Sonntag, 5. Feb 2012

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Stirbt Europa?

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Im Mai 2006 wurde in der hiesigen Presse über die Rede, die der jetzige Präsident von Russland, Wladimir Putin, über die Lage der Nation hielt, berichtet. Darin erwähnte der Präsident, dass das dringendste Problem in Russland seine demographische Situation sei und wenn nichts geschähe, Russland zum Sterben verurteilt wäre. Er belegte dies mit der Feststellung, dass Russlands Bevölkerung jedes Jahr um 700.000 Menschen schrumpfe.

Um diesen sehr nachteiligen Trend für die weitere Entwicklung in Russland zu stoppen, werden mit einem Bündel von administrativen, finanziellen und sozialen Unterstützungsmaßnahmen Familien wieder zum Kinderkriegen animiert. Auch meinte er, dass sich die ganze Einstellung zur Familie in der russischen Gesellschaft ändern müsse. In der Tat ist die Lage in Russland alarmierend. Russland hat eine statistische Fruchtbarkeitsrate von 1,28. Soll die Bevölkerungsanzahl auf dem heutigen Niveau bleiben, dann müsste die Fruchtbarkeitsrate in Russland 2,1 sein, also dasselbe Niveau erreichen wie in den Vereinigten Staten von Amerika. Im September 2006 wurde berichtet, dass in Russland jede Familie für ihr zweites, gesund geborenes Kind eine Einmalzahlung vom Staat in Höhe von 250.000 Rubel erhält, das sind ca. 10.000 Euro. Ob diese Maßnahme effektiv ist, wird sich in der Zukunft erweisen, ein Anfang ist jedenfalls gemacht. Schon 1966 war sich die KPdSU der negativen demographischen Entwicklung im Sowjetreich bewussst. Damals wurde eine große Propagandaoffensive gestartet, um die Sowjetvölker zu mehr Kindern zu bewegen. Der seinerzeitige Aufruf hat kaum genützt, wie die Fruchtbarkeitsrate zeigt.

Im selben Monat des Jahres 2006 erschien im Spiegel – die Details sind in Tabelle 1 zusammengefasst – eine Vorausschau über die Entwicklung der Weltwirtschaft, die ein interessantes Licht auf die Einschätzung Putins über Russland wirft. Obwohl derartige Zukunftsbilder mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden sollten, schließlich irren sich die besten Propheten, ist es doch ein interessantes Indiz. Vor allem ist darauf hinzuweisen, dass die Zahlen für das zukünftige Prokopfeinkommen „cum grano salis“ zu nehmen sind, während die Schätzung der Bevölkerungszahlen eine viel bessere und gesicherte statistische Grundlage hat.

Tabelle 1: Entwicklung der Bevölkerung in Millionen und Prokopfeinkommen in US $

 20052050
BevölkerungEinkommenBevölkerungEinkommen
Russland14211.00011849.600
VS29741.40042083.700
China1,3167.2001,41831.400
EU39729.20039149.900

Quelle: Der Spiegel, Nr. 37 vom 11.09.06

In Russland  nimmt die Bevölkerung mit im Schnitt 0,41 Prozent pro Jahr ab, während das Prokopfeinkommen praktisch dasselbe Niveau erreichen wird wie in Europa.

Demgegenüber erwartet man für die Vereinigten Staaten von Amerika  ein jährliches Durchschnittswachstum der Bevölkerung von 0,77 Prozent und einen weiteren Anstieg des Prokopfeinkommens auf über 80.000 US $.

In China wächst trotz der Einkindfamilienpolitik die Bevölkerung im Durchschnitt um 0,17 Prozent, und das Prokopfeinkommen klettert auf stattliche 31.400 US $.

Für Europa (Europa der 25) wird  eine Stagnation  bzw. leichte Abnahme der Bevölkerung erwartet, wobei das Prokopfeinkommen weit hinter dem der Vereinigten Staten von Amerika zurückbleibt, aber mit Russland praktisch gleichzieht.

Alles in Ordnung bei uns? Und könnten wir uns jetzt bequem zurücklehnen und die Entwicklung vertrauensvoll abwarten?

Bevor man zu dieser voreiligen Schlussfolgerung kommt, ist es gut, zunächst eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes vorzunehmen und dann eine Analyse, wie es zu dem jetzigen Zustand gekommen ist. Zunächst werden wir die Lage in Europa und insbesondere in Deutschland und Österreich betrachten, wobei Vergleiche mit den großen Staaten Russland, Vereinigte Staaten von Amerika, China und Japan angestellt werden. Vorausgeschickt muss jedoch werden, dass die Datenlage in Deutschland so ist, dass sich hinsichtlich der angesprochenen Problematik nur grobe Schätzungen machen lassen. Dies gilt auch für die Studie von Professor Adrian, auf die ich mich weitestgehend stütze. Der in Deutschland gängige Mikrozensus erfasst die entscheidende Frage nach der Zahl der leiblichen Kinder einer Frau und viele andere wichtige Fragen nicht. Obwohl man in Deutschland von dieser problematischen Datenlage weiß, wird auch die geplante Volkszählung im Jahre 2010/11 nicht die nötige Klarheit bringen. Der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung weist in seinem Artikel in der Zeit auf diesen beklagenswerten Zustand hin. Gute Politik ist ohne verlässliche Zahlen nicht möglich. Professor Kleinsteuer gibt als Grund für die schlechte Datenlage an, dass in Deutschland Datenangaben im Zusammenhang mit Volkszählungen strafbewehrt sind. Wer nicht kooperiert, muss mit schwer abschätzbaren Sanktionen rechnen!

Im Juni 2006 erschien in der Wochenzeitung Die Zeit unter dem Titel „Aussterben abgesagt“ eine vierteilige Serie über die demographischen Entwicklung und die Fertilität in Deutschland. Das meiste, was darin beschrieben wird, stimmt mit der Forschungsarbeit von Professor Adrian überein. Wenn man jedoch, wie es der Redakteur der Zeit (Hauptsitz in Hamburg) macht, eine Korrelation zwischen der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Kinderzahl je Frau in Westeuropa graphisch zeigt und daneben eine Graphik stellt, die eine Korrelation zwischen der Anzahl der Weißstorchpaare und der Geburtenrate in Ostdeutschland darstellt, somit eine Nonsense-Korrelation suggeriert, entspricht dieser ungriffige Vergleich nicht dem Anspruch der Zeit, wie man mit ernsten Problemen umzugehen hat. Auch Josef Joffe, dem Herausgeber dieser Zeitung, fällt zu diesem Thema nichts anderes ein, als dass Deutschland überbevölkert sei und es deshalb nicht so furchtbar wäre, wenn es in 45 Jahren nur noch 70 bis 78 Millionen Deutsche gäbe.

Dass dies zu schwerwiegenden Umwälzungen in Europa führen würde, wenn diese Erwartung tatsächlich einträfe, gibt diesem Herren wenig Anlass zur Sorge. Da gibt sich das Statistische Bundesamt in Wiesbaden in seiner neuesten Studie über die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, die im November 2006 publiziert wurde, schon viel realistischer. Demnach wird die Bevölkerung im Jahre 2050 auf 74 Millionen bzw. 69 Millionen Einwohner geschrumpft sein, wenn nicht deutlich gegensteuernde Maßnahmen ergriffen werden. In der Studie geht man von einer gleichbleibenden Geburtenrate von 1,4 aus. Derzeit kommen auf 100 Erwerbspersonen 32 Personen, die älter sind als 65 Jahre. 2050 kommen nach dieser Rechnung auf 100 Erwerbspersonen 60 Personen, die älter sind als 65 Jahre. Viel bedeutender ist jedoch, dass im Jahre 2005 noch 685.000 Geburten gezählt wurden. Im Jahre 2050 würde diese Zahl jedoch auf ca. 500.000 sinken.

Tabelle 2: Bevölkerung und Geburten in Deutschland

JahrGesamtbevölkerung (Millionen)Geburtenzahl (Millionen)
193065,31,00
193667,41,19
193969,61,35
200582,40,685
205068,70,50

Welch dramatische Entwicklung sich hier schon abgespielt hat und sich weiter abzeichnet, siehe Tabelle 2, lässt sich ableiten aus den Bevölkerungs- und Geburtenzahlen der Jahre 1930 bis 1940. Im Jahre 1930 brachte eine Gesamtbevölkerung im damaligen Deutschen Reich von 65,3 Millionen 1 Million Geburten zustande. 1936 betrug die Geburtenzahl 1,19 Millionen bei einer Bevölkerung von 67,4  Millionen. 1939, im Jahr des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, war die Geburtenzahl auf 1,35 Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von 69,6  Millionen gestiegen. Die Anzahl der Geburten nahm damals in 10 Jahren um 35 Prozent zu, während in derselben Zeit die Gesamtbevölkerung um 6,6 Prozent anwuchs.

Z{mospagebreak}u einer bevölkerungspolitischen Katastrophe gesellt sich dann auch noch eine finanzpolitische. Eine im März 2006 veröffentliche Studie der OECD (Hauptsitz in Paris) weist sehr gezielt auf diese Problematik hin. So wird für Europa eine Schrumpfung des Wohlstandsniveaus um 18 Prozent gegenüber dem heutigen Stand erwartet, wenn der Rückgang der Bevölkerung in Europa nicht gestoppt werden kann. Auch The Economist (Hauptsitz in London) weist in einem seriösen Bericht vom April dieses Jahres darauf hin, dass die Zunahme der Teilnahme der Frauen am Arbeitsprozess im Gegensatz zur landläufigen Meinung eine nachhaltige Steigerung der Geburtenhäufigkeit nach sich zieht, und dies nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Die gegenwärtige Lage im wichtigsten Land Europas, Deutschland, lässt sich wie folgt darstellen: Schon seit Beginn der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kann man eine Zunahme der strukturellen Arbeitslosigkeit in der alten Bundesrepublik feststellen. Der Wiedervereinigungsboom hat diese Zunahme der strukturellen Arbeitslosigkeit nicht nennenswert verändern können. Verglichen mit den USA und den übrigen Ländern in der Europäischen Union war die Kapitalrendite in Deutschland in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu niedrig. Dies wurde verursacht weil die staatlichen Landesbanken Kredite im Vergleich zu den USA zu billig an Wirtschaftsunternehmen und andere vergaben. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die deutschen Banken im weltweiten Vergleich viel zu niedrige Renditen erwirtschafteten. Weil die Kapitalkosten relativ zu niedrig waren, investierte Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zuviel. Die Kapitalkosten haben sich inzwischen an die internationalen Standards angepasst.

Die Investitionsquote lag 1991 in Deutschland noch bei 24 Prozent, während es in den USA 13 Prozent und im Rest von Europa 20 Prozent waren. 2003 lag die Investitionsquote in Deutschland bei 16 Prozent, genauso hoch wie im Rest von Europa, und in den USA bei 13 Prozent. Die Probleme in Deutschland können mit denen in Japan verglichen werden, wo es mehr als 14 Jahre gedauert hat, bevor die Überinvestitionen verschmerzt waren. Professor Dr. Hermann Adrian von der Universität Mainz meint jedoch, und er hat sehr gute Argumente für diese Behauptung, dass die Zunahme der strukturellen Arbeitslosigkeit und das daraus folgende schwache reale Wirtschaftswachstum hauptsächlich die Folge der drastisch gesunkenen Geburtenrate in Deutschland ist. Im Jahre 1965 betrug die Geburtenrate noch 2,3 Kinder pro Frau. Zehn Jahre später, 1975, war sie gesunken auf 1,4 Kinder pro Frau. Eine optimale Geburtenrate wäre, wenn die Bevölkerungszahl auf einem bestimmten Niveau konstant bleiben soll, bei 2,1 Kindern pro Frau anzusetzen. In ähnlicher Situation befindet sich Österreich. Dramatisch schlechter ist die Lage in Spanien, Portugal, Italien und Griechenland, während sich die Geburtenraten in Frankreich, Großbritannen, Holland und vor allem auch in den skandinavischen Ländern dem Idealbild von 2,1 annähern.

Durch diese Entwicklung fehlen der Bundesrepublik seit 35 Jahren jährlich mehr als 350.000 Geburten pro Jahr. Dadurch fehlen heute im Vergleich zu einem bestandserhaltenden Altersaufbau 7 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 20 Jahren und weitere 5 Millionen junge Erwachsene im Alter von 20 bis 35 Jahren.

Hinzu kommt noch, dass wohlhabende und bildungsnahe Schichten der deutschen Bevölkerung zu wenige Kinder haben und erziehen. Dies bringt auf Dauer einen Begabungs- und Bildungsverlust mit sich, der nicht so leicht wieder ausgeglichen werden kann. Das folgende Gedankenexperiment macht einsichtig, wie wichtig Kinder sind und dass die hohe Arbeitslosigkeit eine Folge der Kinderlosigkeit ist: Man stelle sich vor, dass seit 1970 keine Kinder mehr geboren worden wären. In diesem Falle wären heute die Jüngsten 35 Jahre alt, die älteren Jahrgänge wären so besetzt wie heute auch. Dies wäre ein Horrorszenarium: Die sozialen Sicherungssysteme wären schon zusammengebrochen. Schulen und Universitäten wären überflüssig, Kinderärzte würden überflüssig bzw. müssten umgeschult werden. Neue Häuser würden nicht mehr gebraucht. Weniger Kinder bedeuten auch weniger Wehrpflichtige (Frankreich hat den Ersten Weltkrieg militärisch deshalb verloren, weil es viel weniger junge Männer im wehrfähigen Alter hatte als Deutschland. Abwanderung der Bevölkerung in Ballungszentren. Der ländliche Raum entvölkert sich langsam. Die Pro-Kopf-Kosten der Infrastrukturerhaltung steigen. Firmeninsolvenzen nehmen zu bzw. Betriebe wandern in interessantere Gebiete ab. Die Investitionsneigung nimmt ab und Kapital fließt in andere Länder.

Neben der abnehmenden Geburtenrate entwickelt sich noch ein anderer Trend:

Die weitere Zunahme der Lebenserwartung.

Seit mehr als 100 Jahren nimmt die Lebenserwartung jährlich im Schnitt um 0,25 Jahre zu. Dies ist an sich positiv zu werten. Nur entsteht hier ein riesiges Problem: Die Rentenansprüche auf dem heutigen Niveau der relativ zunehmenden Anzahl älterer Menschen können niemals finanziert werden, wenn die relative Anzahl der Geburten und jungen Menschen sinkt. Auch kann der einmal erreichte Wohlstand für alle nicht gehalten werden. Und die OECD-Studie warnt hiervor schon eindringlich.

Interessanter Weise wird dieser Zusammenhang von den übrigen deutschen Wissenschaftlern kaum geteilt bzw. gesehen.
Als Folge der oben genannten Entwicklungen emigrieren immer mehr gut ausgebildete junge Menschen in andere, dynamischere Länder Europas und nach Übersee. Zielländer sind in der Hauptsache die USA, die Schweiz und Österreich. Humankapital verschwindet in andere Länder, die davon profitieren, während die Kosten der Ausbildung in Deutschland anfielen. Andererseits nimmt die Zuwanderung von schlecht ausgebildeten Menschen mit anderen Lebensüberzeugungen zu, wobei der allgemein gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Nutzen dieser Zuwanderung in Frage gestellt werden kann. Im Jahre 1990 wanderten aus Deutschland 98.915 meist gut ausgebildete Personen aus und wanderten 273.633 Personen ein. Es gab also einen Migrationsüberschuss von 174.718 Personen. Im Jahre 2005 hatte sich dieses Bild nachdrücklich geändert. So wanderten nur noch 144.815 Personen zu, es emigrierten aber 128.052 Personen. Eine Steigerung der Emigration von 29,5 Prozent in 10 Jahren. Als häufigste Ursache der Emigration wurden wenig Perspektiven in Deutschland und übermäßige gesetzliche Regelungen angegeben. Ein Indiz für die wenig attraktive Lage in Deutschland ist die Tatsache, dass nur 5 Prozent der Akademiker in Deutschland aus dem Ausland kommen, während es im Vereinigten Königreich 15,9 Prozent und in den USA 13,4 Prozent sind. In der Schweiz sind es sogar 27,2 Prozent. Besserausgebildete meiden Deutschland.

Die niedrige Geburtenrate der Frauen in Deutschland kann nicht durch Immigration aus anderen Ländern kompensiert werden. Wollte man dies versuchen, wäre es auf Dauer auch schädlich für die Entwicklung in den betreffenden Herkunftsländern.

In Deutschland ist eine Spaltung der Gesellschaft aufgetreten, die es so in anderen Ländern nicht gibt, nämlich in Ehepaare  bzw. Lebensgemeinschaften mit wenigen Kindern und dauerhaft Kinderlose.
Die negativen Auswirkungen der Kinderlosigkeit bestehen nicht nur im Ausfall der Nachfrage bzw. des Produktions-, Steuer- und Beitragsaufkommens der nicht geborenen jungen Erwerbstätigen, sondern auch im Wirtschaftsverhalten der kinderlosen Erwerbstätigen. Eltern mit Kindern sparen mehr und bilden mehr Sachkapital. Kinderlose konsumieren mehr und pflegen einen hedonistischen Lebensstil. Hiergegen wäre an sich nichts einzuwenden. Nur dieses letztere Verhaltensmuster wird durch die Steuergesetzgebung in Deutschland stimuliert. Steuerlich werden Kinderlose gegenüber Eltern mit Kindern bessergestellt. Dies ist die Folge der Tatsache, dass in Deutschland Kinder steuerlich nur mit ihrem Existenzminimum berücksichtigt werden und nicht in Form eines Splittingverfahrens. Für Eltern mit Kindern muss es ein Familiensplitting geben.

Ob diese Maßnahme die negative Trendentwicklung der Geburten in Deutschland zum Stehen bzw. eine Umkehr bewirken würde, ist fraglich, jedoch zu versuchen. Vielmehr müsste in Deutschland, genauso wie in den Vereinigten Staaten, bei den Besserverdienenden  eine große Kinderschar zum guten Ton gehören. Kinder müssten nicht als Lastposten betrachtet werden, sondern als Freude und große Bereicherung im Leben eines jeden Ehepaares. Ob sich in Deutschland schon etwas rührt, was auf eine Änderung der Lage hinweist, ist noch undeutlich. Tatsache ist jedoch, dass Eva Herman die jahrelang in der ARD die „Tagesschau“ moderiert hat mit ihrem Buch „Das Eva Prinzip“ eine grundsätzliche Diskussion über die Auswüchse der Emanzipation angestoßen hat. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, aber jedenfalls wird dieses Thema nun in breiteren Kreisen diskutiert. Inzwischen wird Frau Herman in der Presse und im Fernsehen wegen ihrer ungeschickten Äußerungen über die Familienpolitik der NSDAP angefeindet. Leider wird die eigentliche Problematik der geringen und nicht bestandserhaltenden Geburtenrate in Deutschland durch diese Polemik völlig außer acht gelassen. Ein anderes gutes und positives Beispiel gibt hingegen der Gouverneur von Kalifornien, Altösterreicher und Neuamerikaner Arnold Schwarzenegger, der vier Kinder um sich hat und vor Optimismus strahlt. Überhaupt ist die Bevölkerungsentwicklung in den USA um einiges besser als in Europa. Der holländische Journalist und Amerika-Korrespondent für die NOS (Holländischer Rundfunk) in Washington Charles Groenhuijsen meint in seinem Buch „Amerikanen zijn niet gek“, dass diese Entwicklung sich aus der in den USA herrschenden Frömmigkeit, dem Respekt vor dem Leben und dem allgemeinen Lebensoptimismus erklärt. In Europa habe sich das Negativdenken durchgesetzt, und die Bevölkerungsabnahme könnte sich durchaus dramatischer entwickeln als im Spiegel-Szenarium unterstellt. Im Spiegel-Szenarium ist die Rede von einer leichten Abnahme. Putin hat jedenfalls für sein Land erkannt, dass die gegenwärtige trendmäßige Entwicklung gefährlich ist und umgebogen werden muss. Daraus zumindest hat er ein paar beherzigenswerte Schlussfolgerungen gezogen. Eine optimistischere Einstellung zum Leben und zu Kindern muss in einer Gesellschaft zum guten Ton gehören, will diese Gesellschaft blühen und gedeihen.

In Österreich, das heutzutage ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung Deutschlands hat, zeigen sich grosso modo dieselben bevölkerungspolitischen Trends wie in Deutschland. Seit 1951 ist die Bevölkerung in Österreich von 6,93 Millionen um 18,1 Prozent auf 8,2 Millionen im Jahre 2005 gewachsen. In der selben Zeitspanne sind die Lebendgeburten von 102.764 um 23,9 Prozent auf 78.190 gesunken.

JahrGesamtbevölkerungMillionenGeburtenzahl
19306,6865.000
19336,7573.000
19366,76111.000
19396,6586.000
19516,93102.764
20058,1878.190


Der Vergleich mit den turbulenten dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigt, dass die jetzige Geburtenzahl in absoluten Zahlen nicht wesentlich anders liegt, relativ jedoch deutlich gesunken ist. 1930 lag die Zahl der LebendGeburten bei 65.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 6,68 Millionen; im Jahre 1933 war sie bei 73.000 angelangt bei einer Gesamtbevölkerung von 6,75 Millionen, erreichte im Jahre 1936 einen Spitzenwert von 111.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 6,75 Millionen und endete 1939 schließlich bei 86.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 6,65 Millionen.

Im wesentlichen sind die Ursachen dieselben wie in Deutschland. Der deutsche, in Wien lebende Zukunftsforscher Matthias Horx meint, dass eine Wohlstandsökonomie sehr wohl eine geringere Kinderzahl verkraften kann – wenn sie konsequent den Weg in die Hochbildungsgesellschaft geht. Genau dies ist in Österreich, wie auch in Deutschland,  nur im bedingten Ausmaß geschehen, wie die Resultate von verschiedenen PISA-Erhebungen zeigen. Horx weist in seiner Kolumne in der Presse auf die skandinavischen und angelsächsischen Länder und die Benelux-Staaten hin. Genau diese Länder haben in Europa eine Familien- bzw. Gesellschaftspolitik, die zu einer viel höheren Geburtenrate als in Österreich bzw. Deutschland geführt hat. Aufstieg durch Bildung wäre sein Motto. Dem ist im Prinzip nichts hinzuzufügen. In ihrer am meisten wahrscheinlichen Projektion für die österreichische Bevölkerung im Jahre 2050 erwartet die Statistik für Austria eine Bevölkerungszahl von 8,99 Millionen, die 9,9 Prozent höher ist als im Jahre 2005.

Die skandinavischen Länder haben zusammen 24,3 Millionen Einwohner, und in diesem Gebiet bewegt sich die Geburtenrate zwischen 1,66 und 1,78.

Die Länder Holland, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Irland und Canada repräsentieren eine Bevölkerung von 186 Millionen, wobei sich in diesen Ländern die Geburtenrate zwischen 1,61 und 1,86 bewegt.
In diesen Ländergruppen werden die Familien steuerlich nicht zugunsten der Kinderlosen benachteiligt, sondern bevorzugt, ist das „Macho“-Benehmen der Ehemänner/Partner auf ein Minimum reduziert und wird die Kinderbetreuung von Firmen und Staat besser geregelt als in den folgenden Ländergruppen.

Die Ländergruppe Deutschland, Österreich, Kroatien, Estland, Rumänien und Japan  hat zusammen 247 Millionen Einwohner. Die Geburtenrate liegt in dieser Gruppe zwischen 1,36 und 1,40.

In dieser Gruppe werden Familien steuerlich höher belastet als Kinderlose, die Männer fühlen sich zu fein, im Haushalt mitzuhelfen und die Kinderbetreuung ist entweder teuer oder nicht gut genug organisiert oder beides.
Die Staaten Italien, Spanien, Slowenien, Polen, Lettland, Litauen, Tschechien, Russland und Südkorea umfassen zusammen 204 Millionen Einwohner und haben eine Geburtenrate zwischen 1,21 und 1,28.
Nordkorea, Israel, Indonesien, Ägypten, Irak, Iran und Türkei haben zusammen 520 Millionen Einwohner und dabei eine Geburtenrate zwischen 4,18 und 1,92.

Hingegen haben die Vereinigten Staaten von Amerika eine ideale Geburtenrate von 2,09 bei einer Einwohnerzahl von 298 Millionen (die Geburtenrate beim angelsächsigen Teil der Bevölkerung [WASPs] ist vergleichbar mit der in den skandinavischen Ländern, Holland und Frankreich; beim jüdischen Teil der Bevölkerung beträgt die Geburtenrate 1), während China mit seiner Ein-Kind-Politik und 1,314 Milliarden Einwohnern eine Geburtenrate von 1,73 hat.

Die Ländergruppe, wo eine relativ günstige Politik für eine entsprechende Bevölkerungsentwicklung gesorgt hat, umfasst 177 Millionen Menschen und besteht aus den skandinavischen Ländern, Holland, Belgien, Frankreich, Irland und dem Vereinigten Königreich.

Die Ländergruppe, wo eine relativ ungünstige bis sehr ungünstige Politik zu einer negativen Bevölkerungsentwicklung geführt hat, umfasst 274 Millionen Menschen und besteht aus den Ländern Deutschland, Österreich, Kroatien, Estland, Rumänien, Italien, Spanien, Slowenien, Polen, Lettland und Litauen.
61 Prozent der Bevölkerung in Europa wird, wenn in diesen Ländern keine ernsthaften Anstrengungen unternommen werden, den negativen Trend zu ändern, schrumpfen, während nur 39 Prozent der Bevölkerung in Europa von einer einigermaßen bestandserhaltenden Politik profitiert.

Die eingangs gestellte Frage „Stirbt Europa“ kann verneint werden. Es droht jedoch ein deutlicher Bedeutungs-,  Macht- und Wohlstandsverlust in Europa, wenn wichtige Länder in der Union nicht ihre familien- und kinderunfreundliche Politik ändern.

Quellen:
1.) Dokumentation von Prof. Dr. Adrian, Juni 2005
2.) Die Zeit
3.) The Economist
4.) The Financial Times
5.) CIA World Fact Book November 2006
6.) Charles Groenhuijsen: „De Amerikanen zijn niet gek“ (Amerikaner sind nicht doof)
7.) Die Welt Kompakt, 8.11.2006
8.) Der Spiegel, Nr. 37, 11.9.2006
9.) Statistik Austria, Wien

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