
Derzeit erleben wir eine wirtschaftliche Krise, die in ihrem Ausmaß der von 1929/30 nur unwesentlich nachsteht (auch wenn die heutigen politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen mit denen vor 80 Jahren nicht unmittelbar vergleichbar sind). Erstaunlich – und so gar nicht typisch deutsch – sei, so der Tenor von Journalisten und Kommentatoren, dass sich die Leute von der Krise nicht die Stimmung verderben ließen und trotz immer neuer Hiobsbotschaften eine bemerkenswerte Gelassenheit an den Tag legten. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Zwar trieb und treibt die Finanzmarktkrise, die im Herbst 2008 auf dem Hypothekenmarkt in Amerika ihren Ausgang nahm, mit ungekannter Wucht reihenweise Finanzinstitute und Firmen in die Pleite. Die persönliche finanzielle Situation der meisten Bundesbürger bleibt davon jedoch (noch) relativ unberührt. Wie immer bestätigt die Ausnahme die Regel. Für all diejenigen, die nun mit Kurzarbeit über die Runden kommen müssen oder gar ihren Job verloren haben, ist das kein Trost. Sie sind die Leidtragenden der „Kollateralschäden“ des Raubtierkapitalismus. Nichtsdestoweniger kamen bis jetzt viele Arbeitnehmer mit einem blauen Auge (Kurzarbeit, Zwangsurlaub etc.) davon oder die Krise ging gänzlich an ihnen vorbei.
Die auf den ersten Blick frappierende Gelassenheit in der Bevölkerung ist in Wirklichkeit nur eine scheinbare. Wir Menschen sind gut im Verdrängen. Die Situation dürfte sich spätestens dann ändern, wenn die Finanzmarktkrise voll auf den Arbeitsmarkt durchschlägt und wir die Folgen des unlauteren Finanzgebarens von Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften unmittelbar erfahren werden. Doch selbst in diesem Fall haben wir Deutschen das große Glück, in diesem Land und zu dieser Zeit zu leben; das soziale Sicherungssystem fängt uns auf, oder mildert den Sturz ins Bodenlose zumindest ab. Das ist einer der Gründe warum die aktuelle Krise nicht mit der großen Depression der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts verglichen werden kann. Die Krise der Jahre 2008/09 ist im Gegensatz zu der von 1929/30 eben keine existenzielle. Wir müssen weder Hunger fürchten, noch ist unsere Existenz unmittelbar bedroht.
Angela Merkel könnte doppeltes Glück haben. Nach ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin war sie die Nutznießerin der von Schröder ins Werk gesetzten Agenda 2010. Selbst führende Politiker aus dem bürgerlichen Lager mussten zähneknirschend eingestehen, dass diese längst überfällige Reform, die mit erheblichen – und für die linke SPD-Klientel noch immer nicht verwundenen – Einschnitten in den Sozialstaat verbunden war, in der Folge zu einer wesentlichen Verbesserung der Arbeitsmarktsituation in Deutschland beigetragen hat. Nun, im Superwahljahr 2009, könnte Merkel abermals vom Glücksgott gestreift werden, nämlich dann, wenn bis zur Bundestagswahl im Herbst die Arbeitslosenzahlen im erträglichen Rahmen bleiben – oder es zumindest nicht zu dem von einigen Wirtschaftsinstituten prognostizierten Durchschlagen auf die Realwirtschaft kommt. Nach der derzeitigen Lage der Dinge ist ihr ein erneuter Auftrag des Wählers für die nächste Legislaturperiode so gut wie sicher. Doch wie geht es dann weiter? Eine unvermittelte Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage zu Beginn der nächsten Legislaturperiode wäre eine schwere Hypothek für jede neue Regierung. Wäre es da nicht klüger, jetzt die unangenehme Wahrheit auf den Tisch zu bringen und die Bürger auf die kommenden Härten vorzubereiten? Noch trägt Merkel mit ihrer Beschwichtigungsrhetorik das ihre dazu bei, dass wir uns weiterhin in wohliger Sicherheit wiegen können. Böse Zungen sagen, die Politik versuche uns einzulullen.
Was wäre die richtige Antwort? Welche Lehren lassen sich aus dieser Krise ziehen? Angesichts der aktuellen Lage fühlen sich viele staatsgläubige Politiker in ihrer Auffassung bestätigt. Demnach ist die Theorie der „unsichtbaren Hand“ des britischen Nationalökonomen Adam Smith, nach der das egoistische Interesse des Menschen im freien Spiel zwischen Angebot und Nachfrage automatisch zu gesamtgesellschaftlichem Wohlstand führt, ein für allemal widerlegt. Parteiübergreifend wird eine Zähmung und verstärkte Regulierung des Finanzmarktes gefordert. Andere wiederum sehen die Gier der Manager und Spekulanten als Grund allen Übels. Oder müssen wir gar unser eigenes Verhalten überdenken?
Ein Blick zurück in die Zeit vor der Krise macht Staunen: Noch im Jahr 1999 wurden die von Gerhard Schröder gewährten Staatsdarlehen für den schwer angeschlagenen Holzmann-Konzern in Höhe von 150 Millionen DM + 100 Millionen DM Bürgschaft von Teilen der Öffentlichkeit als populistischer Versuch der Wählergewinnung gewertet. Wenn heute die Bundeskanzlerin zusammen mit einer Handvoll hochrangiger Politiker und Banker im Schnellverfahren über die Vergabe von zweistelligen Milliardenkrediten für von der Pleite bedrohte Finanzinstitute entscheidet (ohne vorher die Legitimation durch das Volk einzuholen), ist der öffentliche Aufschrei kaum wahrnehmbar. Mir scheint, als haben wir Bürger uns von der Politik, in einer Art Handstreich, überrumpeln lassen. Man darf getrost bezweifeln, ob der grassierende Staatsinterventionismus noch etwas mit wirtschaftlicher Vernunft zu tun hat.
Noch vor wenigen Jahren wurde mit großer Vehemenz und erbitterter Härte über niedrige Millionenbeträge für dringend notwendige Reformen gestritten. Ob man das unseren Kindern zumuten könne, ob die Belastungen für die nachfolgenden Generationen nicht zu groß wären? Was hat man sich nicht alles an den Kopf geworfen! Nun, da die Krise in vollem Gange ist, gewährt man von der Pleite bedrohten Banken in Hinterzimmergesprächen Milliardenbeträge, ohne mit der Wimper zu zucken. Und der Bürger? Bleibt ruhig. Kein Protest, nirgends. Warum auch? Die horrenden Zahlen der aktuellen Staatsverschuldung kann man sich sowieso nicht mehr vorstellen. Der Staat wird’s schon richten.
Welche Wahl lässt uns also die Krise? Es lohnt sich, in dieser Situation die Nikomachische Ethik von Aristoteles zur Hand nehmen. Er plädiert darin für einen Weg der goldenen Mitte in all unserem Tun und Handeln. Übertragen auf die derzeitige wirtschaftliche Krise heißt das: Ein entfesselter Markt ohne Grenzen und Spielregeln ist genau so wenig zielführend wie ein allzu großes Vertrauen in den Staat. (Davon abgesehen ist der Staat kein abstraktes Gebilde. Der Staat sind wir.) Gepaart mit schonungsloser Ehrlichkeit ließe sich damit der Rahmen für das politische Agieren in Zeiten der Krise abstecken. Zu dieser Ehrlichkeit gehört auch, dass Politiker zugeben dürfen, dass die der Krise zu Grunde liegenden ökonomischen und sozialen Zusammenhänge nicht in vollem Umfang verstanden werden, und zwar weder von Berufspolitikern noch von ausgewiesenen Wirtschaftsexperten. Wir können uns nur nach bestem Wissen und Gewissen im Widerstreit der Meinungen an die bestmögliche Lösung herantasten. Nicht zuletzt wäre von uns Bürgern einzufordern, dass wir die Ehrlichkeit von Politikern honorieren, statt sie abzustrafen. Diese Ehrlichkeit sollten wir auch uns selbst gegenüber aufbringen indem wir das eigene Tun und Handeln in Finanzdingen kritisch hinterfragen. Man muss nicht unbedingt auf fallende Kurse setzten, um sein Geld zu vermehren. Tagesgeldkonto, Riester-Rente oder Bausparvertrag tun es auch. Dass die Gier nach dem schnellen Geld im finanziellen Desaster enden kann, haben wir nicht zuletzt beim Platzen der Aktienblase 2001 schmerzhaft erfahren müssen. Ob uns das eine Lehre war, bleibt abzuwarten.













