{mosimage}Aus dem Vorwort von Bbr. Dr. Dieter Jakob (Hrsg.): Orient & Okzident. Austausch oder Kampf der Kulturen?, München: Iudicium 2008.
Es ist keinesfalls unangebracht, daran zu erinnern, dass das Verhältnis des vom Christentum geprägten Westens (Okzident) zum vom Islam geprägten Osten (Orient) bei allen Konflikten in Geschichte und Gegenwart auch immer eine Geschichte des Austauschs und der Aneignung gewesen ist. Wie in anderen europäischen Ländern haben Dichter und Gelehrte in Deutschland eine Hingezogenheit zum Islam entwickelt, die dem Verständnis vorausgeht und der so fremden Religion und Kultur den bedrohlichen Schrecken der angsterfüllten Distanz nimmt.
Von den deutschen Dichtern sind vor allen anderen Wolfram von Eschenbach, Lessing, Herder und Rückert zu nennen; das intensivste Verhältnis zum islamischen Orient hat jedoch ohne Zweifel Goethe besessen. Schon in seiner Jugend entwickelte er eine Anteilnahme für die Religion der Muslime, die ungebrochen bis in sein Alter anhielt. Der Koran war ihm so vertraut wie die Bibel. Seine Verehrung bezeugt er vor allem in seinem Werk: Der zweite Teil des Faust wie der West-östliche Divan sind ohne dieses außergewöhnliche Verhältnis nicht denkbar. Beide Dichtungen haben den Charakter eines Vermächtnisses.
Von Goethe sind wir heute weit entfernt. Das zum größten Teil von den Massenmedien erzeugte und unablässig transportierte Bild des Islam im kollektiven Unterbewusstsein speist sich aus einer Angst „vor den Gefahren einer wachsenden Macht des Islam“ , die von einem unabwendbaren clash of civilizations (Samuel Huntington) überzeugt ist. Die nicht ganz neue Vorstellung eines clash of civilizations bezieht sich auf den in den islamischen Ländern entstandenen Islamismus oder politischen Islam, „der zwar vorgibt im Sinne unumstößlicher religiöser Grundsätze zu handeln, weshalb er auch unter der Bezeichnung Fundamentalismus läuft, aber zugunsten seiner politischen Zielsetzungen äußerst willkürlich mit den überlieferten Glaubensvorstellungen umspringt.“ Die Bevölkerung, die Regierungen und die Intellektuellen wissen nicht immer, dem gewaltbereiten Islamismus Kräfte der Abwehr entgegenzustellen, was nicht zuletzt der Erstarrung des traditionellen Islam (und ihren gesellschaftlichen und politischen Folgen) zu verdanken ist. Es scheint, dass Politik und Kultur, Politik und Religion in der islamischen Welt zunehmend verknüpft werden.
Es ist aber auch zu erinnern: Die vom Westen, vornehmlich den Vereinigten Staaten von Amerika, betriebene Globalisierung im Sinne einer weltweiten Deregulierung, Ökonomisierung und technischen Beschleunigung aller Lebensverhältnisse greift tief in politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Traditionen anderer Regionen, Länder und Erdteile ein.
Das Feindbild des gewaltbereiten Islamismus ist der Westen, vor allem repräsentiert durch die Vereinigten Staaten von Amerika, die ihrerseits nach 9/11 gegen diesen Islamismus einen war on terror führen, der aber (bis jetzt) die Konflikte und Krisen eher zu verschärfen scheint. Westliche Aufklärung mit dem Schwert zu verbreiten, erinnert die islamische, voran die arabische Welt fatal an Kreuzzüge und Kolonialismus. Gleichzeitig fühlt sich der erstarrte Islam von der Zumutung entlastet, sich damit auseinanderzusetzen, dass die Welt von einer westlichen Moderne (Globalisierung) bestimmt wird, der man sich nicht entziehen kann durch die Errichtung von Tabus oder indem man dem Westen alles Negative zuschreibt und umstandslos verachtenswerte Degeneration bescheinigt. Dieser Zusammenprall von Kulturen, wie clash of civilizations am ehesten zu übersetzen wäre, hat in der islamischen Welt ein Gefühl der unablässigen Demütigung durch den Westen entstehen lassen, das der gewaltbereite Islamismus nutzt.
Es liegt in der Konsequenz der radikal verkürzten Wahrnehmung, die Droh- und Feindbilder gegenüber allen Einwänden zu stabilisieren. Die Zeugnisse der Kultur des jeweils anderen Kulturkreises scheinen nur dessen Rückständigkeit oder Verworfenheit zu offenbaren, sie müssen, um das Ressentiment zu legitimieren, zurückgewiesen und entwertet werden. Stereotyp und Klischee zeichnen die Bilder des jeweils anderen, gerne im Westen ausgedrückt in Karikaturen.
Stereotyp und Klischee spielen in den vielfältigen Kommunikationsprozessen, denen wir ausgesetzt sind, eine wesentliche Rolle. Im Sinne einfach handhabbarer „Vor“-Urteile ermöglichen sie Kommunikation – so begrenzt, schief und destruktiv sie auch sein mag. Man kann nicht nicht kommunizieren. Gerade in der modernen Welt vielfältigster und nicht mehr überschaubarer Erscheinungen und Beziehungen, in der die Dauerreflexion über den Wahrheitsgehalt einer Annahme nicht möglich ist, erlauben sie, den Faden des Gesprächs aufzunehmen und sich, wie immer vorläufig, zu verständigen – oder auch nicht. (Philosophisch ist zu fragen, ob es andere Urteile als Vorurteile überhaupt gibt.) Das bedeutet, „dass Wirklichkeit in aller Regel ein Konstrukt ist, in das Stereotypen und reduzierte Identifikationen eingehen – eingehen müssen“ .
Stereotyp und Klischee erzeugen Klarheit und erschaffen Gefühle (wie Sympathie oder Hass), indem sie versprechen, die Unlustspannung der Ambivalenz aufzuheben, und sie lassen Grenzen erkennen. Damit üben sie in der in-group soziale Kontrolle aus und gewähren das beruhigende Gefühl gemeinsamer Identität. Bezeichnen der Identität bedeutet Abgrenzung, nicht selten Ausgrenzung. Stereotyp und Klischee sind soziale Tatsachen (selbst wenn sie nur aus wahnhaften Elementen bestehen sollten).
In der Begegnung mit dem Fremden wird auch der magische Aspekt des Klischees deutlich. Es bannt das Unbekannte, Unvertraute. Es kommt unserem Wunsch nach Sicherheit, Dauerhaftigkeit und Gewissheit entgegen. Wir „wissen“, ohne etwas zu wissen, zum Beispiel, ob das Fremde uns bedroht – oder nicht.
Den Ausgleich suchen in Zeiten des Konflikts hat als Voraussetzung die Rückgewinnung des gegenseitigen Respekts, die (zumindest partielle) Auflösung von ins Negative geronnenem Stereotyp und Klischee. Die Frage ist: Aus welchen Quellen schöpft der andere sein Selbst- und Weltbild? Die Religion, die Kultur und hier vor allem die Literatur geben Auskunft – und öffnen die Pforten des Verstehens, durch die hindurchzugehen freilich eine immense Anstrengung kostet (wie jede Aneignung), so wie der Mensch nun einmal beschaffen ist. Es wird verlangt, den anderen quasi durch den Blick seiner eigenen Augen zu sehen.
Kunst und Literatur ermöglichen diesen Blick durch das Prinzip der Schönheit, unter dem sie stehen. Sie sind Türöffner.














