Montag, 21. Mai 2012

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Im Hagelsturm

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Im Hagelsturm; Quelle: sxc.hu st2v3

„Es ist gut so“, murmelt Senator Buddenbrook, gepresst, verstört, aber auch ein wenig erleichtert, als ihn die schlimme Nachricht erreicht. Ausgerechnet auf der Hundertjahrfeier des Familienunternehmens. Wieder einmal hat ihn ein wirtschaftlicher Rückschlag ereilt; die waghalsige Spekulation, auf die er sich gegen alle Familientradition eingelassen, hat sich in Luft aufgelöst, oder besser: im Hagel. Der hat nämlich das Getreide, das Buddenbrook einem in Not geratenen Gutsherrn vorzeitig billig abgekauft hatte, noch auf dem Feld vernichtet. Aber: Es ist gut so. „Mit gelösten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fünf Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen, schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen Gästen zu gehen.“

Ein ganz ähnliches Gefühlsgemisch wie der Senator Buddenbrook im Roman von Thomas Mann empfindet die Volksseele in der Krise. Einerseits das Gefühl, Opfer einer Art Naturkatastrophe geworden zu sein, es beim globalen Finanzmarkt mit einem Phänomen zu tun zu haben, das schon gar nicht Einzelne, aber auch nicht die vertrauten Kräfte aus der Politik kontrollieren können; andererseits ein dumpfes Bewusstsein der eigenen Mitverantwortung. Wut ist da, aber man hält sich im Zaum. Zu sehr weiß das Volk der Kleinanleger instinktiv darum, dass es selber mitgespielt hat in diesem Spiel, zu gutgläubig auf die neuartigen Instrumente aus der Zauberkiste der Finanzmagier vertraut, zu bereitwillig die Renditeversprechen geglaubt hat. Niemand wollte Spielverderber sein, solange das Spiel gut lief und Gewinn abwarf: nicht die Ökonomen, nicht die Politik; aber die Bankkunden eben auch nicht. Die Krise ist wie das Aufwachen aus einem Rausch: unangenehm, ein wenig gewaltsam, mit einem langem Kater; aber auch, am Ende, befreiend. Es – ist gut so.

Das ist ein Grund dafür, dass in Deutschland die größte Krise seit dem Krieg bisher auf eine erstaunliche Gelassenheit trifft. Natürlich nicht der einzige. Bis die Finanzmarktkrise die Realwirtschaft erreicht und von dort die Einkommensentwicklung und den Arbeitsmarkt, das braucht seine Zeit; der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht, die Stimmung wird sich noch verschlechtern. Vielleicht wird sie so depressiv werden wie 2003 und 2005, wenn die Wirtschaftsleistung wie prognostiziert auf das Niveau dieser Jahre zurückfällt und auch die Arbeitslosigkeit wieder in frühere Höhen steigt. Aber auch das wird nicht zu Unruhen führen. Arbeitslose und andere Krisenverlierer sind leidlich versorgt im deutschen Sozialstaat. Das unterscheidet die jetzige Krise ganz wesentlich von der Depression der Dreißiger; zeigt die Bedeutung der Sozialsysteme als Garant gesellschaftlichen Friedens. Und wie wichtig es ist, sie auch in einer globalen Wirtschaft zu erhalten. Was auch heißen kann, sie dynamisch anzupassen und manchmal zu beschneiden; aber mit Akzent auf dem Erhalten, nicht auf dem Beschneiden. Im Grunde, kann man sagen, wird das ganz auf Sicherheit gebaute rheinische Kapitalismusmodell von der Krise mehr bestätigt als in Zweifel gezogen.

Ohnehin sind die Deutschen gerade sehr zufrieden mit sich. Wie dem Senator Buddenbrook verhagelt die Krise ihnen zwar ein Jubiläum; 2009 wird ja nicht nur viel gewählt, es werden auch manche Jahrestage begangen. Wie Buddenbrook lassen die Deutschen sich ihr Jubiläum aber nicht verderben. 60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Mauerfall: Das wird gefeiert, und zum ersten Mal weitgehend unbeschwert von den Schatten der Vergangenheit. Deutschland baut sich sogar wieder Denkmäler. Denkmäler, nicht mehr nur Mahnmäler. Ein Freiheits- und Einheitsdenkmal ist in Planung. Das Stadtschloss ersteht wieder in wilhelminischer Pracht, Berlin bekommt nun auch baulich echten Hauptstadtcharakter. Die Republik richtet sich ein in ihrem Wohnzimmer.

Freilich, die gute Stimmung wirkt ein wenig künstlich, und nicht erst durch die Krise. Wer genau hinschaut, sieht die Zerfallserscheinungen, die sich unter der glänzenden Oberfläche verbergen. Wie auch Thomas Buddenbrook, den angesichts eines prächtigen Hauses und seines neuen Senatorentitels die dumpfe Ahnung überkommt, dass „oft die äußerlichen, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am hellsten strahlt.“

Das deutsche Licht flackert bedenklich, seit langem schon, und Verbesserung ist nicht in Sicht bei den großen Strukturproblemen, die das Land hat. Der Abbau des riesigen Schuldenberges, den Regierungen in vierzig Jahren angehäuft haben, ist für die nächsten Jahre auf Eis gelegt, die Finanzplanung wird von immer höheren Zinszahlungen stranguliert. Die demographische Entwicklung bleibt ungünstig, die Geburtenrate niedrig, die Gesellschaft bereitet sich auf Vergreisung und Schrumpfung vor bis hin zur Entvölkerung ganzer Landstriche. (Auch das mag übrigens ein Grund sein, warum die sozialen Unruhen ausbleiben: Alte Gesellschaften sind nicht revolutionär.) Von den wenigen jungen potentiellen Leistungsträgern, die das Land noch hat, bleiben viel zu viele auf der Strecke in einem Bildungssystem, das Mittelmaß fördert, aber keine Leistungseliten hervorbringt und Förderbedürftige am Wegrand zurücklässt. Überproportional viele gerade unter den Migranten, bei denen eine zielführende Integrationspolitik immer noch in den Kinderschuhen steckt. Folge von alldem: Der produktive Kern der deutschen Gesellschaft schrumpft gefährlich zusammen, während die Verpflichtungen wachsen.

Diese Probleme sind, das ist die gute Nachricht, anders als die Wirtschaftskrise noch ganz wesentlich im nationalen Rahmen zu bearbeiten. Über deutsche Finanz-, Familien-, Bildungs- und Integrationspolitik wird in Berlin entschieden, hier hat die Politik noch Einfluss und ist nicht nur Spielball unkontrollierbarer globaler Marktmächte; kann gestalten und ist nicht nur willkommen, wenn es darum geht, nach einem Crash die Trümmer zusammenzufegen.
Die schlechte Nachricht ist, dass man von diesem Einfluss nicht viel spürt. Anders als ein anderes, freilich globales Nachhaltigkeitsthema, die Umwelt nämlich, haben es diese Themenfelder nicht geschafft, aus ihrem Schattendasein herauszutreten. Sie sind keine Stimmungsmacher. Was freilich auch heißt, dass sie zu einem guten Teil im Stillen bearbeitet werden könnten, fernab des Wahlkampftreibens. Das wäre wichtig; wichtiger als manche fragwürdige Unternehmensrettung. Wenn wir noch einmal bei Thomas Mann nachlesen: Gescheitert sind die Buddenbrooks am Ende nicht wegen wirtschaftlicher Rückschläge; sondern an nachlassender Schaffenskraft und weil der letzte Spross der Familie für das Erbe nicht taugte und, schwach an Lebenswillen, sich einem Typhusleiden ergab. Wirtschaftliche Rückschläge, auch einmal eine längere Durststrecke, das kann ein Volk verkraften. Dass seine Kernsubstanz zusammenschmilzt, sein Humankapital nämlich, verträgt es nicht.

Die Krise ist demgegenüber ein peripheres Phänomen, dessen Hauptgefahr darin besteht, den Blick auf die Kernprobleme zu verstellen. Gelassenheit, gepaart mit ein wenig Selbsthinterfragen, ist genau die richtige Reaktion darauf. Die vielen kleinen Dauerkrisen im Lande hätten dagegen ihre eigene Krisenstimmung verdient. Wenn es um sie geht, ist Ungeduld eine Tugend.

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