Historischer Rückblick
Vor fünfzig Jahren am 23. Oktober begann eine Revolution, die viel mehr war als eine Revolte. Es war eine Auflehnung gegen die totale Ideologie, gegen das Grauen, gegen den unmenschlichen Kommunismus.
Am 23. Oktober versammelten sich vor allem Arbeiter und Studenten vor dem Parlament, um die Solidarität mit dem polnischen Volk kundzugeben und gegen die neuesten Beschlüsse der kommunistischen Partei zu protestieren. Am Abend erreichte die Zahl der Demonstranten 200.000. Sie manifestierten sich um den Rückzug der Roten Armee aus Ungarn und forderten den Reformkommunisten Imre Nagy auf zu sprechen. In seiner Rede appellierte er an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Noch in dieser Nacht kommt es zu Eskalationen; als die unbewaffnete Menge versucht in das Gebäude des Radios hineinzukommen, reagieren die Beamten der Geheimpolizei (ÀVH) mit Schüssen in die Masse.
Die Revolutionäre schneiden das sowjetische Muster aus der ungarischen Trikolore heraus; diese rot-weiss-grüne Fahne mit einem runden Loch in der Mitte gilt bis heute als Symbol der Revolution. Am 25. Oktober versucht die Rote Armee gestärkt durch die Beamten der Geheimpolizei die Stadt und die wichtigsten Gebäuden zurückzuerobern. Doch der Widerstand der mittlerweile leicht bewaffneten Freiheitskämpfer lässt nicht nach. Am 28. Oktober legt der neue Ministerpräsident Imre Nagy seinen Eid ab. Am 30. Oktober gelingt der Durchbruch, der Parteisitz der Kommunisten wird erobert, Imre Nagy proklamiert das Mehrparteiensystem. Am 31. Oktober verlässt der letzte sowjetische Panzer die Hauptstadt. Die Lage konsolidiert sich in Budapest.
Im Hintergrund plant die sowjetische Armee die Invasion von Ungarn; der Name des Planes lautet: „Wirbelsturm“. Der Verantwortliche für den Plan war Marschall Konyev. Imre Nagy verkündet den Austritt aus dem Warschauer Pakt und Ungarns Neutralität. Präsident Eisenhower versichert den sowjetischen Generalsekretär Chruschtschow, dass die USA ein unabhängiges Ungarn nicht als potenziellen Partner betrachten. Die ganze Welt schaute auf Suez, als die Rote Armee in der Morgendämmerung am 4. November die Offensive gegen die ungarische Revolution mit 60.000 schwerstbewaffneten Soldaten startete. Inzwischen sendeten die USA durch Radio Freies Europa und Radio Liberty aus München falsche Informationen über tatkräftige Waffenhilfe für die Aufständischen. Heftiger Widerstand erwartete aber die Panzer der roten Armee in der Innenstadt von Budapest. Die endgültige Kapitulation der Revolutionären war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Am 7. November war der Großteil der Stadt unter Kontrolle der Roten Armee. Die gegenrevolutionäre Regierung mit János Kádár an der Spitze konnte in Budapest einziehen. Nach den im Jahr 1993 freigegebenen statistischen Daten starben 2652 ungarische Staatsbürger und 19226 wurden schwer verletzt. Die Sowjets hatten 669 Tote und 1540 Verletzte.
Die Vergeltungsmaßnahmen des Kádár-Regimes waren blutdurstig. Mehr als 400 Personen wurden hingerichtet, unter anderem Imre Nagy, der Ministerpräsident der Revolution. 200.000 ungarische Staatsbürger flüchteten ins Ausland, die meisten in die Vereinigten Staaten. Der größte Teil dieser Bürger waren Intellektuelle.
Schuld des Westens? Fehler der Revolutionäre?
Die moralische Schuld, besonders für die vielen Toten, trifft auch den Westen, nicht nur die Sowjetunion. Nach dem Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt hat Washington ein „diplomatisches Einverständnis“ für die sowjetische Führung und deren Intervention gegeben. Die Meldungen über kommende Hilfe von Radio Freies Europa und Radio Liberty machten den Revolutionären falsche Hoffnungen. Die Sender, finanziert von der CIA, gaukelten den Aufständischen vor, sie könnten mit tatkräftiger Waffenhilfe rechnen. Im Hintergrund war es für Washington klar, dass es nach Jalta und nach dem „Status Quo“ der beiden Großmächte keine militärische Hilfe für Ungarn in Frage komme. Der verzweifelte Hilferuf von Imre Nagy am Morgen des 4. November wurde ignoriert, das Ende war eine blutige Niederlage.
Historiker wie der in den Vereinigten Staaten lebende ungarische Professor Charles Gati meinen, dass die Revolutionäre und besonders der Ministerpräsident Imre Nagy zu viele Forderungen stellten und nicht pragmatisch genug handelten. Nagy machte einen riesengroßen Fehler (das ist unumstritten) mit dem Austritt aus dem Warschauer Pakt, womit er den Sowjets den nötigen Zündstoff gegeben hatte um die Offensive zu starten. Wenn man die richtige Schlussfolgerung ziehen will, meine ich, dass die politische Inkompetenz von Nagy und auch die damalige strategische Überlegenheit der Sowjetunion zum endgültigen Ergebnis geführt hatten.
Die Relevanz der Revolution
Der Freiheitskampf wurde zwar brutal zerschlagen, aber das Resultat war ein moralischer Sieg der Aufständischen. Nach der Konsolidierung des Kádár-Regimes wurde Ungarn zur „heitersten Baracke“ im Ostblock. Die totalitäre Struktur der Partei war noch immer erhalten, aber viele wirtschaftliche Ermäßigungen und Dienstleistungen wurden dem Volk zugeteilt. Es war die erste bewaffnete Auseinandersetzung gegen die Sowjetunion im Ostblock. „Das Blut der Revolutionäre auf Budapests Straßen wurde ein Hoffnungsschimmer für die vom Kommunismus unterdrückten Völker“. Es hat auch dazu beigetragen, dass die kommunistische Parteien in Westeuropa vom „Sowjetischen Kurs“ abbogen und versuchten für den „humanen Kommunismus“ zu werben.
In der Gegenwart versucht die politische Elite Ungarns sich die Revolution anzueignen. Die Gesellschaft ist noch immer gespalten, was die Interpretation der Revolution angeht. Die wahren Helden, die in der ganzen Welt ein Zeichen gesetzt haben, geraten in Vergessenheit. Es wird ein steiniger Weg für die Republik Ungarn in Richtung Europäisierung, den die Revolution angestoßen hat...















