Welchen Sinn macht Medienethik, oder: Welchen Gebrauch machen wir von der inneren Pressefreiheit? Wenn wir von Pressefreiheit reden, so legt die Geschichte nahe, an äußere Behinderung oder Gefährdung zu denken. Demokratien rühmen sich, der Pressefreiheit Geltung verschafft zu haben. Man spricht nicht selten sogar von der „vierten Gewalt“ im Staate oder dem „Wächteramt“ der Presse, welche die Aufgabe habe, den Bürger über Nähe und Ferne objektiv und wahrheitsgemäß zu „orientieren“.
Das trifft sicher auf den verantwortungsbewussten Journalismus zu, doch die Beobachtung der heutigen Medien lehrt, dass sich auch ganz andere Tendenzen im Journalismus breitmachen und breitgemacht haben, wobei Medienmacht und Medienverantwortung nicht mehr in Übereinstimmung gebracht werden können.
Jeder Beruf steht in einem Gerüst normativer Vorgaben. Mit dem Nachdenken über die Grenzen beruflichen Handelns betreten wir das Feld der angewandten Ethik. Julian Nida-Rümelin, der ehemalige Kulturstaatsminister im Kabinett Schröder und Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Universität München, hat einen Sammelband über Berufsethiken vorgelegt, der eine vorzügliche Orientierung in diesem Feld darstellt. Darin behandelt Will Teichert, Soziologe und Professor am Institut für Kultur- und Medienmanagement in Hamburg, das Kapitel Medienethik. Die nachfolgenden Ausführungen fassen die Thesen dieses Textes zusammen.
Das Thema „Journalismus und Ethik“ wird in der öffentlichen Diskussion mit einer eigentümlichen Ambivalenz behandelt. Zum einen spielen Medien (vor allem die Boulevardpresse und Bildschirmmedien) eine immer größere Rolle, d.h. werden von Kunden angenommen, zum anderen verstummt die Klage nicht über Fehlentwicklungen im Mediengeschäft, d.h. über den skandalträchtigen Journalismus, „dem Auflagen, Quoten, schlicht das Geschäft die alleinige Maxime des Handelns zu sein scheint“ Herbert Riehl-Heyse (Süddeutsche Zeitung) schrieb schon 1992: Stellen wir also nur sachlich fest, dass in den letzten zehn Jahren der Umgang mit Ruf und Integrität des Menschen in bestimmten Medien nicht nur in Deutschland eine ganz erstaunliche Wendung ins Katastrophale genommen hat – und dass dagegen offenbar alle medieneigenen Kontrollmechanismen zu versagen scheinen. Bestimmte Medien produzierten dabei immer häufiger Kunstprodukte, die keine Entsprechung in der Realität hätten und deren Wahrheitsgehalt sich nicht überprüfen lasse. Der Kunde (vom Bürger ist schon lange nicht mehr die Rede) werde zum Narren gehalten.
Krisensymptome im Journalismus
Die Krisensymptome im Journalismus sind mit den genannten Problemfeldern (Skandaljournalismus, Enthüllungsjournalismus, Boulevardisierung, Trivialisierung, infantile und heuchlerische Moralisierung) noch nicht vollständig erfasst. Hinzu kommt ein immer stärker werdender Gefälligkeitsjournalismus (Kampagnenjournalismus bis Product Placement) und die allgemeine Vermischung zwischen Medien- und Warenwelt. Die zunehmende Marktorientierung der Medieninhalte ist nicht zu übersehen.
Ein Sonderfall betrifft die veränderten Beziehungen zwischen Politik und Medien. Die Politik scheint immer mehr zu einer Sparte der Unterhaltungsindustrie zu werden. Der Zwang zur medialen Prominenz ist heute unerbittlicher denn je, wie sich vor allem an den Wahlkämpfen ablesen lässt. Nicht selten beugen sich dabei die Politiker den Inszenierungsvorgaben der Medien. Andererseits benutzen sie gerne die Inszenierungspotentiale der Medien, um größtmögliche Medienwirksamkeit zu erreichen. Um welche Verschränkungen es sich dabei handelt, sei mit den Stichworten ‚Berlusconi’ oder ‚embedded journalism’ (Irak-Krieg) angedeutet. Das Ergebnis: Politik und Medien verlieren gleichermaßen an Glaubwürdigkeit und Ansehen. Es ist etwas anderes, einen Bürger (objektiv, wahrheitsgemäß, verantwortungsbewusst) zu informieren als einen Kunden (und das oft auf zweifelhaftem Niveau) zu unterhalten.
Die Medienkritik hat die grundlegenden Defizite längst benannt:
▪ Die trivialen Medien, für die allein das Mediengeschäft zählt, entziehen sich immer mehr berufsethischen Ansprüchen. Zugleich werden ihre Inhalte (im Namen der Skandalisierung) von einem infantilen Moralismus geprägt. Heuchelei und Zynismus prägen diese Berufsauffassung.
▪ In Konfliktfällen geht es statt um ethische Reflexion nur um juristische Absicherung. Die konkreten Bedingungen des berufsethischen Handelns im kommerziellen, rein wettbewerbsorientierten Journalismus werden ausgeblendet.
Rahmenbedingungen der journalistischen Arbeit
Die skizzierten Entwicklungen in den Massenmedien (in den westlichen Demokratien) sind nicht zu verstehen ohne die Kenntnis der Rahmenbedingungen journalistischer Arbeit.
Die westlichen Demokratien leben von der verfassungsrechtlich garantierten Freiheit der Information, ihrem freien Zugang und ihrer freien Verbreitung. Das ist – angesichts massiver Beeinträchtigung der Pressefreiheit in vielen Ländern – ein hohes Gut und nicht selbstverständlich. Es gibt aber auch in den westlichen Demokratien Verletzungen dieser Prinzipien; sie betreffen in erster Linie nicht die äußere, sondern die innere Pressefreiheit. Die wesentlichen Stichworte sind:
▪ Ökonomisierung und Internationalisierung nationaler Medienmärkte
▪ Deregulierung und Privatisierung nationaler Medienkompetenz (Optimierung des Marktprinzips, Erosion der kulturellen Souveränität einer Gesellschaft, Homogenisierung der Inhalte, Kulturimperialismus)
▪ Unternehmerische Konzentration (Veränderung der Relation zwischen Druckmedien und elektronischen Medien, ‚Cross-ownership’)
▪ Prioritätenänderung bei den Inhalten (Unterhaltung und Service verdrängen intellektuelle Mindeststandards, ‚Infotainment’)
Dass diese Entwicklungen ihre Auswirkung auf die journalistische Praxis haben, kann nicht überraschen. Insofern verändert sich auch das Berufsfeld des Journalismus. Aus dem Anspruch an die Leser wird die Akzeptanz bei den Kunden. Die Werbung als Basis der Wirtschaftlichkeit wirkt verstärkt auf die journalistische Arbeit ein. Journalistische Qualität und ökonomische und organisatorische Rationalität geraten immer mehr in Widerstreit, bei dem im Zweifelsfalle die Qualität als entbehrlich angesehen werden kann. (Ein deprimierendes Beispiel liefert die Geschichte der einstmals wegen ihrer Qualität hochberühmten englischen Zeitung The Times. Als Teil eines globalen Medienunternehmens ist sie nun – rein marktwirtschaftlich ausgerichtet – zu einem ordinären Boulevardblatt verkommen. )
Ethikansätze
Die Medienkritik hat verschiedene Ethikmodelle für den Journalismus formuliert, die allesamt den Charme haben, vor allem auf dem Papier zu stehen. Ob nun ethische Mindeststandards bei den Journalisten selbst, bei den Berufsvertretungen, bei dem Medienunternehmer oder beim Publikum eingefordert werden, die Praxis scheint über alle diese Modelle hinwegzugehen. Das heißt nicht, dass es keinen verantwortlichen Journalismus mehr gibt, sondern nur, dass ihm immer mehr – im Namen des Profits – der Boden entzogen wird.
Die Liberalisierung der Medienmärkte hat marktwirtschaftliche Kräfte freigesetzt, schreibt Will Teichert, die Regulative für das journalistische Handeln schaffen, ohne hinlänglich deren soziale und gesellschaftliche Verträglichkeit zu reflektieren.
Die im Namen des Profits organisierte und zunehmende „gesellschaftliche Bewusstlosigkeit“ der Massenmedien trägt zur Destabilisierung der Gesellschaft bei.
Es ist zu fragen: Welchen Klang bekommt bei diesem Befund das Wort Pressefreiheit in den westlichen Demokratien? Von den neoliberalen Marktfundamentalisten wird gern behauptet, in Anlehnung an Adam Smith, dass Gottes ‚invisible hand’ (unsichtbare Hand) die unzähligen Akte individuellen egoistischen Profitstrebens in allgemeinen Wohlstand überführen würde, d.h. dass in die (absolute) Freiheit des Marktes nicht eingegriffen werden dürfe. Margaret Thatcher zum Beispiel sagte immer wieder: There is no such thing as society. Was dabei gerne vergessen wird: Bei Adam Smith funktioniert der Markt nur auf der unbezweifelten Grundlage gemeinsam geteilter moralischer Überzeugungen in der Gesellschaft, die nicht dem Markt unterworfen werden dürfen. Wie wäre dann eine Entwicklung zu benennen, die heute im Namen der Freiheit eine amoralische ökonomische Theorie hervorbringt?
Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Stuttgart 2005, 933 S. 49 €.














