Nun also hundertfünfzig. Das ist ein Zeitabstand, bei dem man zu fragen beginnen kann, ob eine Figur, auch eine so ungeheuer wirkmächtige wie Kaiser Wilhelm II., allmählich von der Zeit überwunden worden ist. Zum Vergleich: Der hundertfünfzigste Geburtstag Friedrichs des Großen war 1862, der Bismarcks 1965; es sind schon andere Zeitalter, die nach solchem Abstand angebrochen sind. Viel Wind und Wetter haben die Spuren in der Erde undeutlicher gemacht. Das erlaubt ein wenig mehr der unaufgeregten Distanz, die man zum gerechten Urteilen braucht. Jubiläen sind immer ein Anlass zu solchem Zurückschauen. Also: Auf ein neues.
Wilhelms Lebenslauf, von der schwierigen Jugend, Schule und Studienzeit im Corps Borussia in Bonn über die Prinzenjahre und die frühe Regierungszeit bis zu Weltkrieg und Exil, möchte ich dabei nicht im einzelnen nacherzählen. Das alles ist anderswo nachzulesen und im übrigen jedenfalls in den groben Zügen zu bekannt, um hier einer Wiederholung zu bedürfen. Ich möchte vielmehr der Frage nachgehen, ob Wilhelm II. inzwischen wirklich historisch überwunden, das heißt auch: „verarbeitet“ ist. Was die Historiker angeht, immerhin, ist er das nicht; denn die gelehrten Herren sind sich immer noch nicht recht einig über ihn. Nach wie vor ist er ein beliebter Gegenstand für ihren Disput. Was man leicht feststellen kann, wenn man sich die Biographien durchsieht, die im Vorfeld des Jubiläums neu erschienen sind. Auch in ihnen geht das Urteil immer noch sehr weit auseinander. Wenn man etwa John Röhls Der Weg in den Abgrund in die Hand nimmt, in dem der Kaiser für die Zeit ab 1900 mehr oder minder für alles Übel der Weltgeschichte verantwortlich gemacht wird, und dann die beinahe zu einem positiven Rehabilitationsgutachten geratene Herrschaft des letzten deutschen Kaisers von Christopher Clark dagegenhält, hat man manchmal den Eindruck, dass kaum von der gleichen Person die Rede sein kann.
Warum ist das so?
Reden und Handeln
Ein Punkt ist: Historiker arbeiten mit Geschriebenem, mit Quellen; wenn sie die Motive, die Beweggründe der großen Männer zu ergründen suchen, versuchen sie, aus dem, was diese Männer nach den Protokollen oder nach verlässlichen Zeugen gesagt und geschrieben haben, auf ihre Gedanken zu schließen. Meistens funktioniert diese Methode, aber bei Wilhelm versagt sie. Es hat selten eine historische Figur von Rang gegeben, bei der Reden und Tun, Wollen und Wirken so weit auseinander gelegen haben wie bei ihm. Das trägt wesentlich zur Verwirrung um seine Person bei und dazu, dass sich die Historiker auch neunzig Jahre nach seiner Abdankung über seine Rolle nicht wirklich einig geworden sind. Manche vertrauen den Quellen eben blind; andere tun das nicht.
Jedem, der sich einmal mit dieser Zeitperiode befasst hat, klingen natürlich Wilhelms martialische Sprüche im Ohr. Bei Röhl kann man sie im Dutzend nachlesen. „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht“ in der Hunnenrede 1900; nach Tannenberg gefragt, was man mit den vielen russischen Kriegsgefangenen anfangen solle, der Ratschlag an die Generale, die Russen ganz einfach auf der Kurischen Nehrung verhungern zu lassen; nach der Revolution 1918 das böse Wort, mit den Verrätern und den paar hundert Juden werde man wohl fertig werden können, das beste Mittel sei wohl Gas. Man muss sich natürlich bemühen, beim Lesen solcher Aussprüche spätere Massenvernichtungen auszublenden, weil Wilhelm von ihnen noch nichts wissen konnte; trotzdem bleiben die Worte übel genug und für einen Monarchen allemal unwürdig.
Aber es bleiben doch auch, das muss man entschieden festhalten, Worte, nicht Taten; Worte, die in den allermeisten Fällen wirkungslos verraucht sind, aus kurzlebigen Stimmungen geboren, häufig im Kreise von Beratern und Vertrauten geäußert, die schon wussten, wie sie des Kaisers Ergüsse zu nehmen hatten. Manchmal freilich auch im amtlichen Briefverkehr, was schon mehr Folgen haben konnte, und hier und da auch in einer öffentlichen Rede – mit den bekannten Konsequenzen für des Kaisers Reputation im Inland und die Deutschlands im Ausland. Insofern hatten auch die Worte eine Eigenwirkung, aber sie sind doch kein Spiegel von Wilhelms langfristigen politischen Plänen und Strategien.
Wenn er die denn hatte. Nicht wenige meinen, dass ihm, so wie er charakterlich angelegt war, die Fähigkeit zu echtem politischen Denken, Planen und Handeln, das ja immer einen gewissen Tiefgang und viel Umsicht erfordert, schlichtweg fehlte. „Er konnte nicht regieren. (…) Er war (…) unruhig und sprunghaft, ohne Konsequenz, ohne Fähigkeit zu systematischer, andauernder, geduldiger Arbeit, er ließ sich nicht wirklich auf Sachen ein, blieb insoweit unsachlich, sein Sinn fürs Reale war mangelhaft. Seine Ansichten hatten vielfach etwas Improvisiertes. (…) Selbst in der so sorglich gepflegten Sphäre der militärischen Kommandogewalt wussten fast alle führenden Militärs, dass der Kaiser von den wirklichen, anstehenden Fragen nicht genügend verstand oder sich auch nicht genügend darauf vorbereitet hatte, um begründet urteilen zu können. Unter diesen Umständen hatten viele Interventionen des Kaisers etwas Sporadisches und Spontanes, waren inkohärent; viel kam darauf an, wer unter den Beratern als letzter das Ohr des Kaisers gehabt und – mit Geschick – auch gewonnen hatte.“
Man muss den abwägenden, in die Zwischentöne verliebten Stil der Deutschen Geschichte von Thomas Nipperdey kennen, der diese Worte entnommen sind, um den Zorn aus dieser Beschreibung heraushören zu können, der in diesem so eindeutigen Zeugnis mitschwingt. Zorn auf den Regenten Wilhelm, der am Anfang einer deutschen Unglücksgeschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts steht. Aber dies Zeugnis spricht Wilhelm auch bis zu einem gewissen Grade frei, wenn man seine rhetorischen Eskapaden und verworrenen Ideen als bloße Launen einstuft. Für ihn als Staatenlenker ist das natürlich kein besonders gutes Zeugnis. Aber es relativiert so manchen bösen Ausspruch.
Umgekehrt relativiert es auch manches Positive. Denn es gibt natürlich auf der anderen Seite auch immer wieder das Aufflackern guter und zukunftsträchtiger Ansätze bei Wilhelm. Anfang der 1890er beispielsweise das Streben nach der Versöhnung der Klassen und nach einem sozialen Kaisertum, wo Bismarck am Ende immer mehr auf den Bürgerkrieg gegen das sozialdemokratisch dominierte Proletariat zugesteuert war. Der Kaiser empfing damals eine Delegation streikender Arbeiter, eine unerhörte Neuheit. Und als Fabrikbesitzer sich wieder einmal wenig kompromissbereit zeigten, meinte er in einem persönlichen Gespräch, wenn das so weitergehe, werde er seine Truppen abziehen, dann würden die Herren Millionäre schon kooperieren, wenn sie hilflos der streikenden Menge ausgesetzt seien. Dazu kommen die modernen Ansätze im Schul- und Hochschulwesen, die Förderung der Technik, der naturwissenschaftlichen Ausbildung und der modernen Sprachen. Die zaghaften Versuche einer Annäherung an England, die allerdings 1908 zu der peinlichen Daily-Telegraph-Affäre führten. Und 1914, bei Unterzeichung der Kriegserklärung an Russland, das weise Wort an seine Berater: „Sie werden einst noch bedauern, dass sie mich dies haben tun lassen.“
Das ist der andere, der moderne und weitsichtige Wilhelm. Allein, auch das blieben, meistens, Episoden; kurzlebige Stimmungen, rasch verhallende Parolen. An der Sozialpolitik verlor der Kaiser schnell die Lust, als die Arbeiterschaft seine Großzügigkeit nicht honorierte und weiter sozialdemokratisch wählte. Und Ansätze zur Annäherung an Russland (Björkö) oder an England führten nicht dazu, dass er realpolitische Kompromisse, in der Balkan- oder Flottenpolitik, ernsthaft angegangen wäre. Auch hier sind die Worte, die Pläne und Absichten verraucht, weil nicht nachhaltig und auf Dauer Taten folgten.
Kein einfaches Amt
Wenn man nun Wilhelms Taten bewerten will (denn die gab es ja durchaus auch), muss man sich natürlich erst einmal die Herausforderungen vergegenwärtigen, vor denen er in seiner Zeit stand, und sich die Möglichkeiten vor Augen führen, die er bei realistischer Betrachtung hatte. Wilhelm ist 1888 in ein mächtiges Amt gekommen, vielleicht das mächtigste der damaligen Welt, aber auch in eines, das noch keine lange Tradition hatte, an die Spitze eines Staates, der unter den Staaten immer noch ein Neuling war, grundsätzlich akzeptiert, aber immer noch in einer labilen Position in der Mitte Europas. Eine Aufgabe von Wilhelms Regentschaft war daher, Bismarcks Arbeit fortzusetzen und die anderen Mächte an Deutschland zu gewöhnen, es vorsichtig in das Mächtesystem einzufügen, ihm aber gleichzeitig – anderes ließ der nationalistische Zeitgeist überall auf der Welt nicht zu – eine angemessene, bedeutende Stellung in diesem System zu erobern. Daneben stand innenpolitisch die Soziale Frage, die Aufgabe, das immer noch notleidende Industrieproletariat in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren, verbunden mit der Verarbeitung des Fortschritts in Chemie und Elektrotechnik, der zweiten Welle der industriellen Revolution, die Deutschland in Europa anführte. Sowie, auch das stand eigentlich auf der Tagesordnung, eine behutsame Weiterentwicklung des Bismarckschen Verfassungssystems (das ganz auf den Reichsgründer zugeschnitten gewesen war), weg vom Kanzlerregiment und hin zu mehr Volksbeteiligung. Wenn man zusammenzählt, eine schwierige, durchaus fordernde Aufgabe, bei der es sehr von der Perspektive abhängt, ob man eher die Entwicklungschancen oder die Gefahren sehen will. Die ganze wilhelminische Zeit ist ja gekennzeichnet durch ein sehr merkwürdiges Zusammenspiel von einem uns heute naiv anmutenden Fortschrittsglauben auf der einen und düsterer Vorahnung, Bedrohungsszenarien auf der anderen Seite. Das macht einen guten Teil ihrer Ambivalenz aus.
Beginnen wir mit der Sozialen Frage, bei der eher der Bedrohungsaspekt im Vordergrund steht. Für Wilhelm, für die Monarchie, den Adel, aber auch für das Bürgertum war der enorme Zulauf der sozialdemokratischen Bewegung natürlich in erster Linie eine Bedrohung, eine Gefahr für Besitzstände, für das politische und gesellschaftliche System, und die sozialdemokratische Partei begriff sich ja erklärtermaßen als eine revolutionäre Partei. Das Verhältnis hat sich zwischen 1890 und 1914 ein Stück weit entspannt, wozu freilich die Sozialdemokraten den erheblich größeren Beitrag leisteten. Denn faktisch wuchs die Sozialdemokratie ins Kaiserreich hinein, wurde, der marxistischen Doktrin zum Trotz, immer mehr von einer Revolutions- zu einer Reformpartei. Gezeigt hat sich das 1914, mit der Zustimmung zu Kriegspolitik und Krediten, und mehr noch 1918, als die Sozialdemokraten sich bereit fanden, das stürzende Kaiserreich zu übernehmen und seine bürgerliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung – und anfangs sogar noch die Monarchie – gegen die anstürmende Revolution zu verteidigen. Aber schon lange vorher war die Tendenz für einen aufmerksamen Beobachter sichtbar. „So etwas sagt man nicht, so etwas beschließt man nicht, so etwas tut man“, musste sich Eduard Bernstein vorhalten lassen, nachdem 1903 sein Bestreben nach einem pragmatischeren, auf Reform und nicht auf Revolution ausgerichteten Parteiprogramm gescheitert war. Aber tun durfte man es eben doch.
Wilhelm hat gewiss, indem er Anfang der 1890er die Verfolgungspolitik Bismarcks nicht fortsetzte, einen Anteil an dieser Entwicklung, den man nicht unterschätzen sollte. Aber im Grunde ist er über seinen Zähmungsansatz von damals nicht hinausgekommen: Lockere die Zügel, verteile einige Wohltaten und hoffe, dass das sozialdemokratische Problem sich von selbst löst. Zur Einsicht, dass die Arbeiterschaft auch einer politischen Repräsentation bedurfte und man um des sozialen Friedens willen diese Vertretung, also die sozialdemokratische Partei, integrieren musste und nicht ausgrenzen durfte, ist er mindestens bis zum Kriegsausbruch nicht gelangt. Die berüchtigte Mahnung an seine Soldaten, dass sie im Ernstfall auf Befehl auch auf ihre sozialdemokratischen Verwandten zu schießen hätten, stammt aus dem Jahr 1891, also aus Wilhelms sozialster, arbeiterfreundlichster Phase. Nein, für innere Versöhnung war er nicht geschaffen.
Nun zum zweiten Punkt. Die Weiterentwicklung der Verfassung fand nicht statt, Deutschland blieb bis in den Weltkrieg hinein im wesentlichen auf der Stufe des Halbparlamentarismus stehen, die Bismarck 1871 eingeführt hatte. Man kann einen gewissen Machtzuwachs beim Reichstag sehen, Budget und Gesetzgebung wurden für die Regierung zunehmend wichtiger, und ebenso eine sichtbare Massenpolitisierung, die sich an Wahlbeteiligung, Vereinsgründungen und ähnlichen Kennziffern recht gut messen lässt. Den Schritt zum englischen System, also den Übergang von der konstitutionellen zur parlamentarischen Monarchie, in der die Mehrheitspartei im Parlament auch die Regierung stellt, ist das Reich nicht gegangen. Was natürlich auch am Kaiser lag. Wilhelm war, im Gegensatz zu seinem Vater, kein Liberaler, kein Freund des englischen Systems, er empfand wenig Respekt vor der Verfassung, den Institutionen und den Verfahren; den Reichstag bezeichnete er gelegentlich als Schwatzbude oder auch als Affenhaus, wenn wieder einmal eine Gesetzesvorlage seiner Regierung gescheitert war. Eine Parlamentarisierung hätte auch nicht zu seinem Politikstil gepasst, zum „persönlichen Regiment“, das man nicht ganz zu Unrecht mit neoabsolutistischer Selbstherrlichkeit umschrieben hat. Dass Wilhelm Reformen hier nicht fördern würde, war klar.
Nun ist das einigermaßen normal, kein Herrscher wird für sich, seine Dynastie oder Partei, ohne Zwang etwas von seiner Macht abgeben. Aber auch strukturell gab es hier ein Problem. Reformen finden niemals ohne einen gewissen Leidensdruck statt. Und dieser Druck war in der wilhelminischen Zeit schlechterdings nicht gegeben. Einmal wirtschaftlich – die Zeit von 1895 bis 1914 war eine ausgesprochene Boom-, eine ökonomische Schönwetterphase, es ging allen, auch den Arbeitern, den Unterprivilegierten, kontinuierlich besser. Und dann auch politisch. Denn das Interesse der bürgerlichen Parteien an einer vollen Parlamentarisierung war beinahe ebenso gering wie das des Kaisers, solange die Sozialdemokratie Wahlerfolge feierte und an Stimmen gewann, also die realistische Gefahr bestand, in absehbarer Zeit eine sozialdemokratische Mehrheit zu bekommen. Hier greifen Soziale Frage und Verfassungsfrage ineinander. Die Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts fand auch darum nicht statt, weil nicht nur der Adel, sondern auch das obere Bürgertum dadurch an Einfluss eingebüßt hätte. Die bürgerlichen Parteien wünschten sich „Pluralstimmen“, kleinere Korrekturen also, aber kein gleiches Wahlrecht mehr – denn das wäre dann vornehmlich den Sozialdemokraten zugute gekommen.
Innenpolitisch ist die Bilanz der wilhelminischen Zeit also gemischt, auch des Kaisers Anteil an den Entwicklungen wechselt. Er hat die Systemkrise nicht gelöst, vielleicht nicht lösen können, aber auch nicht lösen wollen in einem Sinne, der zukunftsträchtig schien. Wirtschaftsboom, technischer Fortschritt, der Aufstieg Deutschlands zur europäischen Vormacht, auch in Wissenschaft und Kultur, hat vieles überdeckt. Die Beteiligung der Sozialdemokraten an der Regierung, die Reform der Verfassung kam erst ganz zum Ende des Weltkriegs, als die Niederlage ins Haus stand und es schon darum ging, die Verantwortung für die anstehende Katastrophe zu teilen. Diese Reform hat Wilhelm dann zwar nicht verhindert, aber auch nicht betrieben; das waren andere, Ludendorff vor allem und der Außenamtstaatssekretär Hintze. Innenpolitisch steht der Kaiser summa summarum für Stagnation.
Volldampf voraus
Innenpolitik aber ist für das Urteil über den Kaiser letztlich nicht entscheidend. Denn das Kaiserreich ist nicht an seinen inneren Konflikten zerbrochen, die es gewiss auch hatte, sondern an Weltkrieg und Niederlage, also an Außenpolitik. Um an den oben skizzierten kaiserlichen „Aufgabenkatalog“ anzuknüpfen: Wilhelm hat Bismarck nicht fortgesetzt. Deutschland unter Bismarck war ein saturierter, ein defensiver Staat, ein Stabilitätsfaktor im europäischen Mächtegefüge, Ankerpunkt eines Systems überlappender Bündnisse mit Optionen in alle Richtungen. Deutschland unter Wilhelm wurde ein Unruheherd, es wurde Vormacht eines Blocks in einem in zwei Blöcke geteilten Europa, und es fühlte sich zunehmend von Gegnern eingekreist.
Die neue Außenpolitik hat Wilhelm im Detail trotz gelegentlicher Einmischung natürlich nicht selbst gemacht, das taten seine Regierungen für ihn. Für die Kündigung des Rückversicherungsvertrags, die Abkehr von Russland und damit die Fixierung des Zweibundes mit Österreich, also für klare Bündnisse steht der General Caprivi, Bismarcks unmittelbarer Nachfolger („Ich kann nicht mit fünf Bällen gleichzeitig jonglieren“). Für die ausgreifende Weltmachtpolitik steht, ab 1897 als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, seit 1900 als Reichskanzler, Bernhard von Bülow. Was Marokko und den Balkan, was des Kaisers persönlichen Anteil an den diversen Krisen nach der Jahrhundertwende angeht, wurde und wird zum Teil noch im Detail viel gestritten. Für das Gesamturteil ist das alles aber nicht entscheidend. Die große Linie Bismarcks war, soviel steht fest, Konsolidierung und Selbstbescheidung, die Linie Wilhelms war Expansion.
Trotzdem muss man diese Einsicht in zweierlei Hinsicht relativieren. Erstens, was den internationalen Vergleich angeht. Machtpolitik, Expansionspolitik, Kolonialpolitik waren damals Normalität. Jedes Land, das etwas auf sich hielt, strebte nach einem möglichst großen Kolonialreich – sogar kleine Staaten wie Belgien, Portugal und die Niederlande, auch die fernen Vereinigten Staaten und Japan, beide wie Deutschland relativ neue Spieler auf der Weltbühne. Was etwas unangenehm heraussticht, ist der aufbrausende Stil, in dem im wilhelminischen Deutschland Außenpolitik betrieben wurde, das verbale Säbelrasseln, wozu auch die eine oder andere Kaiserrede beitrug; ist auch das hektische Überall-dabeisein-Wollen, das parvenuhafte Auftreten. Aber vom strategischen Ansatz her ist es eher die Bismarcksche als die wilhelminische Außenpolitik, die im europäischen Vergleich ungewöhnlich wirkt.
Zweitens ist auch innerhalb Deutschlands der neue Kurs in der Außenpolitik kein Monopol des Kaisers gewesen. Es war nicht nur Max Weber, der meinte, dass eine ausgreifende Außenpolitik die logische Konsequenz aus der Reichsgründung sei und ohne erstere die letztere eigentlich historisch überflüssig werden würde. Weite Kreise der politischen und intellektuellen Klasse, große Teile der Publizistik stützten die Weltmachtpolitik. Man hat darin gelegentlich einen Epigonenkomplex sehen wollen und in Bismarck den „Schatten vor der Ruhmessonne“, den die wilhelminische Generation durch eigene Großtaten statt nur durch Konsolidierung zu überwinden müssen glaubte. Was immer es war: Der Kaiser war nicht alleine davon befallen. Gewiss, Wilhelm teilte die Ideen der Imperialisten und Kolonialenthusiasten in weiten Teilen. Aber erfunden oder bewirkt hat er sie nicht.
Das gilt sogar für das Projekt, an dem der Kaiser am ehesten das Urheberrecht für sich geltend machen kann: für die Schlachtflotte, die England so provozierte, das Land also, aus dem Wilhelms Mutter stammte, dem er so eng und in einer doppelbödigen Hassliebe verbunden war. Richtig ist, dass der Kaiser, schiffs- und technikbegeistert wie er war, sich von Anfang an zum großen Fürsprecher der Schlachtflotte machte, die ab 1897 gebaut wurde, dass ohne diese Unterstützung der Admiral Tirpitz, Chefplaner und -propagandist der Flotte, kaum so durchgreifenden politischen Erfolg gehabt hätte. Aber genauso richtig ist, dass Wilhelm damit offensichtlich eine breite Stimmung im Volke traf. Der Flottenverein, die wichtigste Unterstützungsorganisation, brachte es 1913 auf über eine Million Mitglieder. In seinem Buch über die Romantik hat der Philosoph Safranski dieses Phänomen vor einiger Zeit recht schön zusammengefasst. Er sagt: „Die Marine war eine Herzenssache der Bürgergesellschaft. Der Schlachtflottenbau, mit dem die offizielle Politik nach dem Abgang Bismarcks England in die Schranken weisen und einen imperialen Platz an der Sonne erobern wollte, war nicht nur ein praktisches, sondern auch symbolträchtiges Unternehmen, ein Ventil für frustrierte Machtträume von Bürgern, die sonst von der politischen Macht ferngehalten wurden. ‚Auf die Schiffe’ war die Losung der romantischen Aufbrüche gewesen, von Herder bis Nietzsche; und sie wurde nun von den Ingenieuren, Prokuristen und Oberlehrern, wenn sie ihre romantischen Anwandlungen hatten, in robuste Wirklichkeit übersetzt. Die Kinder steckte man sonntags in Matrosenanzüge, die Biergärten wurden mit den Emblemen der berühmten Schlachtschiffe bewimpelt, bei den Flottenbauvereinen traten Blaskapellen und Männerchöre auf. In der Armee gab noch der alte Adel den Ton an, bei der Marine aber konnte das Bürgertum Karriere machen. Das Flottenbauprogramm wurde so populär, dass es schon fast zum Symbol der selbstbewussten Nation wurde, die von ihrer Weltmachtgeltung träumte, von der man damals glaubte, dass man sie nur als Seemacht erringen konnte.“
Wilhelms Außenpolitik war zweifelsohne nicht mehr die weitsichtige Friedenspolitik Bismarcks, sie war aggressiver, in vielem auch ungeschickter. Aber Wilhelm war nicht die alleinige, nicht einmal die entscheidende treibende Kraft hinter dieser Entwicklung. Den wirklich radikalen Nationalisten und Expansionisten, den Alldeutschen vorneweg, war seine Linie viel zu weich; „Guillaume le timide“ hieß der Kaiser in diesen Kreisen, und 1912 meinte der alldeutsche Vorsitzende Claß ein Buch veröffentlichen zu müssen, in dem er Seiner Majestät vorrechnete, wie er die Politik denn richtig machen würde: „Wenn ich der Kaiser wär“. Und auch ein Nationaldemokrat wie Maximilian Harden, Intimfeind des Kaisers, begründete seinen Feldzug gegen Philipp Eulenburg und dessen von Homoerotik durchzogene Liebenberger Tafelrunde, auf der Wilhelm eine Zeitlang verkehrte, unter anderem damit, auf diesem Wege der „weichen“, „weibischen“ Politik ein Ende machen zu müssen.
Aber ein Friedenspolitiker war Wilhelm eben auch nicht; konnte er nicht sein, selbst wenn er es gewollt hätte. Denn Friedenspolitik braucht langsamen Vertrauensaufbau, kontinuierliche Politik, stilles, vorsichtiges Auftreten. Das war nicht Wilhelms Sache; wo er auftrat, zerschlug er Porzellan.
Und er trat, zu seinem Unglück, sehr häufig auf, häufiger, als er gemusst hätte und jedenfalls bis zur Daily-Telegraph-Affäre 1908 relativ stur und nahezu beratungsresistent. Aber auch das muss man vorsichtig relativieren, es war nicht nur die Eitelkeit, die Wilhelm zu seinen häufigen, inhaltlich meistens improvisierten und unglücklich angelegten Reden trieb. Natürlich war es auch Eitelkeit; seine vielen Reisen, seine Lust an der Repräsentation, die auch der überkommenen Hofkultur zu einer merkwürdigen Spätblüte verhalf, hat man ihm gelegentlich verübelt, auch, weil sie als unpreußisch galt. Wobei das nur begrenzt stimmt. Christopher Clark hat sehr klug darauf hingewiesen, dass es unter den preußischen Königen neben dem tüchtigen Herrscher stets auch den „Typ A“ des sinnenfrohen Verschwenders gegeben hat: Friedrich I., Friedrich Wilhelm II., Friedrich Wilhelm IV. Und die Repräsentation als Hauptaufgabe der Monarchie ist in Wilhelms Stil ein sehr modernes Element. Er war so etwas wie der erste Medienmonarch.
Macht und Ohnmacht
Wilhelms politische Schicksalsstunden sind 1914 und 1918, der Beginn des großen Krieges und das Ende seiner Regentschaft. Beide Male war Wilhelm Akteur und Getriebener, Lenker wie auch Opfer des Schicksals. Man hat sich häufiger gefragt, wieviel an der Tragödie von 1914/18 ihm denn anzulasten sei. Das läuft dann immer auf eine doppelte Abwägung hinaus. Einmal, wie stark das Eingreifen, das Hineinregieren Wilhelms in den Regierungsapparat wirklich war. Und eben, wie stark er auf die Mentalität seiner „wilhelminischen“ Zeit gewirkt hat, wieviel vom erstarkenden Nationalismus und Imperialismus er erzeugt hat und wieviel aus dem Volk und den Eliten, sozusagen aus der Zeit selber kam. Insgesamt sind die Historiker immer mehr dazu übergegangen, seine Rolle zu relativieren, im Kriege ohnehin, wo er zum reinen Schattenkaiser verkam, aber auch in den Perioden davor.
Natürlich gibt es hier auch Gegenstimmen. Die prominenteste stammt von John Röhl, der zwar auch sagt, dass man nach den wilden Anfangsjahren ein deutliches Abnehmen der kaiserlichen Interventionen in die Tagespolitik feststellen muss, dies aber damit erklärt, dass Wilhelm seit 1897/1900 sein Wunschpersonal an den Schaltstellen plaziert gehabt und also für ein Hineinregieren kein so großer Anlass mehr bestanden habe. Dem liegt zunächst die durchaus richtige Einsicht zugrunde, dass Wilhelms Position ihm sehr viele personalpolitische Optionen ließ und er diese – ganz im Gegensatz etwa zu seinem Großvater Wilhelm I. – auch weidlich ausnutzte. Aber man muss dazusagen, dass Wilhelm eine miserable Menschenkenntnis hatte, wohlmeinende Ratgeber von Schmeichlern und Intriganten nicht unterscheiden konnte und es darum weit mehr seine Berater und Minister waren, die ihn beherrschten, als dass es umgekehrt gewesen wäre. Selbst ein Bülow, der sich stets als Vertreter des „persönlichen Regiments“ Seiner Majestät darstellte, fingierte und manipulierte mehr, als dass er gehorchte, bei einem gleichzeitig unangenehm unterwürfigen Stil. Ganz wie Eulenburg, der Bülow protegierte, 1897 geraten hatte: „Vergiss nie, dass S.M. ein Lob hin und wieder braucht. Er gehört zu den Naturen, die ohne eine Anerkennung, hin und wieder, aus bedeutendem Mund missmutig werden. Du wirst immer Zugang zu Deinen Wünschen haben, wenn Du nicht versäumst, Anerkennung zu äußern, wo S.M. sie verdient. Er ist dankbar dafür wie ein gutes kluges Kind. Bei fortgesetztem Schweigen, wo er Anerkennung verdient, sucht er schließlich Übelwollen.“
Wilhelm durchschaute Bülow erst sehr spät, dann aber gründlich, und aus dem, der „mein Bismarck werden“ sollte, wurde am Ende „das Luder“.
Wenn man nüchtern zusammenzählt, muss man die Frage „War der Kaiser an allem schuld?“ klar verneinen. Zu diesem Urteil kommt auch Wolfgang J. Mommsen, der diese Frage vor einigen Jahren zu einem Buchtitel gemacht hat. „Es waren weniger die Historiker als vielmehr die Journalisten und ihnen nachfolgend die Publizisten, die sich dieses simplizistische Bild von Wilhelm II. zu eigen machten und popularisierten. Begünstigt wurde das dadurch, dass die verantwortlichen Staatsmänner, in erster Linie Fürst Bülow, den Kaiser immer wieder in den Vordergrund schoben, um die kaiserliche Autorität für ihre Bestrebungen in Anspruch nehmen zu können. Die zwangsläufige Folge war, dass die Kette von Fehlentscheidungen in der deutschen Außenpolitik in erster Linie Wilhelm II. persönlich angerechnet wurde, obwohl er diese keineswegs voll mitgetragen hatte.“
Wilhelm hat natürlich, und mit ihm die deutschen Eliten, mehrere Male über Krieg nachgedacht. Das berühmteste Beispiel ist der sogenannte Kriegsrat vom Dezember 1912, bei dem, nachdem das Reich in einer der vielen Balkankrisen von England eine sehr scharfe diplomatische Warnung erhalten hatte, Wilhelm mit seinen militärischen Beratern über die verschiedenen Optionen diskutiert, sich ein Präventivkrieg als Möglichkeit herauskristallisiert, die Marine allerdings fordert, mit Rücksicht auf den Stand der Rüstungen noch achtzehn Monate zu warten (also bis zum Sommer 1914), und man dann mit dem Ergebnis „so ziemlich null“ auseinandergeht.
Daraus nun zu folgern, wie Fritz Fischer das getan hat und wie Röhl es noch immer tut, von diesem Moment an sei Wilhelm bewusst auf den Krieg zugesteuert, ist übertrieben, und der Eineinhalbjahresabstand zum Attentat von Sarajewo ist ein Zufall. Man findet von Wilhelm vor und nach dem Kriegsrat Säbelrasseln, und man findet vorher wie nachher Entspannungssignale, in öffentlichen Auftritten wie auch in geheimen Gesprächen. „The ‚War Council’ of 8 December“, resümiert der Australier Clark, „remained an episode: by the beginning of January, the sense of crisis in Berlin had dissipated and Wilhelm had regained his calm. “
Wilhelm hat den Krieg nicht bewusst geplant und vorbereitet. Allerdings hat er ihn als Möglichkeit gesehen und ist, wie seine und die anderen europäischen Regierungen, sehenden Auges in ihn hineingeschlittert. In der Julikrise ist sein Verhalten ambivalent, wie immer, und auch in der Abfolge für ihn sehr typisch. Zunächst starke Sprüche, aggressive Haltung, Drohgebärden: „Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald.“ Hilfszusagen an den österreichischen Verbündeten, ohne viel Absprache mit den außenpolitischen Beratern und ohne diese Solidarität an Bedingungen zu knüpfen. Dann Rückzug, mäßiges Interesse an der weiteren Entwicklung; Nordlandreise. Als es dann ernst wird: Zögern und Zaudern, Ansätze des Zurückzuruderns, Beschwichtigungsversuche mit persönlichen Telegrammen an den russischen Zaren. Aber da ist es zu spät, die Krise lässt sich nicht mehr entschärfen. Russland mobilisiert, und das bedeutet den Krieg.
Es gibt eine Szene vom 30. Juli 1914, in der man den ganzen Wilhelm beobachten kann. Der Botschafter Lichnowski hatte gerade aus London gemeldet, dass England sich neutral verhalten werde, wenn Deutschland seine Kriegführung auf den Osten beschränke, und sich in diesem Fall auch um die französische Neutralität bemühen werde. Die Einschätzung erwies sich im nachhinein als übertrieben optimistisch, aber das ist in unserer Betrachtung nicht wichtig. Jedenfalls bespricht sich Wilhelm sogleich mit seinem Generalstabschef und folgert glasklar: „Dann marschieren wir eben mit der ganzen Armee im Osten auf.“ Moltke erklärt, dass das nicht möglich sei, weil der Kriegsplan – der Schlieffenplan, derjenige, auf den man sich seit 1913 definitiv festgelegt hat – den Aufmarsch im Westen zwingend vorsehe. Wilhelm ist ungnädig – „Ihr Oheim würde mir eine andere Antwort gegeben haben“ –, gibt sich aber damit zufrieden. Das Zurückfallen auf ältere Aufmarschpläne, was kein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, verlangt er nicht. Und auch eine Umkehr der Politik Russland gegenüber, stärkerer Druck auf Österreich, wenn eine Friedensalternative zu bestehen scheint, wird nicht erwogen. Die Westoffensive wird gewagt, der Krieg gegen drei Großmächte zugleich einkalkuliert, der, wenn der Blitzsieg nicht gelingt, fast zwangsläufig in einer Niederlage enden muss.
Das ist Wilhelm II., wie er leibte und lebte. Es ist alles da: Die schnelle Auffassungsgabe, die Flexibilität, unerwartete Chancen auch anzunehmen, die Bereitschaft zum Umschalten; durchaus auch der Friedenswille, soviel Konflikt wie möglich zu vermeiden. Aber eben auch die Kurzatmigkeit, das leichte Nachgeben beim ersten Widerstand, eine kräftige Portion Fatalismus und Ohnmacht gegenüber scheinbaren militärisch-technischen Notwendigkeiten. Und die Bereitschaft, eher den Sprung ins Dunkle zu wagen, als zurückzustecken und Schwäche zuzugeben.
Im Kriege dann erfüllte Wilhelm seine Aufgabe nicht. Gewiss, dass er als oberster Kriegsherr die Armee selbst führte, konnte man von ihm, strategischer Amateur, der er faktisch war, nicht erwarten, und es war durchaus ein Akt der Klugheit, dass er es erst gar nicht versuchte. Aber dass er, wie es nach der deutschen Verfassung seine Aufgabe war, das Scharnier bildete zwischen Militär und Regierung, dass er Kriegführung und Politik sinnvoll verband, das durfte und musste man erwarten. Er tat das nicht, er ließ vielmehr andere regieren, seit 1916 die dritte OHL unter Hindenburg und Ludendorff als das Duumvirat einer Art Militärdiktatur. Das Militär dominierte die Politik, Siegfriede und Annexionspolitik wurden die Losung. Der Ausgleichsfriede, den Deutschland in seiner bedrängten Lage so nötig gehabt hätte, wurde nicht ernsthaft versucht. Stattdessen setzte man auf Abenteuer, auf Lenin und die U-Boote, um irgendwie doch noch zum unwahrscheinlichen Sieg zu gelangen. Wilhelm förderte das nicht sonderlich – im Gegenteil, dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg hat er lange und spürbar entgegengewirkt –, aber am Ende ließ er es zu. Natürlich weiß man nicht, ob ein Kompromissfrieden mit der Entente je eine Chance gehabt hätte. Aber man weiß es auch deshalb nicht, weil die Versuche von deutscher Seite immer allenfalls halbherzig blieben. Hier hat Wilhelm, hart gesagt, seine Pflicht versäumt.
Das Ende von Wilhelms Regentschaft schließlich war ein sehr unrühmliches Kapitel. Wilhelm ist im November 1918 gewissermaßen vor der Revolution desertiert: Er hat sich ihr nicht gestellt, aber auch nicht abgedankt oder den Tod an der Front gesucht, sondern er ist, bei Nacht und Nebel, nach Holland geflohen, während sein Heer noch kämpfte. Allerdings, wie durchaus zuzugeben ist, auf den Rat fast aller seiner Berater. Dieser Abgang, wie der widerstandslose Abgang aller deutschen Bundesfürsten, machte die Monarchie bei den Deutschen unmöglich und die bürgerlich-konservative Gegenrevolution kopf- und ideenlos, ja nihilistisch, was eine monarchische Restaurationsbewegung bei all ihren Schwierigkeiten kaum gewesen wäre. Wilhelm hinterließ ein Vakuum, in das dann Hitler stoßen konnte. Wenn man einen persönlichen Beitrag des Kaisers zum Erstarken des Faschismus in Deutschland suchen will, muss man ihn wohl hier suchen.
In den regen Kontakten zwischen Schloss Doorn und der Nazibewegung liegt dieser Beitrag jedenfalls nicht. Der Wilhelm des Exils ist eine politisch unbedeutende Gestalt, durchschaut das Geschehen in seiner Heimat nicht mehr klar und ist im übrigen voller Groll und Rachsucht gegen diejenigen, die ihm, wie er glaubt, sein trauriges Schicksal eingebrockt haben. Sonderlich phantasievoll ist er dabei nicht, er greift sich die Sündenböcke heraus, die damals ohnehin im Umlauf sind: Sozialdemokraten, Republikaner, Juden. Wilhelm im Exil ist ein verbitterter alter Mann, wie Napoleon auf St. Helena oder Bismarck in Friedrichsruh; er gibt ein sehr trauriges Bild ab. Aber wie gesagt, historisch von Belang ist das alles nicht mehr, und darum zieht man vor die Exilzeit besser einen Vorhang.
Konfliktlinien
Die Diskussion um Wilhelm wird, auch heute noch, zum Teil überlagert vom Streit über die Schuldanteile der Völker am Ersten Weltkrieg, ist also emotional vorbelastet, auch wenn sich manches hier inzwischen verbessert hat. Die Frontstellung verläuft hier zwischen dem nationalkritischen Lager, das Fischers Hauptschuldthese folgt, die deutsche Vorkriegspolitik und damit auch Wilhelm als deren Träger verdammt, und den Apologeten, die auch die anderen Länder und Regierungen in der Verantwortung sehen wollen und Wilhelms Verantwortung darum relativieren, und sie ist nach wie vor eine wichtige in dieser Frage.
Daneben existiert auch eine Scheidelinie um Wilhelm selbst herum, um seinen Charakter. Da gibt es erstens diejenigen, die die Lust an der „Schlüssellochperspektive der Macht“ empfinden, wie eine Röhl-Rezensentin vor einiger Zeit im Spiegel schrieb, die es sich zur Aufgabe machen, Wilhelms viele Charakterschwächen, seine Eitelkeit, sein loses Mundwerk, seine gelegentliche Bosheit schonungslos aufzuzeigen und mit den so geschaffenen Antipathien ihre Leser auch über den politischen Wilhelm anders – kritischer – urteilen zu lassen. Und zweitens jene, die sich gegen die einseitige Verurteilung stemmen und Wilhelm in einer beinahe ritterlich zu nennenden Weise verteidigen, manchmal über das angemessene Maß hinaus. In diese zweite Kategorie fällt etwa vor einigen Jahren die Wilhelm-Biographie Christian Graf von Krockows, Publizist von altem pommerschem Adel, und auch die berühmte Darstellung Walther Rathenaus von 1919 (Der Kaiser). Dabei ist es nicht so, dass die erste Gruppe Wilhelms Zeitalter immer völlig negativ sieht – im Gegenteil, es erscheint umso positiver, je mehr Unglück man Wilhelm persönlich anlastet und nicht dem Zeitgeist –, so wie die zweite keineswegs immer eine Reinwaschung des Wilhelminismus bedeutet; im Gegenteil. Rathenau schrieb:
„Ein entseeltes, übermechanisiertes Europa, worin jeder Mensch jedes Menschen Feind war, jedes Volk jedes Volkes Feind, in ahnungsloser, schamloser Selbstverständlichkeit (…): in diesem unglücklichen und nichtswürdigen Europa brach der Krieg nicht am 1. August 1914 aus. Schon vor Jahrzehnten war er ausgebrochen. (…) Der Kaiser aber ist freier von Schuld als die meisten. Denn seine dynastische, problemfreie, vom Kirchenglauben gestärkte Auffassung sah im Bestehenden das schlechthin Notwendige, von Gott Gewollte.“
Das christliche Weltbild ist übrigens ein Punkt, der in vielen Wilhelm-Darstellungen zu Unrecht nicht oder nur am Rande vorkommt, und wenn, dann meistens leicht spöttisch, wenn über Wilhelms Predigten geschrieben wird – bei den Seegottesdiensten auf der Hohenzollern etwa – oder über die spiritistischen Anwandlungen, die er in Liebenberg manchmal hatte. Aber Wilhelm war zutiefst und ganz ernsthaft ein gläubiger Christ, hatte sich viel mit Glaubensfragen beschäftigt, den Kirchenbauverein und die christliche Malerei gefördert. Es ist darum ganz wörtlich und nicht ironisch zu verstehen, dass er sich auf seinen Grabstein schreiben ließ (nach der Aufforderung, ihn nicht zu loben und zu rühmen, weil er dessen nicht bedürfe): „Richtet mich nicht, denn ich werde gerichtet werden.“
Neue Perspektiven
Ein irdisches Urteil können wir uns dennoch nicht ersparen. Unabhängig von den Grundsatzfragen – Verfassungsreform oder nicht, soziale Versöhnungspolitik oder nicht, Kolonial- und Flottenpolitik oder nicht –, unabhängig auch von der Diskussion über einzelne Reden und Entscheidungen: Es ist nicht zu leugnen, dass Wilhelm unter ganz neutralen, gewissermaßen staatstechnischen, unter „Managementaspekten“ kein guter Regent gewesen ist. Er verfolgte keine nachhaltige Politik, ließ sich von Stimmungen leiten, hatte in Krisen niemals eine klare Linie, sondern schwankte zwischen Provokation und Zurückstecken. Dass er sich sein Amt nicht ausgesucht hat, ist gewiss richtig; dass er kein Genie war, kein Napoleon oder Bismarck, ist natürlich kein Vorwurf. Im Gegenteil, es gibt gewichtige Stimmen, die meinen, Durchschnittsmenschen seien die besseren Monarchen, weil sie die Person sehr viel besser hinter dem Amt zurücktreten lassen und sich in die konstitutionellen Abläufe besser einfügen könnten. Wilhelm war aber nicht nur einfach ein durchschnittlicher, für den Herrscherposten nicht besonders qualifizierter Mensch, sondern ein durchaus ungewöhnlicher Charakter, mit einer Kombination aus Fähigkeiten und Eigenheiten, die in seinem Amt und zu seiner Zeit eine fatale Wirkung entfalten konnten, ohne dass er das gewollt hätte. Zu einer anderen Zeit, vielleicht in einer anderen Verfassung hätte er ein leidlicher Monarch sein können. Am wichtigen Übergang in die Moderne war er überfordert.
Damit ist er uns nicht so fern, wie man vielleicht glauben könnte. Natürlich, wir haben die Monarchie abgeschafft, ein Wilhelm kann uns heute nicht mehr passieren. Der Souverän ist heute das deutsche Volk. Aber auch das Volk hat sich seine Aufgabe in der Verfassung ja nicht ausgesucht; auch ein Volk hat Fähigkeiten und Eigenheiten, die in mancher Zeit segensreich und in anderer Zeit schädlich sein können. Man hat gelegentlich gesagt, die Wiedervereinigung sei der Zeitpunkt, von dem an die Deutschen erwachsen werden, sich aus der bequemen Behaglichkeit ihrer eng umzäunten Republik lösen müssten. Ist der Deutsche inzwischen erwachsen geworden?
„Man kann ihm nie wirklich böse sein; aber man kann ihn auch nie ganz ernst nehmen, weil er eben zeitlebens ein großes spielendes Kind blieb – charmant wie ein Kind und egoistisch wie ein Kind, schnell interessiert und schnell ermüdet wie ein Kind, schnell gekränkt und schnell versöhnt, schnell gebrochen und schnell getröstet, liebebedürftig und treulos wie ein Kind, vor allem aber eben verspielt und verantwortungslos wie ein Kind.“
Das sind Worte aus einem sehr einfühlsamen Porträt Wilhelms II., geschrieben von Sebastian Haffner. Sie könnten aber auch eine Beschreibung des heutigen deutschen Durchschnittswählers sein. Vieles in der heutigen Mediendemokratie erinnert an Wilhelm: das Kurzweilige, Gehetzte, die fehlende Nachhaltigkeit, die Unfähigkeit, Schmeichler von gutmeinenden Ratgebern zu unterscheiden; der Unwille, sich vor anstehenden Entscheidungen gründlich über Sachfragen zu informieren. In der ganz auf Sicherheit und Stabilität gebauten Bonner Republik, sozusagen in der Kinderstube, konnte man sich das leisten. In der unruhigen Welt von morgen, mit Globalisierung, durch Umweltzerstörung verschärften Welt-Verteilungskämpfen, mit demographischer Krise und Integrationsherausforderungen wird das deutsche Volk zu zeigen haben, ob es auch unter Druck die Stärke besitzt, seinen Grundsätzen und seinem politischen System treu zu bleiben.
Haben wir Wilhelm überwunden?
Wir werden sehen.















