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Am 10. Februar 2008 sprach der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan in der Köln-Arena vor mehr als 20.000 Türken, die nicht nur aus Nordrhein-Westfalen kamen, sondern auch mit Bustransfers aus den Niederlanden anreisten. Seine Rede löste in Deutschland eine Kontroverse aus, denn zuvor hatte er die Schaffung von türkischen Schulen und Universitäten in Deutschland gefordert.
Dass dieser private Auftritt in der Köln-Arena, nachdem das türkische Parlament Auslandstürken das Wählen in den Konsulaten erlaubt hatte, eher ein Wahlkampf-Auftritt war, wurde zur Nebensache. Zentraler Kern Erdoğans Rede ist die Aussage, Assimilation sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Die nächste Integrationsdebatte in Deutschland war entbrannt.
Doch wie steht es nun mit der Integration? Wie steht es konkret mit der Integration von Türken in Deutschland?
Fakt ist, dass 14 Millionen Bundesbürger einen Migrationshintergrund haben, also mindestens ein Elternteil haben, welches nicht in Deutschland geboren wurde. Fakt ist auch, dass etwa 6,7 Millionen Ausländer in Deutschland mehr oder weniger dauerhaft leben. Oberflächlich betrachtet kann man so von etwa 20,7 Millionen Nicht-Deutschen in Deutschland ausgehen. Türken, deren Eltern in Deutschland geboren wurden, fallen nicht in diese Statistik, sofern sie nie einen türkischen Pass besessen haben.
Diese oberflächliche Betrachtung ist grundlegend falsch! Dies aus mehreren Gründen:
Von den 14 Millionen Bundesbürgern mit Migrationshintergrund sprechen fast alle gutes bis sehr gutes Deutsch. Sie sind in Sprachgewandtheit, Dialekt und Einkommen kaum von den einheimischen Deutschen zu unterscheiden. Es ist daher falsch, sie als Nicht-Deutsche zu bezeichnen, zumal im Sinne einer Sprach- und Kulturnation sie der deutschen Kulturnation angehören. Selbiges kann auch für die hier lebenden Ausländer gelten, wenn diese ausreichend gutes Deutsch sprechen und diese sich Deutschland verbunden fühlen.
Die Integrationsdebatte entzündet sich regelmäßig an den Themen Jugendkriminalität und Islam. Themen, die unweigerlich mit ihr verbunden scheinen – zumal schätzungsweise 3 Millionen „Türken“ hier leben. Das Wort „Türke“ habe ich bewusst in Anführungszeichen gesetzt, da nach meiner obigen Definition viele Türken auch als Deutsche gelten können. Zumal die Hälfte der hier lebenden Türken in Deutschland soweit angekommen sind, dass sie besser Deutsch als Türkisch sprechen und in Einkommens- und Familienverhältnissen nicht von deutschen Familien zu unterscheiden sind.
Doch zurück zu den Themen Jugendkriminalität und Islam.
Im Jahr 2006 besaßen 17,5 Prozent der Kriminellen keinen deutschen Pass, bei einem Ausländeranteil von nur 8,7 Prozent in Deutschland erscheint dieser Wert dennoch hoch. Betrachtet man die Aussage des Berliner Innensenators Ehrhart Körting, dass 65 Prozent der jugendlichen Intensivtäter in Berlin einen Migrationshintergrund haben, so kann man ein düsteres Bild von „dem“ Migranten zeichnen. Unter den häufigsten Gründen werden innerfamiläre Gewalterfahrungen, ein fehlender Schulabschluss und archaische Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre genannt.
Dem unbescholtenen Bürger machen diese Zahlen Angst. „Südländisch“ aussehenden Menschen in Deutschland wird daher mit Misstrauen begegnet.
Gleichzeitig findet eine sogenannte „Islamisierung“ Deutschlands statt. Mittlerweile haben die religiösen Türken eine Bevölkerungsstärke erreicht, für die es unzumutbar ist, in Hinterhöfen und Industrierevieren winzige Versammlungs- und Bethäuser zu unterhalten. Einher geht dies mit dem Wandel des Stadtbildes deutscher Städte: Sie werden orientalischer.
Beide Entwicklungen lassen die gefühlte Bedrohung deutlich steigen.
Eigentliches Problem sind aber weder Islam noch die Migranten, sondern die relative Armut in Deutschland – sprich: die Situation der Unterschicht in Deutschland. 10 Millionen Menschen in Deutschland leben in armen oder ärmlichen Verhältnissen, davon erhalten 7,4 Millionen Hartz IV, weitere 300.000 Sozialhilfe. 1,5 Millionen Deutsche zwischen 20 und 60 haben keinen Schulabschluss.
Die Integrationsdebatte entzündet sich regelmäßig an den Themen Jugendkriminalität und Islam
So die Zahlen. Doch hinter diesen Zahlen stehen Millionen von Einzelschicksalen. Hauptproblem ist, dass Angehörige der Unterschicht kaum Möglichkeiten haben, oder besser gesagt: sehen, ihre Situation selbstbestimmt zu verbessern. Hinzu kommen schlechte Schulbildung und Sprachbeherrschung. Dies gilt auch für Deutsche in der Unterschicht, deren Vorfahren nicht aus dem Ausland stammen.
Die Zuwanderung nach Deutschland ist auch in unserer heutigen Zeit nicht gesteuert: Es gibt keine Quoten für bestimmte Ursprungsländer, es gibt kein Punktesystem für Bildung oder Vermögen, wie in den USA. Die Folge ist, dass bevorzugt die Unterschicht fremder Länder bei uns einwandert – sehr zum Missfallen der übrigen Migranten, die hohe Bildung besitzen. Diese Zuwanderer in die Unterschicht dominieren mittlerweile deren Bild in vielen Großstädten. Ironischerweise integriert sich die deutsche Unterschicht in die zugewanderte Unterschicht. Deutliches Zeichen dafür ist die Etablierung einer deutschen Kreolsprache mit simpler Grammatik und eingeschränktem Vokabular, welche auch von Deutschen und nicht nur von Zuwanderern gesprochen wird.
Ursachen für die zunehmende Undurchlässigkeit zwischen der Unterschicht zur Mittelschicht gibt es viele. Die bereits genannten, mangelnde Bildung und Sprachbeherrschung, sind dabei noch messbar. Nicht messbar sind hingegen psychologische Faktoren. Bildungsfeindlichkeit ist dabei ein wesentlicher Faktor. Lehrer in Deutschland haben einen schlechten Ruf. Und dieser Ruf färbt ab: Schüler, die sich in der Schule um Leistung bemühen, sind oftmals Ziel von Anfeindungen. Leistung in der eigenen Bildung ist kein hoher Wert in Deutschland. In keinem anderen Land Europas haben Lehrer so wenig Autorität über Jugendliche wie in Deutschland. Diese Aussichten machen diesen Beruf auch extrem unattraktiv: In der Regel wird nur das schlechteste Fünftel der Abiturienten Lehrer.
Zweiter psychologischer Faktor ist die Abgabe der eigenen Verantwortung an staatliche Stellen und damit auch die Aufgabe des Gestaltungswillens über das eigene Leben und die eigenen Lebensumstände. Diesen Faktor halte ich dabei für gravierender als die Bildungsfeindlichkeit vor allem in der Unterschicht. Diese Verantwortungslosigkeit führt dazu, dass eigenes Versagen der Gesellschaft oder dem Staat angelastet werden, ohne auch nur den Willen zu haben, die eigenen Probleme selbst zu lösen. Politiker nutzen dieses Denken aus, versprechen staatliche Leistungen, ohne auch nur die Selbstbestimmung der Menschen zu fördern. Jeder Politiker, der ein Mehr an Eigenverantwortung fordert, gilt in Deutschland als unsozial. Solche Debatten, wie zuletzt die vor ein paar Jahren von der FDP in den Diskurs geworfene Kontroverse, dass die Falschen in Deutschland die Kinder bekämen, werden schnell abgewürgt.
Zum zweiten Faktor zählt auch die Disziplinlosigkeit. Tabakkonsum, Alkoholkonsum und der Konsum von Fast-Food-„Essen“ sind teuer. Mit Geld hat also die Misere der Unterschicht nichts zu tun, sondern mit deren Lebenswandel. Die Sparquote von Hauptschulabsolventen oder Bundesbürgern ohne Schulabschluss liegt bei 0. Ein mehr an Geld wird in demonstrativen Konsum gesteckt: neueste Kleidung, Unterhaltungselektronik und Oberklasse-Pkw werden angeschafft. Überschuldung ist die direkte Folge. Hinzu kommt kein Verständnis für Familienplanung und Erziehung von Kindern.
Wenn schon Sozialismus versprechen, dann richtig.
Die Folgen für Deutschland sind bereits seit Jahren spürbar: Deutschland hat seit den Fünfzigern keinen Haushaltsüberschuss mehr erwirtschaftet. Die OECD kritisiert die extreme Benachteilung der Unterschicht im Bildungswesen, und Rufe nach Bildungsmindestmaßstäben für Einwanderer, wie zuletzt von Hans-Olaf Henkel gefordert, verhallen ungehört.
Die Lösung ist kostspielig und politisch heikel: Wenn schon Sozialismus versprechen, dann richtig. Ganztagsbetreuung von Kindern im Kindergarten und Schule, Betreuung der Eltern durch Sozialämter und Jobcenter, Kontrolle und Forderung der Unterschicht bedeuten eine ideologische Abkehr von Freiheit und eine Abkehr von bürgerlicher Familienidylle. Ein solcher Weg wird von allen politischen Seiten verhindert. Von den Linken, weil es sie Wählerpotential kosten wird, von den Liberalen, da Menschen vom Staat zu einem gewünschten Verhalten gezwungen werden müssen, von der bürgerlichen Union, da es die staatliche Erziehung vor die Erziehung durch die Familie stellt. Um die Unionspolitikerin von der Leyen ist es aus diesen Gründen in letzter Zeit reichlich still geworden. Leider.














