Montag, 21. Mai 2012

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Arbeitsmarkt und Globalisierung

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Ratschläge, wie man sich am besten auf die Globalisierung vorbereitet, kommen eigentlich etwas spät. Denn die Globalisierung ist schon längst da. Wir alle sind bereits gewohnheitsmäßige Global Players, mindestens als Konsumenten. Wer es nicht glaubt, gehe einmal offenen Auges durch ein Kaufhaus oder frage nach, wo die Einzelteile seines Autos gefertigt wurden. Oder er werfe einen Blick auf die Rückseite der letzten Akademischen Blätter mit den Arbeitsorten unserer Bundesbrüder.

Ökonomisch betrachtet ist Globalisierung der Abbau natürlicher oder menschengemachter Hemmnisse beim weltweiten Austausch von Gütern, Arbeitskräften und Information. Wichtigstes Merkmal sind die sinkenden Kosten für Transport/Schulung/Übermittlung, die diesen Austausch ermöglichen. Und diese wiederum sind zumeist das Ergebnis technischer Entwicklung.

Trotzdem ist Globalisierung durchaus kein neues Phänomen. Handel über die Grenzen, auch über Kontinente hinweg gibt es schon seit Jahrtausenden. Ihre erste wirkliche Hochzeit erlebte die Globalisierung freilich im 19. Jahrhundert, mit der Einführung dampfgetriebener Frachtschiffe, der Eisenbahn und des Telegraphen. Das Aufkommen neuer Konkurrenz mussten nicht erst die heutigen Arbeitnehmer erleiden; die traurige Geschichte der schlesischen Weber, durch Automation und englische Konkurrenz zugrunde gerichtet, wird noch heute gern erzählt. Auch die Agrarier in Ostelbien hatten unter den Getreideimporten aus Russland und aus Übersee zu leiden. Die Klagen seiner Mitjunker veranlassten Bismarck denn auch 1878/79 zur Abkehr von der Freihandelspolitik, er wurde Schutzzöllner und brach auch sonst mit den Liberalen, auf die er sich bis dahin im Reichstag gestützt hatte. In die folgende Phase des Protektionismus, der allgemeinen Depression auch infolge des Gründerkrachs, fiel nicht ganz zufällig die Gründung des Kyffhäuser-Verbandes.
Kein neues Phänomen also. Trotzdem hat sich einiges gewandelt. Die Globalisierung des 19. Jahrhunderts war noch vorwiegend eine Globalisierung der Gütermärkte. Die Globalisierung der Kapitalmärkte kam später, ist aber inzwischen weitgehend abgeschlossen. Was wir seit etwa Mitte der Siebziger erleben und was fundamental neu ist, ist die Globalisierung der Produktion und des Arbeitsmarktes. Die Produktion entlang der Supply Chain verläuft heute nicht mehr an einem Standort, die Arbeitstei-lung ist global; Zulieferer können überall sitzen, können ihren Standort auch, mit mehr oder minder hohen Fixkosten, über Landesgrenzen hinweg wechseln. Auslandsniederlassungen entstehen nicht mehr nur zur Erschließung neuer Absatzmärkte, sondern auch zur Ausnutzung von Kostenvorteilen im weltweiten Produktionsverbund. Und das wiederum setzt die Arbeitnehmer unter den Druck globaler Konkurrenz.

Das hat Folgen, wie der wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums formuliert: „Die Produktionsfaktoren [lies: Arbeitskräfte] müssen in diejenigen Sektoren und Produktionen wandern, in denen Deutschland komparative Vorteile hat bzw. in Zukunft erwerben kann (…) Welche Sektoren in Zukunft wettbewerbsfähig sind, entscheidet der Markt (…) Dabei entsteht (…) eine Tendenz hin zu einer Verschiebung der Lohnstruktur zuungunsten der Geringqualifizierten.“
Eine massive Herausforderung für einen Sozialstaat wie Deutschland. Freilich: „Mehr internationaler Wettbewerb führt dabei nicht automatisch zu einem Sinken der Unternehmensgewinne und des allgemeinen Lohnniveaus.“ Die internationale Verflechtung bietet auch Chancen. Viele zählen Deutschland daher, bisher jedenfalls, zu den Gewinnern der Globalisierung.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die deutsche Automobilindustrie. Kaum ein anderer Industriezweig ist so stark international verflochten. Über 70 Prozent der in Deutschland produzierten Pkw sind für den Export bestimmt ; beinahe die Hälfte der von deutschen Marken hergestellten Fahrzeuge wird im Ausland gefertigt (2004 waren es 45 Prozent). Die Fertigungstiefe, also der Anteil der Wertschöpfung, der von den Automobilherstellern selbst erwirtschaftet wird, sinkt seit Jahren kontinuierlich und liegt inzwischen bei durchschnittlich unter 25 Prozent, die Bedeutung der Zulieferer ist also immens groß; und auch diese globalisieren sich immer mehr, nur noch ein Fünftel der neuen Zuliefererstandorte entsteht in Deutschland, dafür aber die Hälfte in Osteuropa, Asien und Südamerika.

Dennoch haben unter dieser Entwicklung weder die deutschen Automobilunternehmen noch der Ar-beitsmarkt nennenswert gelitten. Die Stellung der deutschen Marken ist nach wie vor stark, und die Zahl der in der Automobilindustrie Beschäftigten ist in Deutschland nicht gesunken, sondern gestiegen (von 1994 bis 2003 um 22.000).
Man erkennt freilich an diesem Beispiel auch die Besonderheiten dieses Marktes und die Gefahren, die künftig noch lauern können.

1. Die Automobilproduktion ist noch nicht in dem Sinne globalisiert, dass alle großen Länder daran auch wirklich teilhätten. China und Indien beispielsweise sind auf dem Weltmarkt mit ihren Marken kaum vertreten. Noch nutzen die westlichen und japanischen Marken die Schwellenländer vorwiegend als verlängerte Werkbank. Büßen sie aber durch den Know-how-Transfer in diese Länder ihren Innovationsvorsprung ein und gewinnen neue Marken an Marktbedeutung, so wird das die westlichen Marken unter größeren Kostendruck setzen; ein Druck, der dann an die Löhne weitergereicht wird. Zeigen sich die Löhne als unflexibel, so wird eben verlagert – oder weiter automatisiert.

2. Die Globalisierung des Arbeitsmarktes ist noch nicht abgeschlossen. Für Arbeitnehmer ist sogar innerhalb der Europäischen Union die Freizügigkeit noch längst nicht so weit entwickelt wie für Waren und Dienstleistungen. Ohne Verlängerung schon 2009, spätestens aber 2011 wird die Übergangsfrist für die 2004 beigetretenen ostmitteleuropäischen Staaten ablaufen, wird das Arbeitskräfteangebot auch in Deutschland steigen und das Lohnniveau damit unter Druck setzen; und zwar gerade für die Löhne im Bereich der Geringqualifizierten, also am unteren Ende der Skala, weil sich vor allem hier das Angebot erhöht.

Durch diese Entwicklung werden umgekehrt Löhne und Wohlstand zumindest für Teile der Bevölkerung in den Schwellen- und Transformationsländern steigen, was – unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten – durchaus begrüßenswert, ja ein Akt globaler Verteilungsgerechtigkeit ist, ohne Umverteilungsapparate, ganz natürlich durch Marktmechanismen.

In der Gesamttendenz kann man sagen: Die Globalisierung verringert die Lohnunterschiede zwischen den Ländern und erhöht die Unterschiede in den Ländern. Sie sorgt global gesehen für Lohnkonver-genz und regional betrachtet für Lohndivergenz. Dadurch wird sie freilich von einer vorwiegend ökonomischen zu einer sozialen Frage. Damit haben wir uns nun zu befassen.{mospagebreak}

Die Rolle der Sozialpolitik
„Wenn sich heute Krisen vor dem Nationalstaat auftürmen, zieht der nicht wie weiland die Zugbrü-cken hoch, sondern interveniert im Inneren – was er auch sehr gut kann, weil er über knapp die Hälfte des Bruttosozialprodukts verfügt. (…) Der Staat subventioniert und protegiert, er schult um und zahlt aus. Von der heutigen sozialen Absicherung konnte ein Arbeitsloser, ein landflüchtiger Bauer in den Depressionszeiten des 19. und 20. Jahrhunderts nicht einmal träumen. (…) Der moderne Sozialstaat, der ein Drittel des Inlandsprodukts für Transfers ausgibt, ist nicht das Opfer der Globalisierung, wie Globophobe wähnen, sondern ihr bester Garant.“

So vergleicht Josef Joffe in einem sehr lesenswerten Artikel  unsere heutige Situation mit der ersten Globalisierungskrise der Bismarckzeit. Er hat damit nicht unrecht. Die Globalisierung macht den So-zialstaat tatsächlich notwendiger, denn sie produziert, neben dem vielen Guten, das sie mit sich bringt, auch Verlierer, gerade am unteren Ende des Lohnspektrums. Entweder die Löhne geben dem wach-senden Marktdruck nach, dann werden manche von ihrem Arbeitseinkommen kaum mehr leben können; oder sie bleiben starr über Marktniveau, dann werden die Arbeitslosenzahlen steigen. So oder so, der Staat „zahlt aus“, wenn er sozialen Unfrieden vermeiden will.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn zum globalen Arbeitsmarkt gehört ebenso eine Konkurrenz der Sozialsysteme – auch der Sozialstaat gerät durch die Globalisierung unter Druck. Man muss an dieser Stelle freilich zwei Gruppen sozialpolitischer Instrumente unterscheiden. Die klassischen Sozialversicherungen zur Abdeckung der Lebensrisiken, etwa Renten-, Kranken- und Unfallversicherungen, die im Kern alle aus der Bismarckzeit stammen, haben auf den Arbeitsmarkt nur insofern einen Effekt, als sie die Arbeitskosten erhöhen, ein Effekt, der sich im Zuge der demographischen Verschiebungen verstärken wird. Arbeit wird teurer, die Nachfrage nach ihr sinkt; die Arbeitslosigkeit steigt also tendenziell. Überlegungen, die Sozialkosten von den Arbeitskosten zu trennen, haben daher Konjunktur. Die kapitalgedeckte Rente und das (partiell) steuerfinanzierte Gesundheitswesen sind Teil dieses Trends. Insgesamt sind diese Sozialversicherungen aber das kleinere Problem, weil die durch sie bewirkten „weichen“ Standortfaktoren, wie sozialer Friede, Stabilität, Arbeitnehmerzufriedenheit, eben auch Standortfaktoren und die Arbeitsplatzverluste damit eher gering sind; vorausgesetzt, auch für ausländische Arbeitnehmer, die auf den deutschen Markt drängen, gelten diese Standards.

Daneben gibt es aber auch sozialpolitische Instrumente, die unmittelbar in die Arbeitswelt eingreifen. Dies sind primär der gesetzlich garantierte Kündigungsschutz , staatliche Eingriffe in die Lohnfestsetzung und die Lohnersatzleistungen, im wesentlichen also die Arbeitslosenversicherung und das an Langzeitarbeitslose gezahlte ALG II. Hier spielt weniger das Kostenargument eine Rolle als vielmehr, dass durch diese Instrumente der Arbeitsmarkt in seiner Flexibilität eingeschränkt wird. Der Kündigungsschutz verhindert eine rasche Anpassung der Beschäftigtenzahlen an das betrieblich Notwendige und lässt die Unternehmen folglich auch zurückhaltender mit Neueinstellungen sein; die Lohnersatzleistungen bilden faktisch eine untere Schranke für das Lohnniveau, da unterhalb des so garantierten Grundeinkommens kein Anreiz zu einer Beschäftigung besteht. Diese Systeme geraten durch die in-folge der Globalisierung zunehmende Lohnkonkurrenz und die tendenziell eher steigende Arbeitslosigkeit im Niedriglohnbereich automatisch unter Druck.
Das macht weitere arbeitsmarktpolitische Reformen erforderlich. Es hat wenig Sinn, darauf zu hoffen, dass sich der Druck auf deutsche Löhne durch die Lohnsteigerungen in anderen Ländern, etwa in China, allmählich abmildern werde. Natürlich gibt es diese Entwicklung, aber sie geht sehr langsam von-statten, und auf dem flachen Land in China gibt es noch Hunderte Millionen potentielle Niedriglohn-Arbeitskräfte, die vom Wachstum bisher weitgehend ausgespart blieben.
Es hat auch wenig Sinn, an den Patriotismus der Unternehmer zu appellieren und sie aufzufordern, gegen das nüchterne Kalkül verstärkt in Deutschland zu investieren oder bevorzugt Deutsche einzustellen. Unternehmer sind in betriebswirtschaftlichen Fragen so wenig patriotisch wie der Konsument an der Ladentheke, der beim Produkt auf Preis und Qualität achtet und nicht darauf, wo es hergestellt wurde. Was die Deutschen als Arbeitnehmer so vielleicht gewännen, würden sie als Konsumenten – durch steigende Preise –, als Kapitaleigner – durch sinkende Dividenden – und als Staatsbürger – durch geringere Unternehmenssteuereinnahmen – wieder verlieren.

Die Frage der globalen Lohnkonkurrenz wird sich nicht von selbst lösen, sie wird aktuell bleiben. Sie muss politisch beantwortet werden.

Der starre Ansatz
In der politischen Arena werden derzeit vor allem zwei Ansätze zur Lösung dieses Problems angebo-ten: Mindestlohn und Kombilohn. Wir wollen beide Ansätze hier kurz diskutieren, werden aber rasch darauf kommen, dass beide die aufgeworfene Frage nicht wirklich beantworten können.

Beginnen wir mit dem neugeborenen Lieblingskind der Sozialdemokraten und der neuen Linkspartei: dem Mindestlohn. Der Mindestlohn entspricht, das sei am Rande bemerkt, im Ansatz sehr genau der Reaktion Bismarcks auf die Globalisierungskrise seiner Zeit, dem starren Verteidigen der Preise durch prohibitive Zölle. Ein Preis, den der Markt nicht hergibt, damals für Waren, heute für Arbeit, soll durch staatliches Eingreifen verteidigt werden. Der Staat wird, ganz traditionell paternalistisch, zum Beschützer der von der Globalisierung Bedrängten, damals der Junker und ihrer Bauern, heute der Arbeiter und Angestellten.

Natürlich klingt das reizvoll. „Ehrlicher Lohn für ehrliche Arbeit“ – „Wer hart arbeitet, muss auch davon leben können“ – „Deutschland bleibt ein Hochlohnland“. Niemand kann sich der Suggestivkraft solcher Sätze so leicht entziehen. Aber nüchtern betrachtet hat das Instrument Mindestlohn nicht ohne Grund mehr Gegner als Befürworter. Es bringt zahlreiche Probleme mit sich, die sich in ihrer Schwere freilich deutlich unterscheiden.


Gesetzlich vorgeschriebener Mindestlohn im Vergleich.

Land                Mindestlohn/Stunde               Mindestlohn/Monat

Frankreich             8,27 Euro                                 1.254 Euro
USA                      5,39 Euro                                    676 Euro
Slowenien             3,02 Euro                                   522 Euro
Polen                    1,34 Euro                                   246 Euro

Quelle: Wikipedia

Die Inflationsgefahr ist, das zeigen Beispiele aus anderen europäischen Ländern, kontrollierbar. Und die Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit exportorientierter Unternehmen ist auch nicht das größte Problem. Man kann an dieser Stelle sogar Lafontaine beipflichten, wenn er im Hinblick auf die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften sagt: „Es wäre genauso gut möglich gewesen, die Löhne und damit die Renten und die Arbeitslosenunterstützung wie andere europäische Staaten im Gleichklang mit der Produktivität wachsen zu lassen. (…) Die deutsche Exportwirtschaft ist so leistungsfähig – wie wir 2004 wieder gesehen haben –, dass sie selbst starke Wechselkursschwankungen verkraftet, die die Preise bekanntlich ungleich stärker beeinflussen, als es Lohnerhöhungen tun.“

Für einen Mindestlohn gilt das analog. Die Wettbewerbsfähigkeit kann erhalten werden. Aber dazu, das muss man anfügen, werden Arbeitsplätze, die durch einen Mindestlohn unrentabel werden, eben langfristig eingespart, durch Kapital ersetzt oder verlagert, wann immer das möglich ist.

Faktisch ist ein Mindestlohn nur ein sehr selektiv anwendbares Instrument. Er kann nur wirksam sein, wenn mindestens fünf Bedingungen erfüllt sind:

• Der jeweilige Sektor des Arbeitsmarktes muss im Niedriglohnbereich sehr unelastisch sein, d.h. die Nachfrage nach Arbeit darf bei Lohnerhöhungen nicht allzu stark sinken.
• Es darf sich nicht um Arbeit handeln, die durch Maschinenkraft ersetzt werden kann.
• Die Arbeit muss ortsgebunden sein, damit eine Verlagerung ins Ausland nicht möglich ist.
• Der Mindestlohn muss auch für ausländische Arbeitnehmer gelten, die in den Markt hineinströmen.
• Ein Abdriften in die Schwarzarbeit muss effektiv verhindert werden können.

Ist nur eine dieser Bedingungen verletzt, wird der betroffene Arbeitsplatz über kurz oder lang verlo-rengehen. Dann greift auch das keynesianische Argument nicht mehr, dass durch die höheren Löhne mehr Konsum, so auch mehr Wachstum und damit mehr Arbeitsplätze entständen – ein entlassener Arbeiter konsumiert nämlich nicht mehr, sondern weniger. Und in den meisten Sektoren, unter anderem im kompletten industriellen Sektor, sind die genannten Bedingungen nicht erfüllt.

Ist der Mindestlohn aber ein nur selektives Instrument, bedeutet das, dass Sektoren mit Mindestlohn durch Sektoren ohne Mindestlohn faktisch subventioniert werden – womit man das vertikale Gerech-tigkeitsproblem lediglich in ein horizontales umgewandelt hat. Der große Ökonom Friedrich August von Hayek hat das schon vor über sechzig Jahren in klassischer Weise festgestellt:

„Lenkung, d.h. Produktionsbeschränkung ist der einzige Weg, auf dem den Produzenten einer Markt-wirtschaft ein bestimmtes Einkommen garantiert werden kann. Aber das verringert notwendigerweise die Erwerbsmöglichkeit anderer. Soll der Produzent, ob Unternehmer oder Arbeiter, gegen Unterbietung durch Außenseiter geschützt werden, so bedeutet dies, dass andere, die schlechter daran sind, von dem Anteil verhältnismäßig größeren Prosperität der gelenkten Industrien ausgeschlossen werden.“

Übersetzt heißt das: Neue Arbeitsplätze werden in einem durch Mindestlohn geschützten Bereich in geringerem Maße entstehen, dadurch werden andere aus diesem Sektor ausgeschlossen; und der Min-destlohn muss über höhere Preise von allen Konsumenten bezahlt werden, während nur wenige von ihm profitieren. Global eingesetzt, ist der Mindestlohn arbeitsmarktpolitisch schädlich; selektiv eingesetzt, produziert er nur Ungerechtigkeit. So oder so: Als Lösung ist er untauglich.{mospagebreak}

Der flexible Ansatz
Das konservative Pendant zum Mindestlohn ist, mit vielen unterschiedlichen Ansätzen im Detail, die aktivierende Sozialhilfe, oder, um den populäreren Begriff zu gebrauchen, der Kombilohn. Hans-Werner Sinn, einer der glühendsten Befürworter dieses Instruments, erklärt kurz und bündig:
„Die Geringqualifizierten werden durch die Sockellohnvereinbarung der Gewerkschaften und durch das staatliche Sozialsystem, das hohe Anspruchslöhne aufbaute, aus dem Markt herausgespielt. (…) Um das zu ändern, muss sich die Lohnskala sozialverträglich nach unten hin spreizen. Man muss dem weltweiten Lohndruck nachgeben und die Verlierer durch einkommensabhängige Lohnzuschüsse kompensieren. Die aktivierende Sozialhilfe bietet einen konsistenten Weg dahin.“

Der Ansatz ist, wie auch beim Mindestlohn, dass wer arbeitet deutlich besser gestellt sein soll als der, der nicht arbeitet, und dass das so erhaltene Einkommen für den Lebensunterhalt auch ausreichen muss. Der Unterschied liegt darin, dass die Diskrepanz zwischen dem eigentlich marktgerechten und dem tatsächlichen Lohn durch eine staatliche Subvention ausgeglichen wird und nicht durch eine gesetzliche Verordnung.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Da die Arbeit für Unternehmen günstiger wird, werden mehr Arbeits-plätze geschaffen, und da die Differenz zwischen dem Sozialhilfeniveau und den Löhnen steigt, besteht auch für Arbeitslose ein größerer Anreiz, eine solche Stelle anzunehmen. Der Kombilohn „kombiniert“ also die Vorteile markträumender Löhne und eines Mindestlohns.

Es gibt aber auch Nachteile. Einer ist: Diese Maßnahme kostet Geld. Professor Sinn verweist an dieser Stelle darauf, dass es immer noch besser sei, auf diese Weise Arbeit zu subventionieren als Arbeitslo-sigkeit im Falle weiter künstlich überhöhter Löhne. Das mag sein, schützt aber nicht davor, dass, wenn im Zuge wachsender globaler Lohnkonkurrenz mehr Arbeitsplätze subventionsbedürftig werden sollten, die Kosten unweigerlich steigen werden. Dass das heutige System dann ähnlich teuer würde, lässt diese Perspektive nur geringfügig attraktiver erscheinen.
Gewichtiger allerdings sind die Fehlanreize, die durch dieses Instrument für Unternehmen gesetzt werden. Bestehende Arbeitsverhältnisse geraten unter Druck und können bei gleichbleibendem Lohn für den Arbeitnehmer und sinkenden Kosten für den Arbeitgeber in ein Kombilohnverhältnis umge-wandelt werden (sog. „Drehtüreffekt“). Wie dieses Mitnahmeproblem ohne eine gewaltige Überwachungsbürokratie gelöst werden kann, wurde bisher nicht zufriedenstellend beantwortet.

Der nachhaltige Ansatz
Nichtsdestoweniger bleibt der Kombilohn insgesamt gesehen das attraktivere Instrument. Es ist jedoch auf lange Sicht ökonomisch ineffizient, nicht marktgerechte Preise auf die eine oder andere Weise verteidigen zu wollen. Wir vertreten die These, dass die beste Arbeitsmarktpolitik, die man auf lange Sicht machen kann, Bildungs- und Innovationspolitik ist.

Das hat vor allem zwei Gründe:

1. Verlierer der Globalisierung sind vor allem die Geringqualifizierten: Je qualifizierter und produktiver ein Arbeitsplatz ist, desto geringer ist die Aussicht, dass er ins Ausland verlagert wird oder zur Abwendung dieser Gefahr Lohneinbußen hingenommen werden müssen.

2. Um für die Verlierer der Globalisierung sorgen zu können, mit welchem Instrument auch immer, braucht der Staat Einnahmen, muss der produktive Kern der Volkswirtschaft wettbewerbsfähig sein. Das kann er gegenüber den neuen Wettbewerbern, vorwiegend denen aus Asien, nur durch größere Innovationskraft.
Wir zählen einige der notwendigen Schritte auf:

• Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind in Deutschland im internationalen Ver-gleich deutlich zu niedrig. Das ausgegebene Ziel von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist unzureichend und blieb dennoch bisher ein frommer Wunsch.
• Die Ausbildung erfolgt teils am Bedarf vorbei. Deutsche Hochschulen produzieren zu wenige Ingenieure und Naturwissenschaftler, obwohl diese Hauptträger technischer Innovationen sind. Das muss sich ändern.
• Wo Fachkräfte und Innovationsträger fehlen, darf gezielte, sektorspezifische Zuwanderung kein Tabu sein.
• Deutsche Schulen und Universitäten fördern vor allem die breite Masse. Innovationsträger finden sich aber bevorzugt in der Spitze. Elitenförderung ist daher verstärkt notwendig. Sie ist nicht das Gegenteil, sondern die Voraussetzung einer aktiven Sozialpolitik.
• Wissen ist das wichtigste Eigentum, das dieses Land hat. Wissensvorsprünge müssen, wo im-mer es geht, verteidigt werden, auch mit Mitteln geistigen Protektionismus.

Der Wohlstandsvorsprung der westlichen Staaten gegenüber dem Rest der Welt, mit zigfach höheren Einkommen gerade auch am unteren Ende der Lohnskala, kann nur gehalten werden, wenn auch die Qualität der westlichen Produkte und die Produktivität überlegen bleiben. Tatsächlich weisen andere Länder aber inzwischen eine stärkere Innovationsdynamik auf. Auch die Bundesregierung, des über-triebenen Pessimismus unverdächtig, notiert: „Die deutsche Bevölkerung verfügt in der Breite über einen guten Ausbildungsstand. (…) Allerdings zeigen viele Länder, wie z.B. Japan und Korea, eine wesentlich stärkere Dynamik in ihrer Bildungsentwicklung. Der deutsche Bildungsvorsprung schwindet. Erschwerend kommt hinzu, dass junge, besser ausgebildete Generationen in Deutschland aufgrund der niedrigeren Geburtenrate dünner besetzt sind als in anderen Ländern.“

Geht aber der Innovationsvorsprung verloren, werden hohe Löhne nicht zu verteidigen sein, droht der „Weltkrieg um Wohlstand“  verlorenzugehen. Das Szenario, das Meinhard Miegel an die Wand malt, ist so unrealistisch nicht: „Hier: viele hundert Millionen Menschen, mehrheitlich jung, arm, gut ausgebildet, lebenshungrig und begierig, zum Gipfel aufzusteigen. Dort: wenige hundert Millionen Menschen, mehrheitlich alt, reich, ebenfalls gut ausgebildet, aber ein wenig lebensmatt und von einem langen Aufstieg zum Gipfel ermüdet. Der Gipfelsturm wird spannend werden.“

In der Tat. Und nur vom Gipfel aus lässt sich ein großzügiges Sozialsystem wie das unsere wirksam verteidigen.

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