Was wir heute Europa nennen, hieß lange „katholische Christenheit“ oder „lateinisches Abendland“; im Mittelalter gab es keine Europaidee; Europa ist erst ein Begriff der Renaissance und insbesondere der Aufklärung.
Der kürzlich verstorbene sudetendeutsche Historiker Ferdinand Seibt schreibt: „Europa ist vornehmlich der Raum für die Entfaltung eines in der Weltgeschichte einmalig dynamischen Prozesses“ (1).
Europas Grenzen
Europas Grenzen entsprechen etwa den Grenzen der EU, wenn wir Kroatien, Serbien, Bosnien, Montenegro, Mazedonien, Norwegen und die Schweiz hinzunehmen. Unklar waren und sind seine östlichen Grenzen, die im Gegensatz zum übrigen Europa nicht an Meere stoßen. Gehört Russland zu Europa? Diese Frage ist seit Leibniz und Herder immer wieder diskutiert worden und füllt ganze Bibliotheken. Die Russen sind zweifellos ein europäisches Volk, aber anders als die meisten Europäer schon durch die byzantinisch geprägte Christianisierung. Die Klöster sind schon früh extrem asketisch und keine Pflanzstätten der Bildung, Russland hatte daher auch keine Renaissance, keine Assimilierung der Antike. Seit dem Mittelalter gibt es eine Kulturgrenze zwischen Russland und Polen: Keine Adelsfreiheiten, keine Städte- und Bürgerfreiheiten, keine Universitäten bis ins 18. Jahrhundert. Als tartarisches Erbe ist der Moskauer Staat von Anfang an despotisch und grausam, ein noch heute aktuelles Problem. Trotz der seit dem 18. Jahrhundert einsetzenden Europäisierung hat die russische Kultur deutlich andere Grundlagen und es bleibt eine kulturelle Zweischichtigkeit.
Die Ukraine sehen wir Deutschen zumeist entweder als eng mit Russland verbunden oder wegen der dynastischen preußisch-russischen Verbundenheit durch die russische Brille als „russischen“ Volksstamm oder „Kleinrussen“. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gehörte der größte Teil der heutigen Ukraine zum Polnisch-Litauischen Reich und war eine religiös-kulturelle Grenzscheide zwischen der lateinischen und der orthodoxen und später tartarischen Welt. Auf Initiative der Jesuiten entstand 1595/96 in der Kirchenunion von Brest eine katholische Kirche byzantinischen Ritus, in der die orthodoxe Liturgie und sogar die Priesterehe erhalten blieben. Geistliche dieser Kirche führten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Sprach- und Kulturbewegung der Ruthenen – wie man die Ukrainer im österreichischen Galizien nannte – an. Die heutige Ukraine ist kulturell wiederum ein Mischgebiet und bemüht sich um ein modernes, integrierendes Selbstverständnis. Der Präsident und die Regierung haben eine Mitgliedschaft in der EU zum Staatsziel erhoben und stehen damit in klarem Gegensatz zu Russland. Für uns sollte das ein Grund sein, sich mehr mit diesem Land zu beschäftigen.
Mitte des 14. Jahrhunderts trat ein im Mittelalter nicht bekannter Aggressor im Balkan auf: die Türken. Die Türkenabwehr wurde für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unter den habsburgischen Kaisern und für Polen bis ins 18. Jahrhundert zur zentralen Staatsaufgabe und endete mit der erfolgreichen Wiedereroberung Ungarns. Zwischen den zwanziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts konnten sich Griechen, Serben, Rumänen und Bulgaren aus der osmanischen Abhängigkeit lösen, wobei der Glaube unlösbar mit Identität verbunden war, so dass Bekehrung zum Islam oder auch zum Katholizismus einen Wechsel der Nationalität zur Folge hatte. In Österreich wurde mit der Schaffung eines Lehrstuhls für griechisch-orthodoxe Theologie an der 1875 in Czernowitz gegründeten „Francisco-Josephina“ Universität die Integration der Orthodoxen gefördert.
Europas Grundlagen
Dass im Rahmen der deutsch-französischen Annäherung nach 1945 der auch im französischen Geschichtsbild geschätzte Karl der Große lange als Ahnherr Europas herausgestellt wurde, ist nahe liegend. Das Karolingerreich war jedoch nicht mit Europa identisch, auch wenn es als eine wichtige Episode angesehen werden muss. Der französische Historiker Jacques Le Goff sieht die Ursprünge Europas in den kollektiven Vorgängen der Völkerwanderung und den daraus entstehenden Königreichen sowie der Gemeinschaft des Christentums mit seiner lateinischen und griechischen Kultur (2). Die Völkerwanderung ist im allgemeinen Bewusstsein jedoch ein tiefes Loch, und wir müssen uns erst vom Klischee der primitiven und kulturlosen germanischen Barbarenvölker befreien, die als Totengräber des römischen Weltreiches angeprangert wurden. Die „lernfähigen Barbaren“ stellten im römischen Heer die Mehrheit, siedelten unkontrolliert auf römischem Gebiet und integrierten sich in das kulturell höher entwickelte Gesellschaftssystem. Sie haben die römische Welt weder zerstört noch erneuert, sie richteten sich in ihr ein. Die Völkerwanderung mit ihrer germanisch-römischen Durchmischung wird als für Europa grundlegend in Zukunft noch deutlicher herausgearbeitet werden müssen, ohne zu einer erneuten Überhöhung der Germanen zu kommen wie bei dem Humanisten und Publizisten Ulrich von Hutten im 16. Jahrhundert oder nach dem Ersten Weltkrieg. Aber auch die römische Kultur wird einzubeziehen sein in modernem Sinn als Mitbegründer des modernen Europa, wie es schon der Althistoriker und Bismarckgegner Theodor Mommsen herausgestellt hat.
Über ein halbes Jahrtausend vor der Völkerwanderung breiteten sich die Kelten über ganz Mitteleuropa nördlich und westlich der Alpen und schließlich auch in Oberitalien aus, uns bekannt durch die Hallstatt- und die spätere La-Tène-Kultur. An die später romanisierten Kelten erinnern noch viele unserer Orts-, Fluss- und Landschaftsnamen. Im von römischer Eroberung nicht erreichten Irland beanspruchte das eigenständige Mönchstum seine Unabhängigkeit von der römischen Kirche und behielt bis heute eine keltische Spiritualität. Seit der großen Keltenausstellung im Palazzo Grassi in Venedig können die Kelten als erstes Volk Europas angesehen werden.
Europas Epochen
Als wichtige Epoche des entstehenden Europas kann der karolingische Organisationskern angesehen werden mit seiner dreifachen Bekehrung jener Fürsten, Aristokraten und Krieger, die außerhalb des alten Limes geblieben waren: Bekehrung zum Christentum als einer globalen Umwälzung sowie zur lateinischen Sprache und zur Schrift. Damit war die Unterscheidung zwischen Römern und „Barbaren“ beseitigt und in religiöser Hinsicht eine Vielzahl von Ethnien integriert. Diese gehörten nun der gleichen Universalkirche und weltlichen Kultur an. Im orthodoxen Osten waren die Sprachen der Einheimischen erlaubt, im Westen aber aus Liturgie und klerikaler Kultur verbannt. Mit der zweiten Welle der Christianisierung ab dem 10. Jahrhundert traten zwei neue Gruppen von Europäern hinzu: die Skandinavier und die Slawen.
Der in Paris lehrende und forschende polnische Historiker Krzysztof Pomian sieht in Kontrast zu den politischen Spaltungen und dem ständigen Kriegszustand in der seit dem 12. Jahrhundert auf religiöse, kulturelle und soziale Einheit hinstrebenden lateinischen Christenheit eine erste europäische Einigung (3). Dazu nur Stichworte: Anwachsen des Klerus, Aufstieg der Städte, mit der Universität ein völlig neuer Typus des Geistlichen, über das rückeroberte Toledo Begegnung mit der griechischen und arabischen Philosophie und Wissenschaft, die scholastische Kultur existiert neben der Kultur des Rittertums und der bürgerlichen Kultur mit Messung von Raum und Zeit und Interesse an Geschichte. Es gab aber auch die Kreuzzüge, ausgelöst durch religiöse Erlösungssehnsucht, klassische Expansionsziele und Bevölkerungsdruck, Vorläufer der Entdeckungsfahrten und der Überseeexpansion. Diese kulturelle und intellektuelle Einheit zerbricht in der hussitischen Revolution – der Feuertod des vom Konstanzer Konzil 1415 verurteilten Jan Hus löste in Böhmen eine starke religiöse und nationale Erregung aus – und der Glaubensspaltung. Für Seibt endet das Mittelalter in Revolutionen, bei denen nicht der gewaltsame, sondern der ideelle Umbruch den Ausschlag gab. Seine „Wurzeln liegen in der inneren Paradoxie der gesellschaftlichen Ordnung, die dem Individuum Entwicklungsfreiheit verhieß und es zugleich zwei Universalmächten unterstellte, Kirche und Königtum.“ (1, S. 395) Erst die Revolution im europäisierten Nordamerika kämpfte nach naturrechtlichen Prinzipien um Menschenrechte.
Pomian sieht ungeachtet dieser Spaltungen eine zweite europäische Einigung in der „République des Lettres“ mit ihren Akademien, Gelehrtenorganisationen und den sich entwickelnden Naturwissenschaften sowie den Höfen mit hoher Musikkultur, den Salons und Freimaurer-Logen, aber auch mit ihren Ideologien. Die Gelehrtenrepublik und die höfische Kultur wurden trotz konfessioneller Kriege zur Inkarnation der kulturellen Einheit Europas. Indem Napoleon diese zweite kulturelle Einigung Europas durch eine politische Einigung mit Französisch als Sprache der Eliten und der Verwaltung zu vollenden versuchte, ist diese gescheitert. Das napoleonische Empire hat ein Nationalgefühl entfacht, das sich im Laufe von zwanzig Jahren zu einer zuvor nie gekannten Glut steigern sollte. Die europäische Kultur wird zu einem System nationaler Kulturen und zerbricht im Ersten Weltkrieg und unter den folgenden totalitären Regimen. Freud deutete diese neuere Entwicklung im Westen 1930 wie folgt: Der westliche Mensch hat sich mehr und mehr durch Verinnerlichung Züge angeeignet, mit denen er zuvor in gläubiger Verehrung das Bild Gottes ausgestattet sah.
Auf dem Weg zu einer dritten europäischen Einigung
Seit 1989 erleben wir den letzten Akt der Liquidierung des vom Ersten Weltkrieg hinterlassenen Erbes und den Wiederaufstieg des ungeteilten Europas. Der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin, der das Institut The Foundation of Economic Trends in Washington leitet und gleichzeitig Berater der EU-Kommission ist, vertritt die Auffassung, dass der hochgeschätzte amerikanische Traum in eine Sackgasse geführt hat, weil er sich viel zu sehr auf das persönliche materielle und zu wenig auf das allgemeinmenschliche Wohlergehen konzentriert (4, S. 21). Der europäische Traum passt hingegen besser zum nächsten Schritt menschlicher Entwicklung, dem globalen Bewusstsein. Der amerikanische und der europäische Traum haben im Kern zwei diametral entgegengesetzte Vorstellungen von Freiheit und Sicherheit. Amerikaner definieren negativ: Freiheit hat mit Autonomie zu tun, um autonom zu sein, muss man begütert sein. Der europäische Traum gründet auf Freiheit und Sicherheit, nicht auf Autonomie, sondern auf Eingebundensein. Im Zeichen des Marktes war Freiheit als Autonomie definiert; Netzwerke definieren sich entgegengesetzt, basieren auf Vertrauen. Rifkin folgert: „Unser Denken in Sachen Eigentum erzwingt eine Neubewertung der conditio humana ähnlich wie zu Beginn der Moderne. Unglücklicherweise gibt es weder an den Universitäten noch in der politischen Öffentlichkeit Diskussionen, wie man die Theorie der Eigentumsbeziehungen umbauen müsste, um sie mit der Realität der globalen Netzwerkswirtschaft in Einklang zu bringen.“ (S. 201)
Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Horst Eberhard Richter hat 2002 ein Buch über die Krise des westlichen Bewusstseins mit dem bezeichnenden Titel „Das Ende der Egomanie“ geschrieben. Man kann dieses Buch als eine philosophische Ergänzung der Auffassung von Rifkin ansehen. Den manischen Allmachtsphantasien der führenden Weltmacht stellt er neue Selbstbilder der Deutschen gegenüber. Diese „weisen unmissverständlich in die Richtung einer Wendung von einer ausgeprägten Ich-Gesellschaft zu einer Wir-Gesellschaft mit entsprechender Betonung von größerer sozialer Nähe und erhöhter Verantwortungsbereitschaft hin.“ (5, S. 13)
Die Vielzahl der Kulturen und Sprachen ist ein europäisches Charakteristikum und wird es auch künftig bleiben. Auch wenn sich Englisch nach 1945 anstelle des Deutschen als Wissenschaftssprache durchgesetzt hat, ist „der europäische Wissenschaftsraum ... in seiner kulturellen Vielfalt, seiner historischen Verankerung und seinem sprachlichem Reichtum“ dem US-amerikanischen deutlich überlegen. (6, S. 94)
Durch die Osterweiterung der Jahre 2004 und 2007 ist die europäische Integration zwar institutionell weitgehend vollzogen, aber keineswegs mental. Alte Geschichtsbilder wie z. B. der „Mythos vom ewigen Opfer Polen“ leben wieder auf und werden parteipolitisch instrumentalisiert. Sich in Kenntnis wechselseitiger Bilder mit diesen mentalen Fragen zu befassen, ist eine echt europäische Aufgabe für Mitglieder unserer jungen VDH-Bünde.
Zusammenfassung
Europa ist überall dort, wo historische Voraussetzungen für ein europäisches Wir-Gefühl bestehen, was in den vom westlichen Christentum geprägten Ländern eindeutig der Fall ist. Russland wird trotz seines langen Ringens um Zugehörigkeit zu Europa eigenständig bleiben, was schon aus geopolitischen Gründen sinnvoll ist. Im Unterschied zu Russland wohnen die Griechen und die orthodox geprägten Balkanvölker auf altem römischem Territorium, was den Zugang zu einem europäischen Wir-Gefühl erleichtert. Dieser Zugang ist bei islamischen Türken nur in Ausnahmefällen zu erwarten!
Bei den Grundlagen Europas gilt es, sich der Bedeutung der Völkerwanderung und der keltischen Kulturen stärker bewusst zu werden ebenso wie der aufgezeigten europäischen Einigungen unter den Karolingern und in der Renaissance. Das Zerbrechen dieser europäischen Gemeinsamkeit in und nach dem Ersten Weltkrieg führte zu intensivem Nachdenken über die Ursachen und schließlich zu den heute teilweise vollzogenen, teilweise aber noch zu diskutierenden europäischen Gestaltungsmöglichkeiten unter Einbeziehung partnerschaftlicher Beziehungen zu nicht der EU angehörenden näheren und ferneren Nachbarn.
Quellen:
1. Ferdinand Seibt: Die Begründung Europas. Ein Zwischenbericht über die letzten tausend Jahre, Fischer Taschenbuch 2004
2. Jacques Le Goff: Das alte Europa und die Welt der Moderne, Beck München 1994
3. Krysztof Pomian: Europa und seine Nationen, Wagenbach 1990
4. Jeremy Rifkin: Der europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht, Campus Frankfurt/New York 2004
5. Horst Eberhard Richter: Das Ende der Egomanie. Die Krise des modernen Bewusstseins, Kiepenheuer & Witsch 2002
6. Dieter Jakob: Globalisierung und Wissenschaft. In: 125 Jahre Vereine Deutscher Studenten, 2006 Bd. 2
(Dr. Keil hielt diesen Vortrag am 6. Juni 2007 beim VDSt zu Leipzig)















