Freitag, 18. Mai 2012

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Nachdenken über Geschichte – Britische Historiker

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Die Provokation war umso größer, als er vorher argumentiert hatte, dass ein Sieg Deutschlands Europa viel erspart und wahrscheinlich heute eine funktionierende Europäische Union hervorgebracht hätte. In der kleinen Schrift über die Motive der Mächte, den Krieg nicht zu verhindern, was sie alle gekonnt hätten, 1914: Why the World Went to War, wird er noch deutlicher. So legt er dar, dass Asquith, Grey und Churchill (anders als die große Mehrheit des Kabinetts) den Krieg wollten, als er denn in greifbare Nähe gerückt war, wobei die Frage der Invasion Belgiens den willkommenen moralischen Schleier bereitstellte, hinter denen das wirkliche strategische Interesse des liberalen Kabinetts (wie auch handfeste innenpolitische Gründe) vor den Augen der Öffentlichkeit verschwinden konnten. Der Eintritt Englands machte den europäischen Krieg zu einem Weltkrieg. Deutschland hatte nun einen Weltkrieg zu führen, ohne Weltmacht zu sein.

 

Die strategischen Ziele Bethmann-Hollwegs dagegen – nach einem deutschen Sieg in einem europäischen Krieg eine europäische Zollunion unter milder deutscher Führung – nennt Ferguson nicht unvernünftig (far from unreasonable): „Deutschlands europäisches Projekt war nicht eines, mit dem England und sein auf Seemacht gegründetes Empire nicht hätten leben können.“ Es ist nicht uninteressant, dass Ferguson, ganz nebenbei, die im deutschen Journalismus und in vielen deutschen Schulstunden noch vorgebrachten Thesen von Fritz Fischer von der Alleinschuld Deutschlands (Griff nach der Weltmacht) als Unsinn bezeichnet. Das Kapitel Why Britain Fought in dem kleinen Buch ist ein Meisterstück illusionsloser, scharfsinniger Analyse.


Dem Schicksal des British Empire geht Ferguson in einem weiteren Buch nach, Empire. How Britain Made the Modern World. Am Anfang hatte England das koloniale Zeitalter noch verpasst. Es waren die Spanier, die die Reichtümer der Neuen Welt plünderten. Von den Holländern – die Engländer hatten inzwischen Wilhelm von Oranien 1688 zum König gemacht und die Macht des Parlaments durchgesetzt – lernten die sie, die Erschließung des indischen Subkontinents in private Hände zu legen. Die 1694 gegründete Bank von England nahm die Währung in ihre Obhut und regelte den Kreditbedarf der Regierung. Das sollte sich als zukunftsweisend erweisen. So hatte England immer über Staatsanleihen Geld zur Verfügung, um die Kriege um seinen Kolonialbesitz zu führen.

Die konkurrierenden Franzosen, von den Spaniern war schon gar nicht mehr die Rede, waren im Nachteil. Noch Napoleon musste sich das Geld für seine Kriege zusammenbetteln oder -stehlen. Die ständige Ausdehnung der britischen Seemacht ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Wenn Eingeborene den englischen Siedlern dabei im Wege standen, wurden sie vertrieben oder ausgerottet, wie zum Beispiel die Aborigines in Australien. Dies belegt Ferguson wohlüberlegt mit dem Begriff ‚Genozid’.

Dass England zunächst auch im lukrativen Sklavenhandel eine führende Rolle spielt, versteht sich von selbst. Ferguson erzählt keine Geschichte von der ‚Bürde des weißen Mannes’. Eine seiner Zwischenbilanzen lautet: „Im 18. Jahrhundert war das britische Empire, bestenfalls, amoralisch.“ Nachdem das System funktioniert hatte, baut England im 19. Jahrhundert das Empire zielstrebig aus, bis es dann zur Jahrhundertwende im Zeitalter des Imperialismus seinen Höhepunkt erreicht. Den Eintritt Englands in den Ersten Weltkrieg bezeichnet Ferguson als den strategischen Fehler, der das Ende des Empire einläutet. England hatte sich, um den Sieg zu erreichen, vollkommen übernommen, d.h. (vor allem gegenüber den USA) hoffnungslos überschuldet. Gegen Ende seiner Darstellung, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, kommt Ferguson, ohne die Anklagepunkte, die es auch weiterhin zuhauf gibt, zurückzunehmen, zu einem milderen Urteil. Dazu trägt nicht zuletzt der Kampf gegen den Totalitarismus (der Kampf gegen Hitlerdeutschland) bei. Der Gedanke der Demokratie und der Menschenrechte sei letzten Endes in England wie in den ursprünglich von ihm kolonisierten Ländern (vor allem in den USA, Kanada, Südafrika, Neuseeland, Australien) zum Siege geführt worden. So erklärt sich der Untertitel: How Britain Made the Modern World. Letztlich habe der Idealismus über den Realismus gesiegt, das aber habe (logischerweise) das Ende des Empire bedeutet.

Das letzte Wort des Buches gilt den USA. Sie seien die legitimen Nachfolger des britischen Weltreichs. Fergusons Buch über die amerikanische Macht verrät schon im Titel – Colossus. The Rise and Fall of the American Empire für wie begrenzt er menschliches Streben und Wirken hält. Nur die Kosten des Abstiegs des American Empire seien noch nicht bekannt. So zeige sich zwar manchmal der Barbar vor den Toren (wie 9/11), Weltreiche gingen aber schließlich durch die mangelnde Demut und Weisheit der Herrscher wie der Beherrschten von innen her zugrunde. Das hatte schon Edward Gibbon nicht anders gesehen (The Decline and Fall of the Roman Empire, 1776-1788).

Quod erat demonstrandum, meint man am Ende der Lektüre zu verspüren. Die gegenwärtige britische Geschichtsschreibung ist zu entdecken. Sie ist in allen Aspekten ungemein kenntnisreich und hat – wie im Falle von Niall Ferguson – keine Scheu vor Tabus.

Quelle:

 

Niall Ferguson: The Pity of War. London: Allen Lane, 1998. Deutsche Übersetzung: Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert. München: Deutsche Verlagsanstalt, 2002. Eine knappe Zusammenfassung unter dem Titel 1914: Why the World Went to War erschien als Pocket Penguin 35 im Jahre 2005.Niall Ferguson: Empire. How Britain Made the Modern World. London: Allen Lane, 2003. Niall Ferguson: Colossus. The Rise and Fall of the American Empire. London: Penguin Books, 2005.

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