Montag, 21. Mai 2012

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Kampagne "Du bist Deutschland"

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www.du-bist-deutschland.deZu den tieferen Problemen unseres Landes gehört der Umstand, daß viele älter werdende Menschen Anpassungsnotwendigkeiten aufgrund veränderter Verhältnisse scheuen. Die meisten wünschen sich eine Fortdauer des status quo. „Wenn es so bleibt, bin ich zufrieden“ – so kann man es allenthalben hören. Aber auch diese Altersgruppe weiß oder fühlt inzwischen, daß es ein „Weiter so“ nicht geben kann. Menschlich verständlich, aber nicht frei von irrationalen Erwartungen, appellieren viele dennoch an die Politiker: „Schütze mich vor möglichen Einschnitten in meinem Leben. Sorge dafür, daß sich möglichst nichts ändert.“  Wenn es in der Kakophonie der Meinungen und Vorschläge zur Lösung unserer Krise eine weitgehende Übereinstimmung gibt, dann ist es aber gerade die, daß es eben nicht so weitergehen kann wie bisher. Jedenfalls auf vielen Gebieten. Da der Zielbahnhof „Krisenüberwindung“ auf den eingefahrenen Gleisen ganz offensichtlich nicht erreicht werden kann, wäre jetzt nicht zuletzt die Kreativität der Jugend, ihre Bereitschaft und ihr Mut, neue Wege zu beschreiten, von Nutzen. Aber ihre Stimmen kommen gegen die Bedenken der Älteren oft nicht an. Hinzu kommt, daß es auch genügend jüngere Menschen gibt, die sich in den gewohnten Bahnen gemütlich eingerichtet haben.

Politiker, die gewählt werden wollen, sind natürlich immer wieder geneigt, Stimmungen in Stimmen umzuleiten. Wie soll dieses Land aber die Krise meistern, wenn Bewahren sich auszahlt und Verändern Stimmen kostet? Es versteht sich von selbst, daß es dabei nicht um ein Reformieren um jeden Preis geht, sondern um ein wirksames, einigermaßen gerecht empfundenes und gut „verkauftes.“ So unschuldig ist die Politik im übrigen auch nicht, denn viele ihrer Vertreter haben sich gern daran gewöhnt, sich innerhalb der einstmals bewährten politisch-ideologischen Leitplanken zu bewegen, obwohl sie die Stellen nur allzu gut kennen, an denen diese Begrenzungen zu immer mehr Engpässen, Staus und Unfällen führen. Oder, um es noch banaler auszudrücken: Warum sollte für die Politik nicht auch die allgemeine Lebenserkenntnis gelten, neue Wege auszuprobieren, wenn die bisherigen offensichtlich nicht zum Ziel führen?

In dieser Situation verstärkt sich bei vielen der Eindruck einer Blockade von Gesellschaft und Politik, bei der allenfalls Reförmchen aber keine durchgreifende Sanierung erwartet werden. Doch wir kommen um die schwierige Aufgabe nicht herum, einer überwiegend auf Beharrung fixierten Gesellschaft die unabweisbare Notwendigkeit der Anpassung an eine ganz neue Lage, mehr als bislang verständlich zu machen, neue Impulse zu geben, Bremsen zu lockern und Ziele und Perspektiven aufzuzeigen. Ständig wird Klage geführt über die kommunikativen Defizite der Politik und den Mangel an positiven, emotional ansprechenden Signalen. Reformen werden vielfach auch deswegen innerlich nicht akzeptiert, weil ihre Notwendigkeit nicht richtig erkannt und eingesehen wird. Für die Politik ist es zugegebenermaßen allerdings auch nicht leicht, eigene Versäumnisse und Fehler, gleichgültig ob gerade in der Regierung oder in der Opposition stehend, als Ursache anzuerkennen und zu benennen. Auch bei viel Verständnis für notwendige, gelegentlich auch harte politische Auseinandersetzungen der Parteien, sind viele Menschen ferner oft nicht in der Lage, den Unterschied zwischen dem ewigen, aber unerläßlichen Streit über Methoden und Maßnahmen und dem gemeinsamen Ziel, das Land wieder voranzubringen, klar genug zu erkennen.

Aus diesen und anderen Gründen sowie angesichts der aufgestauten Probleme haben sich in letzter Zeit einige außerparlamentarische Initiativen gebildet, so u.a. Bürgerkonvent, Initiative Aufbruch jetzt, Deutschland pack’s an!, Für ein attraktives Deutschland, Marke Deutschland. Sie und zahlreiche weitere Institutionen bemühen sich, den Menschen politisch-gesellschaftliche Botschaften und Informationen zu übermitteln, in Ergänzung oder anstelle offizieller politischer Stellungnahmen.

www.du-bist-deutschland.deOffenbar beeinflußt von dieser Großwetterlage taucht nun neuerdings die eindrucksvolle Kampagne „Du bist Deutschland“ auf. In ihr haben sich 24 große Unternehmen, überwiegend aus der Medienbranche, zusammengeschlossen, um mit einem Budget von 30 Millionen Euro die „größte Sozial -Marketing-Kampagne Deutschlands“ zu lancieren. Ziel ist es nach eigenen Angaben: „Impuls setzen für mehr Selbstvertrauen und Motivation.“ Die von September 2005 bis Januar 2006 laufende Aktion setzt alle gängigen medialen Mittel wie Werbespots, Anzeigen, Plakate etc. ein. Mehr als 30 Prominente wirken mit, kurz, es handelt sich in der Tat um eine besonders auffallende und höchst professionell gestaltete Initiative. Diese Professionalität ergibt sich bereits aus der geballten Medienmacht von Teilnehmern wie ARD, ZDF, RTL, Bertelsmann, Spiegel, Springer, Burda, FAZ.

Versuchen wir uns ein Urteil über diese großangelegte Kampagne zu bilden. Ohne gleich Motivsuche bei den Auftraggebern zu betreiben, ist vorab allein schon die Tatsache positiv zu bewerten, daß auf so breiter Grundlage die Notwendigkeit einer Aufhellung der Stimmung im Lande erkannt worden ist. Jede Initiative ist zu begrüßen, die erstarrtes und erlahmtes Denken zu beeinflussen sucht, Resignation bekämpft und Mut macht. So werden sicherlich auch viele wohlmeinende Menschen etlichen Aussagen im Manifest der Initiative durchaus beipflichten, wie beispielsweise den nachfolgenden:

Behandle Deutschland doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn, sondern biete ihm deine Hilfe an.
Oder:
Unsere Zeit schmeckt nicht nach Zuckerwatte. Mag sein, du stehst mit dem Rücken zur Wand oder mit dem Gesicht vor einer Mauer. Doch einmal haben wir schon gemeinsam eine Mauer eingerissen.

www.du-bist-deutschland.deDer Ausgangspunkt und die Zielrichtung des Manifestes und der verschiedenen Medienauftritte stellen sich mir so dar: Deutschland hat ein Problem, das in dieser Aktion jedoch nur schemenhaft zu erahnen ist, also packen wir es an. Um welche Probleme es sich handelt, wird also nur höchst allgemein und beiläufig gesagt. Auch werden keinerlei politische Aussagen gemacht oder Forderungen dieser Art gestellt. Wenn aber du und du und du mitmachst, so die zentrale Botschaft, kommen wir wieder voran. Mach dich nicht zu klein, jeder kann Einstein, Beethoven oder Max Schmeling sein. In dieser Botschaft wird betont: du brauchst nicht aufzugeben, denn nach gutem demokratischen Credo kann jeder einzelne und können alle zusammen etwas bewirken. Daher wird auch buchstäblich jeder zum Mitmachen eingeladen und aufgefordert. Dieser Ansatz ist prinzipiell zu unterstützen. Welches Ergebnis konkret erreicht werden kann, wenn eine recht unbestimmte und vage Therapie in den Vordergrund gestellt, die unangenehme Diagnose aber ausgeblendet wird, bleibt allerdings fraglich.
Eigeninitiative ist jedenfalls die zentrale Losung. Nicht immer nur auf „die da oben“ schauen. Den Initiatoren ist offensichtlich nicht entgangen, daß sich bei vielen Menschen ein fatalistisches Gefühl der Bedeutungslosigkeit ausgebreitet hat, das sich häufig mit den Worten Luft macht: „Ich kann ja doch nichts ändern. D i e  machen ja doch, was sie wollen.“

Leider wird die Frage nicht einmal angerissen, warum es einer solchen Initiative dringend bedurft hat. Dies hätte wahrscheinlich den euphorischen Elan nur gebremst. Auch könnte man ins Grübeln kommen, angesichts der auf sehr einfache Bedürfnisse gerichteten, sozusagen Pisa-kompatiblen Sprache. Aber wir wollen nicht allzu beckmesserisch sein. Die Absicht ist, wie gesagt, zu begrüßen, wenn sie auch nicht viel zur Bewältigung unserer Krise beitragen kann. Sollte die Kampagne es jedoch erreichen, ein wenig und nachhaltig in das Bewußtsein vieler Menschen einzudringen, wäre immerhin schon einiges gewonnen.

www.du-bist-deutschland.deNatürlich bietet ein derart ambitiöses Unternehmen auch Anlaß zur Kritik. So wird zum Beispiel ausdrücklich erklärt, daß mit dieser Aktion keinesfalls angestrebt wird, so etwas wie Patriotismus, Nationalbewußtsein oder nationale Identität zu wecken. Dies zeigt sich bereits bei der Frage, was eigentlich mit „Deutschland“ gemeint ist. Man könnte meinen, es handele sich nur einen geographischen Begriff, also um ein Territorium, auf dessen Boden sozusagen zufälligerweise unterschiedlichste Menschen aus aller Herren Länder wohnen. Und es wäre wohl an der Zeit, daß diese „Wohngemeinschaft“ durch vermehrte Eigeninitiative aller Mitglieder wieder aufgeräumt und besser in Ordnung gebracht werden sollte. Die Auftraggeber haben es sicherlich nicht ganz so gemeint. Nichts deutet aber darauf hin, daß eine derartige Auslegung völlig abwegig wäre.

Die Scheu, ja nicht vom gewohnten antinationalen oder a-nationalen Pfad abzuweichen ist nicht nur unübersehbar, es wird auch ausdrücklich erklärt, daß es „keine nationale Kampagne“ sein soll. Dies drückt sich besonders deutlich im Auftritt eines Behinderten, eines Homosexuellen und eines Farbigen auf dem Holocaust-Mahnmal aus. Keine Identität früherer Prägung, sondern Toleranz, Weltoffenheit und Mahnung – so etwa könnte man hier die Botschaft deuten. Ob mit diesen Schwerpunkten eine Aufbruchstimmung oder der Glaube an eine gute Zukunft entstehen kann, muß jedenfalls nach den bisherigen Erfahrungen in Frage gestellt werden dürfen.

Wäre es nicht langsam an der Zeit, an eine römische Weisheit von vor 2000 Jahren zu erinnern: abusus non tollit usum, sinngemäß etwa: Der Mißbrauch hebt einen vernünftigen Gebrauch nicht auf? Anscheinend behandeln manche Kreise aber den „deutschen Patienten“ in dieser Beziehung immer noch wie einen gerade erst geheilten Alkoholiker, der ständig Gefahr läuft, schon nach wenigen Tropfen Alkohol wieder rückfällig zu werden.

www.du-bist-deutschland.deNochmal: Die immer mehr den privaten und öffentlichen Wohlstand gefährdenden Ergebnisse einer weitverbreiteten Mischung aus (vielfach überzogenem) Individualismus, Konsum- und Genußsucht sowie Desinteresse am Ganzen sind erschreckend und für jeden handgreiflich. Von außen auf uns einwirkenden wirtschaftlichen Zwängen ganz zu schweigen. Aber immer noch soll und darf offenbar an diesen sakrosankten Werten (besser gesagt an ihrer Pervertierung) nicht gerüttelt werden. Also doch „weiter so“ und trotz Mißerfolgen keinen Gedanken an andere vernünftige Alternativen oder wenigstens Ergänzungen und Schwerpunktverlagerungen verschwenden? Ist diese Haltung immer noch Ausfluß einer tief sitzenden deutschen Nibelungen- und Prinzipientreue? Wem schon jede entfernte Ähnlichkeit mit Relikten aus früheren Zeiten ein Greuel ist, der könnte sich doch immerhin über das eine oder das andere Verhalten bei uns nahestehenden demokratischen Ländern orientieren.

Nein, auch diese Kampagne denkt nicht daran, vom eingeführten und inzwischen verinnerlichten „gesellschaftlichen Konsens“ auch nur einen Zentimeter abzurücken. Man hätte ja sonst, vermutlich mit mehr Erfolg, aber ebenso sachlich und ohne aufzutrumpfen, etwa folgende Aussagen machen können:

Sage ja zu Deutschland, denn:

Deutschland ist schön, seine Landschaften, seine Bauten, seine Kunstgegenstände bieten große Schätze, die es zu bewahren gilt.

Seine große Kultur, also seine Dichtungen, seine Literatur, seine Philosophie, seine Musik, ist nicht unzeitgemäß, antiquiert oder gar bedenklich, sondern sie gehört zum Großartigsten und Originellsten, was Menschen erdacht und geschaffen haben. Schenken wir ihr wieder eine größere Wertschätzung.

Seine Geschichte besteht nicht nur aus Kriegen, Schrecken und Unglück. Wir sollten uns wieder öfter mit den guten Zeiten und den guten Überlieferungen beschäftigen.

Auf seine Erfindungen und wissenschaftlichen Leistungen können wir stolz sein. Jeder mag auf seine Weise einen Beitrag dazu leisten, daß das Niveau bei Bildung, Ausbildung und Wissenschaft wieder angehoben wird.

Seine Sprache ist, wie uns die Dichter und Philosophen gezeigt haben, von einer wunderschönen und plastischen Ausdruckfähigkeit. Bewahren wir sie.

Laßt uns aufgeschlossen und weltoffen sein, aber auch unser Land wieder mehr schätzen und achten. Es braucht unsere Hilfe.

Eine öffentliche Aktion dieser oder ähnlicher Art hätte zwar bedeutet, einige den Zeitläufen ausgesetzte Fassaden neu zu streichen und den einen oder anderen Innenraum neu zu tapezieren, aber sie hätte wahrscheinlich größere Chancen für eine optimistischere und genau so friedliche Erneuerung unseres Landes mit sich gebracht. Es sind nicht wenige, die darauf warten.

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