Freitag, 18. Mai 2012

RSS | mobil | Archiv | Spiele | Wetter | VVDSt

Sie sind hier: Zeitgeschehen Gestern und heute Befreiung ohne Befreier

Befreiung ohne Befreier

E-Mail Drucken PDF

...oder der späte Sieg einer SED-Propaganda
Wenn man, wie ich, als Deutscher in Moskau lebt, dann kommt man so kurz vor dem 60. Jahrestag des Kriegsendes nicht umhin, sich mit der Thematik aus russischer Sicht zu beschäftigen.

Anlass dafür bietet jedoch vor allem zunächst der allmorgendliche Klick in die deutschen Online-Medien. Im Grunde ist es jedes Jahr das gleiche Theater. Die Diskussion beginnt stets bereits im Vorfeld des 13. Februar, dem Jahrestag des alliierten Bombenterrors gegen Dresden, also anlässlich eines jener besonderen Kriegsverbrechen, für die bis heute niemand offiziell Verantwortung übernommen hat, vor allem wohl, weil die Täter hier zu Siegern wurden. „The winner wins and the loser spoils!“ – wie es im Englischen lakonisch heißt. Doch so einfach liegen die Dinge nicht.

Uns Deutschen wird oft der Vorwurf gemacht, wir seien im Grunde Philosophen, und Weltanschauungen seien uns wichtiger als die Wirklichkeit. Vielleicht zu Recht, wie der aktuell anschwellende Bocksgesang über das Kriegsende vor 60 Jahren zeigt. Fixiert auf ein paar hundert Rechtsextremisten, die am Brandenburger Tor demonstrieren wollen, steht längst nicht mehr das tatsächliche Geschehen im Mittelpunkt. Das wird schon dann klar, wenn der Bundeskanzler die Sache zum Anlass nimmt, wieder zum „Aufstand der Anständigen gegen Rechts“ aufzurufen, und scheinbar beiläufig nachschiebt, er erwarte dafür die Teilnahme aller Bundestagsfraktionen. Das ist quasi der Wink mit dem Zaunpfahl für die rechten Parteien im Bundestag, die inzwischen soweit eingeschüchtert erscheinen, dass sie derlei unverblümter Diffamierungspropaganda schon nicht mehr entgegenzutreten wagen. Stattdessen geben auch die rechten Politiker das inzwischen ritualisierte Glaubensbekenntnis ab: Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung!

Die Realität sah freilich anders aus. Keiner der Alliierten hatte damals vor, die Deutschen zu befreien. Bis zuletzt hatten diese ihrem „Führer" gehorcht und verbissen für ihn gekämpft. 8,5 Millionen betrug allein die Zahl der NSDAP-Mitglieder. Abgesehen von der Minderheit der rassisch oder politisch Verfolgten, die den Sieg der Alliierten herbeisehnten, gab es wenige Deutsche, die man hätte befreien können. Vor diesem Hintergrund ging es den Alliierten allein darum, Deutschland militärisch zu besiegen. Es sollte zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen und besetzt werden. Nicht damit sich die Deutschen eine bessere Führung wählen könnten, sondern um für die nächsten 50 Jahre auszuschließen, dass sie erneut einen Krieg beginnen. Nach der Direktive für die US-Militärregierung, die Präsident Truman am 10. Mai 1945 billigte, war Deutschland „nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat". Die Reichsregierung wurde aufgelöst, die Deutschen verloren jedes politische Selbstbestimmungsrecht. Die meisten waren sich dieser Lage sehr bewusst und haben die Niederlage deshalb auch nicht als Befreiung empfunden.

Zu Recht wird dem entgegengehalten: Der 8. Mai war zwar eine Kapitulation, aber er hat Freiheit und Demokratie gebracht. Insofern wurde es dann doch noch eine Befreiung, wenn auch gegen den Willen der Befreiten. Auch heute gibt es Situationen, wo Nationen zu ihrem Glück gezwungen werden müssen – wie in Afghanistan oder auf dem Balkan. Auch den Einmarsch im Irak haben die Amerikaner mit seiner Befreiung begründet. Dabei wird leicht vergessen, dass die Demokratie nach 1945 nur im Westen Deutschlands einzog. Im Osten installierte Stalin eine kommunistische Diktatur, deren Existenz viele Westdeutsche schon vor der Wiederver-einigung gern verdrängten. Er half zwar entscheidend mit, das nationalsozialistische Terrorregime zu zerschlagen. Er war jedoch selber ein blutiger Tyrann, der Millionen Tote auf dem Gewissen hatte. Während Briten und Franzosen Deutschland 1939 den Krieg erklärten, marschierte Stalin in Polen ein und schloss mit Hitler einen Freundschaftsvertrag. Und den Sieg der Alliierten im Frühjahr 1945 nutzte er nur dazu, halb Europa seiner eigenen Diktatur zu unterwerfen.

Die berechtigte Scham vieler Deutscher über die Verbrechen der Nazis hat dazu geführt, dass der unterschiedliche Verlauf des Kriegsendes in Ost und West aus den Augen geriet. Im Westen verteilten die Soldaten Schokolade. Im Osten vergewaltigten sie etwa zwei Millionen Frauen und erschossen willkürlich Zehntausende Zivilisten. Wie Lew Kopelew, Germanist und russischer Jude, beim Einmarsch in Ostpreußen erschüttert feststellte, benahmen sich die Rotarmisten selber wie „Faschisten". Wenig später kam er ins Gulag. Hinter den kämpfenden Truppen kam Stalins Geheimpolizei. Über drei Millionen Kriegsgefangene und Zivilisten kamen in sowjetische Arbeitslager, wo ein Drittel von ihnen starb. Auf dem Gebiet der späteren DDR wurden weit über 100.000 Menschen verhaftet. Zehntausende verhungerten in den neuen sowjetischen Konzentrationslagern, die – wie Buchenwald oder Sachsenhausen – oft die alten waren. In dem von der Roten Armee eroberten Territorium kamen etwa 2,5 Millionen Deutsche durch Flucht, Vertreibung oder Verschleppung ums Leben.

Daran zu erinnern ist nicht der Versuch, aus Tätern Opfer zu machen. Unter dem stalinistischen Terror litten die von Deutschland überfallenen Staaten nicht minder; aus der Ukraine wurden bis Oktober 1944 etwa 140.000 Menschen deportiert und 40.000 getötet, aus dem Baltikum fast eine halbe Million verschleppt, verhaftet oder umgebracht. In Polen wurde vor allem die Heimatarmee, die im Untergrund gegen die Deutschen gekämpft hatte, gnadenlos verfolgt. Nicht einmal die befreiten sowjetischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen blieben verschont.
Als „Vaterlandsverräter" landeten Hunderttausende in Stalins Arbeitslagern. Der sowjetische Terror bildete die Voraussetzung für die Durchsetzung kommunistischer Diktaturen. Die Hoffnungen auf einen demokratischen Neubeginn wurden bitter enttäuscht. Militärtribunale verurteilten auch in Deutschland Tausende Antifaschi-sten und Demokraten zu langen Haftstrafen oder zum Tode. Wie zum Hohn bezeichnete die SED diesen sowjetischen Diktaturexport als Befreiung und erklärte den 8. Mai sogar zum Staatsfeiertag.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als eine besondere Geschmacksverirrung des Bundeskanzlers, wenn er am 9. Mai an der Seite seines erklärten Busenfreundes Wladimir Putin an der Siegesparade der Roten Armee teilnehmen wird. Das zumal, da in Russland unter Putin ein Prozess in Gang gesetzt scheint, die nationale Geschichtsschreibung abermals zu verstaatlichen und, wo nötig, rücksichtslos zu beschönigen. Bis heute gab es nicht einmal im Ansatz eine öffentliche Diskussion zu den Kriegsverbrechen der Roten Armee im 2. Weltkrieg, weder in den besetzten osteuropäischen Saaten, noch bei der Eroberung und Besatzung der ostdeutschen Gebiete. Doch eines steht fest, um Befreiung Deutschland ging es dabei zu keinem Zeitpunkt. Stattdessen erfährt selbst Stalin im Rahmen der anstehenden Siegesfeierlichkeiten eine teilweise Rehabilitierung, wenn auch nicht offiziell. Gemessen am Blutzoll der Sowjetunion in diesem Krieg – seriöse Schätzungen gehen heute von 28 Millionen Menschen aus – besteht zumindest aus russischer Sicht kein Anlass zum Zweifel: Für Russland war, ist und bleibt es sein größter Sieg.
Wenn in Deutschland trotzdem pauschal vom Tag der Befreiung gesprochen wird, dann offenbart sich darin vor allem eine Sehnsucht nach Entlastung: Wenn die Deutschen im Mai 1945 befreit wurden, waren sie keine Täter, sondern Opfer der Hitler-Diktatur. Mit diesem Bewusstsein lassen sich die Verbrechen der Nationalsozialisten offenbar besser ertragen. Von Schröder wäre dennoch zu erwarten, dass er am 8./9. Mai trotzdem Zurückhaltung bewiese und es seinen Kollegen aus Estland und Litauen gleichtäte. Er könnte, statt an der mit altem sowjetischen Bombast inszenierten Siegesparade seines russischen Freundes teilzunehmen, ein stilleres Gedenken auf den einstigen Schlachtfeldern suchen, Kränze niederlegen und der Opfer aller Seiten gedenken, den eigenen Vater miteingeschlossen. Dazu jedoch scheint er allerdings weder die staatsmännische Größe noch das nötige Einfühlungsvermögen zu besitzen. Oder wird er in dieser Angelegenheit längst von deinem Agentenfreund Putin ferngesteuert? Ob Befreiung oder Niederlage, die braune NPD spielt in diesem Umdeutungsprozess allein die Rolle eines Katalysators. Indem man sich über sie empört, macht man sich selbst zu nachträglichen Widerstandskämpfern. Niemanden dieser Betroffenheitstouristen scheint es hingegen zu beunruhigen, dass man durch seinen aufgetragenen Narzissmus den paar hundert NPD-Fuzzis erst dadurch Popularität verschafft. Insofern ist es schon eine eigenartige Koalition, die hier einer längst in der Asservatenkammer der Geschichte verschwunden geglaubten SED-Propaganda zum späten Sieg verhilft.

Share

Film

e.m. forster_intro
Only connect
Gedankensplitter zum wiedererschienenen Film „Wiedersehen in Howards End“ nach dem Roman von E. M. Forster 
Weiterlesen...

Literatur

bundesverfassungsgericht_intro
"Erhobenen Hauptes..."
Vom Unrechts- zum Rechtsstaat: Die Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland nach 1945
Weiterlesen...

Deutschland

gamsbart_intro
"Ach Verzeihung, Sie sind ja Deutscher!"
Misserfolge in der Integrationspolitik werden oft mit unüberbrückbaren kulturellen Gegensätzen erklärt. Aber der Faktor Kultur wird überschätzt.
Weiterlesen...

Hochschule

nlp mentale landkarte_intro
Man kann nicht „nicht manipulieren“
„Die Bedeutung der Kommunikation liegt in der Reaktion, die ich erhalte“ – so lautet eine der Grundannahmen im Neurologischen Programmieren, kurz: ...
Weiterlesen...