
Die falschen Alternativen
Das „Behördenmodell Universität“, so wie es sich nach den Bildungsreformen der siebziger Jahre in Deutschland (mit jetzt 16 Wissenschaftsministerien) etabliert und das „Modell Humboldt“ ersetzt hat, scheint an sein Ende gekommen zu sein.
Das groteske Missverhältnis zwischen den Studentenzahlen und den Zahlen der Lehrenden, das die Lehre nicht selten zu einer Farce werden lässt, die chronische Unterfinanzierung, die nichts als Gleichgültigkeit ausdrückt, und die bürokratische Überregulierung (es fällt schwer, sich nicht an den Staatsrechtler Wilhelm Hennis zu erinnern, der Bürokratie als „schriftgewordenes Misstrauen“ definierte) haben zu einer Überlast geführt, die die Universitäten nur mehr schwer steuerbar und reformierbar machen. In einfacher Umkehrung der Verantwortlichkeit wird dieser Zustand nicht selten den Universitäten zum Vorwurf gemacht: von der Politik, von der Wirtschaft, von den Medien.
„Wenn [...] von Effizienzsteigerung in der Wissenschaft die Rede ist, so kann man das nur als Hohn empfinden. Wenn, wie in der Ökonomie üblich, Effizienz als Verhältnis von Output und Input definiert wird, so dürfte das deutsche Universitätssystem eines der effizientesten der Welt sein. Die Zahl der produzierten Doctores, Magistri und Diplomati pro Professor dürfte besonders in den sogenannten Massenfächern einen internationalen Spitzenplatz einnehmen. Nimmt man hinzu, dass trotz eines miserablen Betreuungsverhältnisses die Qualität des Studiums meist immer noch recht ansehnlich ist, so spricht dies für eine erstaunlich robuste intrinsische Motivation nicht nur der Lehrenden, sondern auch der Studierenden.“ (Nida-Rümelin)
Die Diskussion über die Rolle der Universitäten im Prozess der Globalisierung hat zwar dazu geführt, dass die alten Übel immer mehr gesehen aber nach wie vor kaum ernsthaft angegangen werden, man denke an die öffentliche Diskussion über Elite-Universitäten. Hier zieht die Politik ein weißes Kaninchen aus dem Zylinder und hält es dem staunenden Wahlvolk hin, das aufgefordert ist zu applaudieren.
So verspricht der Ruf aus Politik und Wirtschaft, Studienfächer und Universität nach ihrem „Beitrag zur wirtschaftlichen und technischen Innovation“ auszurichten, den in der uninformierten Öffentlichkeit gut zu vermittelnden Ausweg (ein Ausweichen?) aus einem Dilemma. Ihrer Aufgabe nach sind die Fachhochschulen, deren Einrichtung sehr viel Sinn macht und die stetig gefördert werden müssen, am ehesten geeignet, diesem Ruf zu entsprechen. Als im Konsequenz der Hochschulreformen der siebziger Jahre immer deutlicher wurde, dass eine steigende Anzahl von Studenten von einem wissenschaftlichen Studium (d.h. von einem Studium, das nicht nur Qualifikationen vermittelt, sondern an die Forschung heranführt) überfordert ist – die Abbrecherquoten sprechen eine deutliche Sprache – und zudem der Arbeitsmarkt immer stärker anwendungsorientierte Qualifikationen nachfragen würde, hätte man die Fachhochschulen deutlich ausweiten müssen. Das Gegenteil ist eingetreten, die Verfachhochschulung der Universitäten. Der Bologna-Prozess verstärkt diesen Trend. Für die Universitäten bedeutet dies (unter Fortwirken der alten Übel), dass die Lehrkapazität zu 80 bis 90 Prozent an College-Studien gebunden wird und für das wissenschaftliche Studium lediglich Rest-Ressourcen zur Verfügung stehen. Elite-Universitäten kann man so nicht betreiben. Nichts, so scheint es, könnte den Wissenschaftspolitikern indes gleichgültiger sein, sind sie doch allein am Quantifizier- und Meßbaren interessiert.
„Eine Rückverwandlung der Universitäten in große Schulbetriebe wäre nichts anderes als der Rückfall in die berufsbildende mittelalterliche und frühneuzeitliche Universität. Eine große Errungenschaft der europäischen Aufklärung und des Humanismus wäre unwiederbringlich dahin.“ (Nida-Rümelin)
Konsequenz dieser Fehlentwicklung der deutschen Universität in den letzten Jahrzehnten ist es auch gewesen, dass sich wissenschaftliche Grundlagenforschung aus der Universität ausgelagert hat (letzten Endes eine Flucht der Wissenschaft vor der Gremienuniversität und der bürokratischen Erstarrung). Die Spitzenuniversitäten der angelsächsischen Welt, die ihren Humboldt beherzigt haben, zeigen, dass der Weg genau der umgekehrte sein muss. Spitzenuniversitäten ohne Spitzenforschung kann es nicht geben. Das Gerede deutscher Politiker und Wirtschaftsfunktionäre von Elite-Universitäten ist leeres Wortgeklingel.
Eine wirkliche Reform der deutschen Universität im Zeitalter der Globalisierung müsste damit beginnen, die Lehre wieder ernst zu nehmen. Betreuungsverhältnisse von 1:60 (Durchschnitt) oder (nicht selten) 1:100 oder 1:300 verhindern die nach wie vor notwendige und durch nichts zu ersetzende Bildung durch Wissenschaft, zerstören die Einheit von Forschung und Lehre. Wissenschaft verlangt Freiraum, Zeit zum Nachdenken, Begegnungen von Disziplinen und Konzentration, das also, was das deutsche, vom Zeitgeist geschüttelte „Behördenmodell Universität“ immer weniger bereitstellen kann.
Nida-Rümelin, Julian: „Die Universität zwischen Humboldt und McKinsey. Perspektiven wissenschaftlicher Bildung.“ In: ders.: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. München 2006, S. 67-81.













