„Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ So lautet ein Satz aus Brechts Galilei. Hier haben wir nun zwei Helden zu betrachten – tragische Helden, so wie die Deutschen sie am liebsten haben; zwei Männer, die so unterschiedliche Leben gelebt haben, dass sie eigentlich nur zwei Dinge gemeinsam hatten: ihr Ziel – und ihr Scheitern.
Sonst könnten sie verschiedener nicht sein. Der eine, von altem Adel, Sohn eines badischen Hofbeamten, wächst in der späten Kaiserzeit unbeschwert auf, bleibt vom Kriege fast unberührt, erwirbt sich hohe Bildung, liebt Musik und Dichtkunst. Monarchist ist und bleibt er auch nach 1918; kaum hat er das Abitur, tritt er dem Männerbund um den alternden Dichter Stefan George bei, wo er dessen verworrene, mystisch-völkische, mittelalterliche Gedankenwelt in sich aufnimmt, die zu ihm so gut zu passen scheint – der Name Stauffenberg erinnert nun einmal stark an die Staufer. National ist seine Gesinnung; nun will er Soldat werden und tritt als Offiziersanwärter ins Weimarer Berufsheer ein, um „dem Vaterland und dem Kampf fürs Vaterland würdig zu werden“. Er heiratet ungewöhnlich früh, als junger Leutnant schon, seine Standesgenossin Nina von Lerchenfeld; die Ehe ist glücklich und bringt fünf Kinder hervor.
Von solchen Dingen weiß der andere unserer beiden Helden wenig. Elser, geboren 1903 als Sohn eines Holzhändlers, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im schwäbischen Königsbronn, verlebt eine ganz und gar nicht glückliche Kindheit. Der Vater ist Alkoholiker und prügelt gerne; den Familienbesitz versäuft er nach und nach. Arbeit in der kleinen Landwirtschaft der Mutter, das Beaufsichtigen der jüngeren Geschwister, wenig Freude prägen den Alltag. Im Krieg muss die Familie hungern. Immerhin: der junge Georg darf eine Lehre beginnen, wenn er den Lehrlingslohn beim Vater abliefert. Erst will er Eisendreher werden, aus gesundheitlichen Gründen wechselt er zur Tischlerei. Sein handwerkliches Geschick und sein Hang zum Tüfteln zeigen sich früh. Mit dem Gesellenbrief versehen, wandert er viel, wechselt häufiger den Arbeitsplatz, lebt auch einige Jahre in Konstanz, wo er die Schweiz kennen und lieben lernt; dort wird er auch Mitglied des Rotfrontkämpferbundes, freilich ohne sich stark zu engagieren oder den Kommunismus auch nur näherungsweise begriffen zu haben. Er bleibt unpolitisch. Sein Liebesleben ist wechselhaft; obschon von Haus aus schüchtern, wechselt er seine Freundinnen noch schneller als seine Arbeitgeber. Eine dieser Liebschaften bringt ein uneheliches Kind hervor; die Alimente zahlt er ungern und unregelmäßig.
Zwei sehr verschiedene Menschen also; und entsprechend unterschiedlich erleben sie auch die große Wende des Jahres Dreiunddreißig. Graf Stauffenberg ist Offizier und Karrierist; die große Aufrüstung, die Hitler in Aussicht stellt, verspricht ihm gute Chancen auf Beförderung – auch auf Gehaltserhöhungen, die der junge Familienvater gut brauchen kann. Georg Elser sieht zuerst seine Arbeitnehmerrechte schwinden und dann seine Löhne sinken, wie er später noch im Gestapoverhör den staunenden Beamten frech verkündet. Und er sieht einen neuen Krieg herannahen – der, wie seine Erfahrung lehrt, für die einfachen Menschen wie ihn nur Leid bedeuten würde.
Elser wird also zuerst zum Widerstandskämpfer. Die Unabwendbarkeit des Krieges sieht er früher als manche Staatsmänner. 1936 schon, als er in einer Fabrik mit angeschlossener Rüstungsabteilung arbeitet, wo verdächtiger Hochbetrieb herrscht; 1938 dann, während der Sudentenkrise, wird ihm endgültig klar, wohin der Weg führen wird. Er beschließt, zu handeln. Aber was tun? Eine politische Konzeption hat er nicht, kann er nicht haben. Er steht allein. Ihm bleibt eine einzige Gelegenheit.
Im Münchener Hofbräukeller begeht der „Führer“ jedes Jahr am 8. November mit seinen alten Kameraden den Jahrestag des Putsches von 1923; bewacht ist er dabei kaum. 1938 reist Elser nach München und nimmt den Ort des Geschehens in Augenschein. Er sieht seine Chance. Das folgende Jahr verbringt er damit, sein Attentat zu planen, Bombe und Zeitzünder zu konstruieren und in nächtelanger, heimlicher Arbeit in die Säule über dem Rednerpult einzubauen. Brillante Arbeit, wie die Fachleute später anerkennen. Den Sprengstoff beschafft er sich aus dem Königsbronner Steinbruch. Alles ist perfekt geplant. Nur mit dem Nebel hat Elser nicht gerechnet; Hitlers Privatflugzeug kann nicht starten, er muss mit dem Zug nach Berlin zurückfahren, er muss den Saal früher verlassen als sonst üblich – zehn Minuten zu früh. Acht Menschen sterben bei der Explosion.
Elser ist derweil an der Schweizer Grenze angekommen, auf der Flucht ins Exil; aber hier ist seine Planung weniger perfekt, mit der – infolge des Kriegsbeginns – verschärften Grenzbewachung hat er nicht gerechnet. Er wird verhaftet, die Bombenpläne und das Rotfronabzeichen, die er bei sich trägt und die ihn drüben als politischen Flüchtling ausweisen sollen, werden ihm nun zum Verhängnis. Er wird nach München gebracht, von Himmler persönlich verhört, gefoltert, nach Hintermännern abgefragt. Die Protokolle kann man heute einsehen, hundertdreißig Seiten sind sie lang. Die folgenden Jahre verbringt Elser in verschiedenen Konzentrationslagern, in Einzelhaft, leidlich gut behandelt, denn er soll aufgespart werden für den großen Schauprozess nach dem Endsieg. Im Frühjahr 1945, als sich das erübrigt hat, beschließt man, sich Seiner zu entledigen. Am 9. April, drei Wochen vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen, wird er im Konzentrationslager Dachau erschossen.
Zu diesem Zeitpunkt ist Stauffenbergs jüngster Sohn gerade ein paar Monate alt; seinen Vater wird er nie kennen lernen. Graf Stauffenberg hat ein gutes Stück länger gebraucht als Elser, um die wahre Lage der Dinge zu erkennen. In den ersten Jahre des Regimes, mit Aufrüstung und wirtschaftlicher Erholung ist er sehr zufrieden. Über manche Details, die Judenfrage etwa, mag er heimlich murren; die große Linie gefällt ihm, und für die Republik hat er ohnehin nie viel übrig gehabt. Er erweist sich als tüchtiger Offizier, bald ist er Hauptmann, bald Major, „i.G.“, wie man bei den Militärs so sagt: mit abgeschlossenem Generalstabslehrgang. Mit den Goldsternträgern pflegt er regelmäßigen Umgang. In Stäben erlebt er auch die ersten Kriegsmonate, als Logistikoffizier bei einer Panzerdivision, erst in Polen, dann in Frankreich. Über die Siege jubelt er; über manchen Verstoß gegen die Kriegsgebräuche empört er sich – einen Untergebenen, der unnötig Zivilisten erschießt, lässt er degradieren. Bevor die wahren Greuel einsetzen, wird er in den Generalstab des Heeres versetzt. Sein Fokus liegt nun im Osten, in Planung und Durchführung des Unternehmens „Barbarossa“. Hier beginnt seine Wendung zum Widerstand. Wichtig sind zwei Motive: einerseits die massiven Vernichtungsaktionen, die nun beginnen und die ihm nicht verborgen bleiben. Entscheidend sind sie wahrscheinlich nicht. „Mit dem braunen Sumpf müssen wir aufräumen; aber erst müssen wir den Krieg gewinnen“, so soll er einmal gesagt haben. Diese Einstellung ist damals weit verbreitet, nicht ganz unverständlich: je grausamer die Taten von Hitlers Mordkommandos, desto schlimmer die Rache, die man im Fall der Niederlage zu fürchten hat. Bedeutsamer ist daher etwas anderes: eben dass er die Einsicht gewinnt, dass der Krieg tatsächlich verloren geht. Als erfahrener Logistiker sieht er klar, wie die Kräfteverhältnisse sich verschieben. 1942/43 wendet er sich mit Beschwerden an seine Vorgesetzten, an General Manstein beispielsweise, fordert sie zum Handeln auf. Dem Vaterland wolle er dienen, so hat er schon in einem Schulaufsatz einmal geschrieben. Wenn nun eine Regierung das Vaterland ins Verderben führt – wird da der Treueid nicht zu einer Verpflichtung zum Umsturz? So spricht er zu den Generalen, offen und unbekümmert; sie, anständige Offizierskollegen und keine Nazis, verpfeifen ihn nicht. Nur tätig – das werden sie auch nicht.
Anfang 1943 wird es ihm zuviel, er flieht an die Front, wie er selbst sagt – zur 10. Panzerdivision nach Nordafrika. Die alliierte Überlegenheit, besonders in der Luft, ist dort nicht minder groß. Die letztendliche Kapitulation der Heeresgruppe erlebt er nicht; bei einem Luftangriff verwundet, unter Verlust einer Hand und eines Auges operiert, verbringt er lange Zeit in Militärhospitalen im Reich. Er vertreibt sich die Zeit mit einer Neuordnung von Stefan Georges literarischem Werk. Im November 1943 geht es zum Stab des Ersatzheeres nach Berlin; vom Nörgler ist er nun zum Widerstandskämpfer geworden, schließt sich der Gruppe um den Preußen Henning von Tresckow an, der schon zwei Attentate auf Hitler geplant hat, aber zweimal nicht zum Zuge kam. Die Gruppe ist klein, für einen wirklichen Staatsstreich fehlen ihr die Mittel. Man sieht nur eine Möglichkeit: den Putsch als Verhinderung eines solchen darstellen; für diesen Fall, etwa für einen Aufstand der vielen Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter, gibt es den Geheimplan „Walküre“, in dem das Ersatzheer die Führung im Reich übernimmt. Das Vorhaben: Hitler töten; und sich dann überrascht geben und „die Ordnung im Reich“ wiederherstellen, darauf hoffend, dass man allgemein Plan und Befehlen schon gehorchen wird. Ein irrwitziger Plan; „Köpenickiade im Großen“, haben Historiker später darüber geurteilt. Nur: eine andere Chance gibt es nicht.
Monate vergehen mit den Planungen. Tresckow wird zur Ostfront versetzt, Stauffenberg, obwohl nur Oberstleutnant unter Generalen, wird in Berlin zur eigentlichen Führungsgestalt. Im Sommer 1944, als die Westalliierten in der Normandie landen und in Weißrussland die Ostfront zusammenbricht, ist die Zeit der Planungen vorbei. Will man nun noch handeln? Kapitulieren würde man letztlich doch müssen. Aber auf den praktischen Erfolg komme es nicht mehr an, schreibt Tresckow an Stauffenberg, sondern darauf, dass der deutsche Widerstand vor Gott und vor der Geschichte „den entscheidenden Wurf gewagt habe“. So soll es sein. Stauffenberg, an die Wolfsschanze versetzt, gibt – obwohl aufgrund seiner Kriegsversehrung völlig ungeeignet – selbst den Attentäter. Er bereitet seine Bombe vor, baut – von einem zufällig hereinplatzenden Feldwebel gestört – nur einen von zwei Sprengsätzen ein. Die Sprengkraft genügt nicht, Hitler überlebt. Nach Berlin zurückgeflogen, erfährt Stauffenberg von dem Fehlschlag. Sein Vorhaben will er trotzdem durchziehen. Seine Getreuen besetzen den Stab des Ersatzheeres, setzten den Oberkommandierenden ab. Stauffenberg versucht per Funk und Fernschreiber, die wichtigen Truppenteile auf seine Seite zu ziehen. Wenige stehen zu ihm. Nur in Paris lässt der General Stülpnagel die Gestapo- und SS-Leute verhaften. Der OB West, Feldmarschall von Kluge, von einem Untergebenen zum Handeln aufgefordert mit der Anspielung, große Männer hätten in großen Stunden immer zu handeln gewusst, gibt zurück: „Der Feldmarschall von Kluge ist kein großer Mann“. Ein wahres Wort; aber die Mehrheit der Entscheider denkt so an diesem Tag.
Am Abend stürmen hitlertreue Truppen das Stabsgebäude in Berlin, die alten Kommandeure übernehmen wieder die Kontrolle. Das Standrecht regiert. Gegen Mitternacht werden Stauffenberg und drei seiner Getreuen im Hof des Bendlerblocks an der Bendlerstraße, die heute Stauffenbergstraße heißt, von Wehrmachtssoldaten erschossen. Immerhin, sie sterben den Soldatentod durch die Kugel und werden nicht, wie es Hitler ihren Mitverschwörern zudenkt, „wie Schlachtvieh“ erhängt. Der Krieg aber geht weiter, noch neun schreckliche Monate lang, mit Millionen von Toten.
Elser und Stauffenberg: beide angetreten mit sehr unterschiedlichen Motiven; beide gescheitert, zu unterschiedlicher Zeit. Elser ist früher einsichtig, kann noch mehr bewirken – freilich, wer auf Hitler nachfolgen würde, weiß er nicht. Stauffenberg handelt spät, zu spät – aber mit durchdachterer, wenn auch nicht minder waghalsiger Konzeption.
Beide scheitern an Zufällen und klitzekleinen technischen Defekten, wie merkwürdigerweise die anderen Attentatsversuche auf Hitler ebenso. Elser hat in den Gestapoverhören, gefragt, ob er seine Tat wiederholen würde, wenn er könnte, verneinend geantwortet mit einer bemerkenswerten Begründung: dass nämlich durch das Nichtgelingen seine Tat sich als falsch erwiesen habe. Er scheint das als Gottesurteil verstanden zu haben; und in der Tat, es wird einem merkwürdig zumute bei diesen vielen Zufällen.
Kann man die beiden ohne Bedenken Helden nennen? Schwächen haben sie beide gehabt. Stauffenberg hat lange mitgespielt in Hitlers Spiel, ohne selbst schuldig zu werden, aber auch ohne sich aufzulehnen, solange es gut lief; erst als das Spiel verlorenging, begann er sich abzuwenden. Und Georg Elser hat von seinem ganzen Charakter her eigentlich keine Heldenstatur – nicht einmal körperlich, hier ganz anders als Stauffenberg, der als junger Achill daherkam. Elser entsprach nicht den bürgerlichen Moral- und Wertvorstellungen – etwas, das er interessanterweise mit Oskar Schindler teilt, der ja viel spielte und hurte; nur dass er sich eben, als es darauf ankam, als weit moralischer erwies als all die selbsternannten Anstandsbürger.
Helden sind die Sterne am Geschichtenhimmel; zum Helden wird man erst im Nachhinein, in der Erzählung. Da wird manche Legende gebildet und manche Schwäche übersehen. Die historische Figur wird überlagert von dem Geschichtsbild, das sich um sie herum entwickelt; da nehmen sich Elser und Stauffenberg nicht anders aus als viele andere Helden der Geschichtenwelt. Ihre Schwächen verblassen, werden nicht mehr so wichtig.
Ein Heldenlied will freilich gesungen werden, sonst ist es keins. Daran hat es Georg Elser ein wenig gefehlt, obwohl es besser geworden ist in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren. Er hat allein gehandelt, mit ihm konnte sich niemand rühmen – im Westen nicht, der den bürgerlich-militärischen, im Osten nicht, der den kommunistischen Widerstand pries. Der obskure Außenseiter, den man aus ihm machen wollte, war er aber nicht. Er war ein geselliger Mensch mit vielen Freunden; Freunde, die er nur gefährdet hätte, wären sie in sein Vorhaben eingeweiht worden.
Trotzdem: Helden sind sie beide; gescheiterte Helden, wie die meisten. Helden, deren Scheitern in gewisser Weise vorbestimmt war, denn zu vermessen war das, was sie anstrebten. Alleine oder nur mit wenigen Helfern eine Tyrannenherrschaft stürzen zu wollen – das ist beinahe immer aussichtslos. Vor allem ist es eine drastische Mahnung, es nicht mehr zu derart hoffnungslosen Lagen kommen zu lassen, in denen nur noch Verzweiflungstaten helfen. Denn eine Verzweiflungstat ist ein Attentat immer; geboren aus der Schwäche, den offenen Kampf nicht annehmen zu können.
Helden – Sterne am Geschichtenhimmel. Aber so hell ihr Licht auch leuchtet, es genügt nicht, die Dunkelheit zu überstrahlen, in die sich das Deutschland ihrer Zeit selbst versetzt hat. Helden, die Deutschland besser nicht gehabt, besser nicht gebraucht hätte.
Und was ist mit Brecht? Mit dem Unglück eines Landes, das keine Helden hat? Man mag uns verzeihen, wir haben ihn nur halb zitiert. Es gibt noch einen Nachsatz, und das ist eigentlich die Botschaft:
„Unglücklich das Land, das keine Helden hat... Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“















