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"Ich versuche jeden zu retten"

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Viele haben den Film „Der Pianist" von Polanski gesehen. Darin geht es um einen Juden, der aus dem Warschauer Ghetto entkommt. Als er halb verhungert gegen Kriegsende in den Ruinen herumirrt, wird er von einem deutschen Offizier entdeckt, der ihm zum Lebensretter wird. Denn er versorgt den Pianisten in seinem Versteck mit Lebensmitteln.

Ich versuche jeden zu rettenWas so unrealistisch wie ein deus ex machina wirkt, hat es wirklich gegeben. Der Offizier hieß Wilm Hosenfeld und starb 1952 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Trotz Bemühungen von polnischen Freunden, darunter des Pianisten Szpilman war er grundlos zu 25 Jahren Straflager verurteilt worden. Jetzt ist seine Biografie erschienen, angereichert mit dem Abdruck vieler Briefe und Notizen dieses ungewöhnlichen Mannes. Uns VDSter geht es etwas an, weil er von einer nationalkonservativen Einstellung geprägt war wie so viele unserer Bundesbrüder zwischen den Kriegen. Vgl. die Rezension „Ein VDster – gesehen von seinem Enkel", Ak. Bl. 2004 / 1

Hosenfeld, geboren 1895, war Wandervogel und meldete sich 1914 kriegsfreiwillig. Nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Niederlage durch Deutschland ihn tief schmerzte, wurde er Volksschullehrer in einem kleinen Dorf bei Fulda. Von der Machtergreifung Hitlers 1933 erhoffte er sich einen nationalen Aufschwung nach dem Versagen der Weimarer Republik. Bald wurde er Mitglied der NSDAP. 1939 wieder eingezogen, kam er als Besatzungssoldat nach Polen. Und hier erlebte er den unmenschlichen Charakter des Nationalsozialismus in der Unterdrückung der Polen und Vernichtung der Juden.

Lange Zeit beherrschten ihn widerstrebende Gefühle. 1941 glaubte er noch, der Krieg gegen die Sowjetunion werde Europa eine gute Zukunft unter Hitlers Führung bringen, obwohl er die deutsche Besatzungspolitik tief verabscheute. Bestimmend waren sein tiefes menschliches Mitgefühl mit allen Leidenden und seine entschiedene Ablehnung jedes Unrechts. Seine niedrige Dienststellung (zuletzt Hauptmann) und sein ausgeprägtes Einzelgängertum ließen ihn nicht zum Glied einer Widerstandsbewegung werden. Aber er griff immer wieder konkret zur Rettung einzelner, Polen und Juden, ein. So gewann er die Freundschaft polnischer Familien und pflegte Umgang mit ihnen, obwohl das verboten war. Als gläubiger Katholik besuchte er befehlswidrig polnische Gottesdienste, ministrierte sogar in Uniform bei einer Priesterweihe im Untergrund!

Was dieses Buch für junge VDSter so lesenswert macht, ist, dass sie hier ein Vorbild für Widerstandshandeln des kleinen Mannes vor sich haben. Hosenfeld schritt vom Denken zur Tat. Mit außerordentlichem Mut versuchte er, „jeden zu retten," der in die unmenschliche Maschinerie nationalsozialistischer Rassenpolitik geriet. Da der 150seitigen Biographie mehr als 850 Seiten Selbstzeugnisse, Tagebuchaufzeichnngen und vor allem Briefe an die Frau, beigefügt sind, kann der Leser gut verfolgen, wie diese Haltung entstand und sich verfestigte. Dabei ist wegen der Zensur der Feldpostbriefe vieles nur angedeutet, z. B. wird die Begegnung mit Szpilman nicht erwähnt – sie ist nur aus dessen Memoiren bekannt.

Diese Aufzeichnungen eines deutschen Besatzungssoldaten zeigen, was jeder wissen konnte, der damals im Osten die Augen offen hielt. Hosenfeld urteilt bereits 1942: „Nun kommt ... das entsetzliche Unrecht der Blutschuld an der Ermordung der jüdischen Bewohner auf unsere Rechnung." „Kann sich denn ein Deutscher auf der Welt noch sehen lassen? Sterben dafür unsere Soldaten draußen an der Front?" Gleichzeitig schreibt er auch: „Ich will nicht glauben..., dass Hitler so etwas will," (!) (S. 626 ff) Später spricht schon er von Millionen ermordeter Juden! Und er wird das nicht nur in seinen Notizen, sondern auch im Urlaub getan haben.

In diesen außerordentlich lesenswerten Briefen und Aufzeichnungen aus Warschau von 1940 – 45, die ja meistens von alltäglichen Anliegen handeln, können wir einen tiefen Blick tun in die Seele und die Gefühlslage der Männer, die der Krieg jahrelang von ihren Familien trennte. Wir erleben das Leid und die Einsamkeit und die tiefe Sehnsucht mit. Und das, obwohl Hosenfeld entgegen den Befehlen seine Frau sogar einmal nach Warschau holte oder mit ihr Urlaubstage bei einem befreundeten polnischen Ehepaar auf dem Lande verlebte, dessen Mann er eigenmächtig aus der Kriegsgefangenschaft entlassen hatte.

Wer sich auf dieses Buch einlässt, lässt sich auf ein ganz besonderes Leseabenteuer ein. Es ist dick wie ein Thriller! Aber er wird es, anders als bei dessen Lektüre, nicht ohne tiefe Erschütterung und sehr bereichert durch die Begegnung mit einem außerordentlichen Menschen aus der Hand legen.

 

Eine Rezension von Hartwig Thieme (VDSt Marburg und Hamburg)

Wilm Hosenfeld
„Ich versuche jeden zu retten" Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern.

Hg. Thomas Vogel. München 2004, 1194 Seiten. DVA. ISBN 3-421-05776-1.

Bei Amazon: »Ich versuche jeden zu retten.« Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern

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