Wir stehen vor großen Entscheidungen und damit sind nicht nur die Wahlen zum Bundestag gemeint. Es wird zwar auch in diesem Zusammenhang bereits von namhaften Medienvertretern öffentlich erklärt, es drohe eine Staatskrise, falls eine neue Regierung die „Probleme des Landes“ nicht befriedigend lösen könne. So weit muss es hoffentlich nicht kommen. Immerhin herrscht aber allenthalben die Einsicht vor, dass noch wesentlich grundlegendere Anpassungen an die neuen Realitäten des 21. Jahrhunderts notwendig sein werden und eine Rückkehr in das Wohlleben und die sozialstaatliche Rundum-Versorgung etwa der 80er Jahre völlig ausgeschlossen ist.
Die Weichen zur internationalen Arbeitsteilung sind längst gestellt. Damit sind „National“- ökonomie und eine souveräne nationale Sozialpolitik wie bisher, nicht mehr möglich. Freihandel bietet jedoch gerade auch für Deutschland insgesamt viele Vorteile und Chancen, die aber nicht sofort spürbar werden und vor allem nicht automatisch allen in gleicher Weise zugute kommen (können). Die meisten Menschen haben jedenfalls die tiefgreifende Zäsur erkannt, die Europa mit den Auswirkungen der Globalisierung erfasst hat. Es vollzieht sich damit ein weiterer Einschnitt in vielfach geschätzte alte Traditionen, diesmal hinsichtlich der fest verankerten Vorstellungen über die Kompetenzen des Staates, insbesondere auch hinsichtlich seiner sozialen Aufgaben und Verpflichtungen. Diese Vorgänge allein böten genügend Grund und Anlass von einer Krise zu reden, zumal sich auch der Protest immer stärker und in unterschiedlicher Form (Wahlen, Referenden) artikuliert. Aber was sollen und können die Politiker in dieser Lage mehr tun als Aktivismus zu zeigen und unumgängliche Einschnitte als Voraussetzungen für eine Lösung der Probleme anzukündigen? Wesentlichen Optionen, wie etwa eine Aufkündigung der Vereinbarungen mit der Welthandelsorganisation (WTO) oder eine wirksame Beschränkung der Auswirkungen der Osterweiterung der EU, stehen natürlich nicht zur Disposition. Der Fahrplan für den Zug steht, die Gleise sind fest verlegt.
In dieses globale und europäische Panorama sind nun zu allem Überfluss auch noch unsere eigenen, hausgemachten Probleme eingebettet. Erst seit wenigen Jahren wird hierzulande vermehrt und intensiv über die „deutsche Krise“ und ihre verschiedenen Teilkrisen öffentlich diskutiert. Viele mögen das Wort „Krise“ schon gar nicht mehr hören, weil sie von solch unerfreulichen Themen in ihrem Privatleben nicht gestört werden wollen oder die Bezeichnung schlichtweg für überzogen halten. Es gibt diese Art von blindem Alles wird-gut-Optimismus, der sich auf Realitätsverlust oder pure Ignoranz gründet. Doch es hilft nichts, denn erstens befinden wir uns ohne Übertreibung auf dem „besten Weg“ in eine wahrhaft existentielle Krise. Zweitens gibt es nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass wir bald über den Berg wären, denn - noch schlimmer - der eigentliche Krisenhöhepunkt liegt immer noch in nebulöser Ferne. Unsere Lage ist nach Einschätzung aller seriösen Beobachter unverändert ernster und schwieriger als die meisten Politiker zugeben und viele Bürger sich eingestehen wollen. Fest steht, dass die Krisen noch weiter eskalieren werden, wenn wir nicht vieles und Grundlegendes in relativ kurzer Zeit ändern. Deutschland kann diese Krise meistern, jedoch bestimmt nicht mit einem „Weiter so“. Mutlosigkeit wäre daher in unserer Lage völlig fehl am Platze und besonders kontraproduktiv. Nicht nur, weil eine solche Haltung jedem dem Leben zugeneigten Menschen widerspricht, sondern vor allem auch, weil die Krisen und das Ausmaß ihrer Folgen vielfach durch Fehlentscheidungen selbst verursacht wurden und damit grundsätzlich beherrschbar und korrigierbar sind.
Die Krise unseres Landes ist somit erfreulicherweise kein unabwendbares Schicksal. Zumal auch immer noch gilt: Probleme sind dazu da, gelöst, und Krisen, bewältigt zu werden. Was für eine große Herausforderung gerade auch für den VDSt und eine wirklich lohnende aktuelle Aufgabe, die zudem, auf heutige Verhältnisse bezogen, sehr gut in die große Linie unserer Tradition hineinpasst!
Selbstverständlich müssen (und können) die hier vorgebrachten, plakativ erscheinenden Aussagen und Behauptungen belegt und begründet werden, wozu aber ein wesentlich größerer Rahmen notwendig wäre. Daher hier nur soviel.
Immer mehr Menschen sind verärgert, enttäuscht, sogar verbittert und fragen sich: Was ist eigentlich mit Deutschland los? Lange Zeit fokussierten viele Mitbürger ihre Zufriedenheit oder vielleicht sogar Stolz auf dieses Land nur noch auf den wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Kriege, unsere wirtschaftlichen Erfolge und unsere sozialstaatliche Absicherung. Darüber hinaus gab und gibt es kaum noch ein einigendes Band. Deshalb lösten die Krisen auf den Gebieten Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Sozialstaat so dramatische Empfindungen und Enttäuschungen aus.
Krisenbewusstsein sucht nach Krisenursachen. Für schlichtere Gemüter ist die Antwort einfach: „Die Politiker“ haben versagt. Wir haben denen „da oben“ (welcher Couleur auch immer) doch ein Mandat erteilt, eine gute Politik für Deutschland und die Deutschen zu machen. Politisch Informierte argumentieren natürlich differenzierter und verweisen u.a. auf die Wiedervereinigung, die EU und die Globalisierung. Sie diskutieren, wie dies zumeist auch bei Politikern geschieht, vor allem über die unübersehbaren Krisensymptome. Tatsächlich liegen die eigentlichen Ursachen und Hintergründe unserer Krise tiefer und für manche verborgener. Wenn man nämlich versucht, unsere „Krise“ oder was man darunter versteht, in diesem Sinne etwas zu strukturieren, stößt man auf mindestens vier Ebenen, die man getrennt betrachten kann, auch wenn sie innerlich in ähnlicher Weise verknüpft sind, wie dies für viele Komponenten eines Staatsgebildes gilt.
In der 1. Ebene Symptome liegen die manifesten Krisenerscheinungen, die fast täglich zu Schlagzeilen führen und Leitartikel füllen: nicht mehr bezahlbaren Sozialleistungen wie Renten, Gesundheit, Hartz IV, ferner Arbeitsmarkt, Konjunktur, Finanzen.
Zur 2. Ebene Strukturen zählen die besondere Art des deutschen Föderalismus, bestimmte, die Machtausübung beeinträchtigende Regelungen des Grundgesetzes, sowie unser Hang zu bürokratischer Über-Regulierung und zu (ausgeuferten?) richterlichen Kontrollen und Entscheidungen , die zusammengenommen als wesentliche Ursache für das „langsamste Regierungssystem der Welt“ angesehen werden. Die Begründung und die Motive für diese „Sonderwege“ sind bekannt. Eine Krise wie die jetzige, wäre allerdings ein guter Anlass, gründlich und mit Folgen über einige, daraus resultierenden Unzulänglichkeiten nachzudenken.
Bei der 3. Ebene wirken sich bestimmte ideologische Vorgaben und Orientierungen belastend aus als Ursache (oder Mitursache) einiger eklatanter politischer und sozialpolitischer Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen (!) und handwerklichen Fehlern. Zu ideologiegesteuerten und damit regelmäßig warnungsresistenten Themen zählen beispielsweise: Steuern, Sozialabgaben, Umverteilung, Einwanderung, Umwelt, Bildung, Bürokratie. Hierin liegt auch der Grund dafür, dass fast alle unabhängigen Autoren aus unterschiedlichen Lagern, den Beginn unserer Krise auf die Zeit vor 30 Jahren ansetzen. Nicht ungefährlich ist es jedenfalls für ein Staatswesen, wenn immer mehr Bürger wichtigen Leitideen, Aussagen und Entscheidungen der politischen Klasse kritisch oder distanziert gegenüberstehen. Dabei geht es nicht um die üblichen Kritikastereien an den einschlägigen Stammtischen, sondern um die Gefahren, die ein grundlegender Vertrauensschwund auslösen kann. Wenn viele Eindrücke nicht täuschen, sind wir bereits an einem Punkt angelangt, an dem die üblichen Beschwichtigungen und Beschönigungen für eine Trendwende nicht mehr ausreichen.
Wir kommen zur 4. Ebene, die ich mit Metakrise bezeichnen möchte. Von einer Metakrise ist zu sprechen, wenn Mentalitätsveränderungen, Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen vieler Menschen als tiefere Ursache für Fehlentwicklungen angesehen werden müssen. Stichworte: Selbstverwirklichung, Ego-Trips, Bindungsscheu, Suche nach möglichst viel Freiheit und Freizeit bei wenig Pflichten, weitverbreitete diffuse und konkrete Ängste, Kulturzerfall, Bildungsmisere und eine „lupenhafte Vergrößerung des Banalen“ (Roman Herzog), kurz das was euphemistisch mit Wertewandel bezeichnet wird, also der vorherrschende Geist der Zeit. Für viele gilt nur noch das Heute ...und schnell weiter. „Die Gesellschaft wird maßlos genannt, weil sie das Maß los ist. Wir haben Werte und Normen, Orientierungsmarken und Maßstäbe verloren“, so Peter Hahne in seinem gerade in diesem Zusammenhang lesenswerten Buch „Schluss mit lustig - Das Ende der Spaßgesellschaft“). Dazu zählt übrigens auch die „Diskriminierung des Alterns und der Alten“ (Schirrmacher).Zu den erschütternden Ergebnissen der Pisa-Studie gehört übrigens auch der Verlust ganz banal erscheinender Kenntnisse und Fähigkeiten von Hauptschülern. So konnten 12 % von ihnen den Grund, warum man Wäsche in Krankenhäusern kochen muß, nicht angeben.
Auch wenn es einige nicht hören mögen, immer mehr führende Köpfe des Landes haben inzwischen deutlich erkannt, welche bedenklichen Langzeitfolgen der Marsch durch die Institutionen und in die Gehirne der Menschen verursacht haben.
Die Metakrise ist in besonders auffallender Weise Hauptursache für unsere Mega-Krise: Bevölkerungsentwicklung. Unsere demographischen Probleme stülpen sich wie ein überdimensionaler Mehlsack über allen anderen Einzelkrisen. Jedem, der sich nur ein wenig über die harten Fakten der Demographie informiert, wird schnell klar, dass sie sehr wenig Spielraum für beruhigende Aussagen zulassen, dass hier vielmehr eine Zeitbombe mit zunehmender Implosionsgewalt tickt. Um es ganz deutlich zu sagen: Wenn die Deutschen sich nicht noch einmal zu einer großen Trendwende aufraffen, ist ihr Schicksal besiegelt. Dann gibt es (in einem multikulturellen Staat?) am Ende dieses Jahrhunderts vielleicht noch 20 bis 25 Millionen Autochthone. Dies ist alles andere als eine übertriebene apokalyptische Beschreibung, sondern Ergebnis einer Faktenanalyse, die an vielen Stellen nachgelesen werden kann. Und wenn schon, so sagen einige, schon viele Völker sind in der Geschichte untergegangen. Stimmt. Wobei es aber immer noch einen Unterschied ausmacht, ob sie sich dagegen aufgebäumt oder sich fatalistisch ihrem Schicksal ergeben haben.
Obwohl die vier Krisenherde zusammenhängen und fast gleichzeitig behandelt werden müssen, sollte (im Unterschied zur politischen und öffentlichen Aufmerksamkeit) der Schwerpunkt in der vierten Ebene ansetzen. Hier liegt die eigentliche Krise. Denn ohne den Geist in diesem Land zu mehr Optimismus, Vertrauen, Opferbereitschaft, Leistungsbewusstsein und wettbewerbsfähiger Bildung, ja hin zu einer Aufbruchstimmung zu bewegen, wird keines unserer Probleme wirklich gelöst werden. Mit bürokratisch-administrativen Regelungen, finanziellen Umschichtungen und einem flach verwurzelten, Spaß und Freizeit anbetenden Schlendrian geht es gewiss nicht, wie wir zur Genüge gesehen haben. Es bedarf neuer Werte und einer neuen, positiveren Stimmungslage in Politik und Gesellschaft. Wie herbeiführen? Dies ist natürlich die Frage. Am besten durch Einsicht, Vorbilder, Vermittler (Medien). Doch, wie der Mensch nun einmal ist, lernt er, wie das Sprichwort sagt, bedauerlicherweise meist erst in der Not beten. Was ins Säkulare gewendet bedeutet, ernste Zeiten, bei denen es „Schluss mit lustig ist“, erzeugen fast von selbst die nötigen Verhaltensweisen und Einstellungen.
Selbst viele junge Menschen erkennen, dass die beliebte Party zu Ende geht, auch wenn das Orchester auf der Titanic noch für Stimmung sorgt. Natürlich geht es nicht darum, jetzt umgekehrt eine miese Stimmung zu verbreiten oder ständig traurig in die Welt zu blicken, sondern, im Gegenteil, möglichst viele Muntermacher, Aufmunterer und Begeisterte an die neuen Aufgaben heranzuführen. Dies macht aber eine vorangehende nüchterne Bestandsaufnahme und schonungslose Diagnose notwendig. Auch im Sinne von Meinhard Miegel, der überzeugend beschrieben hat, warum ausgeprägt individualistische Gesellschaften sich in wenigen Generationen selbst zerstören.
Immerhin scheint eine Trendwende bei der Metakrise geschafft zu sein. Viele Publikationen, die einst zu den Wegbereitern der Kulturrevolution gehörten, haben erkannt, dass wir aus unserer Krise nur herauskommen, wenn wir uns wieder an das erinnern und zeitgemäß praktizieren, was summarisch mit preußischen Tugenden bezeichnet wird. Viele, vor allem auch junge Menschen strengen sich an, wollen etwas leisten, ihren Einsatzwillen unter Beweis stellen. So gibt es von Deutschland selbstverständlich auch sehr viel Gutes und Positives zu berichten. Noch ist die Substanz des Volkes für einen notwendigen Neubeginn vorhanden. Was noch fehlt, sind angepasste politische Strukturen und eine Neujustierung der Verhaltensweisen und der maßgebenden Leitbilder. Was auch noch fehlt, ist das Vertrauen in eine Politik, die (bei aller Weltoffenheit) an Deutschland und seiner Zukunft wirklich und deutlicher erkennbar interessiert ist als dies in der Vergangenheit oft der Fall war, die die Opfer der veränderten Verhältnisse, so weit dies möglich ist, einigermaßen gerecht verteilt, die handwerklich gute Gesetze beschließt, Hemmnisse auf vielen Gebieten abbaut(!) und insbesondere eine neue zukunftsfähige Stimmungslage initiiert -(!)oder wenigstens fördert. Bei diesem Prozess würde eine Besinnung und Rückbesinnung auf das Eigene, insbesondere auf die guten Zeiten unserer Geschichte und die großen kulturellen Leistungen, selbstverständlich ohne jede Überheblichkeit, auch und gerade bei der Überwindung der Krise Wunder wirken. So beklagt auch Peter Hahne „den Ausverkauf der eigenen Kultur, für den es weltweit kein Beispiel gibt.“
Andere werden fragen, ob wir Deutschland überhaupt so wichtig nehmen dürfen oder können. Wir haben doch Europa und wir sind weltoffen. Dies ist wahr und richtig. Immerhin muss aber auch gefragt werden dürfen,(!) welches Europa und welche Welt? Vor allem haben wir doch gelernt, Sonderwege zu vermeiden und sollten daher so europäisch und so weltoffen, aber auch ebenso nationalbewußt sein, wie dies bei unseren Nachbarn und auf der ganzen Welt der Fall ist. Jedenfalls sind dies meine Eindrücke aus Aufenthalten in über der Hälfte aller Länder der Erde in allen Kontinenten. Ich sehe mich darin auch in völliger Übereinstimmung mit unserem Bundespräsidenten Horst Köhler, der feststellte: Überall auf der Welt bräuchten die Menschen „etwas, mit dem sie sich identifizieren wollen, das ihre Gefühle anspricht und räumlich abgrenzbar ist.“
Dies gibt uns die Berechtigung für unsere Aussage: Für ein neues deutsches Selbstbewusstsein!
Literaturempfehlung der Redaktion:
Die blockierte Gesellschaft, Werner Kunze, Hohenrain
2005; Euro 17,50, broschiert














