„Denk ich an Deutschland in der Nacht / Dann bin ich um den Schlaf gebracht / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine Tränen fließen“, schreibt der Dichter Heinrich Heine im Gedicht Nachtgedanken. In seinen Reisebildern schildert er die Eindrücke aus Deutschland. Bei aller Kritik an den unfreien deutschen Verhältnissen der Restaurationszeit bewahrt er sich seine Liebe zum Land seiner Sprache.
Roger Willemsen (*1955), der fernsehgewandte Germanist und Journalist, schreibt als Nachfahre Heines. Doch der Ton ist ein anderer: kalt, abweisend, ja teilnahmslos, richtend über das, was er sieht und was die Massenmedien mit den Menschen alles anrichten. Ein Frühling und ein Sommer lang fährt er durch Deutschland – von Sylt bis zur Wieskirche, von Bonn bis nach Rügen – mit dem Zug, beschreibt Menschen und Orte, auf die er trifft. Es sind scheußliche Orte und hässliche Menschen, alles irgendwie verquer und unendlich banal. Eine Collage der Beliebigkeit. Deutschland – eine Freakshow.
Welches Deutschland hat Willemsen gesucht? Welches Deutschland hat er gefunden? Die einzelnen Beobachtungen, vornehmlich aus Deutschlands Unterschicht, sind sicher glaubhaft, gewandt in Worte gefasst und manchmal von Witz (wie die Beobachtung einer Bonner Abiturfeier), der Leser aber legt das Buch aus der Hand und sagt bei sich: Ist ja gut. Aber die Überschrift führt in die Irre. Es gibt mehr über das Land zu sagen. Fazit: Ein Steinbruch für soziologische Reflexionen.
Wer zu Deutschland etwas erfahren will, das die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße stellt, der lese zunächst den Essay „Deutsche Welten“ von Gustav Seibt (Süddeutsche Zeitung, 26. Nov. 2005). Er nennt Deutschland das interessanteste und geistig freiste Land Europas. Selbstachtung ohne Geltungssucht und Größenwahn, schlägt Seibt vor. Das hätte Heine gefreut
Eine Buchbesprechung von Bbr. Dr. Dieter Jakob, Redakteur
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