Sonntag, 5. Feb 2012

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Entscheidende und verhängnisvolle Mitbestimmung am deutschen Schicksal

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Zum 75. Todestag Paul von Hindenburgs

Solange Kriege geführt werden, haben die Völker erfolgreiche Feldherren als nationale Heroen verehrt und ihnen immer wieder auch die politische Führung anvertraut, hießen die nun in Amerika George Washington, in der Türkei Kemal Atatürk oder in Finnland Gustav Mannerheim. Eher merkwürdig ist es, dass auch Napoleon in Frankreich zu einem solchen Mythos geworden ist, obwohl er das Land schließlich in die totale Niederlage geführt hat. Eine gewisse Parallele bildet in Deutschland Paul von Hindenburg, wenngleich auch er den großen Krieg, der ihn anfangs emporgetragen hatte, schließlich verloren hat.

Ihm widmet der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta eine umfangreiche Biographie. In ihr vertritt er eine überraschend neue Sicht des Feldmarschalls. Seit seinem unvorhersehbaren Aufstieg im Ersten Weltkrieg habe er, kurz gesagt, politische Herrschaft angestrebt und ausgeübt. Das wird auf über tausend Seiten unter Ausschöpfung aller erreichbaren Quellen wie auch der fast unüberschaubaren Literatur detailliert vor dem Leser ausgebreitet. Ausgehend von Pytas Darstellung und Deutung von Hindenburgs Leben sollen hier Persönlichkeit und Wirken dieses einstigen Ehrenmitglieds unseres Verbandes nachgezeichnet werden.

Der 1847 in Posen geborene Sohn eines Offiziers durchlief eine militärische Musterkarriere, auf der er es bis zum Kommandierenden General eines Armeekorps brachte. Nachdem er allerdings 1911 verabschiedet worden war, geriet er bald in Vergessenheit, wurde nicht mehr für eine Verwendung im Kriege vorgesehen.

Doch dessen Ausbruch 1914 brachte die entscheidende Wende im Leben Hindenburgs. Gegen die vorrückenden russischen Armeen wollte der Oberbefehlshaber in Ostpreußen die Provinz aufgeben und sich hinter die Weichsel zurückziehen. Da entsann der Chef des Generalstabs des Feldheeres, der jüngere Moltke, der selbst – durchaus unzulänglich – im Westen sieben Armeen gegen Frankreich führte, sich des hochbefähigten Generals Ludendorff, mit dem er bis 1913 im Großen Generalstab eng zusammengearbeitet hatte. Der hatte eben entscheidend bei der raschen Eroberung der belgischen Grenzfestung Lüttich mitgewirkt. Ihm traute Moltke zu, im Osten als Chef des Generalstabs der dort eingesetzten 8. Armee „die Lage zu retten“. Für den persönlich als schwierig bekannten Mann suchte er als Oberbefehlshaber den General der Infanterie v. Hindenburg aus, der die Verkörperung der Ruhe selbst zu sein schien. Beide machten sich den Plan zu eigen, den der Armeegeneralstab schon selbst gefasst hatte, die russische Narew-Armee im südlichen Ostpreußen einzuschließen und zu vernichten, ohne Rücksicht auf die Bedrohung durch die zweite russische, die Njemen-Armee, die, allzu langsam, von Norden heranrückte. So kam Hindenburg fast zufällig in die Lage, mit der Schlacht bei Tannenberg den ersten großen Sieg der deutschen Waffen zu erringen. Damit war ein Mythos geboren, der die insgesamt erfolgreiche Kriegführung des bald zum Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber Ost ernannten Feldherrn seitdem umstrahlte.

Hindenburg und LudendorffPyta zeigt auf, wie Hindenburg diesen Mythos bewusst und zielstrebig gehegt und gepflegt hat. Er gab Interviews für Journalisten und Schriftsteller, hielt sich mit dem Kunstprofessor Vogel eine Art Hofmaler und ließ es zu, dass der patriotische Kitsch sich seiner eindrucksvollen äußeren Erscheinung bemächtigte. Bald erblickte man sein holzschnittartiges Antlitz auf Kaffeetassen, Bierkrügen und sonstigen Gebrauchsgegenständen aller Art. Ihren Gipfel erreichte diese Bilderkunst später mit den hölzernen Standbildern, die in Berlin und anderen Städten aufgestellt wurden und in die man gegen eine Geldspende zu vaterländischen Zwecken Nägel einschlug.

Als ein entscheidendes Moment in der neuen Rolle Hindenburgs schildert Pyta den mit allen Mitteln der Intrige im Januar 1915 unternommenen Versuch des Oberbefehlshabers Ost, den Generalstabschef Falkenhayn, den Nachfolger Moltkes, aus seiner Stellung als Gesamtleiter der deutschen militärischen Operationen zu entfernen, weil er ihr nicht gewachsen sei. Mit dieser Forderung, die er mit einer Rücktrittsdrohung verband, habe Hindenburg den „qualitativen Sprung zum Politiker“ (S. 160) vollzogen. Auch wenn er damals sein Ziel, den Sturz Falkenhayns, gegen den entschiedenen Widerstand Kaiser Wilhelms II. nicht erreichte, so begann er nun, weil seine ungeheure Volkstümlichkeit ihm eine unangreifbare Stellung verschafft hatte, sich eine politisch-herrscherliche Stellung aufzubauen. Pytas Buch wird bestimmt von der These, die schon im Untertitel zum Ausdruck kommt: Hindenburg habe seit Anfang 1915 zunehmend Herrschaft ausgeübt. Militärisch habe er tatsächlich kaum Wirkung entfaltet, weil ihm dafür die persönlichen Voraussetzungen gefehlt hätten. Vielmehr habe diese Aufgaben allein Ludendorff wahrgenommen. Auch nachdem Hindenburg im August 1916 selbst als Chef des Generalstabs des Feldheeres an die Spitze der Obersten Heeresleitung getreten war, sei es sein „Erster Generalquartiermeister“ Ludendorff gewesen, der die militärische Kriegführung geleitet habe. Umgekehrt erblickt Pyta nicht in diesem, sondern in Hindenburg den Mann, der das ausgeübt habe, was man die Diktatur der Obersten Heeresleitung genannt hat. Der Feldmarschall selbst habe immer wieder in das politische Gebiet eingegriffen: mit dem „Hindenburg-Programm“ zur Steigerung der Rüstungsproduktion, das die Kräfte der deutschen Wirtschaft überdehnte, mit dem Hilfsdienstgesetz, das die Gesamtheit des Volkes in den Dienst der Kriegführung stellen wollte, und sonst allenthalben. Vor allem sei die herrscherliche Stellung Hindenburgs zum Tragen gekommen, als er seit 1917 mit – ganz unmilitärischen – Rücktrittsdrohungen, die er jetzt mit Erfolg einsetzte, die Entlassung von führenden Persönlichkeiten des zivilen Bereichs erzwang: zunächst des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, dann des Chefs des königlichen Zivilkabinetts Valentini und schließlich des Staatssekretärs des Auswärtigen Kühlmann. All das wurde Hindenburg möglich, weil er sich eine unerschütterliche Position geschaffen hatte. Denn die Armee, vor allem aber das Volk erblickte in ihm den Hoffnungsträger, den Mann, der den Sieg im Kriege verbürgte.

In diesen Dingen ist, das zeigt Pyta auf, Hindenburg mehr als man bis dahin wusste selbst bestimmend und nicht nur der Schutzschirm Ludendorffs gewesen. Doch breitet der Autor dieses Bild allzu einseitig vor dem Leser aus. Ludendorff hat seine Energie und seine Willenskraft, mit der er alles zu meistern meinte, keineswegs auf das rein militärische Gebiet beschränkt, sondern viel öfter noch als sein Vorgesetzter in die Politik eingegriffen. Aus eigenen Forschungen weiß der Rezensent, wie etwa in der Frage des Handelskrieges mit U-Booten, der Großbritannien niederzwingen sollte, es Ludendorff gewesen ist, der nicht nur mit den Führern der Marine, sondern ebenso der Politik und der Wirtschaft verhandelt und so die Reichsleitung in die Zwangslage versetzt hat, dem verhängnisvollen Unternehmen, das die Vereinigten Staaten von Amerika zum unüberwindlichen Feinde Deutschlands machen musste, schließlich zuzustimmen. Keineswegs nur in dieser Frage ergänzten die beiden Männer an der Spitze der Heeresleitung sich aufs Wirkungsvollste, sei es bei der Aufstellung weitgreifender Kriegsziele, den Friedensverhandlungen mit Russland in Brest-Liwowsk, oder den Bestrebungen zur Angliederung des Baltikums an das Deutsche Reich. Überall erwies sich Ludendorff als die stets aktive Kraft, während der Feldmarschall ihr seinen Nimbus lieh. Das Bild, das Pyta vom Wirken Hindenburgs als „politischem“ und „charismatischem Herrscher“ zeichnet – so zwei Kapitelüberschriften des Buches –, ist doch wesentlich zu modifizieren. Nicht umsonst notierte der Chef des Kaiserlichen Marinekabinetts Admiral v. Müller, der im großen Hauptquartier ständig mit der Obersten Heeresleitung in Fühlung stand, am 30. Juni 1918 in seinem Tagebuch: „Den Namen Hindenburg kann man ja allmählich auslassen, wie es ja das Ausland schon lange tut.“

Das bittere Ende kam Ende September 1918, als der Generalquartiermeister dem Generalstabschef eröffnete, die Armee stehe unmittelbar vor der Niederlage, sie brauche sofort Frieden und Waffenstillstand. Mit dieser Forderung setzte die Oberste Heeresleitung die neue Reichsleitung des Prinzen Max von Baden unter schärfsten Druck – „die Armee kann keine 24 Stunden mehr warten“, hieß es –, um wenig später, als die Alliierten praktisch die Waffenstreckung verlangten, plötzlich zum letzten Verzweiflungskampf aufrufen zu wollen. Dem konnte und wollte niemand mehr folgen. Ludendorff musste seinen Abschied nehmen. Hindenburg aber blieb auf seinem Posten. Pyta zeigt auf, wie der Feldmarschall erst Wilhelm II. gegen die Forderung nach seiner Abdankung schützte, indem er dafür sorgte, dass der Kaiser aus dem politischen Zentrum des Reiches ins Große Hauptquartier in Belgien zurückkehrte, dann aber, als die Revolution gesiegt hatte, den Obersten Kriegsherrn fallen ließ und zur Flucht in die Niederlande zwang. Jetzt erst nahm Hindenburg tatsächlich eine herrscherliche Stellung im Sinne Pytas ein, auch wenn er nun eigentlich ein geschlagener Feldherr war. Unter der Autorität seines Mythos vollzog sich der geordnete Rückmarsch des Heeres aus den besetzten Gebieten reibungslos.

Hindenburgs Ruhm hat unter der Niederlage nicht gelitten. Von einem ehemaligen General, der zeitweise von unserem Bundesbruder Professor Otto Hoetzsch unterstützt wurde, ließ er seine Erinnerungen schreiben. Sie trugen mit dazu bei, dass der Feldmarschall der Deutschen Heros blieb. So ernannte ihn die 25. Verbandstagung des VVDSt 1920 zum Ehrenmitglied des Verbandes. Schon zuvor aber war auch der Gedanke aufgetaucht, ihm das Amt des Reichspräsidenten zu übertragen, der nach der Weimarer Verfassung vom ganzen Volk gewählt werden sollte. Dazu kam es dann tatsächlich, als der noch vom Reichstag bestellte sozialdemokratische Präsident Friedrich Ebert im Februar 1925 gestorben war.

Eingehend schildert Pyta die komplizierte Vorgeschichte der Kandidatur Hindenburgs. Der Feldmarschall fürchtete um seinen Mythos, wenn er in die politische Arena stieg, sah aber auch die Möglichkeiten, die das mit großen Vollmachten ausgestattete Amt des Reichspräsidenten ihm zu politischer Gestaltung bot. Dies gab schließlich den Ausschlag, und Hindenburg wurde tatsächlich, mit doch nicht allzu großer Mehrheit, in das höchste Amt der Republik gewählt, der er innerlich freilich durchaus fremd blieb.

An die Spitze des Reiches gestellt, trat der charismatische Anteil von Hindenburgs Herrschaft zurück hinter der politischen Wirkungsmöglichkeit. Freilich wurde sie begrenzt durch die Institutionen der Republik und die Regeln der Verfassung. Das Ausführungsgesetz zu Artikel 48 der Weimarer Verfassung, der dem Präsidenten bei einem Staatsnotstand geradezu diktatorische Befugnisse einräumte, wusste Hindenburg – was Pyta nicht erwähnt – zu verhindern, hätte es ihn doch in der Ausübung seiner Herrschaft weiter einschränken müssen. Nun war aber diese Herrschaft für den Marschall-Präsidenten kein bloßer Selbstzweck. Dienen sollte sie dem Wiederaufstieg Deutschlands aus dem Zusammenbruch von 1918. Die Grundlage dieses Wiederaufstiegs aber erblickte er in der Einigkeit, wie er sie im sogenannten August-Erlebnis beim Kriegsausbruch 1914 zu erkennen glaubte. Sie galt es wiederzugewinnen, und danach trachtete Hindenburg mit allen Fasern seines Wesens. Für den naturgegebenen Pluralismus eines zu politischem Bewusstsein erwachten Volkes, das sich zu demokratischer Willensbildung aufgerufen sah, fehlte Hindenburg jeder Sinn. Und die ersehnte Einigkeit konnte er sich nur auf der Grundlage rechtsstehender Überzeugungen vorstellen. Schon der katholischen Zentrumspartei stand er reserviert gegenüber. Linksliberale und sozialdemokratische Einstellungen hatten in seinem Wunschbild keinen Platz. Sie gab es aber bei Millionen Deutschen. Wie sollte da Einigkeit im Sinne Hindenburgs zustande kommen? Sie war von vornherein ebenso eine Illusion, wie sich das Streben nach dem „Siegfrieden“ im Weltkrieg schließlich erwiesen hatte.

In den ersten Jahren seiner Amtsführung trat dieser Widerspruch zurück. Der Reichspräsident nahm seinen Eid auf die Verfassung sehr ernst. Die Politik der republikanischen Regierungen trug er mit, vor allem auch die Verständigungspolitik Stresemanns, bis hin zur Reparationsregelung des sogenannten Young-Plans, wogegen die Hindenburg eigentlich nahestehenden Rechtskräfte in wüstester Weise Sturm liefen. Im Unterschied zu ihnen war dem Präsidenten klar, dass Deutschland nur allmählich, in kleinen Schritten, wieder aufsteigen konnte, und er mahnte zur Geduld.

Die aber verloren die Massen, als die Ende 1929 hereinbrechende Wirtschaftskrise ihnen zunehmendes Elend brachte, vor allem die Arbeitslosigkeit in schwindelnde Höhen trieb. Hindenburg trat der Krise mit dem sogenannten Präsidialkabinett des Zentrumsführers Brüning entgegen, das mit Notverordnungen des Präsidenten reagierte. Pyta macht deutlich, wie Hindenburg sich der ihm zugefallenen Verantwortung für diese Politik stellte, wie stark sie ihn aber auch belastete und wie er sich 1932 eigentlich gegen seinen Wunsch – er sehnte sich im Alter von 84 Jahren im Grunde nach Ruhe – von Brüning und den demokratischen Parteien bestimmen ließ, sich um die Wiederwahl als Reichspräsident zu bewerben, weil nur er – so weit war es schon gekommen – die Präsidentschaft seines Gegenkandidaten Hitler verhindern konnte. Den und seine nationalsozialistische Partei hatte die Wirtschaftskrise steil nach oben gespült. Nur der Mythos Hindenburgs schien ihn noch von der Macht in Deutschland zu trennen. Für Hitler stimmten dann die Anhänger fast aller der Parteien, die sieben Jahre zuvor Hindenburg in das höchste Amt berufen hatten, während dieser jetzt von Zentrum, Linksliberalen und Sozialdemokraten, mit keineswegs überwältigender Mehrheit, wiedergewählt wurde. Hindenburg hat es dem Kanzler Brüning bitter übelgenommen, dass es dem nicht gelungen war, wieder die Rechte hinter ihm zu sammeln und auf dieser Grundlage die Einigkeit, die Volksgemeinschaft im Sinne des Feldmarschalls zu fördern.

Nur wenige Wochen nachdem Brüning kräftig zur Wiederwahl Hindenburgs beigetragen hatte, ließ der ihn fallen. Die folgenden beiden kurzlebigen Präsidialkabinette Papen und Schleicher scheiterten bald. Und bereits im November 1932 eröffnete Hindenburg dem nationalsozialistischen Führer die Aussicht, ihn zum Reichskanzler zu ernennen. Derweilen setzte dessen Partei den Reichspräsidenten auch persönlich unter Druck, warf ihm vor, am 9. November 1918 sich nicht vor seinen kaiserlichen Herrn gestellt zu haben – ein wunder Punkt in den Augen vieler Anhänger der alten Monarchie. Andererseits schienen die Verhandlungen des ehemaligen Reichskanzlers Papen mit Hitler und mit den anderen politischen Organisationen der Rechten, der Deutschnationalen Volkspartei und dem „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“, die Aussicht zu eröffnen, dass die von Hindenburg erstrebte und ersehnte „Volksgemeinschaft“ unter einem Reichskanzler Hitler Wirklichkeit werden könnte. Dem Präsidenten stellte sich die Lage so dar: „Endlich hatten … die bislang verfeindeten Brüder des ‚nationalen Lagers‘ ihre Streitigkeiten begraben und sich der politischen Regie und der Autorität Hindenburgs untergeordnet“ (Pyta S. 801). So entschloss er sich nun, dem Führer der stärksten Partei, dessen Anspruch auf die ganze Macht er bis dahin stets misstraut hatte, die Führung des Deutschen Reiches anzuvertrauen. Und siehe: Hitler schien es als Chef einer alle politisch rechts stehenden Kräfte umfassenden Regierung wirklich zu gelingen, die von Hindenburg ersehnte Einigkeit des deutschen Volkes herzustellen. Dass dazu neben ebenso skrupelloser wie erfolgreicher Demagogie die Unterdrückung jeder abweichenden Meinungsäußerung durch Terror in einem Bürgerkrieg diente, in dem nur die eine Seite bewaffnet war – so später der erste Gestapochef Rudolf Diels –, sah der alte Mann im Präsidentenpalais nicht, wollte es auch nicht sehen. Ihm war es wichtig, dass er, dank des Ermächtigungsgesetzes, politisch entlastet wurde, keine Notverordnungen mehr zu unterschreiben brauchte und ungestört seinen Ruhm pflegen und genießen konnte. In seinem politischen Testament, das der 86-Jährige im Mai 1934, noch immer bei voller geistiger Klarheit, verfasste, meinte er schreiben zu dürfen: „Mein Kanzler Adolf Hitler und seine Bewegung haben zu dem großen Ziele, das deutsche Volk über alle Standes- und Klassenunterschiede zu innerer Einheit zusammenzuführen, einen entscheidenden Schritt von historischer Tragweite getan.“ Tatsächlich hat er als Träger des Mythos, der den Namen des Feldmarschalls seit 1914 umstrahlte, einem der größten Menschheitsverbrecher aller Zeiten den Weg freigegeben. Nach dem Tode des letzten Reichspräsidenten am 02.08.1934 übernahm Hitler auch dessen Amt und konnte nun gänzlich unumschränkt regieren.

Indem Pyta Hindenburg als herrscherliche Gestalt ausweist mit dem Ziele, in Deutschland eine Volksgemeinschaft zu schaffen, eröffnet er eine neue Sicht auf den Mann, der das deutsche Schicksal vor einem Dreivierteljahrhundert entscheidend und verhängnisvoll mitbestimmt hat.

Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007, 1117 S.,
geb. EUR 49,95 brosch. EUR 19,95

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