Mit diesen Zeilen beschreibt Peter Heppner die ersten Nachkriegsjahre in dem Lied "Wir sind wir“. Die Bilder, welche sich im Video und auch in den Köpfen der Zuhörer aufspannen, sind grau, staubig und elend aber auch von Fleiß und Pflichterfüllung beseelt. Wir schreiben das Jahr 1949. In diese Zeit fällt die Gründung der Bundesrepublik. Kein großes Tamtam wurde veranstaltet, sollte es doch nur ein Provisorium auf Zeit bleiben.
Die Verfassungsgebende Versammlung traf sich in einem schnell zu einem Konferenzsaal umgestellten naturkundlichen Museum. Über dem Treiben, der von den Besatzungsmächten berufenen unbelasteten Experten in Vorkriegsgarderobe, wachte der Kopf einer nicht zu verhüllenden Giraffe. In solch einem Rahmen schuf man den Grundstein für ein neues Deutschland. Der Unterschied zur Reichsgründung von 1871 konnte größer nicht sein und auch eine öffentliche Demonstration der ‚Geburtsstunde’ eines neuen Abschnittes in der Deutschen Geschichte -wie die Inszenierung des Fackelzuges durch das Brandenburger Tor 1933- blieb aus. Dieser ganze Schutt und die Schuld der jüngst vergangenen Geschichte, samt der Tatsache das man nur ein Provisorium aus der Taufe heben wollte, ließen jeglichen Pomp zu sehr an vergangen Hochmut erinnern.
Übrig blieb nach diesem Abwärtsstrudel Deutscher Geschichte die Erkenntnis, dass Demokratie wehrhaft sein müsse und durch keinerlei Ideologie zersetzt werden darf. Damit wurde auch jedem Pathos die Tür vor der Nase zugeschlagen. Nüchtern realistisch auf dem Boden der Tatsachen und undogmatisch aber wehrhaft, so konstituierte sich die Bundesrepublik. Sie war der Gegenentwurf zurn pompösen Militärmonarchie wie auch zur gefühlsbetonten Volksgemeinschaft mit ihren anarchischen Strukturen und Führerprinzip. Die Bundesrepublik wurde damit nicht nur ideologisch ein Gegenstück zur DDR mit ihrem für totalitäre Systeme typischen Mobilisierungswillen.
Der damalige Innenminister Bender fasste dieses Staatsverständnis in einer Debatte vom 30. April 1968, bezugnehmend auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes im Deutschen Bundestag wie folgt zusammen: „Vielmehr nimmt die freiheitlich-demokratische Ordnung die bestehenden, historisch gewordenen staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse und die Denk- und Verhaltensweisen der Menschen zunächst als gegeben hin. Die sanktioniert sie weder schlechthin, noch lehnt sie sie grundsätzlich und im Ganzen ab; sie geht vielmehr davon aus, daß sie verbesserungsfähig und -bedürftig sind.´“
Dieses Verständnis war für die Jahre nach dem Krieg ausreichend, zumal die Bevölkerung mit anderen Problemen beschäftig war als zum Beispiel großer Jubelfeiern beizuwohnen. Doch bereits die nächste Generation war nicht mehr so anspruchslos. Das Leben im Wirtschaftswunder als Ersatzbefriedigung für ideologiefreie Stunden, sexuelle Gleichförmigkeit und tugendhaftes Handeln reichte nicht mehr aus, es wurde in Frage gestellt und eine radikale Kehrtwende angestrebt.
Auf den Straßen der Bundesrepublik fing es an zu brodeln. Innenminister Bender schlussfolgerte in der gleichen Rede wie folgt über die Weltanschauung der Protestbewegung: „Dabei könnte man die von einem Teil des SDS vertretene Zielvorstellung an sich, wenn man noch lächeln könnte, als romantische Schwärmerei belächeln. Zwar wird der heutigen Gesellschaft vorgeworfen, daß sie die real vorhandenen Konflikte leugne oder unterdrücke; zugleich verfolgen aber eben diese Kritiker das utopische Ziel einer Gesellschaftsordnung, in der die Herrschaft des Menschen über den Menschen endgültig und radikal beseitigt sein soll. Der Unterschied liegt dann nur darin, daß der vermeintliche Idealzustand erst am Ende jenes langen Marsches erreicht werden soll, der revolutionäre Mittel notwendig macht und damit den heute Lebenden um solchen fernen Zieles willen Opfer zumutet. Diese Auffassung ist unserer verfassungsmäßigen Ordnung genau entgegengesetzt.“
Zusammengefasst kann man behaupten, dass Bender dem SDS und damit der führenden Organisation der Studenten- und Protestbewegung Sozialromantik vorwirft. Wenn dem so sein sollte, siedelt Bender die im Entstehen begriffene, später als „68er“ chiffrierte soziale Bewegung in eine lange deutsche Denkschule ein, die ihren Ursprung in der Ablehnung der im Kern rational ausgerichteten, französisch geprägten Aufklärung hat. Durch die Radikalisierung der Französischen Revolution und Napoleonischen Kriege wurde gleichzeitig auch die französische geprägte Aufklärung als Ideologie der Besatzer auf den Scheiterhaufen der Feinde deutscher Nationalstaatlichkeit verbrannt.
Doch was ist denn mit Romantik genau gemeint? Hier ergibt sich sehr schnell ein großes Definitionsproblem. „Die Romantik ist eine Lebensstimmung eigener Art. Und darin liegt die Unmöglichkeit, ihr Wesen begrifflich zu bestimmen“ Aber ihr Ursprung und ihre Idee lassen sich zumindest ergründen:
„Die Romantik ist der Mystik im tiefen Wesen verwandt, sie ist die natürliche Gegnerin der Aufklärung. Der Ideenlosigkeit des flachen Rationalismus, der Entgeisterung der Welt durch den „gesunden Menschenverstand“ tritt sie begeistert und begeisternd entgegen; ihr Leben ist ganz und gar das der Idee.“ Romanik ist ein gefühltes Erlebnis „ein Lebensgefühl eigenster Art, das man nur haben oder nicht haben, aber nicht vermitteln oder sich vermitteln lassen kann. […] Darin liegt die Unmöglichkeit, ihr Wesen begrifflich zu bestimmen.“
Auf der Suche nach einem neuen Sinn und Gehalt des Lebens, ja ein Leben selbst in neuem Sinne befindet sich der Romantiker. Auf der Spur der ewigen Welträtsel findet er einen neuen Sinn für das Schöne und in der Kunst das „Transparentwerden des Natürlichen“.
Ein jeder war ein Philosoph und gab „seinen Anschauungen irgendwie eine mehr oder weniger begrifflich geprägte Form“. Es ging darum die dunkle Masse von Menschen aufzulösen um das Individuum wieder an das Licht zu führen und zu einem Gegenstand der Betrachtung zu machen:„Nicht ein blinder egoistischer Individualismus diktiert diesen Gedanken, sondern das lebendige Gefühl für den Eigenwert der menschlichen Individualität, für die Einzigkeit und Unwiederbringlichkeit des Augenblicks, ja des ganzen Menschenlebens. Es gehört Mut dazu, sich selbst zu leben, wahrhaft ohne Maske und Lüge – nicht zuchtlos sondenr in der Zucht des wirklichen eigenen Wesens – und der Romantiker will diesen Mut finden“. Diese Beschreibung zur Wesensart der Romantik mag einen Eindruck der Schemenhaftigkeit hinterlassen, gibt aber im Kern wieder um was es sich bei Romantik handelt: Das Postulat der Gefühle im Gegensatz zur vermeintlich pragmatisch, materialistisch, egoistischen und rationalen Welt. Im weiteren Verlauf der Geschichte flossen Denkweisen der Romantik in den deutschen Idealismus ein und trugen mit der Idee der ‚klassenlosen Volkgemeinschaft’ zur spezifisch deutschen Lösung der sozialen Frage bei: Dem Nationalsozialismus.
Lässt sich nun diese eher heterogen strukturierte soziale Bewegung der ‚68er’ in eine Traditionslinie mit dieser Weltanschauung bringen? Die Motive, welche so viele junge Menschen mobilisierte und später auch schichtenübergreifend sein Wirken bis hin zu einem Wertewandel innerhalb der gesamten Gesellschaft ausbreitete sind so verschieden wie ihre Anhänger. Es spielten nationale wie internationale Erscheinungen und Interdependenzen eine wesentliche Rolle. Aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Vielmehr geht es hier um den weltanschaulichen Überbau und um die Suche nach romantisierenden Tendenzen innerhalb der Bewegung im Allgemeinen.
Konsens in der öffentlichen Meinung ist heute, dass sich im weltanschaulichen Repertoire der ‚68er’ vor allem Marx und Lenin sowie andere Philosophen des linken bis kommunistischen Spektrums befanden. Der analytische Feinschliff, den Marx innehatte und es damit schaffte, eine geschlossene Weltanschauung zu etablieren, spricht gegen jegliche romantische Ambition. Mit seinen Werken schuf er das Werkzeug zur Lösung der Sozialen Frage in dem er das vermeintliche Übel an der Wurzel packen wollte: Den Manchesterliberalismus. Doch war die Welt von 1848 noch die Welt von 1968? Diese Frage kann man sich am besten beantworten wenn man sich das Ergebnis der ‚68er’ Kapitalismuskritik vor Augen führt. Sie schafften es zwar in vielen Feldern tatsächlich eine soziale Revolution einzuleiten aber der Kapitalismus war resistent gegen all ihre Kritik. Viel schlimmer noch, der ‚Kapitalist’ entdeckte die ‚68er’ als eigene Verbrauchergruppe und füttert sie heute mit familienfreundlichen Volvos, Teekampagne-Tee, Birkenstock-Sandalen und überteuerter Haushaltsware in Retrodesign. „Mit dieser Manufaktum-Mentalität entlasten sie zwar ihr Gewissen, tragen aber wenig zur Umverteilung der Reichtümer zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bei.“ Andrew Potter fasst diese Erscheinung treffend zusammen:
„Das größte Problem der Gegenkultur ist, daß sie wirkungslos geblieben ist. In den rund vierzig Jahren, in denen die Gegenkultur zu einer dominanten Kultur geworden ist, sei die Marktwirtschaft nicht schwächer, sondern stärker geworden.“
Die ‚68er’, welchen ihren weltanschaulichen Überbau und ihre Argumente gegenüber dem Kapitalismus aus einer Zeit von vor 120 Jahren nahmen, lebten meines Erachtens selbst in einer romantisch verklärten Welt, denn die äußeren Rahmenbedingungen mit dem Beginn der Globalisierung waren gerade dabei, andere Tatsachen zu schaffen. Dabei muss man natürlich auch beachten, dass der ‚Kapitalist’ innerhalb von 120 Jahren genug Zeit hatte mit solchen Argumenten umzugehen.
Selbstverständlich hatten die ‚68er’ auch ihre modernen philosophischen Vorbilder. Eine Ikone war zumindest bis zu einem bestimmten Punkt Habermas. Er, der selbst, später von seinen eigenen Sprösslingen an den Pranger gestellt wurde, romantisierte noch zu Beginn: „Die Einrichtungen einer verwirklichten Demokratie wären wie verschwebende Netze, aus zerbrechlichster Intersubjektivität gewoben.“ das zeitliche Limitieren von Diskussionen zur Entscheidungsfindung war für ihn ein Verbrechen an dem Konsens, der sich nach ausreichender Zeit von allein einstellen würde.
Andere Aktivisten aus dieser Zeit beschrieben ihre Erfahrungen im nachhinein folgendermaßen: „Ohne Blick auf die Wirklichkeit, suchte man die Erleuchtung in der Schrift. Aus den Texten der linken Kirchenväter konnte man alles erfahren, nicht zuletzt den Gang der Weltgeschichte. Wer auf Fakten aufmerksam machte, galt als Positivist – und das war ein Schimpfwort.
Romantische Elemente lassen sich auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens der sechziger Jahre entdecken: So bezeichnete die Süddeutsche Zeitung Joe Colombo, einen auch in Deutschland populären Innenraumarchitekten, als einen Romantiker der Inneneinrichtung. „Er glaubte an seine Mission, die Menschen mit ‚gutem Design’ verändern zu können. Möbel waren für ihn nicht Einzelobjekte, sie sollte mit ‚dem Wohnraum eine Symbiose eingehen’.“
Nicht zu leugnen bleibt allerdings, dass trotz vereinzelten Romantisierens die Ergebnisse der ‚68er’ Kulturrevolution eine Sprengladung im vertrauten Wertesystem darstellten. Sie änderte die sozialen Systeme und institutionalisierte sich in der Partei der ‚Grünen’. Sie brach mit Wertetraditionen, die über 250 Jahre das Bild der Deutschen prägten und schaffte es, dass sich auch heute noch die Werte im Fluss befinden und von jeder folgenden Generation weiterhin kritisch hinterfragt werden.
Man kann nicht leugnen, dass viele ‚68er’ eine gesellschaftliche Utopie als Grundlage ihrer Weltanschauung und die Erfahrung einer Ungerechtigkeit (Vietnamkrieg, der Tod von Benno Ohnesorg oder das Attentat auf Rudi Dutschke) als einen bewegungsstiftenden Moment hatten. In welchem Maße aber die Entstehung dieser sozialen Bewegung einen romantischen Moment innehatte, lässt sich nur schemenhaft nachweisen. Was blieb übrig von dem gelebten Gefühl? Diese Frage lässt sich wahrscheinlich genauso schwer beantworten wie eine Definition für Romantik selbst zu finden. Wesentlich sollte aber hervorgehoben werden, dass romantisch anmutende Bruchstücke in der Ideenwelt der ‚68er’ zu finden sind und eine wesentliche Voraussetzung dieser romantischen Elemente im Spannungsverhältnis zur rational geprägten Elterngeneration zu suchen ist.















