und Klassenkampfrhetorik prägen den Alltag.
Garstkas Buch gibt eindrucksvoll Einblick in jene Zeit und ist Zeugnis darüber, wie junge Menschen, geeint im Glauben an das Rechte, der hässlichen Fratze der DDR-Diktatur trotzen und für ihre Überzeugung einstehen, auch wenn ihnen der Sturm ins Gesicht bläst. „Entweder man passt sich an“, so Garstka, „oder man geht seinen Weg“.
Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer. Ullstein Verlag Berlin, 2006, 256 Seiten, 18 Euro.
Bei Amazon: Das schweigende Klassenzimmer: Eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg














