Freitag, 18. Mai 2012

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Gedanken über das Wesen Europas

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Die aktuelle Diskussion über die endgültigen Außengrenzen Europas, bis wohin also die EU reichen soll, führt immer wieder auf die Kernfragen zurück: Was ist eigentlich Europa? Wer gehört dazu? Die Suche nach Antworten darauf beginnt meistens mit Geografie und Geschichte. Diese Methode ist keineswegs unlogisch, erklärt sich doch alles Bestehende aus seiner Entstehungsgeschichte. Trotzdem bleiben Verständnisfragen offen oder strittig.

Daher möchte ich den Versuch wagen, einen anderen methodischen Weg einzuschlagen. Um etwas ganzheitlich zu erfassen, um sein Wesen zu begreifen, haben manche Sozialwissenschaftler und auch Wirtschaftstheoretiker, wie Wilhelm Dilthey oder Werner Sombart, die Methode des Verstehens angewandt. Es geht dabei um die Erfassung geistiger Zusammenhänge und wirkender Kräfte. Versuchen wir einmal Europa, wie wir es heute kennen, ganzheitlich zu verstehen.

Ein persönliches Erlebnis: Eine aus Schweizern, Franzosen, einem Italiener und einem Österreicher zusammengewürfelte Reisegruppe flog in die USA. Bei dortigen Vorstellungen nannte anfänglich jeder seine Nationalität. Aber nach der zweiten Woche sagte unabgesprochen jeder: „We are Europeans!“ – Hier war ein im Unterbewusstsein vermutlich unklar vorhandenes Selbstverständnis irgendwie bewusst geworden. Beim Nachdenken darüber fiel mir nach und nach vieles ein, das uns in Europa verbindet, ohne dass wir deswegen aufhörten, Deutsche, Franzosen, Ungarn oder anderer Zugehörigkeit zu sein. Nur einige markante Zusammenhänge seien als Beispiele  herausgegriffen. Dabei werden wir kreuz und quer in Kultur, Geschichte, Technik und Wirtschaft hineingeraten.

Beginnen wir mit der im Weltvergleich einmaligen Musikkultur, die Europa hervorgebracht hat. Beethoven, der in Wien komponierte, war Niederländer. Mozart lernte in Italien, auch einige seiner Opern haben italienische Titel und Texte. Überhaupt die Opern! Der Franzose George Bizet verarbeitet in „Carmen“ einen spanischen Stoff , Albert Lortzing in „Zar und Zimmermann“  eine niederländisch-russische Geschichte (Zar Peter der Große) und Richard Strauss in „Elektra“ eine altgriechische.  Benjamin Britten brachte volkstümliches England auf das Festland, und Bachs Musik erklingt in allen Kirchen. All diese Musik stützt sich auf  eine in Jahrhunderten gemeinsam entwickelte Notenschrift (heute Weltstandard!) und die handwerkliche Kunst des Instrumentenbaues.

Springen wir zur Literatur. Der Engländer Shakespeare gestaltete in „Romeo und Julia“  eine italienische Familiengeschichte zu unsterblichem europäischem Kulturgut. Friedrich Schiller verlebendigte in „Maria Stuart“ englische und mit „Don Carlos“ spanische Geschichte. Den deutschen „Faust“  Goethes kennt jeder gebildete Europäer, desgleichen seine „Iphigenie auf Tauros“, ein altgriechischer Stoff. Ebenso zählt der große Roman „Krieg und Frieden“ des Russen Tolstoj unbestritten zum europäischen Kulturgut.

Stichwort Baukunst. Die  verschiedenen Baustile wie Romanik, Gotik, Renaissance und Barock beschränkten sich nicht auf einzelne Länder, sondern  hinterließen ihre monumentalen Spuren in ganz  Europa.  Die  Künstler, Baumeister  und Handwerker kamen von überall und zogen überall mit hin.  Wie ja die Handwerksburschen ganz selbstverständlich durch Europa walzten. Heute noch singen wir „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Und die Studenten erst – die wechselten von Universität zu Universität! Man studierte Recht in Bologna oder Medizin an der Sorbonne oder Philosophie in Prag, der ersten deutschen Universität! Daher bildeten sich auch die „Landsmannschaften“ als Vorläufer der studentischen Korporationen. Professoren wurden quer durch Europa berufen.

Der wissenschaftliche Aufschwung insbesondere seit der Renaissance entwickelte sich in einem europäischen Netzwerk, wo jede Geistesgröße ohne Beschränkung auf ein Territorium mit relevanten Denkern kommunizierte. Es gab ja die gemeinsame Wissenschaftssprache Latein. Latein – Sprache auch  der Kirche – war das wahrscheinlich wichtigste kulturelle Erbe des verflossenen römischen Weltreiches. Die Erbstücke des Lateinischen finden sich ausnahmslos in allen europäischen Sprachen. Beispielsweise kennt man für Verfassung den Begriff CONSTITUTIO wortgleich in Englisch wie Französisch wie Deutsch, er wird nur unterschiedlich ausgesprochen. Oder man denke an jedermanns  INTERESSEN, um noch ein Beispiel aus einer endlosen Liste zu nennen.

Das Stichwort Kirche leitet zur Rolle des Christentums über. Diese unbestreitbar orientalische Religion schaffte es dank straff organisierter Priesterschaft, sich im Machtbereich und auf  den Wegen des bröckelnden Römerreiches, das bis Mittelengland reichte, in Europa durchzusetzen. Das über viele Jahrhunderte entstandene Netz aus Klöstern und Kirchen schuf gemeinsame Strukturen von gewaltigem Einfluss. Eine politische Erklärung neben anderen für diesen beispiellosen Erfolg liefert das  früh bewusst eingegangene Bündnis zwischen der Kirchenführung und den weltlichen Machthabern (Konstantin, Chlodwig, Karl der Große; im „Heiligen Römischen Reich“ waren von sieben Kurfürsten drei zugleich Erzbischöfe). Dieses „Bündnis von Thron und Altar“ prägte die machtpolitische Geschichte Europas vom Mittelalter bis in die Neuzeit. (Übrigens ein aktuelles Gegenwartsbeispiel: Putin und die Orthodoxe Kirche!) Priestertum und Adel stützten einander. Das hinderte aber beide nicht, Machtkonflikte untereinander massiv auszutragen, erforderlichenfalls mit blutigen Kriegen. Im Hochadel war (und ist) man quer durch ganz Europa miteinander verwandt und verschwägert – auch eine europäische  Gemeinsamkeit. Trotz dieser scheuten sich die Herrscher nicht, auch um kleine Ländchen oft jahrelange Kriege zu führen (z. B. Siebenjähriger Krieg um Schlesien).

Zu den Machtbündnissen wie auch Machtkämpfen zwischen kirchlichen und weltlichen Herrschern kamen innerkirchliche Konflikte durch Ketzerbewegungen (Katharer, Hussiten) und Glaubensspaltungen.  Die Rolle des von Luther begründeten Protestantismus ist jedermann geläufig. Verfolgungen und Religionskriege (z. B. Dreißigjähriger Krieg) ziehen ihre Blutspuren durch die europäische Geschichte. Dazu kommen die Vertreibungen ganzer Bevölkerungsgruppen. So siedelten z. B. die Preußenkönige Zehntausende Hugenotten aus Frankreich sowie evangelische Vertriebene aus Salzburg in Preußen an. Sich auf die christliche Prägung Europas zu berufen, schließt nolens volens diese dunklen Seiten mit ein.
Für unsere Themenstellung ist in all diesen Zusammenhängen insbesondere die Tatsache bedeutsam, dass sich diese unsere Geschichte gestaltenden Entwicklungen keineswegs nur auf ein Land oder eine Nation beschränkten, sondern immer ganz Europa mit erfassten. Daher ist jede nationale Geschichte untrennbar in eine gesamteuropäische Geschichte hineingewirkt.

Die durch ihre indogermanischen Wurzeln ohnedies einander mehr oder weniger verwandten Völker Europas wurden durch Wanderungen, Kriege und wechselnde Dynastien und Reiche immer wieder durcheinandergewürfelt. Die zahllosen Kriegszüge mit ihrem Söldnerwesen hinterließen selbstverständlich auch ihre genetischen Spuren quer durch Europa. Von der Heiratspolitik im Adel war schon die Rede. Somit entstand auch so etwas wie ein europäisches humanbiologisches Substrat, auf welchem die zuvor erwähnten kulturellen Gemeinsamkeiten leichter und schneller gedeihen konnten. Umgekehrt ist der hartnäckige Selbsterhaltungswille der verschiedenen Ethnien (Völker, Volksteile) nicht zu übersehen. Das zeigt die auf dem Boden „multiethnischer“ Imperien insgesamt stattgefundene Bildung von „Nationalstaaten“ in Europa, wie in jüngster Zeit das Wiedererstehen schon tot geglaubter Nationalstaaten nach dem Zerfall des Sowjetimperiums. Erscheint das nicht paradox?

Betrachtet man diese bunt durcheinanderflutende Geschichte, dann fällt auf, dass sich in ihr praktisch alle wichtigen Anschauungen, Vorstellungen oder Werte finden, und zwar auch in ihren jeweiligen Gegenpolen. Anders gesagt: In dieser Geschichte findet sich kein Extremismus, der nicht auch vertreten worden wäre! Das klingt paradox, ist aber so.

Hier beispielhaft einige Gegenüberstellungen, grob in ein paar Ordnungsbereiche gegliedert:

Staat:
Demokratie – Absolutismus/Totalitarismus, Republik – Monarchie, Wahlkönigtum – Gottesgnadentum, Gottesstaat (civitas dei) – Säkularer Staat, Zentralismus – Föderalismus,
Multiethnisches Imperium – Nationalstaat.

Religion:
Heidentum – Christentum, Staatsreligion – Privatreligion, Kirchenherrschaft – Religionsfreiheit, Glaubensmonopol – Religionspluralismus/Toleranz, Gottglaube – Atheismus/Agnostizismus.

Kultur:
Einheitssprache – Mehrsprachigkeit, Einheitsgesellschaft – pluralistische Gesellschaft, Ständische Gliederung – Individualistische Gesellschaft, Klassenherrschaft – Klassenlose Gesellschaft, Zensur – Meinungsfreiheit, Bildungsmonopol – Lehr- und Lernfreiheit.

Wirtschaft:
Agrarwirtschaft – Industriewirtschaft, Sklaverei/Leibeigenschaft – Freier Arbeitsvertrag, Marktwirtschaft – Planwirtschaft, Staatshandel – Freihandel, Monopol(e) – Wettbewerb.

Diese keineswegs vollständige Liste von Werten, die einander oft diametral entgegenstehen, beweist, dass sich ungeheuer spannungsgeladene Prozesse abgespielt haben. Wenn heutzutage öfters von den sogenannten „europäischen Werten“ die Rede ist, dann wird diese Formel anhand der aufgezählten Fakten rasch und gründlich als Leerformel, als hohle Phrase entlarvt. Wer sich allgemein zu „den“ europäischen Werten bekennt, muss genaugenommen erst erklären, ob er sich z. B  zum Absolutismus oder zur Demokratie oder zu Planwirtschaft oder Marktwirtschaft bekennt. Jede dieser gegensätzlichen Positionen galt zu einer bestimmten Zeit als die maßgebliche Wertvorstellung in Europa oder großen Teilen davon.
Die Geschichte Europas und seiner Völker bietet sich somit als komplexer dialektischer Prozess dar: These – Antithese –Synthese. Praktisch sind alle Lebensbereiche darin eingeschlossen. Genauer gesagt handelt es sich um viele partielle dialektische Prozesse, die aber in innerer Beziehung zueinander stehen und letztlich zusammenfließen. Hält man sich dazu noch vor Augen, dass sich dieser vielgestaltige dialektische Prozess auf einem relativ kleinen Gebiet unserer Erde abgespielt hat, nämlich auf einer  Fläche mit einem Radius von rund 1.500 Kilometern, dann wird einem die ungeheure Dynamik bewusst. In dieser Hinsicht ist die Evolution Europas im Weltvergleich einzigartig!

Die Thesen und Antithesen, abstrakt gesprochen, wurden anhand konkreter Beispiele schon veranschaulicht. Was ist aber mit der Synthese, in der Einzahl wie in der Mehrzahl? Worin besteht sie? Meine vorläufige Antwort lautet zusammengefasst: Wir befinden uns inmitten dieser europäischen Synthese! Auch  die Entstehung  der Europäischen Union und ihre noch offene Endgestaltung gehören zu dieser Synthesebildung.

Inmitten zu stehen, darf man freilich nicht nur auf die Gegenwart beziehen. Ansatzweise beginnt diese Synthese schon mit der Renaissance, gewinnt ihren Höhenflug mit der Aufklärung und bekommt Schubkraft durch die Explosion der Wissenschaften, allen voran der Naturwissenschaften. Die wahrscheinlich prägnanteste Kennzeichnung für diesen epochalen Vorgang findet sich in den Worten Nietzsches von der „Umwertung aller Werte“.

Mir scheint die Essenz der bis dato erreichten Synthese darin zu bestehen, dass zahlreiche Fundamentalismen oder besser gesagt: der Fundamentalismus in vielen seiner Ausprägungen überwunden wurde. Beispiele: Überwunden wurden die Ideen von absoluter Herrschaft, sei es Monarchie, Gottesstaat oder Totalitarismus neuzeitlicher Formen (NS, Stalinismus). Überwunden wurden die Vorstellungen von Glaubensmonopolen, alleingültigen Ideologien, Unanfechtbarkeit von Lehrmeinungen. Verworfen wurden Zentralverwaltungswirtschaft und totale Verstaatlichung.  Der aktuelle Fundamentalismus des von außen andrängenden Islamismus stellt eine neuerliche Herausforderung  dar. Auch diesen Fundamentalismus zu überwinden, ist für Europa das Gebot der Stunde.

Nicht übersehen werden darf, dass auch der Fundamentalismus der jeweils entgegengesetzten Ideen dialektisch überwunden wurde. Beispiele dafür: Die Anarchie als Fundamentalismus der Freiheitsidee, wie überhaupt die Vorstellungen unbegrenzter, ungehemmter Freiheit. So wurde unter anderem aus einem totalen Laissez-faire die „geregelte“ freie Marktwirtschaft (Ordo-Liberalismus). Auch die fundamentalistische Utopie einer „herrschaftslosen Gesellschaft“ gehört inzwischen zum Müll der Ideengeschichte.

Betrachtet man dieses allmähliche Überwinden von Fundamentalismen, so kann man diesen dialektischen Vorgang auch als den schmerzvollen Siegeszug der Freiheitsidee wie zugleich auch ihrer Läuterung verstehen. An diesem Punkt angelangt, wäre ausholend und tiefschürfend darüber zu sprechen, was Freiheit für sich genommen  ist oder will oder sein kann bzw. soll. Das freilich ist im Rahmen des hier vorgegebenen Themas unmöglich. Dennoch soll ein Aspekt herausgegriffen und kurz beleuchtet werden, weil er ganz wesentlich für die Herausbildung des neuzeitlichen Europas ist, nämlich „die Freiheit des Menschen“. Vergessen wir nicht, dass noch bis in die Neuzeit auch in Europa Sklavenwirtschaft herrschte. Noch 1455 billigte Papst Nikolaus der V. die Negersklaverei (Portugal) und erst im 18. und 19. Jahrhundert wurden die europäischen Formen der Sklaverei: Untertänigkeit und Leibeigenschaft abgeschafft. Die freie Person als anerkannte Existenzweise des Menschen  etablierte sich schließlich in den im 20. Jahrhundert ausformulierten Menschenrechten. Diese grundsätzlich äußerst positiv zu bewertende Entwicklung birgt leider auch die Gefahr eines ihr inhärenten spezifischen Fundamentalismus. Gemeint ist die Überspitzung, ja Verabsolutierung des Individualismus. Hier scheint mir die dialektisch wünschenswerte Synthese noch offen. Der Läuterungsprozess hat erst begonnen.

Mit Freiheit stets verbunden ist Vielfalt. Das Motto: „Leben und leben lassen“, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und das Ertragen anderer Lebensentwürfe sind Ausfluss dessen. Denkt man an die ungeheure Vielfalt der Sprachen, Völker und Lebensformen in unserem kleinen Europa,  dann ist eigentlich sonnenklar, dass hier ein friedliches Miteinander nur im Zeichen der Freiheit machbar ist. Das lässt und ließ sich nicht auf einem Verordnungsweg bewirken. Dazu bedurfte es eben dieses viele Jahrhunderte lang währenden dialektischen Prozesses, den alle europäischen Völker schicksalhaft gemeinsam durchzumachen hatten und tatsächlich gemeinsam vollzogen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität und zeitlich manchmal verschoben. Thesen und Antithesen prallten oft genug blutig aneinander. Die Europäer haben viel bitteres Lehrgeld bezahlt, bevor sie sich zur Synthese einer geläuterten Freiheitsordnung zusammengefunden, um nicht zu sagen: zusammengerauft haben. Trotz aller Unterschiede in Europa sind im Zuge dieser geschichtlichen Entwicklung zahlreiche europäische Gemeinsamkeiten entstanden. Sie wurden eingangs genannt. In ihrer Gesamtheit bilden sie ein unverzichtbares Bindemittel für die nach wie vor vital blühende Vielfalt in Europa. Die prägendste Gemeinsamkeit dürfte in der Tat dieser eben geschilderte dialektische Prozess sein: die Überwindung der vielen Fundamentalismen durch den Siegeszug der Freiheitsidee.

Mit dieser besonderen Entwicklung steht der europäische Teil der Menschheit im Weltvergleich einzigartig da. „Gemeinsamkeit  in Vielfalt“ dank der Idee von der menschlichen Freiheit – das macht das Wesen Europas aus.

Manuskript  für  die VDSt-Straßburg-Tagung 2007 – Copyright beim Verfasser.

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