Montag, 21. Mai 2012

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Regnende Banker, Angst vor der Heizkostenabrechnung und der Hinweis, dass wir noch lebendig sind

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London, Underground Station Bank. Hastig drängen Menschen in teuren Anzügen und leicht gelöstem Krawattenknoten aus der U-Bahn an dem Denkmal von Wellington vorbei auf die Straße. Alle laufen etwas schneller als man es sonst aus anderen Teilen der Stadt kennt. Zielgerichtet begeben sie sich zügig in Richtung eines der großen, pompös ausschauenden Gebäude, die hier überall stehen. Ein Teil der Menschen, die hier arbeiten, haben in den letzten Monaten Verlustpositionen angehäuft, für die sie noch vor einem Jahr zumindest eine Notiz in der Financial Times bekommen hätten. Jetzt sind die Dinge ein wenig anders, doch es scheint so, als habe man sich mit dem Zustand schon arrangiert.

Bei der normalen Bevölkerung sind die Menschen, die hier arbeiten, nicht besonders beliebt. „Posh bloody bastards from Oxbridge“ bezeichnet sie ein Taxifahrer und meint damit Absolventen von Oxford und Cambridge. „They lost fortunes for doing nothing!“. Beim Verlassen des Taxis an der 30 St Mary Axe, gibt er noch den Hinweis, dass man vorsichtig sein solle, weil es Banker regnen könne. Dies wird nicht passieren. Im Gherkin Building kann man wieder Büroetagen mieten. In den Edelboutiquen werden Rabatte gewährt, wie man sie sonst nur vom Winterschlussverkauf kennt.
Die Stimmung in der „City“ ist ein wenig rauer als sonst, fast schon ein wenig aggressiv, selbst für sonst sehr höfliche Briten. Nur ungern akzeptiert man, dass das britische Pfund Sterling dem Euro fast gleichwertig ist und es kommt fast schon einer Beleidigung des Nationalstolzes gleich, wenn man dies einem Banker gegenüber erwähnt. Seit Anfang Oktober hat die Bank von England die Leitzinsen von 5,00 auf nunmehr 1,50 Prozent gesenkt. So niedrige Zinsen hat es in der Geschichte der Bank seit 1694 nicht gegeben. Auf der anderen Seite des Atlantiks sieht sich die Federal Reserve Bank ebenso historischen Zinssätzen gegenüber, auch wenn es diese dort ab und an schon einmal gegeben hat. Notgedrungen hat inzwischen auch die Europäische Zentralbank im weltweiten Wettrüsten der Zentralbanken nachgegeben und ihre Zinsen auf 2,00 Prozent gesenkt.

Während Headhunter hier in London noch vor einem halben Jahr versuchten, möglichst viele talentierte Experten der Finanzindustrie für ihre Klienten nach London zu holen, wird jetzt, zumindest für einen kurzen Zeitraum, so scheint es, der Weg in die entgegengesetzte Richtung beschritten. So endet das geheimnisvolle Telefonat mit dem bis dahin unbekannten Headhunter nicht mehr nur in einem diskreten Angebot einer neuen Stellung, sondern inzwischen viel mehr in dem Angebot, sich doch ausgewählte Jobkandidaten einmal anzuschauen. Parallel dazu übertrumpfen sich nicht nur Banken mit Rekordjahresfehlbeträgen, die aufgrund ihrer Häufigkeit und in ihrer Intensität kaum noch medial wahrgenommen werden können. Der große Rausch der letzten Jahre scheint vorbei und der Kater stellt sich ein. Um dem zu entgehen, versuchen weltweit Regierungen mit Konjunkturprogrammen und Staatsgarantien in nicht gekannter Höhe, quasi als Conterbier, entgegen zu wirken. Bekanntermaßen befreit aber auch das Conterbier nicht vom Kater. Schon jetzt werden Stimmen laut, die davor warnen, welche Folgen diese Politik haben könnte. Aktuell belaufen sich allein die Konjunkturprogramme der wichtigsten sieben Volkswirtschaften auf 1236 Milliarden Euro. Begleitet werden diese mit Bankgarantien von 13.000 Milliarden Euro. Diese Programme werden über Staatsanleihen finanziert. Genau darin könnte die Ursache für die nächste Krise liegen, denn möglicherweise sind die Geldmärkte nicht auf diese Volumen vorbereitet. Anzeichen dafür gibt es bereits jetzt. Dass sich die Märkte für Staatsschulden in einer Extremsituation befinden, lässt sich auch an den Renditen ablesen, die sich gegenläufig zu den Kursen entwickeln. Die Verzinsung ist weltweit auf historische Tiefstände abgesackt. Als die für das Schuldenmanagement zuständige Finanzagentur des Bundes in Deutschland Anfang des Jahres versuchte, zehnjährige Staatsanleihen im Wert von sechs Milliarden Euro per Versteigerung zu platzieren, erhielt sie lediglich Angebote für 5,2 Milliarden Euro. Ein schlechteres Ergebnis hat es die letzten acht Jahre nicht gegeben. Ungarn hatte bekanntermaßen bereits im Oktober 2008 immense Probleme weitere Staatsanleihen am Markt auszugeben und konnte nur durch einen Überbrückungskredit von IWF, EU und Weltbank vor dem Staatsbankrott bewahrt werden. Mit steigender Verschuldung steigt auch das Ausfallrisiko von bislang als sicher eingestuften Staatsanleihen. Diese Volumen sind jedoch für Käufer dieser Staatsanleihen auch nicht mehr über Credit Default Swaps auszugleichen, da der Markt für diese Volumen wohl kaum groß genug sein dürfte. Bereits in der laufenden Krise hat sich deutlich gezeigt, dass diese Art der Kreditausfallversicherungen bereits bei Banken nicht immer funktionierte. Möglicherweise zwingt diese natürliche Begrenzung in der Kreditaufnahme die Regierungen dazu, vom Gießkannenprinzip zu einer vernunftgetriebenen Verteilung der Finanzmittel zurückzukehren.

SwissrealUm eine Krise dieses Ausmaßes in Zukunft zu verhindern, werden öffentliche Forderungen nach einem schärferen und international vergleichbareren Aufsichtsrecht für Banken sowie höheren Eigenkapitalquoten der Banken lauter. Dabei wird leicht vergessen, dass für das Aufsichtsrecht seit nunmehr Jahrzehnten Konzepte im Rahmen von Basel II vorliegen und diese in vielen Ländern bereits rechtlich bindend für Banken sind. Rückwirkend wirkt es fast schon wie eine Prophezeiung, als sich gerade die Bankaufsicht der Vereinigten Staaten im Dezember 2006 gegen dessen Einführung sträubte, während die meisten Europäischen Staaten die Regelungen von Basel II in nationales Recht gossen. Doch mit schärferen Regeln ist es sicherlich nicht getan, wenn die nationalen Aufsichtsbehörden nicht mit den notwendigen Instrumentarien ausgestattet sind. Das heißt auch, dass sich die Bankenaufsicht eine entsprechende Anzahl von Experten und Prüfern leisten können muss, um zunächst den Prüfungsumfang vollumfänglich nachkommen zu können und schließlich auch die Methoden für die Risikoberichterstattung selbst maßgeblich zu verbessern. Wie schwierig es ist, Bankexperten für Aufgaben des Staates zu gewinnen, zeigt sich schon an der Besetzung des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) deren Besetzung des Leitungsausschusses in den vergangenen Wochen in regelmäßigen Abständen wechselte, weil sich die Betreffenden zurückzogen. Sollten sich für die Banken keine Financiers finden, die bereit sind die Eigenmittel der Banken zu stärken, nutzt es der restlichen Wirtschaft zunächst auch nicht viel, wenn den Banken zusätzliche Geldmittel in Form von günstigen Krediten zur Verfügung gestellt bekommen, da der limitierende Faktor für die Kreditvergabe in den Eigenmitteln und gerade nicht im Fremdkapital liegt. Ungeachtet dessen scheint die Situation noch nicht ausgestanden und der eingeschränkte Handlungsspielraum der Banken zieht inzwischen weitreichende Kreise. So sieht sich die Industrie nicht nur einer nachlassenden Nachfrage gegenüber. Parallel dazu werden die für den internationalen Handel wichtigen Sicherungsgeschäfte aufgrund gesunkener Bonität der Kontrahenten und stark volatiler Wechselkurse und Rohstoffpreise schwieriger. Dies engt gleichzeitig den Finanzierungsspielraum von Großprojekten ein, auch wenn dies durch gesunkene Zinsen und allgemein niedrigere Rohstoffkosten relativiert wird. Auch wenn momentan in Deutschland und weltweit Millionen Beschäftigte auf Kurzarbeit gesetzt sind, kann dies von den betroffenen Unternehmen nicht ewig durchgehalten werden, ohne dass diese zu drastischeren Maßnahmen greifen müssen, sollte sich an der Auftragslage in den kommenden Monaten nichts ändern. Allein in den USA verloren 2008 bereits 2,6 Millionen Menschen ihre Arbeit. Die Prognosen für das Vereinigte Königreich rechnen mit einer Arbeitslosenquote von 10 Prozent für das Jahr 2009, ein Wert wie man ihn dort nur aus den Zeiten vor Margaret Thatcher kennt. Inzwischen verlautbaren auch offizielle Stellen der kommunistischen Partei Chinas einen Anstieg der Arbeitslosigkeit unter den Wanderarbeitern auf 20 Millionen Menschen.

Auch wenn dies wohl noch alle Auswirkungen für dieses Jahr zeigt, beinhaltet diese Krise bereits einige wichtige Botschaften. Zunächst ist offenkundig, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist und mit Sicherheit unterscheidet sich diese Rezession von jenen Rezessionen, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten aufgetreten sind. Es bedarf keiner prophetischen Künste, um zu erkennen, dass diese Krise auch für uns in Deutschland noch weitreichende Konsequenzen haben wird. Ab und zu trifft man Menschen, die noch nie eine tiefere Krise hatten. Mal ehrlich: Finden wir diese Leute wirklich interessant? Mögen wir uns gerne mit ihnen zu einem längeren Gespräch treffen? Diese Finanzkrise bietet die wunderbare Chance, dass wir wieder auf den Boden der Tatsachen zurück kommen. Das ist nicht sehr bequem. Wir sind vielleicht enttäuscht, dass nicht immer alles so weitergeht, enttäuscht unsere Autos nicht immer schneller, unsere Außenhandelsbilanzen nicht immer besser wurden. Wachstum und Wohlstand haben wir als gegeben angenommen ohne zu realisieren, dass wir damit zur Minderheit auf diesem Planeten gehören. Das Einzige, wovor wir wirklich Angst hatten war die Heizkostenabrechnung.

Vielen Dank für diese Krise und den Hinweis, dass wir noch lebendig sind.

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