Montag, 6. Sep 2010

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Zur Frage der menschlichen Willensfreiheit

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Seit einiger Zeit wird durch Hirnforscher und Neurophysiologen die menschliche Willensfreiheit als eine Illusion dargestellt, obwohl man im alttäglichen Leben nicht den Eindruck hat, unfrei zu sein. Hier liegt eine erhebliche Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Aussage und dem subjektiven Erleben der Wirklichkeit vor.

Begründet wird die wissenschaftliche Aussage mit einem Experiment von Benjamin LIBET von der Universität „California“, in dem festgestellt wird, dass etwa 0,3 sec. vor einer einfachen Handlung im Gehirn des Menschen Prozesse ablaufen, die den Handelnden nicht bewusst sind. Damit sei eine von unserem Willen unabhängige Determiniertheit unseres Handels zu belegen. Will Singer, Frankfurt hält deshalb den „freien Willen“ für ein „kulturelles Konstrukt“.

Schon lange habe ich darüber nachgedacht, wie man dieser Aussage begründet widersprechen könnte. Beim Lesen eines Aufsatzes in NOVO-Argumente (D. Perks: Was die Hirnforschung uns nicht über den Menschen zu sagen vermag; Heft 96/2008) kam mir eine Idee, wie man das Experiment von LIBET anders deuten könnte.

Ernst Pöppel, München (Grenzen des Bewusstseins, 1997) hat für die Wahrnehmung eines Sinnesreizes durch das Gehirn als Grenze der Informationsaufnahme ein Zeitfenster von 0,2-0,3 sec. festgestellt. Das bedeutet, dass der Input (Aufnahme eines Sinnesreizes) eine Zeitspanne braucht, die sicher durch die neurophysiologischen Prozesse (Spannungsaufbau und Leitung) zu erklären ist. Pöppel weist ferner auf den zeitlichen Aufbau des Bewusstseins hin und damit auch auf die Bedeutung von Un- und Unterbewusstsein. Auch Antonio Damasio, Universität von Iowa (Ich fühle, also bin ich, 1999) beschreibt einen komplexen Aufbau des Bewusstseins, in dem in der Tat nur ein relativ kleiner Bereich für höhere kognitive Prozesse und Entscheidungen vorhanden sein kann. Dabei ist gerade auch die Frage von Bedeutung, ob nicht die kurze Zeitspanne von 0,2-0,3 sec. zugleich mit der Fülle des Unter- und Unbewussten und mit den biologischen Gegebenheiten und Fakten zusammen notwendig ist, damit wir uns in der Welt zurechtfinden und eben auch entscheidungsfähig bleiben können.

Kann man das Experiment von LIBET nicht auch anders als reduktionistisch deuten? Was für den Input mit etwa 0,3 sec. gilt, ist das nicht auch für den Output, den Handlungsimpuls, den freien Willen anzunehmen? Ehe das „Selbst“ handeln kann, müssen die neurophysiologischen Voraussetzungen geschaffen werden, durch die der Wille realisiert werden kann: Aufbau neurophysiologischer Potentiale und Verknüpfungen. Wird damit nicht zugleich notwendig, diesen Prozess eben nicht nur neurophysiologisch zu sehen, sondern wird hier nicht etwas vom „menschlichen Selbst“, der Person sichtbar, das sich etwa in Engrammen darstellt, die wie Karten eines Registers gezogen werden, wenn Handlungen eingeleitet werden. Dieses „Selbst“ als übergeordnete Instanz muss man dann aber anerkennen; es wird definiert durch die Genetik, durch die kulturelle Prägung und die Biographie der entsprechenden Person.

Damit würde das Experiment von LIBET in seinen Befunden sehr wohl anerkannt, aber anders, diametral anders gedeutet. Eine solche Deutung wäre weit eher mit unserem subjektiven Eindruck vereinbar und würde anthropologisch auch weit eher einen Sinn ergeben.

Erkenntnistheoretisch darf ich bemerken, dass man sich mit physikalischen oder biologischen Befunden nicht vorschnell zu kulturellen oder menschlichen Befindlichkeiten äußern sollte. Für den Kosmos ist Physik und Chemie zuständig und er ist zugleich die notwendige Grundlage für die Natur, die in der Biologie beschrieben wird, mit ihr wiederum ist erst Kultur möglich, die durch die Humanwissenschaften dargestellt wird. Die Anerkennung eines schichtenartigen Aufbaues der Wirklichkeit erlaubt es, Befunde ihrer Zugehörigkeit entsprechend einzuordnen und zu bewerten. Aus biologischen Befunden allein ist Kultur nicht erklärbar oder zu deuten (Überbewertung der Evolution bei anthropologischen Fragestellungen). Selbst R. Dawkins weist in einem analogen Sinne darauf hin, dass Biologie eben keine Physik ist, allerdings von physikalischen Gesetzen und Phänomenen abhängig (Geschichten vom Ursprung des Lebens, 2008).

Gegenüber dem Tier – auch dem Menschenaffen – ist der Mensch durch seine Weltoffenheit und die dialogische Verfasstheit gekennzeichnet. Der Mensch muss sich seine Welt selbst schaffen, dazu ist Phantasie, Sprache und Kommunikation notwendig, die durch Verstand und Eros aktiviert werden. Damit entsteht Kultur als eine neue Dimension der Wirklichkeit, in der auch Religion eine entscheidende Rolle spielt. Sie ist Manifestation eines menschlichen Grundbedürfnisses (Phänomen Glauben) und sie bedarf der Freiheit, damit „alles mit rechten Dingen zugeht“.

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