Freitag, 10. Sep 2010

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Die Ökonomisierung der Universität

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Die blinde Gier nach schnellem Nutzen

Die Universität wird in Deutschland massiv mit der Forderung konfrontiert, Studienfächer und Forschungsvorhaben nach ihrem Beitrag zur wirtschaftlichen und technischen Innovation auszurichten und sich dadurch zu legitimieren. Gerade die Wirtschaft (Wirtschaftsfunktionäre und Unternehmensberater) und die dem neoliberalen New Speak ergebenen Medien tun sich hier besonders hervor. Ganz im Gegensatz zu den Spitzenuniversitäten in Amerika und England.

In Harvard, Princeton, Yale usw. und Oxford/Cambridge wird selbstverständlich über die Aufgabe der Universität im Zeitalter der Globalisierung ernsthaft nachgedacht und heftig gestritten. Doch in diesen Gelehrtenrepubliken erwartet niemand von Wissenschaftspolitikern, Wirtschaftsfunktionären und Unternehmensberatern einen sinnvollen Beitrag. So unterbleiben diese Beiträge auch. Niemand scheint etwas zu vermissen. (Es sollte vielleicht hinzugefügt werden, dass angelsächsische Spitzenuniversitäten in der Regel über ein beträchtliches Stiftungsvermögen verfügen; jeder Einfluss des Stifters ist aber in den Stiftungsverfügungen ausgeschlossen. Die Universität kann über das Vermögen bona fide verfügen. Bei der dringend anempfohlenen Drittmittelakquirierung an deutschen Universitäten gelten andere Regeln.)

„Paradoxerweise würde eine konsequente Ausrichtung wissenschaftlicher Forschung an diesem Kriterium [des Beitrags zur wirtschaftlichen und technischen Innovation] das innovative Potential der Wissenschaft beschädigen. Die Wissenschafts- und Technikgeschichte zeigt, dass eine Teleologisierung der Wissenschaft schon daran scheitert, dass sich der Beitrag der Grundlagenforschung zur technischen Innovation oft Jahrzehnte später nicht hat abschätzen lassen. Der von Einstein 1905 entdeckte Korpuskel-Charakter des Lichts hat Jahrzehnte später eine Vielzahl technischer Nutzanwendungen nach sich gezogen. Einstein war durch solche Aussichten nicht zu seinen Forschungen motiviert, und die Vermutung ist nicht völlig abwegig, dass er mit seiner Forschung keinen Erfolg gehabt hätte, wen er so motiviert gewesen wäre.“ (Nida-Rümelin)

Konsequenterweise folgt aus dem ersten Begehren ein zweites. Die Reform der deutschen Universität soll nach dem Willen der Wissenschaftspolitiker dazu führen, die Universitäten zu einer Einrichtung der Berufsausbildung zurückzubilden, näher – wie es heißt – an die Wirklichkeit heranzuführen, denn Wissenschaft lebt ja, wie das Klischee weiß, in einem Elfenbeinturm. Während Berufsfelder immer differenzierter werden und einer ständigen Veränderung unterworfen sind, was nahelegt, die Bildung durch Wissenschaft ernsthaft zu betreiben, schlägt die deutsche Kultusministerkonferenz 2003 vor, zukünftig in wissenschaftsorientierte und berufsorientierte Studiengänge zu unterscheiden. Was hier als Modernisierungsgedanke daherkommt, ist ein Rückschritt in die Zeit vor der Renaissance. Das Ideal ist eines aus dem Arsenal technizistischer Phantasien kindlicher Wunschwelten: Man wirft oben eine Münze ein und bekommt unten eine genormte Dose Lerninhalt heraus.

„Wenn Praxis und Nutzen zur Tages- und Jahresparole werden, dann entscheidet nicht die interne Entwicklung der Forschung, sondern der externe gesellschaftliche Nutzen über Vorlesungen und Seminare. Damit ist die Universität von externen Interessen bestimmt, und die Verwaltung befindet darüber, was im Interesse der Gesellschaft, also im Interesse der Ökonomie ist. Mit dieser Wende zur Praxis ist zugleich gesagt, dass es nichts in und außerhalb der Welt gibt, dessen Erkenntnis als solche einen Wert hätte.“ (Brandt)

Es ist daran zu erinnern, welche Fähigkeiten ein wissenschaftliches Studium vermittelt: eigenständiges Denkvermögen, Artikulationsfähigkeit, rasche Auffassungsgabe, Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit. Ein Blick über den Zaun mag helfen. An amerikanischen und britischen international ausgerichteten Institutionen (Banken, Wirtschaftsunternehmen, politischen Organisationen und Ämtern) werden gerne Absolventen aus den Universitäten der Ivy League oder Oxford/Cambridge eingestellt (und zwar auf Vorstandsebene), die gerade nicht Wirtschafts- oder Rechtswissenschaft studiert haben, sondern Geschichte, Philologie, Philosophie, kurz: Geisteswissenschaften). Warum? Weil sie gelernt haben, vernetzt zu denken und komplexe Aufgaben mit der nötigen Flexibilität, Differenziertheit und historischem Verständnis anzugehen. Es reicht, sich das Handbuch des britischen Außenministeriums anzusehen, um eine Ahnung zu erhalten, welche Gedankengänge den Anforderungsprofilen zugrunde liegen.

“The University of Oxford developed its Classics course, referred to as “Greats”, at the end of the nineteenth century as a way of preparing young Englishmen (and, generally, they were English, and universally male) to govern the empire. The theory was that by studying Latin and Greek and the literature, history and philosophy of the ancient world, a young man would be given the tools to go out to rule countries very different from Britain. He would have been exposed to political theory, to the culture of foreign peoples, and to the discipline of philosophy, everything needed for governing the inner regions of Nigeria. The course continues at Oxford, and we should not underestimate its impact.” (Kenny)

Seit dem Ersten Weltkrieg ist in Oxford ein weiterer Studiengang eingerichtet worden, der für dasselbe anspruchsvolle Berufsfeld gedacht ist: PPE (Philosophy, Politics, Economics), sozusagen „Modern Greats“. Die von der deutschen Wirtschaft und der von ihr inspirierten Politik propagierte Modernisierung der Universität nimmt sich dagegen recht provinziell aus.

Die Selbstanglisierung der deutschen Universität (Görner) im Zeitalter der Globalisierung, die auf einer grotesk oberflächlichen Wahrnehmung anglo-amerikanischer Verhältnisse beruht, zu ständigen Kurzschlüssen und voreiligen Befunden führt, um in einer jüngerhaften Idealisierung des naiv bewunderten Vorbilds zu enden, wirft eine weitere Frage auf. Jede Erkenntnis, jede Wissenschaft ist an Sprache gebunden. Die Selbstaufgabe der deutschen Wissenschaftssprache (einst das Vorbild in der Welt) liegt in der Konsequenz des Bologna-Prozesses.

Brandt, Reinhard: „Forscht zweckfrei! Aber erkenntnisgeleitet. Zur Zukunft der Bildungsanstalten“ – In: Süddeutsche Zeitung, 2. April 2005.
Görner, Rüdiger: „Allzu bereitwillige Selbstaufgabe. Über die hemmungslose Selbstanglisierung der deutschen Universitäten“ – In: Forschung und Lehre, 6 / 2004.
Kenny, Lady Nancy: “What is education for?” – In: Vorbilder. Sein und/oder Design?, hrsg. von Dieter Jakob, Iudicium Verlag: München 2006.
Nida-Rümelin, Julian: „Die Universität zwischen Humboldt und McKinsey. Perspektiven wissenschaftlicher Bildung.“ In: ders.: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. München 2006, S. 67-81.

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