Erste Biographie über den NS-Rundfunkkommentator Hans Fritzsche erschienen Er gilt heute als der unbekannteste und seinerzeit als der unbedeutendste Angeklagte beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/46. Zweifellos – so Max Bonacker in seiner jüngst erschienenen Biographie über den NS-Rundfunkkommentator Hans Fritzsche (1900–1953) – saß er nur stellvertretend für NS-Chefpropagandist Joseph Goebbels auf der Anklagebank. Ratlos seien die Richter vor ihrem Urteil dem zwar einflussreichen aber doch weisungsgebundenen Funktionär des NS-Propagandaapparates gegenübergestanden. So erkläre es sich auch, dass er freigesprochen wurde.
Selten wird eine Lebensbeschreibung mit der Begründung eingeleitet, warum die untersuchte Vita überhaupt „biographiewürdig“ sei. Dabei hatte Bonacker gute Argumente zur Hand: So reiht er den VDSter Hans Fritzsche in seiner Dissertation in das „Vollzugspersonal“ ein, dessen Funktionieren von ausschlaggebender Bedeutung für das NS-Regime war: „Es hat also durchaus seinen Reiz, die Entwicklung, Karriere und persönliche Verantwortung eines Mannes nachzuvollziehen, der wie so viele andere leitende Ministerialbeamte den Auftrag hatte, die andernorts getroffenen Entscheidungen im Tagesgeschäft umzusetzen.“
Einblick in den Propagandaapparat
Fritzsche – im Reichspropagandaministerium seit 1939 Leiter der Abteilung Deutsche Presse und ab 1942 Leiter der Rundfunkabteilung sowie „Beauftragter für die politische Gestaltung des Großdeutschen Rundfunks“ – war einer der am besten informierten NS-Funktionäre. Einem Millionenpublikum vermittelte er – allein während der Kriegsjahre in 900 bis 1000 Kommentaren – die offizielle Sichtweise und wurde so zu einer weithin bekannten Persönlichkeit. Die Studie untersucht gleichzeitig die Vorstellungswelt, den Charakter und das Handeln eines NS-Propagandisten sowie Aspekte des Alltags der NS-Herrschaft. Dies liegt an der Quellenlage, die nur einen schwierigen Zugang zur Person Hans Fritzsche zuließ, wie Bonacker einräumt. So schilderte er Fritzsche aus dem jeweiligen institutionellen Umfeld heraus. Breiten Raum nehmen die Untersuchung der Kommentatorenrolle Fritzsches sowie der Inhalte seiner Rundfunkkommentare ein. Dies führte den Autor zur Betrachtung der Frage nach Fritzsches Verantwortung.
In maßgeblicher Stellung verantwortlich
Bonacker sieht Fritzsche als in maßgeblicher Stellung verantwortlich für die im Medienbereich lange Zeit vorherrschende scheinbare Harmlosigkeit des NS-Regimes an. Als „Markenartikel“ im Reichspropagandaministerium habe sich Fritzsche profiliert, indem er die Rolle einer „Stimme der Volksgemeinschaft“ eingenommen habe. Eher indirekt habe er dabei die NS-Ideologie wiedergegeben und das Bild eines vergleichsweise objektiven, unideologischen Betrachters vermittelt, wenngleich an seiner positiven Einstellung zur NSDAP kein Zweifel bestanden habe. Fritzsches Mittel sei nicht das „entmenschte Gebrüll“ gewesen, das unser heutiges „Hörbild“ vom NS-Rundfunk bestimmen würde, sondern ein ziviler Ton mit einer fast unbekümmerten, manchmal zynisch bemühten Stimme eines sich auf Formulierungskunst und Ironie verstehenden Menschen: „Doch es war gerade die Normalität, der scheinbare Fortbestand des Zivilen, der garantierte, daß sich die deutsche Bevölkerung in ihrem schichten-übergreifenden Bedürfnis nach Behaglichkeit und bürgerlicher Sekurität einem weltanschaulichen Programm unterwarf, dessen Konsequenz der permanente Krieg war.“
Sympathischer Verführer
Zu seinem eigenen Erstaunen habe es Fritzsche geschafft, sich vor dem Nürnberger Tribunal als unbedeutend und weisungsgebunden darzustellen. Diesen Erfolg konnte er vor den sich anschließenden Spruchkammerverfahren nicht wiederholen. Die deutsche Justiz sah ihn als führenden Propagandisten, der um seiner Karriere willen die verbrecherischen Seiten des Nationalsozialismus ausgeblendet habe. Zwar galt Fritzsche nicht als fanatischer Nationalsozialist, wurde aber laut Bonacker ein sowohl überzeugter als auch effizienter Anhänger der NSDAP. Laut Spruchkammer sei er als „Verführer“ mitverantwortlich für die Verlängerung des Krieges gewesen und wurde daher 1947 zu neun Jahren Arbeitslager verurteilt. Aus diesem wurde er 1950 entlassen. Wäre er nicht kurz darauf gestorben, hätte er als Zeitzeuge eine ähnliche Rolle einnehmen können, wie später Albert Speer. Er „hätte dabei vielleicht sogar einen sympathischen Eindruck hinterlassen“, so Bonacker.
Bleiben wesentliche Seiten des Menschen Hans Fritzsche zwar aufgrund der Quellenlage unbeleuchtet, so gewinnt die Studie spätestens mit dem Beginn von Fritzsches publizistischer Tätigkeit an Kontur: Material- und aufschlussreich ist die Analyse von Fritzsches Tätigkeit als Rundfunkkommentator im Krieg, welche einen breiten Raum in der Arbeit einnimmt. Bonacker erlaubt so einen Einblick in den NS-Propagandaapparat bis auf die Abteilungsleiterperspektive, der die Arbeit wertvoll und lesenswert macht.
Hans Fritzsche und der VDSt
Fritzsche trat im SS 1920 dem VDSt Greifswald bei (Senior im SS 1921). Zum WS 1921/22 wechselte er zum VDSt Berlin (Praktischer FM im WS 1921/22). Im jungkonservativen Diskussionskreis „Juniklub“ war er zusammen mit zehn anderen VDStern stimmberechtigtes Mitglied. Fritzsche (AH Berlin und aoAH Greifswald) war vom Oktober 1933 bis zum Dezember 1934 Leiter des Amtes für Schrifttum im Kyffhäuser-Verband. Damit war er für das gesamte Schrifttum im Verband verantwortlich und Hauptschriftleiter der Akademischen Blätter. Bonacker orientiert sich bei seiner kurzen Betrachtung des Kyffhäuser-Verbandes einzig an der 1971 erschienenen Untersuchung „Studenten in der Weimarer Republik“ von Jürgen Schwarz. So bleiben dem Autor Aspekte des Verbandes und in den Akademischen Blättern zu findende Details über Fritzsche verschlossen, die das Bild seiner Einbindung in die völkische Bewegung ergänzt hätten.
Bei Amazon:Goebbels` Mann beim Radio: Der NS-Propagandist Hans Fritzsche (1900-1953)














