Presse vor 50 Jahren
Die Presse dient nicht mehr öffentlichen Aufgaben. Es geht nicht um die Unterrichtung und Stellungnahme zu wichtigen Vorgängen des öffentlichen Lebens, sondern um die Aufbauschung des Kleinen und Intimen. Der Maßstab ist nicht die Wahrheit, sondern die Wirksamkeit.
Man will nicht das Denken und Urteilen anregen, sondern das Bedürfnis nach Sensation, die Unterwelt der Triebe und Instinkte, die Gegenwelt des Hässlichen, Verbrecherischen und Morbiden. Man veranstaltet lieber Interviews mit Mördern und Filmstars statt mit Ministern und Parteiführern. Schlagworte ersetzten Argumente. Lieschen Müllers Filmgeschmack erscheint der Massenpresse wirksamer als nationale Schicksalsfragen.
Walter Hagemann ‚Dankt die Presse ab?’, München 1957.
Presse vor 200 Jahren
Recht eigentlich soll es die ehrenvolle Bestimmung solcher Blätter seyn, ständisch zu werden; sie sollen in Zucht und Maaß wie sich geziemet, aber auch äußerlich frey und ungefesselt, das Wort für die öffentliche Meinung führen; Tribunen sollen sie die große Mehrheit vertreten, sie sollen der Mund des Volkes und das Ohr des Fürsten seyn. Was Alle wünschen und verlangen, soll in ihnen ausgesprochen werden; was Alle drückt und plagt darf nicht verhohlen bleiben. Einer muß seyn, der da die Wahrheit zu sprechen verbunden ist, unumwunden ohne Vorbehalt und Hinderniß.
Joseph Görres 1776-1848, Herausgeber des ‚Rheinischen Merkur’, Ausgabe vom 1. Juli 1814.














