
Die Geschichte deutscher Revolutionen ist lang; länger, als die meisten meinen. Aber sie ist keine sehr glückliche Geschichte.
Angefangen vom Bauernaufstand zu Luthers Zeiten über die Märzrevolution 1848, die Novemberrevolution 1918 bis hin zum Aufstand des 17. Juni 1953 ist sie vor allem eine Geschichte des Scheiterns. Eine strahlende Ausnahme aber gibt es immerhin: die revolutionäre Umformung der DDR, die vor zwanzig Jahren erst zum Mauerfall und dann zur Wiedervereinigung führte. Aber auch diese deutsche Revolution wirft Fragen auf. Fällt sie eigentlich historisch in die Kategorie der Revolutionen und war sie – in ihrem eigenen, revolutionären Sinne – wirklich erfolgreich? Beide Fragen beantworten wir gemeinhin ohne viel Nachdenken mit Ja. Aber es lohnt sich, einmal genauer hinzuschauen, denn so eindeutig sind die Antworten nicht; und aus ihnen erklärt sich auch manches Folgeproblem, das diese Revolution nach sich zog.
Zwei Besonderheiten
Die klassische Revolution besteht darin, dass sich ein Volk gegen seine Regierung erhebt und versucht, eine neue Regierung einzusetzen, die – in aller Regel – einer ganz anderen politischen, weltanschaulichen Grundlinie folgt als die vorherige. Diese Beschreibung trifft nun auf die Revolution in der DDR durchaus zu, auch wenn es zum eigentlichen Aufstand gar nicht mehr kam, sondern das alte Regime bereits nach einigen mutigen Großdemonstrationen in sich zusammenfiel und nach der Übergangsregierung Modrow die freien Wahlen vom März 1990 die Allianz für Deutschland unter Lothar de Maizière an die Macht spülten, die man, wenn man so will, als Revolutionsregierung bezeichnen kann.
Zwei Dinge kommen aber hinzu. Erstens war die Revolution nicht nur ein Aufstand gegen die Regierung im eigenen Lande; sie war auch Widerstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht, auf deren Bajonetten die SED-Herrschaft in letzter Konsequenz fußte und gegen die die Revolution militärisch keine Chance hatte. Die Demonstrationen des Oktobers und Novembers 1989 gelten gemeinhin als die „friedliche Revolution“. Nun: Die Demonstranten waren gewiss friedlich; aber die Revolution blieb vor allem deshalb friedlich, weil die Führung in Moskau anders als 1953 diesmal nicht bereit war, ihre Panzer rollen zu lassen. Jede Revolution in der DDR konnte nur eine Revolution von Moskaus Gnaden sein, und entsprechend musste das Ergebnis den Russen mühsam abgerungen werden – mit diplomatischem Entgegenkommen und mit Geld. Beides konnte die DDR nicht bieten; beides musste aus dem Westen kommen.
Womit wir bei der zweiten Besonderheit wären. Diese Revolution war nicht nur eine Revolution gegen ein Regime und gegen eine Besatzungsmacht, sie war auch eine Vereinigungsrevolution; und bei der Vereinigung war die DDR von Anfang an der kleinere, schwächere, ärmere Partner, und auch das engte den Spielraum jeder möglichen Revolutionsregierung ein. Denn da im Grunde der Fahrplan mindestens in Richtung einer Konföderation vorgezeichnet war, richteten sich von Anfang an die Augen auf die westdeutsche Regierung, die in dieser Konföderation zweifelsohne der dominierende Partner sein würde. Was Helmut Kohl auch gleich begriff und mit seinem ohne viel diplomatische Abstimmung vorgetragenen 10-Punkte-Plan die Initiative an sich riss.
Durch diese Randbedingungen war von Anfang an klar, dass die Revolution niemals das erlangen konnte, was eigentlich Ziel einer jeden Revolution ist, nämlich die Herrschaft derer, die die Revolution machen. Nach dem Sturz des SED-Regimes musste die DDR-Bevölkerung ihre gerade erst errungene Souveränität sogleich wieder abtreten; ihre Revolution blieb gleichsam auf halber Strecke stehen. Alles, was an bunter basisdemokratischer Kultur in der Revolutionszeit 1989/90 entstand, konnte von Anfang an nicht mehr werden als eine Fußnote der Geschichte. Oppositionsgruppen der ersten Stunden wie das „Neue Forum“, die runden Tische, die zahlreichen, teils exotischen Parteigründungen: das alles konnte nicht von Dauer sein. Zweifelsohne: eine spannende Fußnote, voll Idealismus und großen Engagements; aber, am Ende, doch nur eine Fußnote, was nicht zum Selbstbewusstsein der neuen Bürgergesellschaft in der DDR beitragen konnte.
Die dreifache Demontage
Mehr noch kam hinzu. Die Revolutionäre, eben noch die glänzenden Sieger, erlitten in kurzer Zeit eine dreifache Demontage. Ihr Staat wurde aufgelöst, ihr Gesellschaftssystem abgeschafft und ihre Wirtschaft zerschlagen. Das führte ihnen drastisch vor Augen, dass der kurze Augenblick, in dem sie vom Objekt zum Subjekt der Geschichte geworden waren, schon wieder vorbei war.
Der Verlust des Staates war das wenigste, kaum jemand weinte der DDR eine Träne nach; Skepsis gab es mancherorts, aber keinen nennenswerten Widerstand gegen eine Wiedervereinigung mit dem Westen. Freilich: eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe; so viel Zusammengehörigkeitsgefühl und Stolz hatten sich die Ostler in vierzig Jahren denn doch erworben. Diese Augenhöhe gab es nicht, die Wiedervereinigung geriet zum Anschluss, und das schmerzte.
Schwerer wog die Niederlage im Kampf der Systeme. Natürlich wollten die Revolutionäre nicht Einparteienstaat und Planwirtschaft erhalten. Aber die diffuse Vorstellung, dass der Sozialismus reformierbar sei, dass ein dritter Weg möglich sein müsse und der Osten nicht den rheinischen Kapitalismus einfach zu kopieren, sondern vielmehr ein eigenes geistiges Erbe in das neue Deutschland einzubringen habe, war unter den Intellektuellen, den Bürgerrechtlern, den Demonstranten weit verbreitet. Darüber ging die Geschichte hinweg, ohne jedes auch nur symbolische Zugeständnis; das westliche System siegte, vierzig Jahre Arbeit und ehrliche Anstrengung erschienen nun ausschließlich als Irrweg.
Schließlich, das dritte und größte, weil im Alltag am meisten spürbare Trauma: der ökonomische Zusammenbruch. Die DDR-Wirtschaft, die viele Jahre immerhin innerhalb des Ostblocks als führend gegolten hatte, wurde abgewickelt. Mit dem Westen konnte sie nicht konkurrieren, die östlichen Absatzmärkte brachen weg. Was blieb, war Konkursverwaltung, die, häufig von Westlern, wenig sensibel betrieben wurde. Fabriken wurden geschlossen, Traditionsmarken eingestampft, ganze Städte und Landschaften umgekrempelt. Dass nachher neue Wirtschaftszweige heranwuchsen, dass sich durch viele Subventionen Städte und Infrastruktur rasch entwickelten und der extremen Umweltzerstörung Einhalt geboten wurde, glich diese Zusammenbruchserfahrung jedenfalls subjektiv oft nur zum Teil aus.
Gerade an der Transformation der Wirtschaft ist immer wieder herumgemäkelt worden. Ob das Umtauschverhältnis zwischen Ostmark und D-Mark wirklich 1:1 betragen musste, wird gelegentlich gefragt, und ob die ersten Tarifabschlüsse in den neuen Ländern nicht etwas maßvoller hätten ausfallen, also passend zur Produktivität viel deutlicher unter dem westdeutschen Niveau bleiben sollen. Beides kann man so sehen. Beides waren im Grunde keine ökonomischen, sondern politische Entscheidungen – im einen Fall, um den Ostdeutschen das Gefühl wirtschaftlicher Gleichrangigkeit zu geben, im anderen Fall, um dem Wunsch der westdeutschen Gewerkschaften zu entsprechen, keine Niedriglohnkonkurrenz im eigenen Lande heranzuzüchten. Beides beschleunigte die Entwicklung nach vorne; beides verschärfte aber auch den Strukturbruch.
Dass Teile der Bevölkerung diesen dreifachen Identitätsverlust nicht verwinden konnten, überrascht kaum, zumal der selbst mythenarme Westen über D-Mark, Reisefreiheit und Verfassungspatriotismus hinaus auch nicht sehr viele identitätsstiftende Alternativen anzubieten hatte. Eher wundert man sich, dass die Wahlerfolge der SED-Nachfolgepartei und die – meist auf triviale Alltagskultur bezogene – Ostalgiewellen nicht früher kamen und noch stärker ausfielen.
Zwei Notwendigkeiten
Natürlich – Revolutionen sind kein Wunschkonzert, große, alles umwälzende Prozesse bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Die Ehrlichkeit gebietet, an dieser Stelle nach den Alternativen zu fragen und nach den Handlungsspielräumen der beiden Regierungen in Ost und West – und nicht nur die Mängel aufzuzählen.
Sowohl Kohl als dann de Maizière standen gewaltig unter Druck, innenpolitisch und außenpolitisch. Innenpolitisch drohte nach der Grenzöffnung eine Massenflucht nach Westen, die die Aufnahmefähigkeit der alten Bundesrepublik bald überfordert und zu einem Ausbluten der DDR geführt hätte. Außenpolitisch blieb die Lage unsicher, weil niemand sagen konnte, wie lange das politische Tauwetter noch anhalten, ob und wie lange die Sowjetunion wirklich bereit sein würde, ihr osteuropäisches Imperium preiszugeben und ob sich nicht bald eine andere Linie in Moskau durchsetzen würde.
Die Konsequenzen aus diesen beiden Druckmomenten konvergierten: Es war wenig Zeit, es musste gehandelt werden. Auf Befindlichkeiten der DDR-Bürger konnte so wenig Rücksicht genommen werden wie auf die Befindlichkeiten mancher Nato-Staaten, England und Frankreich voran, die die Wiedervereinigung fürchteten. Innenpolitisch den Willen des eigenen Volkes und außenpolitisch die Unterstützung Amerikas im Rücken, musste der große Wurf gewagt und manche Verletzung dabei in Kauf genommen werden.
Wenn wir ein wenig in die Geschichte zurückblicken, sehen wir: Ein neues Phänomen ist das nicht. Auch der alte Bismarck stand, als er in Versailles die Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten, sozusagen seine 1+4-Verhandlungen führte, unter Druck; er musste abschließen, solange sich die europäischen Mächte nicht zur Intervention entschlossen und solange die patriotische Begeisterung im Zuge des Krieges gegen Frankreich die süddeutschen Fürsten, die ja durchaus um ihre Selbstständigkeit fürchteten, in Richtung Einigung zwang. Entsprechend viele Kompromisse enthielt auch hier die Einigung, und entsprechend föderalistisch, ja überföderalistisch wurde am Ende Bismarcks Deutsches Reich.
Ein Ergebnis
Wie sich die Umstände ähneln, so ähnelt sich das Ergebnis. Heraus kam 1989/90 eine Erweiterung – wie 1871, als Bismarck den Norddeutschen Bund erweiterte und in Deutsches Reich umtaufte –, keine Vereinigung. Der Osten trat dem Westen bei wie einst der Süden dem Norden.
Nun: Für eine wirkliche „Fusion“ der beiden Staaten, mit einer nüchternen Abwägung, was auf beiden Seiten erfolgreich und bewahrenswert erschien, war, wir sagten es, keine Zeit. Das, was der Osten auch nach vierzig Jahren SED-Misswirtschaft an Gutem immerhin in diese Ehe hätte einbringen können, die berühmten Kitas, die Polykliniken, die gute Ingenieurausbildung und manches mehr, musste, zunächst jedenfalls untergehen. Der Putsch der alten Kader gegen Gorbatschow, der 1991 schließlich folgte, drohte die ganze Zeit, und im nachhinein zeigte sich hierin die Weisheit der Entscheidung, die Wiedervereinigung rasch zu vollziehen, solange das Fenster der Geschichte offen stand. Sie war und bleibt richtig.
Aber auch die symbolische Vereinigung, für die durchaus Zeit gewesen wäre, unterblieb. Anders als 1871, als Bismarck seine an sich wenig beeindruckende Staatschöpfung mit den mächtigen Titeln Kaiser und Reich drapierte, war die Vereinigung 1989/90 eine Veranstaltung von Beamten und Staatsrechtlern. Es gab keinen neuen Staatstitel, auch keine – wenigstens formal – neue Verfassung nach Artikel 146 Grundgesetz, sondern nur einen Beitritt nach Artikel 23. Der Vorschlag de Maizières, das wunderschöne „Auferstanden aus Ruinen“ zur Haydn-Melodie als zweite Strophe an die westdeutsche Hymne anzufügen, wurde verständnislos beiseite gewischt.
Helmut Kohl kam der Zeitdruck gelegen; so konnte er seine Bundesrepublik fast unverändert erhalten und seine Wähler damit schonen, wie weiland Bismarck die Umstände gelegen kamen, die ihm gestatteten, möglichst viel preußische Unabhängigkeit im neuen Reich zu bewahren.
Im Grunde ist diese Einheit ein halbes, ein unfertiges Ergebnis; aber nun, da die Strukturen stehen, bleibt es dabei. Das muss kein Nachteil sein. Es sind oft die un- oder halbfertigen Lösungen, oft die Provisorien, die sich in der Geschichte als am langlebigsten erweisen.
Aus Sicht der Revolution aber – und nach der hatten wir gefragt – nimmt sich das Ergebnis nicht so erfreulich aus. Sie blieb auf halbem Wege stehen, oder besser: musste im Moment des Triumphes abdanken und die Initiative an andere abtreten. Damit fügt sie sich ein in die ambivalente Geschichte deutscher Revolutionen. Zu ändern ist das nicht mehr. Ist die revolutionäre Lava einmal zu Stein erstarrt, bleibt sie es. Unvollendete Revolutionen bleiben ewig unvollendet.













