Als der türkische Ministerpräsident Erdogan bei seinem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland Anfang Februar 2008 in einer umstrittenen Rede forderte, bei uns Schulen und Universitäten mit türkischer Unterrichtssprache zu gründen, wurde diese in seiner Heimat von sehr lauter nationalistischer türkischer Begleitmusik untermalt, stieß bei uns aber auf zum Teil heftige Kritik. In deren Chor stimmte zunächst auch ich ein. Doch dann setzte ein Denkprozess ein ...
Schon mehrfach habe ich gerade im Kreis des VDSt nachdrücklich und warnend die Frage gestellt, ob wir in der guten Tradition unseres Verbandes für deutsche bzw. deutschsprachige Minderheiten im Ausland, etwa in Polen, Ungarn, Rumänien, Russland und anderswo die Stärkung von deren Rechten etwa auf deutschsprachigen Unterricht und auf deutsche Kultureinrichtungen aller Art fordern oder unterstützen dürfen, ohne den in den Grenzen unseres Staates lebenden Minderheiten dieselben Rechte einzuräumen. Unser Gemeinwesen hat dies zum Beispiel im Falle der Dänen, Sorben oder auch Friesen in vorbildlicher Weise schon getan. Müssen wird das jetzt bei anderen Minderheiten wie den Türken nicht nachholen? Schließlich ist es auch offizielle Politik der gegenwärtigen Bundesregierung wie auch schon ihrer Vorgängerinnen, die deutschen Minderheiten im Ausland ebenso zu unterstützen wie nationale Minderheiten in unserem Land. – Zu bedenken ist freilich, ob Minderheiten, die schon seit vielen Generationen oder Jahrhunderten im Lande wurzeln, also autochthon sind, nicht anders behandelt werden können als solche, die erst wenige Jahre oder höchstens Jahrzehnte im Gastland wohnen. Doch dies zu stark zu betonen, bedeutet nur eine Verschiebung der Probleme.
Es ist verständlich, dass der Historiker fragt, wie denn in der Vergangenheit Minderheiten behandelt wurden, wie es den Menschenrechten entsprach und entspricht. Schließlich waren der Erste Weltkrieg und seine Folgen auch deshalb die Ur-Katastrophe für die neueste Geschichte Europas schlechthin, weil sie eine ganze Reihe von Vielvölkerstaaten hervorbrachten und damit eine Ursache für das schließlich folgende Inferno schufen.
Zu diesen Vielvölkerstaaten gehörten auch die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland, die 1918/19 selbständig wurden. Estland zum Beispiel, das damals eine durch und durch demokratische und parlamentarische Verfassung erhielt, zählte in der Zwischenkriegszeit auf 45.000 km2, das waren nur 6.500 km2 mehr als die Fläche der Provinz Ostpreußen, gut 1,1 Millionen Einwohner, von denen 970.000 bis 990.000 Esten, knapp 100.000 oder etwa 8 Prozent Russen, knapp 8.000 oder 0,7 Prozent Schweden und knapp 20.000 oder rund 1,5 Prozent Deutsche waren. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges stellten die deutschen Estländer die Oberschicht in den Städten und vor allen Dingen auf dem Land, wo fast der gesamte Großgrundbesitz in der Hand des estländischen Adels war. Mit der Agrarreform von 1919 wurden die Rittergüter fast ausnahmslos bei nur geringer Entschädigung enteignet und damit den Deutschbalten die wirtschaftliche Grundlage für ihren bisher entscheidenden politischen Einfluss entzogen. Auf diesem Land wurden 56.000 kleine Bauernhöfe für Esten eingerichtet, was sozialpolitisch zwar durchaus vernünftig war, zunächst aber einen tiefen Riss verursachte, der Esten und Deutsche entzweite. Mitte der 1920er Jahre freilich konnte er wieder zugeschüttet werden, als die schon in der estnischen Verfassung von 1920 garantierten Minderheitenrechte durch das Autonomiestatut vom 5. Februar 1925 verwirklicht wurden. In Estland wurde fortan Russen, Deutschen, die über eine gut organisierte einflussreiche Partei verfügten, Schweden und Juden die Hoheit in allen kulturellen Fragen verbrieft. Sie konnten fortan insbesondere ihre muttersprachlichen Schulen und Kultur- und Wohlfahrtsangelegenheiten autonom lösen. Ein Grund für diese weltweit als vorbildlich zu betrachtende und zu wertende Politik war das Bestreben der Esten, in ihrem Land alle staatstragenden Kräfte zu binden und ein Staatsbewusstsein gegen kommunistische Umsturzbestrebungen zu schaffen und zu festigen.
Jede Minderheit, die mehr als 3.000 Personen zählte, konnte sich, nachdem sich ihre Angehörigen in das Nationalkataster eingetragen hatten, als Körperschaft des öffentlichen Rechts konstituieren. Die nationale Minderheit wählte als ihr Parlament für Kulturfragen den Kulturrat, der für die deutschen Estländer aus 42 Mitgliedern bestand (Konstituierung am 1. November 1925), die die Kulturverwaltung wählten. Ihre sechs Mitglieder bildeten die Exekutive. Sitz der Kulturselbstverwaltung war das gräflich Ungern-Sternbergsche Palais auf dem Domberg, das heute die Akademie der Wissenschaften Estlands beherbergt und wo heute eine zweisprachige Gedenktafel an die segensreiche Arbeit der Kulturselbstverwaltung erinnert. Bis zum bitteren Ende der ersten Selbständigkeit Estlands nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 konnte die deutsche Minderheit in Estland alle Fragen der Schulen – es gab etwa 3.500 deutsche Schüler –, des Vereinswesens, der Theater und aller möglichen sonstigen kulturellen Einrichtungen frei von jedem staatlichen estnischen Einfluss selbst lösen, die nötigen Abgaben beschließen und erheben, die erforderlichen Bediensteten, vor allen Dingen Lehrer, einstellen usw. Das Modell funktionierte klaglos und hat vielleicht dazu beigetragen, dass wir Deutsche heute bei den Esten, unserem freundlichen und so sympathischen Nachbarvolk, eine Achtung genießen, die mich immer wieder verblüfft und auch beschämt.
Es ist klar, dass politische Lösungen aus der Vergangenheit nicht eins zu eins in die Gegenwart übertragen werden können. Auch ist in unserem Land zu bedenken, dass wir Minderheiten haben, die uns Deutschen viel fremder sind, als es Deutsche für Esten je sein konnten: beide sind Mitteleuropäer und vom Christentum geprägt. Türken aber sind weder Europäer noch Christen. Weist uns aber nicht trotzdem das Estnische Autonomiestatut von 1925 vorbildlich den Weg, wie wir in Deutschland, Europa und weltweit nationale Minderheiten richtig behandeln und damit integrieren können? Darüber müssen gerade VDSter nachdenken und sprechen!















