Robert Traba (geb. 1958) ist Professor für Geschichte, Kulturwissenschaftler, Dozent am Institut für politische Studien an der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Chefredakteur der Allensteiner Zeitschrift Borussia und Direktor des im Oktober 2006 gegründeten Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Im Jahr 2004 wurde Robert Traba mit dem Deutsch-Polnischen-Preis ausgezeichnet.
Prof. Traba hat klargestellt, dass seine wissenschaftliche Arbeit als Direktor des neu gegründeten Zentrums unabhängig von politischen Einflüssen erfolgen soll. Zum Thema Geschichte sagte er: „Geschichte ist ein Raum des Dialogs. Ich möchte diesen Dialog mit verschiedenen gesellschaftlich relevanten Institutionen führen, denn ich glaube, dass wir – Polen ebenso wie Deutsche – diesen Dialog ungeheuer nötig haben. Dialog bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede oder Streitigkeiten gibt. Ein Dialog, der offen geführt wird, bei dem man sich nicht verschanzt, sondern die Möglichkeit zum partnerschaftlichen Gespräch sucht, ist das Gegenteil zur Politisierung der Wissenschaft“.
Angesichts der derzeitigen Turbulenzen in den deutsch-polnischen Beziehungen ist es von enormem Wert, dass gerade Professor Traba die Leitung des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin übernommen hat. Während in den derzeit in Warschau regierenden Koalitionsparteien ständig antideutsche Töne angeschlagen werden, hat Professor Traba in Polen den Begriff „Ostpreußentum“ (auf polnisch „Wschodniopruskość“) erfunden. Ostpreußentum ist in Polen ein neuer, von Professor Traba geschaffener Begriff, um Prozesse, Bedingungen und öffentliche Handlungen zusammenzufassen, aus denen die ostpreußische Identität im gesellschaftlichen Raum besteht. Darüber schreibt er in seinem Buch unter dem Titel: „Ostpreußentum. Regionale und nationale Identität in der deutschen politischen Kultur“ (Original-Titel: „Wschodniopruskość. Tożsamość regionalna i narodowa w kulturze politycznej Niemiec”).
Robert Traba isoliert drei Begriffspaare, die die Identitätsdiskussion in Ostpreußen prägten: Heimat / Volk, Vormauer der (Anti-) Zivilisation / Bollwerk des Deutschtums, Krieg / Feind. Uns interessiert die Idee von „Heimat“. Professor Traba interpretiert sie als eine spezifische Nationaltradition und ein nationales Selbstverständnis. Die Verbundenheit mit der lokalen Tradition, der Region und das Nationalbewusstsein fallen hier zusammen. Traba macht aufmerksam auf eine Erscheinung, die Polen und Deutschland gemeinsam ist: die Parallelität der Mythen von „Kresy“, den historischen deutschen und den einstigen polnischen Ostgebieten. Unter den Historikern herrscht ein Spruch, dass man das Deutschtum nie gut verstehen wird, ohne die Geschichte Preußens gut zu verstehen. Auch das Polentum würde man nie gut verstehen, ohne die Geschichte von Lemberg, Wilna und anderen polnischen Ostgebieten zu kennen.
Welche Auswirkungen kann jedoch das „Ostpreußentum“ auf Oberschlesien haben? Die regionale Identität Ostpreußens zeichnete sich durch rationalere Deutung der Wirklichkeit, Begeisterung für die Landschaft und Akzeptanz für die Multikulturalität aus. Gerade die von Professor Traba herausgestellte regionale Identität hat für Oberschlesien eine große Bedeutung. Laut Traba ist die Identität ein Wert, der sich mit jeder nächsten Generation verändert, die je nach der gesellschaftlichen und politischen Situation, in der sie funktioniert, ihre Identität unterschiedlich stiftet und deutet. Im jetzigen Oberschlesien, das seit 52 Jahren nicht mehr zum deutschen Saat gehört, hat sich die Identität natürlich verändert. Natürlich blieb auch die kommunistische Polonisierung der Oberschlesier nicht ohne Einfluss. Die regionale Identität könnte und müsste für die Oberschlesier einer der wichtigsten Teile ihres Daseins werden. Obwohl Oberschlesien nicht mehr in Deutschland liegt, gehören aber die deutschen Oberschlesier zur deutschen Kulturnation. Obwohl die deutschen Oberschlesier zuhause meistens den schlesischen Dialekt sprechen, ist und soll die deutsche Sprache als wichtigster Träger der deutschen Kultur gepflegt werden. Dafür wurden unter anderem die Vereine deutscher Hochschüler (VDH) gegründet. Die Heimat war für Oberschlesier – nach Gott – immer das wichtigste im Leben. Die Geschichte Oberschlesiens hat die Oberschlesier daran gewöhnt, die regionale Identität vor die nationale Identität zu stellen.
In der heutigen Zeit, in der Deutsche und Polen in Oberschlesien nebeneinander und miteinander leben, ist die gegenseitige Akzeptanz von enormem Wert. Oberschlesien ist ein Land mit einer verwirrten, aber einzigartigen Geschichte, und mit einer wunderschönen, langen Tradition. Es soll aber auch ein Land sein, wo sich der „offene Regionalismus“ durchsetzen wird, wo die regionale Identität über der nationalen stehen wird.














