Montag, 21. Mai 2012

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Deutschland und Österreich aus der Sicht der Türkei

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Ich war von September 1974 bis August 2003 beruflich in der Türkei tätig und bin natürlich auch heute noch sehr eng mit den Vorkommnissen in diesem Land vertraut. In diesen nun 34 Jahren, die ich rückblickend gut überschauen kann, hat sich die Einstellung der türkischen Bevölkerung gegenüber Deutschland und Österreich und damit ihre Sicht auf diese Länder stark gewandelt.

Um eine Grundlage für das Verständnis der Sichtweisen zu erlangen, ist allerdings ein kurzer historischer Überblick notwendig. Mit Preußen stand das Osmanische Reich nie in einem direkten Konflikt, und die Auseinandersetzungen mit Österreich (der Habsburgermonarchie) waren etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts weitestgehend beendet. Am Anfang des 19. Jahrhunderts war es dringend notwendig, eine Reform der inneren Struktur des Landes durchzuführen. Dabei kam es im Juni 1826 zur Vernichtung der ehemaligen Elitetruppe der Janitscharen, die sich jeglicher Reformbestrebung entgegenstellte, am Hippodrom von Istanbul. Parallel zu diesen Vorgängen war in dieser Zeit der Versuch der Niederschlagung des Aufstandes der Griechen, der 1821 von der Halbinsel Mani auf der Peloponnes ausgegangen war, ein dringendes Anliegen der Verwaltung des Osmanischen Reiches. In diesem Rahmen kam es 1827 nach Anforderung des größten Teils der verfügbaren Kriegsschiffe durch die osmanische Heeresleitung zu einer Massierung der osmanischen Flotte in Navarino (Peloponnes). Diese Flotte wurde von den Schiffen des Dreibunds (England, Frankreich und eher im Hintergrund Russland) in der Falle von Navarino vernichtet. Nicht beteiligt an dieser Aktion waren Preußen und Österreich, was meiner Meinung nachhaltig zu einem besonderen Verhältnis dieser beiden Länder zum Osmanischen Reich beigetragen hat. Die hier verkürzte Darstellung der äußerst komplizierten Zusammenhänge reicht natürlich nicht aus, die im Ersten Weltkrieg besonders ausgeprägte Stellung der beiden Großmächte Deutschland und Österreich zum Osmanischen Reich zu erklären. Auf jeden Fall hat die „orientalische Frage“ (das Vordringen Russlands und sein Anspruch auf die Führung der Christenheit im Osmanischen Reich und damit seine vorherrschende Stellung über deren Stätten im Heiligen Land, damit aber verbunden die freie Passage Russlands aus dem Schwarzen Meer durch den erwünschten Besitz der Gestade des Bosporus) und ihre Handhabung durch die Großmächte des 19. Jahrhunderts sowohl die Politik dieses als auch des 20. Jahrhunderts (zumindest in den ersten Jahrzehnten) mitbestimmt.
Im Jahre 1834 begann die erste Militärmission Preußens im Osmanischen Reich durch Helmuth von Moltke, dem späteren Generalstabschef des deutschen Heeres beim Sieg gegen Frankreich im Jahre 1871. Diese Militärmission blieb ununterbrochen bis 1918 aufrecht, einer ihrer bekanntesten Vertreter war Freiherr von der Goltz. Im Ersten Weltkrieg stellte sich das Osmanische Reich auf die Seite von Deutschland und Österreich und wurde in der Folge von den Kriegsgegnern, besonders England, schärfstens bedroht. In den Schlachten um die Dardanellen und um den Eingang in das Schwarze Meer wurden die äußerst tapfer kämpfenden osmanischen Truppenverbände vom deutschen General Liman von Sanders befehligt (und nicht, wie fälschlich heute in der Türkei dargestellt wird, von Mustafa Kemal Pascha, dem späteren Gründer der Republik, dem der Name „Atatürk“ verliehen wurde. Er war damals Oberst im Generalstab). Wer heute die ehemaligen Stellungen an den Dardanellen besichtigt, dem fallen sofort die vielen Kanonen mit den Aufschriften Skoda (Österreich) und  Krupp (Deutschland) auf, die nach Freikämpfen der Bahnlinie durch Serbien in Eile dorthin gebracht worden sind.


Das hohe Ansehen Deutschlands spiegelte sich in der Politik und Wirtschaft wider.


Der Sieg gegen England in den Jahren 1914/1915 half aber nichts. Das Osmanische Reich wurde von Palästina her aufgerollt, wobei auch hier zuletzt Liman von Sanders den Oberbefehl der osmanischen Truppen hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg sah sich die 1922 gegründete Republik Türkei zu einer näheren Zusammenarbeit mit England und Frankreich genötigt, die in einer Vereinbarung gipfelte, in der im Kriegsfall gegenseitiger Beistand zugesichert wurde. Trotz dieser Vereinbarung konnte sich die Republik Türkei aus dem Zweiten Weltkrieg weitestgehend heraushalten und erklärte dem Dritten Reich erst ganz zum Schluss den Krieg, als fast alles schon vorbei war.
Aus dieser grob skizzierten Lage heraus kann man vielleicht ersehen, dass es bei dem niedrigen Bildungsstand der Bevölkerung der frühen „modernen“ Türkei für die einfachen Leute, die im Ersten Weltkrieg an den verschiedenen Fronten unter deutscher oder österreichischer Führung gekämpft hatten, überhaupt nicht einsehbar gewesen wäre, gegen den langjährigen Kriegspartner und Freund Deutschland bzw. Österreich (zusammen im Dritten Reich) im Zweiten Weltkrieg in den Kampf zu ziehen.

Diese Einstellung blieb noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg in den Köpfen der türkischen Menschen erhalten. Ich wurde 1974 vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst in Wien als „lebende Subvention“ an das Privatgymnasium St. Georgs-Kolleg (im Besitz des Lazaristenordens und des Ordens der Barmherzigen Schwestern) nach Istanbul entsandt.
Die Wohnungssuche ergab eine schöne Wohnung am Bosporus, wobei die Hauseigentümer drei Schwestern waren, deren Vater noch im Haus lebte und ein ehemaliger und gleichaltriger General Atatürks gewesen ist. Dieser hochgeschätzte Herr starb 1982 im Alter von 102 Jahren. In dieser Gesellschaft war es selbstverständlich, dass immer wieder auf die (Kriegs-) Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei hingewiesen wurde. Es beschränkte sich aber die besondere Sicht auf Deutschland nicht nur auf private Zirkel, man wurde auf sie besonders bei älteren Menschen in ganz Anatolien immer wieder angesprochen. Das hohe Ansehen, das Deutschland in dieser Zeit noch immer in der Türkei hatte, spiegelte sich auch in der Politik und besonders im schwierigen Aufbau der türkischen Wirtschaft, bei dem deutsche Firmen eine gewichtige Stellung einnahmen, wider.
Diese Einstellung blieb etwa bis zum Militärputsch 1980 aufrecht, wobei natürlich auch die Möglichkeit, durch einen Arbeitsplatz in Deutschland oder in Österreich dem wirtschaftlichen und politischen Chaos in der Türkei der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entkommen zu können, sehr viel zum Ansehen unserer Länder beigetragen hat.

Mit den nach dem Militärputsch von 1980 weiter gesteigerten Nationalisierungsbestrebungen ging diese positive Einstellung vorerst in eine neutrale, aber bald darauf in eine sehr kritische Einstellung über. Ausschlaggebend dafür war sicherlich auch die Ablehnung einer Aufnahme der Türkei in die Europäische Gemeinschaft in der Mitte der 80er Jahre, was man ganz besonders deshalb als beleidigend angesehen hat, weil vorher Griechenland aufgenommen worden war. Das über viele Jahrzehnte aufgebaute Freundschaftsgebäude verfiel vorerst nur infolge mangelnder Pflege, wobei man in der Türkei die Schuld dafür vor allem Deutschland zuschrieb. 
Nach der europäischen Zurückweisung der Türkei kamen dort immer mehr Stimmen auf, die davon sprachen, dass Europa mit seinen eigenen Gesetzen besiegt werden müsse und man die in Europa lebenden türkischen Staatsbürger dazu verwenden solle, den Einfluss des türkischen Staates vor allem in Deutschland und in die deutsche Politik beständig und beharrlich aufzubauen. Diese in den türkischen Zeitungen propagierte Absicht wurde anfänglich von uns, die wir in der Türkei lebten und die Schwächen des Landes kannten, belächelt, nach einer besonders in unseren Ländern konsequent verfolgten Durchsetzung dieser Idee gibt es zum Lächeln aber keinen Grund mehr. Die aus der Sicht der Türkei schwache Innenpolitik der Bundesrepublik Deutschland, die schlechte und nicht geradlinige Integrationspolitik und der völlige Mangel an Durchsetzbarkeit einer stärker an nationalen Werten orientierten Gesamtpolitik (im Gegensatz zur Politik in der Türkei) ließ das Ansehen Deutschlands und in der Folge auch Österreichs sinken. Parallel dazu erstarkte der Einfluss des türkischen Staates auf die in unseren Ländern lebenden Türken, der vor allem über die in Frankfurt gedruckten Zeitungen und über das Satellitenfernsehen, nicht zu vergessen aber über die vermehrt in unseren Ländern eingesetzten türkischen Religions- und Sprachlehrer, die in Ankara im Başbakanlık (entsprechend dem Bundeskanzleramt) für ihren Einsatz geschult werden, seit mehr als zwei Jahrzehnten ausgeübt wird. Nachdem in Österreich im Verhältnis viel weniger Türken als in Deutschland leben, wirkte sich diese Einflussnahme vor allem in der Bundesrepublik aus.

Versuch der Umgehung der Einbürgerungsgesetze Deutschlands.

Dabei spielte man, je nachdem wie es die Situation erforderte, die Karte der dem Kemalismus verhafteten und laizistisch orientierten Staatspolitik oder jene der Stärkung des islamischen Einflusses in Europa, vor allem in Deutschland, beide aber sehr stark nationalistisch verbrämt, aus. Damit konnte man die verschiedenen Untergruppen der auch in unseren Ländern sehr heterogenen türkischen Gesellschaft ansprechen.
Es könnten von mir viele Beispiele zur Begründung der in den letzten Absätzen gemachten Aussagen angeführt werden, allerdings würde hier der Platz nicht ausreichen. Daher beschränke ich mich auf zwei Beispiele der letzten Zeit.
Zur Zeit der Bundestagswahlen 2002 war ich noch in Istanbul tätig. Die türkischen Fernsehkanäle beschäftigten sich ausführlich mit dieser Wahl. Zu dieser Zeit war die Debatte über eine Aufnahme der Türkei in die EU in eine heiße Phase getreten. Über die türkischen Kanäle, die in Deutschland über den Satelliten Turksat zu empfangen sind, wurden ganz eindeutige Wahlempfehlungen an die wahlberechtigten türkischstämmigen Bürger Deutschlands abgegeben. Gleichzeitig wurden die türkischen Landsleute in Deutschland aufgefordert, vermehrt die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, um auf diesem Weg mehr Einfluss in die deutsche Politik zu erlangen. Die verschiedenen zur Wahl anstehenden Parteien wurden nach ihrer „Türkeifreundlichkeit“ analysiert, wobei für zwei diesem Kriterium entsprechende Parteien (SPD und Grüne) eine dringende Wahlempfehlung abgegeben wurde. Nach dem knappen und für diese beiden Parteien glücklichen Wahlergebnis wurde im Fernsehen die Meldung darüber mit „wir haben gesiegt“ abgegeben. Der Abgeordnete der Partei der Grünen  Özdemir („einer von uns“) machte auch gleich einen Besuch in der Türkei.
Vielleicht macht dies bei vielen von uns keinen besonderen Eindruck, werden doch auch bei uns vor Wahlen Stimmen von innen und außen abgegeben, welche Parteien z.B. möglichst nicht zu wählen sind, auch wenn über sie kein verfassungsgerichtliches Verbot verhängt wurde. Der eigentliche Skandal war damals, als nach den Wahlen aufkam, dass sehr viele der durch die Empfehlung der türkischen Regierung gewonnenen Neuwähler sofort nach Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft dazu wieder die türkische Staatsbürgerschaft, die sie vorher niederlegen mussten, zurückerhalten haben. Dieser Versuch der Umgehung der Einbürgerungsgesetze Deutschlands durch einen Staat, der Mitglied der EU werden möchte, ist sicher beispiellos.
Eine weitere Begebenheit aus diesem Jahr führe ich an, weil sie besonders gut zeigt, wie leicht ein Land, das aus welchen Gründen auch immer eine bedächtige und übervorsichtige Politik ohne starkes eigenes Profil betreibt, in die Defensive geraten kann. Anfang Februar 2008 kam es in Ludwigshafen zu einem Brand eines Hauses, bei dem acht türkische Staatsbürger den Tod fanden. Alle Bewohner dieses Hauses waren Aleviten, also Angehörige einer religiösen Minderheit in der Türkei.

Ohne Beweise: Kampagne gegen Deutschland und die „Mörder“ türkischen Bürger.

Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang, dass es bereits 1993 in der zentralanatolischen Stadt Sivas einen tatsächlichen Brandanschlag durch islamische Eiferer gegen ein Hotel gegeben hat, durch den 35 Aleviten, die dort ein Treffen abhielten, zu Tode kamen und welcher bis heute nicht geklärt werden konnte.
Nun aber starteten fast alle Zeitungen in der Türkei und ebenfalls die türkischen Zeitungen, die in Frankfurt gedruckt werden, ohne irgendwelche Beweise eine Kampagne gegen Deutschland und die „Mörder“ der türkischen Bürger, wobei letzterer Vorwurf auf die angeblich zu langsam vorgegangene Feuerwehr ausgeweitet wurde. Der Generalsekretär der „Alevitischen Gemeinde in Deutschland“ verwahrte sich strikt gegen diese Vorwürfe und versicherte öffentlich, dass die Feuerwehr und die ermittelnde Polizei ihr möglichstes getan hätten.
Trotzdem kam es infolge der Hetze der türkischen Zeitungen und des türkischen Fernsehens in Ludwigshafen zu Angriffen gegen einen Feuerwehrmann und zu Protestaktionen wegen des angeblichen Brandanschlages.
Innenminister Schäuble befand sich zu dieser Zeit auf Besuch in Ankara und Istanbul und wurde dort mit Vorhaltungen betreffend das deutsche Ausländerrecht und des Feuers in Ludwigshafen überschüttet. Schäuble ließ noch in Istanbul in einem Interview seinen ganzen Unmut über den Ton der Vorhaltungen der türkischen Regierung spüren.
Die türkische Regierung schickte eigene Ermittler nach Ludwigshafen, die als Verstärkung der deutschen Kräfte gedacht waren. Von politischer Seite besuchte zuerst die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Frau Staatsministerin Böhmer, mit dem türkischen Minister für die im Ausland lebenden Türken (!) die Brandstelle und legte dort für Bundeskanzlerin Merkel einen Kranz nieder, danach war auch der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan am Unglücksort. Obwohl die Untersuchungen keinen Hinweis auf einen fremdenfeindlichen Anschlag erkennen ließen, wurde dieses Ergebnis von islamischen Organisationen in Deutschland weiterhin in Frage gestellt.
Solche Aktionen tragen kaum zu einer Beruhigung bei, sondern sind eher Ausdruck einer Unsicherheit der Politiker. Es entsteht das Bild, dass ohne das Auftreten von türkischen Politikern die Behörden in Deutschland die von türkischer Seite her aufgestachelte Stimmung nicht mehr in den Griff bekommen hätten. Wenn in Deutschland Unglücksfälle, bei denen Bürger anderer Länder, die in Deutschland leben wollen, zu Schaden kommen, nicht mehr ohne äußeren Einfluss untersucht werden können, wird sich diese Einflussnahme ohne Setzen einer Grenze immer weiter verstärken.

Deutliches Zeichen von Schwäche. Es bleibt die Hoffnung auf Stärke.

Aus dem Blickwinkel eines Türken sind derartige Vorgänge ein äußerst deutliches Zeichen von Schwäche, zumal der türkische Ministerpräsident Erdoğan parallel auch noch die Möglichkeit wahrnahm, gemeinsam mit einigen Parlamentsabgeordneten vor 16.000 Türken in der Arena in Köln zu sprechen. Er forderte seine Landsleute und die türkischstämmigen deutschen Staatsbürger auf türkisch (ohne Übersetzung) auf, die eigene Kultur, Religion und Identität zu bewahren, sich in Deutschland zu integrieren, aber sich nicht zu assimilieren. Sie sollten sich vermehrt in die Politik Deutschlands einschalten und so an Einfluss gewinnen. Zudem forderte er eine gewissenhafte Aufklärung des Brandfalles in Ludwigshafen und brachte den Zuhörern seine Vorhaben in der türkischen Politik zur Kenntnis. Ein derartiges Auftreten eines Politikers aus dem Ausland wäre in der Türkei völlig unmöglich.

Das Gesamtbild der Bundesrepublik Deutschland hat sich somit aus Sicht der Türken trotz der weiterhin vorhandenen wirtschaftlichen Erfolge, zu denen man aufsah, und der vielen deutschen Touristen, die in die Türkei reisen, in den 34 von mir überblickbaren Jahren stark verändert. Unsere türkischen Freunde, die in Deutschland studiert, lange Jahre als Akademiker gearbeitet und dort eine andere Welt erlebt haben als heute, verstehen diesen Wechsel zu einer Defensivpolitik nicht. Trotzdem blieb ihnen die Hoffnung, wieder ein starkes Deutschland, auch gegenüber dem eigenen Land, zu erleben, das die Politik der Türkei seiner Stärke gemäß mitformen kann, damit diese aus der derzeitigen Erstarrung heraus zu wirklichen Reformen fähig wird.

Ich war von September 1974 bis August 2003 beruflich in der Türkei tätig und bin natürlich auch heute noch sehr eng mit den Vorkommnissen in diesem Land vertraut. In diesen nun 34 Jahren, die ich rückblickend gut überschauen kann, hat sich die Einstellung der türkischen Bevölkerung gegenüber Deutschland und Österreich und damit ihre Sicht auf diese Länder stark gewandelt.

Um eine Grundlage für das Verständnis der Sichtweisen zu erlangen, ist allerdings ein kurzer historischer Überblick notwendig. Mit Preußen stand das Osmanische Reich nie in einem direkten Konflikt, und die Auseinandersetzungen mit Österreich (der Habsburgermonarchie) waren etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts weitestgehend beendet. Am Anfang des 19. Jahrhunderts war es dringend notwendig, eine Reform der inneren Struktur des Landes durchzuführen. Dabei kam es im Juni 1826 zur Vernichtung der ehemaligen Elitetruppe der Janitscharen, die sich jeglicher Reformbestrebung entgegenstellte, am Hippodrom von Istanbul. Parallel zu diesen Vorgängen war in dieser Zeit der Versuch der Niederschlagung des Aufstandes der Griechen, der 1821 von der Halbinsel Mani auf der Peloponnes ausgegangen war, ein dringendes Anliegen der Verwaltung des Osmanischen Reiches. In diesem Rahmen kam es 1827 nach Anforderung des größten Teils der verfügbaren Kriegsschiffe durch die osmanische Heeresleitung zu einer Massierung der osmanischen Flotte in Navarino (Peloponnes). Diese Flotte wurde von den Schiffen des Dreibunds (England, Frankreich und eher im Hintergrund Russland) in der Falle von Navarino vernichtet. Nicht beteiligt an dieser Aktion waren Preußen und Österreich, was meiner Meinung nachhaltig zu einem besonderen Verhältnis dieser beiden Länder zum Osmanischen Reich beigetragen hat. Die hier verkürzte Darstellung der äußerst komplizierten Zusammenhänge reicht natürlich nicht aus, die im Ersten Weltkrieg besonders ausgeprägte Stellung der beiden Großmächte Deutschland und Österreich zum Osmanischen Reich zu erklären. Auf jeden Fall hat die „orientalische Frage“ (das Vordringen Russlands und sein Anspruch auf die Führung der Christenheit im Osmanischen Reich und damit seine vorherrschende Stellung über deren Stätten im Heiligen Land, damit aber verbunden die freie Passage Russlands aus dem Schwarzen Meer durch den erwünschten Besitz der Gestade des Bosporus) und ihre Handhabung durch die Großmächte des 19. Jahrhunderts sowohl die Politik dieses als auch des 20. Jahrhunderts (zumindest in den ersten Jahrzehnten) mitbestimmt.

Im Jahre 1834 begann die erste Militärmission Preußens im Osmanischen Reich durch Helmuth von Moltke, dem späteren Generalstabschef des deutschen Heeres beim Sieg gegen Frankreich im Jahre 1871. Diese Militärmission blieb ununterbrochen bis 1918 aufrecht, einer ihrer bekanntesten Vertreter war Freiherr von der Goltz. Im Ersten Weltkrieg stellte sich das Osmanische Reich auf die Seite von Deutschland und Österreich und wurde in der Folge von den Kriegsgegnern, besonders England, schärfstens bedroht. In den Schlachten um die Dardanellen und um den Eingang in das Schwarze Meer wurden die äußerst tapfer kämpfenden osmanischen Truppenverbände vom deutschen General Liman von Sanders befehligt (und nicht, wie fälschlich heute in der Türkei dargestellt wird, von Mustafa Kemal Pascha, dem späteren Gründer der Republik, dem der Name „Atatürk“ verliehen wurde. Er war damals Oberst im Generalstab). Wer heute die ehemaligen Stellungen an den Dardanellen besichtigt, dem fallen sofort die vielen Kanonen mit den Aufschriften Skoda (Österreich) und  Krupp (Deutschland) auf, die nach Freikämpfen der Bahnlinie durch Serbien in Eile dorthin gebracht worden sind.

Das hohe Ansehen Deutschlands spiegelte sich in der Politik und Wirtschaft wider.

Der Sieg gegen England in den Jahren 1914/1915 half aber nichts. Das Osmanische Reich wurde von Palästina her aufgerollt, wobei auch hier zuletzt Liman von Sanders den Oberbefehl der osmanischen Truppen hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg sah sich die 1922 gegründete Republik Türkei zu einer näheren Zusammenarbeit mit England und Frankreich genötigt, die in einer Vereinbarung gipfelte, in der im Kriegsfall gegenseitiger Beistand zugesichert wurde. Trotz dieser Vereinbarung konnte sich die Republik Türkei aus dem Zweiten Weltkrieg weitestgehend heraushalten und erklärte dem Dritten Reich erst ganz zum Schluss den Krieg, als fast alles schon vorbei war.
Aus dieser grob skizzierten Lage heraus kann man vielleicht ersehen, dass es bei dem niedrigen Bildungsstand der Bevölkerung der frühen „modernen“ Türkei für die einfachen Leute, die im Ersten Weltkrieg an den verschiedenen Fronten unter deutscher oder österreichischer Führung gekämpft hatten, überhaupt nicht einsehbar gewesen wäre, gegen den langjährigen Kriegspartner und Freund Deutschland bzw. Österreich (zusammen im Dritten Reich) im Zweiten Weltkrieg in den Kampf zu ziehen.

Diese Einstellung blieb noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg in den Köpfen der türkischen Menschen erhalten. Ich wurde 1974 vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst in Wien als „lebende Subvention“ an das Privatgymnasium St. Georgs-Kolleg (im Besitz des Lazaristenordens und des Ordens der Barmherzigen Schwestern) nach Istanbul entsandt.
Die Wohnungssuche ergab eine schöne Wohnung am Bosporus, wobei die Hauseigentümer drei Schwestern waren, deren Vater noch im Haus lebte und ein ehemaliger und gleichaltriger General Atatürks gewesen ist. Dieser hochgeschätzte Herr starb 1982 im Alter von 102 Jahren. In dieser Gesellschaft war es selbstverständlich, dass immer wieder auf die (Kriegs-) Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei hingewiesen wurde. Es beschränkte sich aber die besondere Sicht auf Deutschland nicht nur auf private Zirkel, man wurde auf sie besonders bei älteren Menschen in ganz Anatolien immer wieder angesprochen. Das hohe Ansehen, das Deutschland in dieser Zeit noch immer in der Türkei hatte, spiegelte sich auch in der Politik und besonders im schwierigen Aufbau der türkischen Wirtschaft, bei dem deutsche Firmen eine gewichtige Stellung einnahmen, wider.

Diese Einstellung blieb etwa bis zum Militärputsch 1980 aufrecht, wobei natürlich auch die Möglichkeit, durch einen Arbeitsplatz in Deutschland oder in Österreich dem wirtschaftlichen und politischen Chaos in der Türkei der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entkommen zu können, sehr viel zum Ansehen unserer Länder beigetragen hat.

Mit den nach dem Militärputsch von 1980 weiter gesteigerten Nationalisierungsbestrebungen ging diese positive Einstellung vorerst in eine neutrale, aber bald darauf in eine sehr kritische Einstellung über. Ausschlaggebend dafür war sicherlich auch die Ablehnung einer Aufnahme der Türkei in die Europäische Gemeinschaft in der Mitte der 80er Jahre, was man ganz besonders deshalb als beleidigend angesehen hat, weil vorher Griechenland aufgenommen worden war. Das über viele Jahrzehnte aufgebaute Freundschaftsgebäude verfiel vorerst nur infolge mangelnder Pflege, wobei man in der Türkei die Schuld dafür vor allem Deutschland zuschrieb. 

Nach der europäischen Zurückweisung der Türkei kamen dort immer mehr Stimmen auf, die davon sprachen, dass Europa mit seinen eigenen Gesetzen besiegt werden müsse und man die in Europa lebenden türkischen Staatsbürger dazu verwenden solle, den Einfluss des türkischen Staates vor allem in Deutschland und in die deutsche Politik beständig und beharrlich aufzubauen. Diese in den türkischen Zeitungen propagierte Absicht wurde anfänglich von uns, die wir in der Türkei lebten und die Schwächen des Landes kannten, belächelt, nach einer besonders in unseren Ländern konsequent verfolgten Durchsetzung dieser Idee gibt es zum Lächeln aber keinen Grund mehr. Die aus der Sicht der Türkei schwache Innenpolitik der Bundesrepublik Deutschland, die schlechte und nicht geradlinige Integrationspolitik und der völlige Mangel an Durchsetzbarkeit einer stärker an nationalen Werten orientierten Gesamtpolitik (im Gegensatz zur Politik in der Türkei) ließ das Ansehen Deutschlands und in der Folge auch Österreichs sinken. Parallel dazu erstarkte der Einfluss des türkischen Staates auf die in unseren Ländern lebenden Türken, der vor allem über die in Frankfurt gedruckten Zeitungen und über das Satellitenfernsehen, nicht zu vergessen aber über die vermehrt in unseren Ländern eingesetzten türkischen Religions- und Sprachlehrer, die in Ankara im Başbakanlık (entsprechend dem Bundeskanzleramt) für ihren Einsatz geschult werden, seit mehr als zwei Jahrzehnten ausgeübt wird. Nachdem in Österreich im Verhältnis viel weniger Türken als in Deutschland leben, wirkte sich diese Einflussnahme vor allem in der Bundesrepublik aus.

Versuch der Umgehung der Einbürgerungsgesetze Deutschlands.

Dabei spielte man, je nachdem wie es die Situation erforderte, die Karte der dem Kemalismus verhafteten und laizistisch orientierten Staatspolitik oder jene der Stärkung des islamischen Einflusses in Europa, vor allem in Deutschland, beide aber sehr stark nationalistisch verbrämt, aus. Damit konnte man die verschiedenen Untergruppen der auch in unseren Ländern sehr heterogenen türkischen Gesellschaft ansprechen.

Es könnten von mir viele Beispiele zur Begründung der in den letzten Absätzen gemachten Aussagen angeführt werden, allerdings würde hier der Platz nicht ausreichen. Daher beschränke ich mich auf zwei Beispiele der letzten Zeit.
Zur Zeit der Bundestagswahlen 2002 war ich noch in Istanbul tätig. Die türkischen Fernsehkanäle beschäftigten sich ausführlich mit dieser Wahl. Zu dieser Zeit war die Debatte über eine Aufnahme der Türkei in die EU in eine heiße Phase getreten. Über die türkischen Kanäle, die in Deutschland über den Satelliten Turksat zu empfangen sind, wurden ganz eindeutige Wahlempfehlungen an die wahlberechtigten türkischstämmigen Bürger Deutschlands abgegeben. Gleichzeitig wurden die türkischen Landsleute in Deutschland aufgefordert, vermehrt die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, um auf diesem Weg mehr Einfluss in die deutsche Politik zu erlangen. Die verschiedenen zur Wahl anstehenden Parteien wurden nach ihrer „Türkeifreundlichkeit“ analysiert, wobei für zwei diesem Kriterium entsprechende Parteien (SPD und Grüne) eine dringende Wahlempfehlung abgegeben wurde. Nach dem knappen und für diese beiden Parteien glücklichen Wahlergebnis wurde im Fernsehen die Meldung darüber mit „wir haben gesiegt“ abgegeben. Der Abgeordnete der Partei der Grünen  Özdemir („einer von uns“) machte auch gleich einen Besuch in der Türkei.

Vielleicht macht dies bei vielen von uns keinen besonderen Eindruck, werden doch auch bei uns vor Wahlen Stimmen von innen und außen abgegeben, welche Parteien z.B. möglichst nicht zu wählen sind, auch wenn über sie kein verfassungsgerichtliches Verbot verhängt wurde. Der eigentliche Skandal war damals, als nach den Wahlen aufkam, dass sehr viele der durch die Empfehlung der türkischen Regierung gewonnenen Neuwähler sofort nach Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft dazu wieder die türkische Staatsbürgerschaft, die sie vorher niederlegen mussten, zurückerhalten haben. Dieser Versuch der Umgehung der Einbürgerungsgesetze Deutschlands durch einen Staat, der Mitglied der EU werden möchte, ist sicher beispiellos.

Eine weitere Begebenheit aus diesem Jahr führe ich an, weil sie besonders gut zeigt, wie leicht ein Land, das aus welchen Gründen auch immer eine bedächtige und übervorsichtige Politik ohne starkes eigenes Profil betreibt, in die Defensive geraten kann. Anfang Februar 2008 kam es in Ludwigshafen zu einem Brand eines Hauses, bei dem acht türkische Staatsbürger den Tod fanden. Alle Bewohner dieses Hauses waren Aleviten, also Angehörige einer religiösen Minderheit in der Türkei.

Ohne Beweise: Kampagne gegen Deutschland und die „Mörder“ türkischen Bürger.

Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang, dass es bereits 1993 in der zentralanatolischen Stadt Sivas einen tatsächlichen Brandanschlag durch islamische Eiferer gegen ein Hotel gegeben hat, durch den 35 Aleviten, die dort ein Treffen abhielten, zu Tode kamen und welcher bis heute nicht geklärt werden konnte.
Nun aber starteten fast alle Zeitungen in der Türkei und ebenfalls die türkischen Zeitungen, die in Frankfurt gedruckt werden, ohne irgendwelche Beweise eine Kampagne gegen Deutschland und die „Mörder“ der türkischen Bürger, wobei letzterer Vorwurf auf die angeblich zu langsam vorgegangene Feuerwehr ausgeweitet wurde. Der Generalsekretär der „Alevitischen Gemeinde in Deutschland“ verwahrte sich strikt gegen diese Vorwürfe und versicherte öffentlich, dass die Feuerwehr und die ermittelnde Polizei ihr möglichstes getan hätten.

Trotzdem kam es infolge der Hetze der türkischen Zeitungen und des türkischen Fernsehens in Ludwigshafen zu Angriffen gegen einen Feuerwehrmann und zu Protestaktionen wegen des angeblichen Brandanschlages.

Innenminister Schäuble befand sich zu dieser Zeit auf Besuch in Ankara und Istanbul und wurde dort mit Vorhaltungen betreffend das deutsche Ausländerrecht und des Feuers in Ludwigshafen überschüttet. Schäuble ließ noch in Istanbul in einem Interview seinen ganzen Unmut über den Ton der Vorhaltungen der türkischen Regierung spüren.
Die türkische Regierung schickte eigene Ermittler nach Ludwigshafen, die als Verstärkung der deutschen Kräfte gedacht waren. Von politischer Seite besuchte zuerst die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Frau Staatsministerin Böhmer, mit dem türkischen Minister für die im Ausland lebenden Türken (!) die Brandstelle und legte dort für Bundeskanzlerin Merkel einen Kranz nieder, danach war auch der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan am Unglücksort. Obwohl die Untersuchungen keinen Hinweis auf einen fremdenfeindlichen Anschlag erkennen ließen, wurde dieses Ergebnis von islamischen Organisationen in Deutschland weiterhin in Frage gestellt.

Solche Aktionen tragen kaum zu einer Beruhigung bei, sondern sind eher Ausdruck einer Unsicherheit der Politiker. Es entsteht das Bild, dass ohne das Auftreten von türkischen Politikern die Behörden in Deutschland die von türkischer Seite her aufgestachelte Stimmung nicht mehr in den Griff bekommen hätten. Wenn in Deutschland Unglücksfälle, bei denen Bürger anderer Länder, die in Deutschland leben wollen, zu Schaden kommen, nicht mehr ohne äußeren Einfluss untersucht werden können, wird sich diese Einflussnahme ohne Setzen einer Grenze immer weiter verstärken.

Deutliches Zeichen von Schwäche. Es bleibt die Hoffnung auf Stärke.

Aus dem Blickwinkel eines Türken sind derartige Vorgänge ein äußerst deutliches Zeichen von Schwäche, zumal der türkische Ministerpräsident Erdoğan parallel auch noch die Möglichkeit wahrnahm, gemeinsam mit einigen Parlamentsabgeordneten vor 16.000 Türken in der Arena in Köln zu sprechen. Er forderte seine Landsleute und die türkischstämmigen deutschen Staatsbürger auf türkisch (ohne Übersetzung) auf, die eigene Kultur, Religion und Identität zu bewahren, sich in Deutschland zu integrieren, aber sich nicht zu assimilieren. Sie sollten sich vermehrt in die Politik Deutschlands einschalten und so an Einfluss gewinnen. Zudem forderte er eine gewissenhafte Aufklärung des Brandfalles in Ludwigshafen und brachte den Zuhörern seine Vorhaben in der türkischen Politik zur Kenntnis. Ein derartiges Auftreten eines Politikers aus dem Ausland wäre in der Türkei völlig unmöglich.

Das Gesamtbild der Bundesrepublik Deutschland hat sich somit aus Sicht der Türken trotz der weiterhin vorhandenen wirtschaftlichen Erfolge, zu denen man aufsah, und der vielen deutschen Touristen, die in die Türkei reisen, in den 34 von mir überblickbaren Jahren stark verändert. Unsere türkischen Freunde, die in Deutschland studiert, lange Jahre als Akademiker gearbeitet und dort eine andere Welt erlebt haben als heute, verstehen diesen Wechsel zu einer Defensivpolitik nicht. Trotzdem blieb ihnen die Hoffnung, wieder ein starkes Deutschland, auch gegenüber dem eigenen Land, zu erleben, das die Politik der Türkei seiner Stärke gemäß mitformen kann, damit diese aus der derzeitigen Erstarrung heraus zu wirklichen Reformen fähig wird.

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