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Warum sind Fachhochschulen genauso wichtig?

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Eine bildungspolitische Standortbestimmung

Das Heft 2/2008 der Akademischen Blätter hat sich ausführlich mit der Reform der Universität befasst, kritisch in dem Sinne, dass an das deutsche Erfolgsmodell Humboldt erinnert wurde (das angelsächsische Spitzenuniversitäten umsetzen), während es in Deutschland einem oberflächlichen Ökonomismus geopfert werden soll. Das heißt nicht, die akademische Ausbildung abzuwerten, die berufliche Qualitäten vermittelt. Deshalb soll in diesem Heft an die Notwendigkeit der Fachhochschulen in gleicher Weise erinnert werden. Der Autor des folgenden Artikels, Professor Dr. Georg Obieglo, ist wie kein anderer berufen, diese Bedürfnisse zu artikulieren.

Seit Monaten gibt es hochschulpolitisch in den deutschen Wochenzeitungen ein wichtiges Thema: Bologna. Die oberitalienische Stadt war Unterzeichnungsort der sogenannten Bolognaerklärung zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums. Obwohl zwischenzeitlich über vierzig Regierungen dem Abkommen beigetreten sind und auch in Deutschland langsam aber sicher die Reform mit Erfolg umgesetzt wird, werden alle Missstände an der deutschen Universität diesem „Effizienzmonster“ zugewiesen. „Platter Amerikanismus“, „McDonalds-Degrees“, „Schmalspurstudium“, „Einfallstor der Wirtschaftsmanager in die Hochschulwelt“ sind weitere  verwendete Begriffe.
Humboldt über alles! So lautet das Credo der Reformgegner. Dabei haben sie nur die deutsche Universität im Visier. Sie übersehen völlig, dass seit 1971 mit der Gründung der Fachhochschulen das deutsche Hochschulwesen kein Monolith mehr ist.

Die Fachhochschulen, in schlechter englischer Übersetzung „Universities of Applied Sciences“ benannt, gehören seit ihrer Gründung zum tertiären Bereich und bilden den überwiegenden Anteil von Absolventinnen und Absolventen in den drei Bereichen Ingenieurwesen, Betriebswirtschaft und den Sozialwissenschaften aus.
Hierzu ein kurzer Abstecher in die bewegten späten 60er und frühen 70er Jahre: Die junge Bundesrepublik Deutschland erlebte stürmische Umbruchjahre. Die erste große Koalition aus CDU/CSU und SPD markierte auch politisch das Ende der Nachkriegs- und Aufbauzeit unter Konrad Adenauer. Studentischer Protest an den Universitäten (die berühmten 68er) richtete sich gegen die damaligen Strukturen an den klassischen Universitäten „Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren“, erreichte die Einrichtung der sogenannten Gremienuniversität, wandte sich aber auch gegen andere politische Systeme und Strukturen der jungen Republik. Für zusätzlichen bildungspolitischen Wirbel sorgten mehrere Aufsätze des Pädagogen und Religionsphilosophen Georg Picht in der Wochenzeitung Christ und Welt über eine kommende Bildungskatastrophe in Deutschland. Hinzu kam die Befürchtung, dass durch die sich stärker formierende europäische Einigungsbewegung und die damit verbundene Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen für den Arbeitsmarkt die nationalen Abschlüsse der deutschen Ingenieurschulen ihre internationale  Reputation verlieren könnten.

Die ehemaligen Ingenieurschulen waren 1938 durch Dekrete der zentralistischen Regierung der NSDAP  aus den bestehenden Staatsbauschulen bzw. Königlichen Technika entstanden. Die Zugangsbedingungen für das Lehrpersonal (damals Bau- bzw. Oberbauräte) waren sehr vage gefasst. Das Studium dauerte drei Jahre, gleich sechs Semester und war wirklich sehr verschult organisiert. Der Zugang zur Ingenieurschule erfolgte über die Mittlere Reife und die erfolgreich abgeschlossene verkürzte einschlägige Lehre in Industrie, Handwerk und im Handel.

All das zusammen erforderte Änderungen. Reformen waren angesagt, und es gab viele Ideen. Der Autor erinnert sich z.B. an das sog. Y-Modell im Ingenieurbereich: gemeinsames Grundstudium bis zum Vordiplom, dann Aufspaltung in einen mehr forschungs- bzw. theoretischen und einen mehr anwendungsorientierten Zweig. Leider wurden die Diskussionen durch den ideologisch geführten Streit über die Themen „Gesamtschule“ und „Gesamthochschule“ der beiden großen Volksparteien so vergiftet, dass vernünftige, pragmatisch notwendige Schritte unterblieben. Eine  zusätzliche Schwierigkeit ergab sich aus dem föderalen Aufbau Deutschlands und der Zuständigkeit der Länder für die Kulturaufgaben. Der Bund war nur für den großen Rahmen zuständig.

Es unterblieb z.B. die absolut notwendige Ausweitung des FH-Modells auf weitere Studienfelder. Ein Promotionsstudium für exzellente Absolventinnen und Absolventen an klassischen wie technischen Universitäten war ein kaum machbares Unterfangen.

Was macht den Erfolg der Fachhochschulen in Deutschland aus?

Da ist zunächst der Name. Die deutsche Sprache bezeichnet mit der Teilsilbe „Fach“ Herausragendes, wie den Fachmann/die Fachfrau, das Fachgeschäft u.a.m.
Das Lehrpersonal besitzt einschlägige wissenschaftliche Qualifikationen, in der Regel über die erfolgreiche Promotion nachgewiesen.

Des Weiteren wird an dieser Hochschulart großer Wert auf eine gute und umfassende Unterrichtung der Studierenden gelegt. Dies setzt bereits beim Berufungsverfahren ein. Zuhörende wie Entscheidende sind auch Studentinnen und Studenten. Der neu berufene Professor erhält in vielen Bundesländern einen auf 2 bis 3 Jahre befristeten Angestelltenvertrag. Er/sie muss sich vor der endgültigen Verbeamtung auf Lebenszeit im Fachbereich in der Lehre und in der akademischen Selbstverwaltung bewähren. Schlechte Vorlesungen ziehen auf jeden Fall den Besuch des Dekans/des Studiendekans nach sich. Stellt sich keine Besserung nach entsprechendem Beratungsgespräch ein, erfolgen weitere Besuche. Tritt auch dann keine positive Änderung ein, wird der Bewerber nach Ablauf der Anstellungszeit nicht übernommen. Natürlich muss der ganze Vorgang lückenlos aufgelistet werden, um so einem eventuellen Arbeitsgerichtsverfahren standzuhalten.

Eine  zusätzliche wichtige Voraussetzung für die Berufung in das Amt eines FH-Professors ist die mehrjährige Berufserfahrung im späteren Lehrgebiet. Das Berufsleben folgt ja meist anderen Gesetzmäßigkeiten als die Universität. Vieles was in der Wirtschaft abläuft bzw. getan werden muss, kann nicht immer theoretisch begründet werden. Diese  neue Lebenserfahrung ist gerade dann eine große Hilfe, wenn notwendige Korrekturen am Curriculum eines Studienprogramms anstehen.

Ein weiterer Pluspunkt ist der hohe Anteil von Lehrbeauftragten aus der Praxis, eine notwendige Maßnahme wegen zu geringer Ausstattung der Hochschulen mit Professorenstellen.

Viele Studierende an Fachhochschulen haben mindestens ein Semester im Ausland verbracht. Ein Auslandssemester ist nicht nur für das Erlernen einer Fremdsprache wichtig. Wer im späteren Berufsalltag viel mit ausländischen Kunden, Institutionen und Firmen zu tun hat, lernt bei einem Studieren in der Fremde beispielhaft was interkulturelles Management bedeutet. Das gestufte Bachelor/Master-System ist dabei wegen der jeweiligen Kürze der Einzelprogramme und der doch ähnlichen Struktur an der ausländischen Hochschule mehr als hilfreich.

Bei so viel Licht, gibt es auch Schatten?

Natürlich! Ein Manko deutscher Fachhochschulen ist die nicht gegebene Möglichkeit Forschungsmittel aus den Töpfen der DFG und anderer öffentlicher Geldmittel zu erlangen. Der fast fehlende „Mittelbau“  und die hohe Deputatsbelastung (18 Semesterwochenstunden) tun ein Übriges dazu, dass deutsche Fachhochschulen nur in wenigen Fällen mit allgemeiner Forschung brillieren können. Eine löbliche Ausnahme bilden, speziell in Baden-Württemberg, die sogenannten Transferzentren der Steinbeis-Stiftung, wo mit Industriefirmen praxisnah Projekte in der Entwicklung und bei der Produktion durchgeführt werden.

Da mit der Neugründung von Fachhochschulen in den letzten Jahren häufig regionale Wirtschaftspolitik gemacht wurde, sind in einzelnen Bundesländern Mini-Hochschulen entstanden. Diesen Einrichtungen fehlt es dann nicht nur an „kritischer“ Masse exzellenter Professoren, es mangelt auch an gegenseitiger Befruchtung und Ergänzung von unterschiedlichen Fachbereichen. Bei ungenügender Auslastung dieser Neugründungen kann zudem die Qualität der dort ausgebildeten Nachwuchskräfte deutlich leiden.

Was bringt die Zukunft für die Fachhochschulen?

Die curriculare Weiterentwicklung der Bachelor- und Masterstudiengänge hat absoluten Vorrang. Das Erststudium muss weiterhin stärker verschult angeboten werden. Die Gründe hierfür liegen in der Kürze der Vorlesungszeit, dem hohen Anteil von Grundwissen und der noch nicht ausgeprägten Fähigkeit zum Selbststudium bei den jungen Studierenden. Da aber nicht alle Absolventen mit einem Bachelorgrad in ein konsekutives Masterstudium überwechseln werden, ist es jedoch verkehrt, den hohen Anteil von Basiswissen im deutschen Diplomstudium im Schnellgalopp im Bachelor anzubieten. Da ist für manche theoretische Vorlesung genügend Zeit im Masterstudium. Sinnvoll ist die Möglichkeit, die Abschlussarbeit zum Bachelor mit einem Aufenthalt in der Wirtschaft zu kombinieren und so ein „Praxis-Fenster“  zu öffnen. Gleiches gilt für ein sogenanntes Mobilitätsfenster für ein Auslandssemester in beiden Studienteilen. „Geht nicht!“ darf es dabei nicht geben.

Im Masterprogramm muss die Chance genutzt werden, mit den dann kleineren Studiengruppen Dinge einzuüben, die es so bisher in Deutschland in der Breite nicht gegeben hat. Immer wieder werden vom Arbeitsmarkt neben solidem wissenschaftlichem Arbeiten und fachlichen Kenntnissen die sogenannten „soft skills“ angemahnt. Was verbirgt sich hinter diesem angelsächsischen Begriff? Es ist nichts anderes als Kommunikationsfähigkeit, rhetorische Begabung, Teamarbeit, Führungsqualitäten, Motivationsbereitschaft, moralische und persönliche Integrität – kurzum Befähigung zur Menschenführung. Natürlich ist dies als Lehrprogramm nicht einfach. Wir können aber junge Menschen, die erwiesenermaßen spätere Führungskräfte sein werden, nicht ohne solche Grundkenntnisse ins Arbeitsleben entlassen.
Ein weiteres heißes Eisen ist die Möglichkeit für qualifizierte Absolventinnen und Absolventen zu promovieren. Bleibt es bei der bisherigen Praxis vieler Universitäten, mit erschwerten und zusätzlichen Anforderungen trotz sehr guter Abschlusszeugnisse den Zugang zur Promotion über Gebühr zu erschweren, dann wird es über kurz oder lang zu einem eigenen Promotionsverfahren bei den Fachhochschulen kommen und sei es über ausländische Partnerhochschulen. Damit wäre für die deutsche Universität eine große Chance vertan, guten wissenschaftlichen Nachwuchs auch über diese Schiene zu gewinnen.

Mit den letzten beiden Punkten hängt eng die bereits erwähnte Nichtberücksichtigung von FH-Professoren bei der Vergabe von Forschungsmitteln der öffentlichen Hand zusammen. Warum kann Deutschland nicht wie die EU in Brüssel verfahren? Meine ehemalige Hochschule hat über Jahre mit bestem Erfolg von dort Mittel in Millionenhöhe erhalten.

Quintessenz

Mit fast vierzig Jahren kommen die Fachhochschulen in Deutschland nicht nur ins „Schwabenalter“, bei dem man in Württemberg sagt, jetzt werde man gescheit oder niemals. Dieser Hochschultyp ist in der Zwischenzeit gefestigt, sehr erfolgreich und für den akademischen Arbeitsmarkt erwiesenermaßen bitter nötig. Die Bildungspolitik sollte sich daher dringend überlegen, weitere akademische Ausbildungsfelder für diesen Hochschultyp zu öffnen. Dies würde die Universität entlasten.

Es ist nicht die Frage: Universität oder Fachhochschule? Es ist auch nicht die Furcht zu schüren, durch den Bolognaprozess würden die deutschen Universitäten zu Fachhochschulen.

Vielmehr gilt immer noch mein schon früher geprägter Satz:
Wer die Universität liebt, der ist für Fachhochschulen!

Über den Autor

Professor Dr.-Ing. Georg ObiegloProfessor Dr.-Ing. Georg Obieglo, 1940 in Schlesien geboren, wuchs im Landkreis Bayreuth auf und begann 1961 sein Studium der Verfahrenstechnik an der TH München. Nach dem Abschluss als Diplom-Ingenieur 1966 sammelte er erste berufliche Erfahrungen bei verschiedenen Firmen, bevor er 1971 als Professor für Kunststofftechnologie und Werkstoffprüfung an die damalige Staatliche Ingenieurschule Reutlingen berufen wurde. An der Universität Stuttgart promovierte er 1978 zum Doktor-Ingenieur über das Thema der mehrmaligen Verarbeitung polymerer Thermoplaste.

Im Dezember 1980 wählte ihn der Große Senat der Fachhochschule Reutlingen zum Rektor. Dieses Amt bekleidete er bis zu seiner Emeritierung im März 2006. In seine Amtszeit fiel der Ausbau der Hochschule von ehemals 1.400 zu heute nahe 4.000 Studierenden. Die FH Reutlingen war auch eine der ersten deutschen Hochschulen, die das gestufte System Bachelor/Master flächendeckend für alle Studienprogramme verwirklichte.

Professor Obieglo ist seit 2007 für die EU und die HRK als Bolognaexperte des DAAD unterwegs und berät Hochschulen, Institutionen, Verbände und Einzelpersonen bei der Umsetzung und Implementierung der gestuften Ausbildung im tertiären Bereich zum Bachelor/Master und der Promotion des wissenschaftlichen Nachwuchses.

 

 

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