Montag, 21. Mai 2012

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Zur demographischen Entwicklung in Deutschland

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In Deutschland fehlen Jahr für Jahr ein Drittel der Kinder, die zum Bestandserhalt notwendig wären (1,3 Kinder pro Frau, statt 2,1). Und das seit dreißig Jahren. Selbst wenn sich die Fertilitätsrate wie durch ein Wunder auf etwa 2 erhöhen sollte, würde es ein Dreivierteljahrhundert dauern, bis dieser Abwärtstrend gestoppt werden könnte.

Kinder - Deutschlands ZukunftWeit und breit ist jedoch nichts von einer Trendumkehr zu erkennen. Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig Birg schlagen schon seit vielen Jahren Alarm, der aber im Kern weitgehend ungehört geblieben ist. Erst sehr spät haben sich Politik und Öffentlichkeit überhaupt dieser Thematik angenommen, in den meisten Fällen aber nur um Auswirkungen auf Renten, Arbeitsmarkt, Altenpflege, Schulbedarf u. ä. zu beschreiben und sehr vorsichtig zu behandeln. Dabei ist die Genauigkeit von Bevölkerungsprognosen  (in diesem Fall leider!) erstaunlich groß. So hat Herwig Birg („Die demographische Zeitenwende“, 2005) errechnet: Die Zahl der Deutschen, die im Jahr 1998 noch 75 Millionen betrug, wird im Jahr 2080 auf 30 und im Jahr 2100 auf 21 Millionen schrumpfen. In welchem Umfang die aussterbenden Deutschen durch Einwanderer ersetzt werden, ist eine politische und gesellschaftspolitische Entscheidung von großer Tragweite. Bekanntlich bietet aber nicht nur der Bevölkerungsschwund Anlass zur Sorge, auch an der demographischen Überalterung ist in den nächsten 50 Jahren nichts zu ändern, es sei denn, netto 188 Millionen Menschen wandern nach Berechnungen der UNO bis 2050 in Deutschland ein oder die Geburtenrate verdreifacht sich. Utopische Alternativen also.

Kurz und bündig: Die Zahl der Deutschen schrumpft bei gleichzeitiger Überalterung dramatisch. Gegenmaßnahmen, wenn es denn welche gäbe, benötigen viel Zeit, um Wirkung zu zeigen. Dies ist zwar nicht neu, muss aber, solange Resignation und Tatenlosigkeit vorherrschen, immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Die demographischen Zukunftsperspektiven lassen leider längst keinen Spielraum mehr für Beschwichtigungen oder Beschönigungen zu.

Was also tun, welche Handlungsalternativen verbleiben noch?
Wir fahren, erstens, mit der häufig anzutreffenden fatalistischen oder gleichgültigen Einstellung fort: In der Geschichte sind immer wieder Völker aufgetaucht und verschwunden. Oder, zweitens, der Versuch, die unabsehbaren finanziellen und gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Bevölkerungsentwicklung bei rückläufigen Mitteln und steigendem Bedarf, so gut es geht, abzufedern. Die Grenzen dieses Vorgehens werden sich schon in der nächsten Dekade aufzeigen. Noch aber sind wir nicht soweit, den eigentlich naheliegenden dritten Weg zu beschreiten und uns die Ursachen etwas genauer anzusehen, die zu diesen unerfreulichen Perspektiven geführt haben – und entsprechende Korrekturen einzuleiten.

Erstaunlich, wo sich doch auch sonst alles menschliche Tun die Frage gefallen lassen muss, ob es sich bewährt (und ob es ethisch vertretbar ist). Nichts ist unumkehrbar, was Menschen gestalten, wenn der Wille zur Umkehr vorhanden ist.
Daher reicht es natürlich auch nicht, wie dies heute oft geschieht, auf die Frage, wie es zu diesem demographischen Desaster kommen konnte, schlicht und einfach auf den „gesellschaftlichen Wandel“ zu verweisen, der eben den „demographischen Wandel“ verursacht habe. Dabei ist „Wandel“ nur eine bewusst beschönigende, aber nichtssagende Bezeichnung für tiefgreifende Verwerfungen. Wenn Alice Schwarzer, das feministische Sprachrohr, beispielsweise in ihrem 2007 erschienenen Buch „Die Antwort“ mit unverhohlener Genugtuung erklärt: „Der Trend zur Auflösung der klassischen Familie ist unaufhaltsam“, so drückt dies allein bereits das ganze Ausmaß einer radikalen gesellschaftlichen Veränderung aus. Die propagierten „anderen Formen“ partnerschaftlichen Zusammenlebens bieten ganz offensichtlich noch weniger Chancen für mehr Kinder als viele der durch den „gesellschaftlichen Wandel“ ohnehin belasteten „klassischen Familien“.

Sichtlich triumphierend stellt Alice Schwarzer jedenfalls fest: „Kein Vertun: Es war nicht die Pille, die ab Mitte der 60er Jahre das Sexualverhalten veränderte, es war die Frauenbewegung. Denn die bewegten Frauen sind … nicht länger bereit, Kinder um jeden Preis zu bekommen, inklusive dem der Berufsaufgabe.“

Bei der Beschäftigung mit unseren demographischen Problemen kommen wir daher nicht daran vorbei, zunächst einige grundsätzlichere Fragen in den Mittelpunkt zu stellen. So zum Beispiel: Wer hatte und hat die Macht, diesen „Wandel“ durchzusetzen? Mit welchen Zielen und Absichten? Wer behindert eine angemessene rechtliche und steuerliche Bevorzugung von Familien mit Kindern, einschließlich der Rentenansprüche, obwohl höchstrichterliche Urteile in diese Richtung weisen? Die Politik beruft sich gern auf ihre Neutralität – ein nicht einlösbares Versprechen. Der Staat schwebt nämlich keinesfalls im weltanschaulich luftleeren Raum, er kann sich den Zeitgeistströmungen ebensowenig  entziehen wie die Bürger. Das Grundgesetz legt zumeist nur den großen Rahmen fest, der vielfach vom Zeitgeist ausgefüllt wird.

Auch wenn die Entscheidung für oder gegen Kinder frei ist und bleiben muss, sollten nach Ansicht von Herwig Birg, Bürger und Politiker nicht Legenden glauben, „sondern wissen, was sie tun, wenn die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, und kulturellen Rahmenbedingungen diese Entscheidungen so gestalten, dass eine niedrige Geburtenrate die Folge ist.“

So wird jede Zeit von dem sie tragenden Geist beherrscht. Dieser viel beschworene Zeitgeist ist kein Gebilde, das irgendwie in der Luft liegt und sich daher fast von alleine durchsetzt, sondern Menschenwerk. Deshalb ist es auch unerlässlich, jede Art von Zeitgeist von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand zu stellen.

Genauer: Zeitgeistströmungen werden von einer kleinen Minderheit ausgedacht, die mal weniger, mal besser bekannt ist. Dabei besitzen Zeitgeistverkünder, wenn sie über die nötige Durchsetzungskraft verfügen, über eine größere Macht als Politiker. Während Gewaltenteilung und Machtbalance zum ehernen Bestand der Demokratie gehören, unterliegen gesellschaftsverändernde Ideen weder einer institutionellen Kontrolle noch der Nachforschung der eigentlichen Motive ihrer Urheber (idealistische können echt, aber ebenso oft auch nur vorgeschoben sein). In der Praxis wird regelmäßig  die „cui bono“-Frage verschleiert, und gleichzeitig werden die Folgen des Zeitgeistes beschönigt. Deshalb sind die im Kern nicht wegzudiskutierenden Vorhersagen der Demographen für Politiker und Anhänger des vorherrschenden Zeitgeistes, aber natürlich auch für jeden optimistisch veranlagten Menschen, so überaus unangenehm. Daher kursieren auch zahlreiche beschwichtigende Legenden, die von der Fachwissenschaft allesamt als Illusion entlarvt worden sind. Wie Menschen aber so sind, angenehme Nachrichten werden meist lieber geglaubt, als unangenehme Fakten zur Kenntnis genommen. Nun sind Fakten unerlässlich, noch wichtiger ist aber die Erforschung der Ursachen, die zu diesen Fakten führen und geführt haben. Und genau an dieser Stelle wird es heikel und peinlich. Denn zu den wesentlichen Ursachen für die entstandenen  demographischen Verwerfungen gehören zahlreiche unterschiedliche, von vielen geschätzte Errungenschaften unserer Zeit, wie z. B. sozialstaatliche Fürsorge, freie Lebensgestaltung, Auflösung von traditionellen Werten, Normen und Verhaltensweisen. Die Tatsache, dass alle sozialen und individuellen Annehmlichkeiten aber bei schwindender Kinderzahl nicht dauerhaft zu haben sind und amputierte Generationen nicht in der Lage sind, einen Generationenvertrag einzulösen, wurde seit drei Jahrzehnten bewusst ausgeblendet.

Der Ursachen des Kindermangels in Deutschland sind gewiß vielfältiger Natur – eine Tatsache, die aber nicht als wohlfeile Ausrede für Nichtstun missbraucht werden darf! Sie sind Ergebnis sowohl äußerlich veränderter Lebensverhältnisse als auch einer systematisch betriebenen Bewusstseinsänderung. Dabei spielen egoistische, individualistische und materialistische Einstellungen zweifellos eine gewichtige Rolle. Kinder zu haben, erschien und erscheint vielen Paaren heutzutage jedenfalls weder erforderlich noch attraktiv. Was im Ergebnis eben zu den bekannten Folgen führt.  An dieser Auffassung ist der Staat keineswegs unschuldig. Herwig Birg spart, nach gemachten Erfahrungen, deshalb auch nicht mit Kritik: „Die demokratische Gesellschaftsform bietet im Falle Deutschlands offensichtlich keinerlei Garantie für das langfristige Überleben des Landes. Die Kontinuität der deutschen Katastrophe des 20. Jahrhunderts setzt sich im 21. nach allem, was wir wissen, fort.“

Die Charakteristiken des Zeitgeistes lassen sich besonders augenfällig bei der seit etwa 30 Jahren sich ausbreitenden feministischen Bewegung beobachten. Es fängt schon damit an, dass es sich nicht ziemt, die Begründungen für diese Kulturrevolution kritisch zu hinterfragen und auf negative Auswirkungen zu verweisen. So jedenfalls scheint der allgemeine gesellschaftliche Konsens zu sein. Die „Anständigen“ loben die Fortschritte und Verbesserungen für Frauen und betrachten die Nebenwirkungen als unvermeidbare Kollateralschäden. Männer werden mit der Verdächtigung mundtot gemacht, es ginge ihnen ja letztlich immer nur um den Erhalt ihrer „Privilegien“. Feministinnen besetzen nicht nur einflussreiche Positionen für die Multiplikation ihrer Ideen, sie liefern auch umfangreiche wissenschaftlich (und pseudowissenschaftlich) begründete Rechtfertigungen und Begründungen ihrer Thesen. Ingredienzien für ein Dogma sind also reichlich vorhanden.

Doch im Ernst: Vermutlich wird ein großer Teil der Männer den Emanzipationsbestrebungen der Frauen grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Die zentralen Ziele beinhalten bekanntlich die  (unterschiedlich definierte) Gleichberechtigung der Frauen und ihre mit allen Mitteln geförderte und propagierte berufliche Arbeit. Doch, wie uns Schiller bereits belehrte, die ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil. Jede schöne Medaille hat auch eine Rückseite.

Mit diesen feministischen Zielen war nämlich auch verbunden:
• eine fast zwangsläufige Herabsetzung der Mutterschaft und der Bewertung von Hausarbeit,
• und eine oft erhebliche zusätzliche Belastung der Geschlechterbeziehungen mit Bindungsscheu, Scheidungen, Single-Leben, Kindervernachlässigung usw.

Die feministische Elite hat diese Probleme natürlich erkannt und, da sie von ihren Grundüberzeugungen natürlich nicht ablassen wollte, als Lösung die vermehrte Männerarbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung sowie den Ausbau staatlicher Kindererziehungseinrichtungen propagiert. Nebenbei bemerkt haben die reichlich vorhandenen Krippenplätze in den Neuen Bundesländern sich keinesfalls positiv auf die Kinderzahl ausgewirkt. Im Gegenteil.

Ganz typisch ist ferner die heute zu beobachtende Entwicklung. Wenn nämlich idealistische Ideen in der Praxis nicht den gewünschten Erfolg nach sich ziehen, erfinden oder ersehnen alle Ideologen den „Neuen Menschen“. So reden auch Feministinnen neuerdings von „Neuen Frauen“ und „Neuen Männern“ die endlich mit den Eigenschaften und Verhaltensweisen ausgestattet sein werden, um den Traum einer durchgehend weiblich dominierten Gesellschaft doch noch Realität werden zu lassen (gut aufbereitet bei Alice Schwarzer a.a.O. nachzulesen). Spätestens an diesem Punkt beginnt die professionelle Frauenbewegung (die trotz ihrer Lautstärke und ihres Einflusses nur eine Minderheit der Frauen umfasst) die Schwelle zu überschreiten, wo es nicht mehr um die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Frauen, sondern um eine gesamtpolitische und gesamtgesellschaftliche Thematik ersten Ranges geht.

Die Schlussfolgerung muss daher lauten: Über die Vorzüge oder Nachteile der in Deutschland praktizierten feministischen Emanzipation mag man urteilen wie man will. Wenn die Konsequenz aber darin besteht, dass die durchschnittliche Geburtenrate anhaltend bei nur 1,3 Kindern pro Frau liegt, bietet diese gesellschaftliche Option ganz offensichtlich keine Aussicht auf Nachhaltigkeit. Die bittere Folge würde nämlich sein, dass eine feministische „Party“ dieser Art nach drei bis vier Generationen zwangsläufig an ihr Ende stößt.

Wenn wir diese und weitere tiefgreifende demographisch bedingte Einschnitte vermeiden wollen, verbleibt uns keine befriedigende andere Wahl, als uns auf den steinigen Weg zu machen mit neuen Einstellungen, neuen Prioritäten und einer neuen Sicht der Lebensgestaltung. Was ist schon ein Dreivierteljahrhundert angesichts der langen europäischen und deutschen Geschichte?

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