Auf den ersten Blick glaubt man nicht, wie tief das Bildungssystem in die Gesellschaft eingreift. Aber es begleitet jeden Deutschen buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre. Vom Kindergarten über die Schule in die Universität und von den berufsbildenden Maßnahmen über die täglichen Medien bis hin zu Bildungsangeboten für Senioren. Doch dieses System steckt in der Krise. Überfüllt und unterfinanziert, ineffektiv und unbeweglich, kaum konkurrenzfähig und reformresistent - wenn es dem deutschen Bildungswesen an einem nicht fehlt, sind es wohl Klagen über seinen miserablen Zustand.
Krampfhaft werden angeblich seit Jahren richtungweisende Reformen angestrengt. Schlechte Nachrichten hagelte es dennoch. Auch der jüngste Versuch das Bildungsproblem anzugehen, wird von vielen, wie der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz Prof. Dr. Wintermantel oder dem Präsidenten des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft Oetker, für gescheitert erklärt: „Bund und Länder zeigen sich mutlos. Sie haben das Ziel aufgegeben, mehr junge Leute zur Aufnahme eines Studiums zu motivieren.“ Der mit großem PRAufwand vorbereitete Bildungsgipfel von Bund und Ländern sei sogar ein „schwarzer Tag“ für die Kanzlerin und für die „Bildungsrepublik“ Deutschland.
Freiheit von was?
Abseits aber von der Kritik an den Ergebnissen verwundert allein schon die Tatsache, dass ein nationaler Bildungsgipfel überhaupt notwendig ist. Schließlich hatten sich die Länder gerade erst Ende 2005 fast alle Kompetenzen über die Bildungspolitik in der als „Mutter aller Reformen“ bezeichneten Föderalismusreform erkämpft. Vor allem die CDU regierten Länder wollten damals die Hochschullandschaft grundlegend reformieren, um diese wieder international konkurrenzfähig zu machen. Dabei standen und stehen neben dem Bologna-Prozess vor allem die Wörter Wettbewerb und Freiheit im Mittelpunkt. Die Qualität in Lehre und Studium sollte dadurch verbessert, die Exzellenz in der Forschung weiter erhöht und die Innovationsfähigkeit der Hochschulen insgesamt gestärkt werden. Aber bereits nach drei Jahren hatte der Wettbewerbsföderalismus in den Hochschulen zu Partikularismus geführt.
Der Verlust der Vergleichbarkeit der Abschlüsse und Chaos bei den Zugangsbedingungen waren unter anderem die Folge. Ergänzt mit der Gebührendebatte und dem allgemein schlechten Ruf deutscher Hochschulen führte dies unter den Abiturienten laut Untersuchungen des Hochschul-Informations-System (HIS) von 2006 und des Statistischen Bundesamts von 2008 zu „erheblicher Verunsicherung“. Als Folge sanken, entgegen den Erwartungen eines Studentenbergs, die Zahlen. Das Statistische Bundesamt stellte fest, dass es 2007 im Vergleich zu 2003 wegen der starken Abiturienten-Jahrgänge bundesweit zwar 17 Prozent mehr junge Menschen mit Hochschulreife gegeben habe, doch fünf Prozent weniger Studienanfänger. Insbesondere Frauen und junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern verzichteten häufiger auf das Studium.
Die nie endende Untertunnelung
Die Ursprünge für die Krise des Bildungssystems reichen aber viel weiter zurück. Bereits in den siebziger Jahren bahnte sich ein Studentenberg an, dem damals mit dem „Öffnungsbeschluss“ von Bund und Ländern begegnet wurde. Die Hochschulen sollten dabei etwa ein Jahrzehnt lang eine „Überlast“ an Studenten bei etwa gleich bleibendem Budget und
stagnierendem Lehrpersonal akzeptieren. Doch entwickelte sich diese sogenannte „Untertunnelungsstrategie“ zu einer der größten Lebenslügen in der Hochschulpolitik der Nachkriegszeit. Da die Studierendenzahlen nicht wieder sanken, sondern sogar immer weiter stiegen, vergrößerten sich die Betreuungsrelationen beider Hochschultypen immer weiter.
Kamen noch 1972/73 40 Studierende an den Universitäten und weit unter 20 Studierende an den FHS auf einen hauptberuflichen Professor, so waren es 2005/2006 über 60 an den Universitäten und knapp 40 an den FHS. Aufgrund angeblich schwieriger Haushaltslagen erhöhten die Länder deshalb einfach den regelmäßigen Lehrdeputat der Professoren: von 6 SWS an den Universitäten 1970 auf bis zu sehr hohe 9 SWS heute.
Ab den neunziger Jahren schließlich verschlechterte sich die finanzielle Situation der Hochschulen immer mehr. Gelang es bisher noch die chronische Unterfinanzierung durch ein geringes Maß an Strukturierung und schlechte Betreuung aufzufangen, fielen die deutschen Hochschulen nun im internationalen Vergleich immer weiter zurück und der Ruf nach
Reformen wurde lauter.
Die „Ware“ Bildung
Der Rückzug des Staates aus der Hochschulpolitik hatte aber eine Lücke eröffnet, die inzwischen von Selbsthilfekräften bürgerschaftlichen Engagements ausgefüllt worden war. Unter dem Zwang der zumindest angeblich leeren öffentlichen Kassen und unter dem Etikett eines „zivilgesellschaftlichen Engagements“ griff der Staat die „gemeinnützigen“ Dienstleistungen nur allzu gerne auf. In Nordrhein-Westfalen konnte vor allem das 1994 gegründete Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) so den Umbau der Hochschulen maßgeblich bestimmen. Besonders ersichtlich wird der Einfluss dabei am nordrheinwestfälischen „Hochschulfreiheitsgesetz“, das am Schreibtisch des CHE entworfen wurde und
sogar die Umsetzung in den Hochschulen begleitete. Finanziert durch die Bertelsmann-Stiftung setzt es sich für die Vorstellungen des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn ein, dass „Wettbewerb“ und „die Prinzipien unternehmerischen Handelns zum Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft“ die wichtigsten Merkmale sind. Der Bedeutungswandel von Bildung hin zu einer „Ware“ mit dem Lockmittel angeblicher „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ verschuldete mit das Scheitern des Bologna-Prozesses und die prozentual immer weiter absinkenden Studierendenzahlen.
Dabei zeigen sich gerade in Krisenzeiten die Stärken eines Bildungssystems. Stabilität gewinnen am schnellsten die innovativsten Länder zurück. Deutlich zeigte sich dies schon in den siebziger Jahren als sich Deutschland, vor allem aufgrund fehlender Investitionen im Fachhochschulbereich, aus der Mikroelektronik verabschieden musste. Deshalb müssen Staat und Wirtschaft gerade jetzt in der aktuellen Wirtschaftskrise antizyklisch handeln und in Bildung und Forschung investieren. Laut dem Kurzbericht 18/2008 des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellt dabei aber schon allein die Befriedigung des Ersatzbedarfs an Akademikern ein „ehrgeiziges Ziel“ dar. Der Schlüssel um die Krise aber als Gewinner zu verlassen, kann allein darin liegen das Primat der Bildung endlich umzusetzen.
Einsparungen an anderer Stelle und Steuererhöhungen sind notwendig um Schulen und Universitäten besser zu finanzieren.
Sonst stehen wir am Ende alle mit leeren Händen da. Wenn es dem deutschen Bildungswesen an einem nicht fehlt, sind es wohl Klagen über seinen miserablen Zustand.














