Sonntag, 5. Feb 2012

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1918 - Die merkwürdige Revolution

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Vor der deutschen Revolution vom November 1918 liegt noch immer ein dichter historischer Nebel. Ins allgemeine Bewusstsein ist ihre Geschichte auch nach rund neunzig Jahren nicht gedrungen. Das liegt vor allem daran, dass sie fast nie als eigene Geschichte erzählt wird, sondern immer nur als Schlusskapitel zum Kaiserreich und zum Ersten Weltkrieg oder als Auftaktkapitel zur Weimarer Republik. Sie ist aber durchaus mehr als das. Sie hat, wie die Zwischenzeit 1945—49 nach dem Zweiten Weltkrieg, ihren eigenen Wert und ihre eigene Tragik. Aber bevor wir darauf zu sprechen kommen, sollten wir uns, eben weil er noch immer nicht wirklich allgemein bekannt ist, den Ablauf der Ereignisse erst einmal ansehen.

Allgemein bekannt ist, dass den Anstoß zur Revolution ein Matrosenaufstand in Kiel gab und dass der Hauptträger der Revolution später der linkssozialistisch geprägte Teil der Arbeiterschaft in den deutschen Großstädten war. Schon etwas weniger bekannt ist, dass beides eine längere Vorgeschichte hatte. In der Marine hatte es bereits einige Zeit gegärt, was seinen Grund vor allem in der Untätigkeit der Hochseeflotte hatte – der große Zusammenstoß mit England blieb aus, außer beim Skagerrak gab es nur kleinere Gefechte, die meiste Zeit lagen die Schiffe passiv im Hafen –, ein wenig auch im unfreundlichen Verhältnis von Offizieren und Mannschaften und in der schlechten Versorgung. Das hatte 1917 schon zu Fällen von Meuterei geführt, die in aller Härte, mit Kriegsgericht und Erschießungskommando, unterdrückt wurden. Auch bei den Arbeitern wuchs die Unzufriedenheit, je länger der Krieg dauerte und je offensichtlicher die annexionistischen Kriegsziele der Obersten Heeresleitung wurden. Der große Streik Anfang 1918 gegen den Vertrag von Brest-Litowsk hatte eben diese doppelte Stoßrichtung: gegen die „Kriegsverlängerer“, die für ehrgeizige Kriegsziele die Verhandlungen hinauszögerten und den Krieg verlängerten; und eben gegen diese Kriegsziele selbst, die im Brest-Litowsker Frieden, der ein Gewaltfriede war wie später Versailles, deutlich ihren Niederschlag fanden. Sowohl bei den Matrosen als auch bei den Arbeitern war die Explosion aber noch ausgeblieben. Die Zeit war für die Revolution noch nicht reif.

Im November 1918 kamen nun drei Elemente hinzu, die es 1917 und im Frühjahr 1918 noch nicht gegeben hatte. Zuerst und am wichtigsten: Die militärische Niederlage Deutschlands wurde offenkundig, seit am 4. Oktober das Waffenstillstandsgesuch an US-Präsident Wilson herausgegangen war. Das steigerte die Unzufriedenheit mit der politischen und militärischen Führung, auch die Kriegsmüdigkeit, und schuf entsprechend mehr Druck im Revolutionskessel. Zweitens entschloss sich gerade nun die Admiralität, den Angriff auf die englische Flotte zu wagen, mit sehr zweifelhafter militärischer Begründung und offensichtlich mehr um einen möglichst heroischen Abgang besorgt als um das Wohl der Flotte, der Mannschaften und auch des Reichs, dem eine große Seeschlacht in letzter Stunde die Friedensverhandlungen nicht gerade erleichtert hätte. Das wurde zum Auslöser des Matrosenaufstands. Drittens zog sich auch nach dem öffentlichen Waffenstillstandsangebot das Ende der Kämpfe immer noch hin. Zwischen der Reichsregierung und Präsident Wilson gab es über Wochen hin einen Notenwechsel, in dem die Vorbedingungen für den Waffenstillstand diskutiert wurden. Spätestens in der dritten Wilson-Note wurde deutlich, dass der Präsident auch die Abdankung Kaiser Wilhelms II., in dem er einen Autokraten und Kriegstreiber sah, als Voraussetzung für den Frieden betrachtete. Der Kaiser wollte aber durchaus nicht abdanken und zog sich stattdessen in sein militärisches Hauptquartier in Spa zurück. In den Augen der Öffentlichkeit wurde er mehr und mehr zum Hemmnis auf dem Weg zum Frieden. Das heizte die revolutionäre Stimmung an; wenn der Kaiser nicht gehen wollte, war das einzige Mittel, ihn zum Gehen zu zwingen, ein Staatsstreich.

Der 9. November

Einen solchen Staatsstreich beging der Prinz Max von Baden, Reichskanzler seit Oktober, als er am 9. November die Abdankung des Kaisers verkünden ließ und bald darauf sein eigenes Amt an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert übertrug. Weder das eine noch das andere hatte der Monarch abgesegnet. Die kaiserliche Entourage brütete in diesen Stunden, wie auch in den Tagen vorher schon, über Modellen, wie man den kaiserlichen Abgang möglichst schonend gestalten konnte; und war inzwischen soweit gelangt, dass Wilhelm den deutschen Thron abzugeben bereit war, wenn auch (noch) nicht den preußischen. Denkbar immerhin, dass mit ein wenig mehr Zeit eine saubere Lösung hätte gefunden werden können. Aber Prinz Max konnte nicht warten, bis Spa zu einem Entschluss gekommen war. Die Revolution hatte sich in den Tagen zuvor wie ein Lauffeuer von Kiel ausgehend im ganzen westelbischen Deutschland ausgebreitet. Gerade am 9. November erreichte sie Berlin. Wollten er und seine Regierung nicht von ihr hinweggefegt werden, musste der Kaiser fort – das war das einzige, was kurzfristig Druck vom Kessel nehmen konnte.

Der Kaiser widersetzte sich nicht. Militärische Mittel schieden ohnehin aus; die Frontkommandeure hatten ihm klargemacht, dass sie nicht mehr für ihn in einen Bürgerkrieg ziehen würden, und mit den Berliner Truppen, das zeigten die nächsten Tage, war auch nicht mehr viel anzufangen. Also floh der Kaiser nach Holland. Und mit ihm verließen die deutschen Bundesfürsten ihre Throne, alle ohne Zögern und ohne Widerstand. Ein bis heute rätselhafter, etwas unwirklicher, tranceartig anmutender Vorgang. Mehrhundertjährige Dynastien immerhin lösten sich in wenigen Tagen in nichts auf. Aber, wie schwer auch immer er zu erklären sein mag, sicher ist eins: Er fand statt. Und damit entfiel für die Revolution sozusagen die Gegenseite. Sie war ja nicht nur eine Friedensrevolution, sondern auch eine Arbeiterrevolution, gegen die preußisch-aristokratische Gesellschaftsordnung, die im Kaiserreich geherrscht hatte. Die Fürsten waren fort. Wer stellte sich nun der Revolution entgegen?

Diese Rolle fiel Friedrich Ebert zu, dem Prinz Max – ohne staatsrechtliche Befugnis, aber mit der Legitimation der Tat – sein Reichskanzleramt übertrug. Der Schritt war nötig geworden, weil auch die Meldung von der vermeintlichen Abdankung des Kaisers die Massen nicht mehr hatte besänftigen konnten. Die Straße marschierte dennoch – und das letzte, was sie vielleicht noch aufhalten konnte, war eben, den Sozialdemokraten, die seit Oktober ja an der Regierung beteiligt waren, in Person Eberts die Führung dieser Regierung zu übertragen, in der Hoffnung, dass Arbeiter nicht gegen eine von einer Arbeiterpartei geführte Regierung revoltieren würden.
Friedrich Ebert, das muss man sich klarmachen, war von dem Moment an, als er ins Amt kam, ein Gegner der Revolution, ein Verfechter der Ordnung, die er vorfand: der Ordnung des Oktobers 1918, nach der Verfassungsreform, die dem Kaiserreich eine parlamentarische Regierung gegeben hatte, mit bürgerlich-liberaler Mehrheit und unter sozialdemokratischer Beteiligung. Mit dieser Ordnung war Ebert sehr zufrieden. Auch noch mit der Monarchie; als sein Parteigenosse Scheidemann schon, von der vermeintlich drohenden Sowjetrevolution geängstigt, die Republik ausgerufen hatte, versuchte Ebert noch (wenn auch vergeblich), einen Reichsverweser für die Fortführung der Hohenzollernmonarchie einzusetzen. Man sieht, diese Ordnung war ganz und gar seine Ordnung, und für ihre Erhaltung war er bereit, zu kämpfen.

Ebert und die Gegenrevolution

Und kämpfen musste er. Denn auch seine Ernennung hatte die Revolution nicht mehr aufhalten können. Kräfte links der Sozialdemokratie, die USPD und die „revolutionären Obleute“ – Arbeiterführer, die sich schon bei den Streiks gegen Brest-Litowsk einen Namen gemacht hatten –, gaben nun in den Fabriken den Ton an. Viele tausende marschierten auf den Straßen; Regierungsgebäude wurden gestürmt, in den Fabriken und in den Kasernen alsbald Arbeiter- und Soldatenräte gewählt – „Sowjets“ nach russischem Vorbild. Damit wurden Fakten geschaffen, die sich nicht ohne Widerstand wieder beiseite räumen ließen.

Die Revolution bekämpfen hieß in diesen Tagen erst einmal: sich auf die Revolution einlassen. Und nicht ohne Geduld. Denn die Revolution bekämpfen hieß in diesen Tagen erst einmal: sich auf die Revolution einlassen. So wenig wie zuvor Wilhelm II. hatte Ebert die militärischen Machtmittel in der Hand, den Aufstand einfach niederschlagen zu lassen. Gewiss, er vereinbarte umgehend eine Zusammenarbeit mit General Groener, dem Nachfolger Ludendorffs in der Obersten Heeresleitung. Aber das brachte ihm nicht sofort die nötige Truppenunterstützung. Es dauerte Wochen, bis einige Divisionen Fronttruppen nach Berlin geführt werden konnten; und auch diese Truppen waren kampfesmüde und gingen zum allergrößten Teil nach ihrer Heimkehr direkt nach Hause. Im Spätherbst 1918 hatte Eberts Regierung in Berlin kaum tausend kampftüchtige und zuverlässige Soldaten unter ihrem Kommando – nicht genug, um der Revolution ernsthaft zu begegnen.

Das zwang Ebert zu Kompromissen. Die USPD wurde an der Regierung beteiligt, und diese Regierung nannte sich nunmehr eine Zeit lang „Rat der Volksbeauftragten“. Vor der verfassunggebenden Nationalversammlung tagte ein „Reichsrätekongress“, der sehr merkwürdige Beschlüsse fasste, zum Beispiel die Disziplinarordnung im Heer reformieren, die Grußpflicht abschaffen und die freie Offizierswahl einführen wollte; woran beinahe Eberts Bündnis mit den Militärs zerbrochen wäre.

Aber das Bündnis hielt, und das war die Gewähr für Ebert, dem revolutionären Spuk im richtigen Augenblick ein Ende bereiten zu können. Ein erster Versuch, an den Weihnachtstagen, scheiterte noch. Die wenigen Regierungstruppen unterlagen im Kampf einer revolutionären Militärformation, der sogenannten Volksmarinedivision. Für einen kurzen Moment war die Regierung wehrlos. Aber dieser Moment ging vorüber. Die Freiwilligenverbände, die Gustav Noske in der Zwischenzeit aufgebaut hatte, gewannen zusehends an Stärke und waren alsbald bereit, in die Kämpfe einzugreifen. Erst in Berlin und dann, im Lauf des Frühjahrs und Sommers 1919, im übrigen Reich, wurde die Macht der Räte gebrochen – mit brutaler Waffengewalt und vielen begleitenden Greueln, der Erschießung von Gefangenen und unbeteiligten Zivilisten etwa oder der gezielten Tötung prominenter Revolutionäre, so in Berlin Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Das war für Ebert unangenehm, wie auch die politische Ausrichtung der Freikorps, rechtsgerichtet bis rechtsextrem, ihm kaum schmecken konnte. Aber er glaubte keine Wahl zu haben. Er brauchte den Sieg über die Revolution, und mit seinen neuen Verbündeten gelang er ihm.

Das war die Geschichte der Revolution 1918/19 – in aller Kürze. Über jede der vielen Episoden dieser Revolution, vom Matrosenaufstand über die Einrichtung der Räte bis hin zum bayerischen Freistaat Kurt Eisners, ließen sich ganz Bücher schreiben und sind auch geschrieben worden. Unsere Stoßrichtung ist hier aber eine andere, losgelöst von den Einzelgeschehnissen. „Die merkwürdige Revolution“ ist der Titel, mit dem wir diese Betrachtungen überschrieben haben. Merkwürdige Revolution – warum merkwürdig? Auf diese Frage sind wir dem Leser noch die Antwort schuldig.

Scheinbare Merkwürdigkeiten

Beginnen wir mit dem, was die Revolution nicht merkwürdig macht, obwohl man das vielleicht glauben könnte. Da ist zum einen die Tatsache, dass die Revolution mit dem Kriegsende zusammenfiel, also nicht in „normalen“ Zeiten stattfand – wenn es die für Revolutionen denn gibt –, sondern in einer Stunde der nationalen Not. Um diesen Umstand hat man viel Aufhebens gemacht und den Revolutionären Hinterhältigkeit und Verrat an der deutschen Sache vorgeworfen. Aber das geht an den Fakten vorbei. Dass Revolutionen immer dann ausbrechen, wenn die alte Ordnung Schwäche zeigt – was naturgemäß der Fall ist, wenn ein Krieg verloren geht – ist völlig normal. So stürzte auch das russische Kaisertum und zweimal das französische. Wann, wenn nicht in einem solchen Moment der Schwäche, sollte eine Revolution eine Chance haben? Verrat an der nationalen Sache war das jedenfalls nicht. Denn Wilhelm II. hatte 1918 den Krieg schon längst verloren, als die Revolution ausbrach, so wie Napoleon III., als 1870 sein politisches Ende kam. Der Anstoß zu den Waffenstillstandsverhandlungen kam nicht von Revolutionären, nicht einmal von Zivilisten, sondern vom General Ludendorff, schon am 29. September. Ebenso wie der Anstoß zur Parlamentarisierung, zur „Revolution von oben“ die Deutschland in den Verhandlungen eine bessere Position sichern sollte. Auch die erfolgreiche Revolution von unten hätte diese Position wohl eher verbessert als verschlechtert.

Ebenfalls nur vordergründig merkwürdig ist die Rolle, die die Sozialdemokratie darin spielte. Natürlich ist sie zwiespältig: Von der Revolution oder zumindest der Drohung der Revolution an die Macht getragen, sah sich die SPD fast von Anfang an in der Rolle der Reaktion; denn sie hatte das, was sie wollte, vor dem Ausbruch der Revolution bereits erreicht, war eine Status-quo-Partei geworden. Und mangels eigener Waffengewalt musste sie sich der eigentlichen Reaktion bedienen, um diese Revolution zu bekämpfen; so wie 1848 die Paulskirche preußisches Militär zu Hilfe rufen musste, um den Radikalrevolutionären Hecker und Struve zu begegnen. Aber dieser Zwiespalt ist nur zu erklärlich, wenn man sich die Entwicklung der Sozialdemokratie in den dreißig Jahren vor der Revolution ansieht. Denn einerseits war die SPD traditionell die Partei, auf die sich die revolutionären Hoffnungen der Arbeiter projizierten und die, wenn auch mehr der Form halber, den revolutionären Anspruch, die sozusagen institutionalisierte Opposition gegen die herrschende Staats- und Gesellschaftsordnung, bis zum Schluss im Parteiprogramm führte. Aber auf der anderen Seite änderte sich das Verhältnis der SPD zum deutschen Staat im Lauf der Zeit grundlegend. Unter Bismarck war sie wirklich eine Revolutionspartei, und sie wurde staatlich verfolgt. In den Friedensjahren unter Wilhelm II. war sie immer noch eine Außenseiterpartei, wurde aber nicht mehr verfolgt und versöhnte sich allmählich mit der bürgerlichen Gesellschaft, in der sie sich bewegte. 1914 stimmte sie den Kriegskrediten zu und schloss mit den anderen Parteien den berühmten innenpolitischen Burgfrieden. 1917 war sie Teil der Reichstagsmehrheit, die nach dem Sturz Bethmann Hollwegs zusammen mit der OHL an der eigentlichen Regierung vorbei faktisch die Innenpolitik bestimmte. Im Oktober 1918 wurde sie an der Regierung beteiligt; im November 1918 übernahm sie deren Führung. Das ist, wenn man es zusammenrechnet, eine im Grunde kontinuierliche, wenn auch am Ende etwas überstürzte Entwicklung. 1918 war die SPD Teil des politischen Establishments des Kaiserreichs geworden; der am weitesten links stehende Teil. Darum ist es nur natürlich, dass sie zeitweilig zwischen dieses Establishment und die Revolution geriet, die von links kam; und ebenso natürlich, dass sie sich am Ende für das Establishment entschied. Denn was an sozialen Neuerungen aus Sicht der Klassenpartei SPD noch ausstand – manche Vorleistung hatte es in der Bismarck- und der Kaiserzeit ja bereits gegeben –, mochte im demokratischen Wechselspiel mit den liberalen und konservativen Parteien zu erreichen sein; eine Rätediktatur brauchte es dazu nun nicht mehr.

Der fehlende Sinn

Und damit stehen wir vor der eigentlichen Frage, auf die schwer eine Antwort zu finden ist; sie ist es, die diese Revolution so merkwürdig macht. Es ist die simple Frage, mit welchem Sinn die Revolution eigentlich stattfand. Mit welchem Sinn – nicht: aus welchem Anlass. Der Anlass – Niederlage, Matrosenaufstand, der Friede, der auf sich warten ließ – ist mehr als deutlich. Nicht aber der tiefere Sinn dahinter.

Es ist die simple Frage, mit welchem Sinn die Revolution eigentlich stattfand. Gemacht wurde die Revolution von Arbeitern und Soldaten. Ihre Ziele waren einfach: Ende der preußisch-spätfeudalen Klassenherrschaft, die das Kaiserreich (auch) gekennzeichnet hatte, und Ende des Völkerschlachtens. Aber gerade auf diesen beiden Gebieten hatte sich bis November 1918 sehr viel bewegt. Der Krieg war fast zu Ende, die Waffenstillstandsverhandlungen liefen schon, diplomatische Noten wurden öffentlich ausgetauscht. Nun noch eine Revolution, um nach vier Jahren Krieg vielleicht einige Tage, allenfalls Wochen zu gewinnen: Das leuchtet nicht ein. Und auch das Ende der altmodischen Adelsherrschaft war mit der Verfassungsreform vom Oktober deutlich näher gerückt. Bürgerliche und Sozialdemokraten stellten nun die Regierung – trotz des Kaisers, der formell noch darüber thronte, und trotz eines Prinzen als Reichskanzler. Auch hier lohnte die Revolution nicht mehr wirklich.

Den zweiten Punkt wird mancher anzweifeln wollen. Gegen die Oktoberreformen wird gerne eingewandt, dass sie vor allem durchgeführt worden seien, um einerseits die Friedensverhandlungen mit den demokratischen Westmächten zu erleichtern und um andererseits mindestens einen Teil der Verantwortung für die Niederlage von Kaiser und Oberster Heeresleitung auf den Reichstag abwälzen zu können; dass sie also nicht aus ehrlicher demokratischer Begeisterung heraus kamen, sondern mit Hintergedanken durchsetzt waren. Das ist auch durchaus nicht falsch. Aber zur Wahrheit gehört noch ein bisschen mehr. Erstens werden Reformen von oben so gut wie nie mit Begeisterung gewährt, sondern immer grollend und mit Hintergedanken. Aber das entwertet sie nicht oder macht sie ungeschehen; es ist schwer vorzustellen, wie nach dem Kriege der alte konstitutionelle Zustand hätte wiederhergestellt werden können. Und zweitens war die Parlamentarisierung nicht nur einfach eine spontane Improvisation Ludendorffs, sie lag in der Logik der Entwicklung seit 1890.

Die Entwicklung des Parlamentarismus in Deutschland verläuft zur Geschichte der Sozialdemokratie in etwa parallel. Auch in diesem Fall änderte sich äußerlich, programmatisch – hier: verfassungsmäßig – eine ganze Weile lang nicht viel. Aber unter der Oberfläche verschob sich so manches. Der Reichstag wurde im Lauf der Jahre immer mehr gebraucht, die Zahl der Gesetze nahm in dem Maße zu, wie das Reich zusätzliche Aufgaben übernahm; die ganze Sozialgesetzgebung fällt in diesen Bereich. Rüstungsvorhaben, gerade im Bereich der Flotte, bedurften am Ende parlamentarischer Zustimmung. Mit dem expandierenden Zeitungswesen, der zunehmenden Zahl an (interessen-) politischen Vereinen und Verbänden und den steigenden Wahlbeteiligungen gewann das Parlament immer mehr Aufmerksamkeit. Für die Regierung wurde eine parlamentarische Mehrheit also zunehmend wichtiger. Der Kanzler Bülow musste gewiss noch vor allem deshalb zurücktreten, weil er es sich mit dem Kaiser verscherzt hatte. Aber dass sein „Block“ im Reichstag auseinander gebrochen war, hatte auch schon eine Rolle gespielt. Beim Sturz Bethmann Hollwegs war der Reichstag bereits zusammen mit der Obersten Heeresleitung die treibende Kraft, und ein Parlamentarier, der Fortschrittspolitiker von Payer, wurde Vizekanzler. Im Oktober 1918 schließlich folgte die parlamentarische Regierung. Das ist, in Summe betrachtet, ein langer und relativ gerader Weg; deutlich mehr jedenfalls als einfach nur ein kurzlebiger „Trick“ Ludendorffs.

Umgekehrt könnte man sagen, dass das Ziel der Revolutionäre ja nicht eigentlich in der parlamentarischen Demokratie, sondern in der Einrichtung einer Räteherrschaft nach russischem Vorbild (wenn auch möglichst ohne die russischen Greuel), einem ganz anderen Staatsmodell also, bestanden habe und die Revolution mit Erreichen des Parlamentarismus darum aus ihrer Sicht nicht überflüssig geworden sei. Aber auch das stimmt nur begrenzt. Die Revolution vom November 1918 wurde, anders als die russische, nicht von einer bolschewistischen Partei gemacht (die gab es in Deutschland nicht), sondern, im Wesentlichen, spontan von führerlosen Massen. Es ist kein Zufall, dass von den Revolutionären kaum ein Name im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist. Die bekanntesten Köpfe sind noch Liebknecht und Luxemburg, aber auch diese beiden waren keine wirklichen Führer, spielten eine mehr dekorative, kommentierende als eine mitwirkende Rolle, eher am Rande der Revolution. Weder ihre Demonstrationen und öffentlichen Auftritte noch ihre spät gegründete und zu ihren Lebzeiten ziemlich einflusslos bleibende KPD haben wirklich etwas bewirkt. Es gab keinen deutschen Lenin oder Trotzki in dieser Revolution, es gab nur die Massen. Und für die Massen war die Frage von Räteherrschaft oder Parlamentsherrschaft sicher nicht die entscheidende. Sie wollten in erster Linie ihre Interessen vertreten sehen; und das war auch in einer parlamentarischen Regierung mit SPD-Beteiligung sehr gut möglich. Natürlich gründeten sie Arbeiter- und Soldatenräte, weil das der Weg war, den sie instinktiv unter Revolution verstanden. Aber die Revolution machten sie eben in erster Linie für sich; nicht für das Räteregime.

Gewiss, zu Anfang mit den Revolutionären zum Schein zu paktieren, kompromittierte den Ruf bei den Bürgerlichen; doch ohne Militärmacht in der Hand war dies die einzige Option, die Revolution aufzufangen und zu lenken.

Die Revolution war also aus Sicht derer, die sie machten, bei objektiver Betrachtung einigermaßen sinnlos. Und das macht sie doppelt tragisch. Denn sie brachte ja nicht nur ihr eigenes Scheitern, mit der blutigen Niederlage im Bürgerkrieg 1919. Sie bedeutete auch eine schwere Hypothek für den nun beginnenden Staat von Weimar. Sie brachte das Ende der Monarchie und sorgte dafür, dass Waffenstillstand und Regierungswechsel beinahe zeitgleich erfolgten, zerriss also das Band zwischen der alten und der neuen Ordnung, entließ die alten Gewalten aus der Verantwortung für den schwierigen Frieden und brachte den neuen Staat in den Geruch von Aufstand und Verrat. Das hat Hitler seinen Weg an die Macht nicht eben erschwert.

Fatum

Wer war schuld, dass es am Ende soweit kam? Alle ein wenig. Natürlich der Kaiser, der erst nicht abdanken wollte und dann bei Nacht und Nebel, sein Heer und sein Reich zurücklassend, nach Holland floh und so erst den Revolutionskessel zur Explosion brachte. Natürlich die revolutionären Gruppen und Parteien, die Deutschland ein System aufzwingen wollten, das auf es nicht passte. Natürlich die Reaktionäre, die sich herbeiließen, Republik und Revolution, Sozialdemokraten und Spartakisten in einen Topf zu werfen; die Dolchstoßlegenden erfanden und Deutschland damit für die Nazis geistig sturmreif machten. Und natürlich die Sozialdemokraten, die zwischen diesen Gruppen, manchmal zaudernd, lavieren mussten. Aber, wenn man es nüchtern durchrechnet, die Sozialdemokraten am wenigsten. Sie hatten nicht viel Auswahl. Sicher, der Händedruck des alten Regimes, die Mitregierung, die man ihnen überließ, war vergiftet; aber es wäre aus ihrer Sicht fahrlässig gewesen, die Machtoption, die sich damit bot, einfach vorbeiziehen zu lassen, von der patriotischen Verantwortung für das wankende, vor dem Zusammenbruch stehende Land ganz abgesehen. Gewiss, zu Anfang mit den Revolutionären zum Schein zu paktieren, kompromittierte den Ruf bei den Bürgerlichen; doch ohne Militärmacht in der Hand war dies die einzige Option, die Revolution aufzufangen und zu lenken. Natürlich, die Niederschlagung der Revolution an der Seite der alten und auch der entstehenden neuen, radikalen Mächte auf der Rechten musste die Arbeiterbewegung spalten und schwächen; aber einen anderen Weg, die Räteherrschaft zu beenden und zu geordneten Verhältnissen der bürgerlichen Republik zu finden, gab es nicht. Friedrich Ebert, in allen diesen Fragen innerhalb der SPD der entscheidende Mann, hat im Grunde den einzig gangbaren Weg gewählt. Dass auch dieser Weg nicht zum Erfolg führte, dass die so entstandene Republik ihren Gründer nur um wenige Jahre überlebte, kann man tragisch nennen, aber vielleicht war die Tragödie – wie im klassischen griechischen Drama – schlechterdings nicht zu vermeiden, von dem Moment an, in dem die Revolution begonnen hatte. Hier nun, im Stattfinden der Revolution, liegt der eigentliche Fehler. Die Revolution von 1918/19 war nicht nur merkwürdig; sie war, mit Eberts Wort, schlicht überflüssig.

Kann man trotzdem etwas Positives aus dieser traurigen Geschichte ziehen? Erstaunlicherweise: Ja. Es ist genau ihre Spontaneität und Führerlosigkeit, die die Novemberrevolution 1918 so beeindruckend macht. Die Kieler Matrosen und die Arbeiter überall im Reich erhoben sich nicht unter der Knute einer Partei, als gelenktes Ausführungsorgan eines diktatorischen Machtanspruchs; sie handelten selbstständig und autonom, bewiesen Mut, Ausdauer, auch Organisationstalent – also all das, was man deutschen Revolutionären traditionell immer abgesprochen hat. Es ist ergreifend, zu sehen, in welchem Ausmaß diese Kräfte 1918 im deutschen Volk vorhanden waren. Leider wurden sie zu früh verbraucht. Fünfzehn Jahre später wären sie besser am Platze gewesen.

 

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