Wenn man das Leben und Wirken Sebastian Haffners gewissermaßen wie durch ein Fernrohr betrachtet, dann fallen sofort drei Sonderbarkeiten auf. Die erste dieser drei Sonderbarkeiten betrifft den Beruf. In Deutschland hat man es – mehr noch als anderswo – gern, wenn man einen Menschen eindeutig einer Berufsgruppe zuordnen kann. Bei Haffner tut man sich damit schwer.
Der Ausbildung nach war er Jurist und hätte wohl, wäre die Geschichte anders verlaufen, wie sein Vater, der in der preußischen Schulverwaltung tätig war, eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen; nebenher gedachte er zu schriftstellern, zwei Romane stammen schon aus seiner Jugendzeit. Aber die Geschichte verlief eben so und nicht anders: Haffner hatte gerade seinen Assessor gemacht und schickte sich zur Promotion an, da fiel die Hitlersche Machtergreifung ins Haus, die ihm die Arbeit bei Gericht gründlich verleidete.
Dem neuen Unrechtsstaat, den er von Beginn an als solchen empfand, wollte er nicht dienen. In den folgenden fünf Jahren schrieb er für verschiedene Zeitungen Feuilletons – eine Zusammenstellung ist jüngst im dtv erschienen – und hoffte noch, die Nazi-Zeit irgendwie unbeschadet zu überleben. Zur Emigration zwang ihn 1938 sein Verhältnis mit einer Jüdin, die später seine erste Frau wurde. In England, wohin es ihn verschlug, verwendete er dann auch erstmals das Pseudonym Sebastian Haffner, unter dem er bekannt werde sollte; getauft worden war er auf den Namen Raimund Pretzel. Diesem Sebastian Haffner blieb nun in der Emigration als beruflicher Ansatzpunkt trotz Sprachschwierigkeiten nur das Schreiben; die englische Juristerei ist von der deutschen doch zu verschieden. Von David Astor wurde er für den Observer entdeckt und veröffentlichte auch zwei Bücher, „Germany: Jekyll and Hyde“ und „Offensive against Germany“, mit denen er den Briten das Land, aus dem er geflohen war, näherzubringen suchte. Auch nach seiner Rückkehr blieb Haffner immerhin dreißig Jahre lang ein sehr tüchtiger und streitbarer, auch schon renommierter Journalist, zunächst noch als Deutschlandkorrespondent des Observer, später, nachdem er sich mit Astor überworfen hatte, unter anderem bei der Welt und beim Stern.
Trotzdem ist vom Journalisten Haffner heute nur noch selten die Rede. Seine größten Erfolge erreichte er mit der Publikation historischer Schriften. Mit den „Anmerkungen zu Hitler“ (1978) begann er als Siebzigjähriger sozusagen noch einmal eine zweite Karriere. Viele seiner älteren Publikationen, die man seinerzeit nur wenig beachtet hatte, wurden neu aufgelegt – „Die verratene Revolution“ etwa oder die „Sieben Todsünden“ –, manche auch neu geschrieben, „Preußen ohne Legende“ zum Beispiel und „Von Bismarck zu Hitler“. Haffner avancierte so zu einer festen Größe in der populären Geschichtsschreibung. In mancher Kurzbiographie wird er darum auch als Historiker angegeben.
Das trifft es allerdings auch nicht recht, denn ein Historiker im eigentlichen Sinn ist Haffner nie geworden. Nicht so sehr, weil er der Ausbildung nach nicht vom Fach war, sondern weil er sich immer mehr journalistischer als fachhistorischer Methoden bediente. Keines seiner Bücher, um nur eine Äußerlichkeit anzuführen, hat Quellenangaben oder ein Literaturverzeichnis. Alle sind essayistisch auf eine spitze Pointe hin geschrieben, in einem vergnüglichen Plauderton und nicht in trockener Historikersprache. Keines bringt neue Fakten in die Diskussion, wohl aber neue, manchmal sehr verquere Deutungen. „Ich bin also“, so hat Haffner in einem Interview einmal resümiert, „eine Art historisch schreibender Journalist, wobei ich mir nicht habe träumen lassen, dass das mein Leben sein würde. Ich wäre viel lieber ein Romane schreibender hoher Ministerialbeamter gewesen.“
Wechselwähler
Dies also die erste Sonderbarkeit: das Schwanken zwischen den Berufsgruppen. Auch die zweite betrifft sein Zwischen-den-Lagern-Stehen, nun aber politisch. Wer Haffner liest, wird ihn immer nur zeitweilig einer bestimmten politischen Schule oder Denkrichtung zuordnen können; und auch da gelingt es nur höchst unvollkommen.
Der Haffner der fünfziger Jahre, den man häufig in Werner Höfers „Frühschoppen“ sah, galt als konservativ, ja reaktionär. Er war ein ausgesprochener Kalter Krieger und Wiedervereiniger. Die flaue Haltung in der Berlinkrise nahm er den Westalliierten und insbesondere den Briten, denen er sich da-mals noch verbunden fühlte, äußerst übel. Joachim Fest, der ihn in diesen Jahren kennenlernte, schil-dert, dass Haffner „die Rolle des Kalten Kriegers mit solcher Unnachsichtigkeit wahrnahm, dass ihn einer meiner Rundfunkkollegen stets ‚Sebastian den Schrecklichen‘ nannte.“ Zu Anfang der sechziger Jahre, ziemlich genau mit der Spiegel-Affäre, änderte sich diese Haltung. Man kann vielleicht sagen, dass der „Preuße mit britischem Pass“ erst zu diesem Zeitpunkt wirklich wieder in Deutschland ankam und sich, aus verschobener Perspektive, in die deutsche Politik einzubringen versuchte. Seine in dieser Zeit entstandenen Bücher sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache.
„Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg“ (1964) sind nicht nur eine Kritik der Außenpolitik des Kaiserreichs im Gefolge der Fischerkontroverse, sondern auch eine schonungslose Abrechnung mit der Außenpolitik der Adenauerzeit. Das ist, nach hundertzwanzig Seiten Vorspiel, die eigentliche Pointe dieses Buches: Dass die Bundesrepublik dabei sei, all die „Todsünden“, die Haffner der Kaiserzeit zuschreibt, Kriegspolitik, Selbstüberschätzung und Realitätsverlust, auf andere Weise zu wiederholen. Was Haffner nun fordert, ist die Anerkennung der DDR und die Aussöhnung mit dem Osten, also genau das Gegenteil von dem, was er zuvor jahrelang gepredigt hatte; die Grenzen von 1937 schreibt er ab. Ganz folgerichtig wird er zu einem glühenden Anhänger Willy Brandts.
Auch innenpolitisch driftet Haffner nun deutlich nach links, liest Marcuse, fürchtet ständig den faschistischen Umsturz und sympathisiert trotz seines fortgeschrittenen Alters – Jahrgang 1907! – mit der Studentenbewegung. 1968/69 erscheint im Stern seine Serie zur Revolution von 1918/19, in der er, auf einen Satz gebracht, Friedrich Ebert und der damaligen SPD in ehrlicher moralischer Entrüstung vorwirft, die Revolution, die sie doch selbst jahrzehntelang beschworen hatte und die keineswegs spartakistisch, sondern im eigentlichen Sinn sozialdemokratisch gewesen sei, schändlich verraten und im Bündnis mit ihren bürgerlich-reaktionären Gegnern brutal zerschlagen zu haben. Ebert, den er (wohl zu Recht) als kleinbürgerlichen Biedermann einordnet, erntet seine kalte Verachtung; für sein tragisches Ende hat er kein Mitleid übrig: „Ebert selbst wurde in den folgenden Jahren mit dem vollkommen unbegründeten, aber unablässig wiederholten und gerichtlich sanktionierten Vorwurf des Landesverrats buchstäblich zu Tode gehetzt (…) Er wurde zu Tode gehetzt mit einer Lüge, mit dem Vorwurf eines Verrats, den er nie begangen hatte. Aber dieser Vorwurf hätte ihn nie treffen können, wenn er nicht einen anderen Verrat tatsächlich begangen hätte. Er hatte nicht die siegreiche Front, wohl aber die siegreiche Revolution von hinten erdolcht. Und zwar denen zuliebe, die nunmehr ihn von hinten erdolchten – mit der Dolchstoßlüge. Eine gewisse Befriedigung über die ästhetische Perfektion dieser komplizierten Symphonie lässt sich schwer unterdrücken. Man fühlt sich wie auf dem Höhepunkt einer symphonischen Komposition, wenn alle Themen zusammenkommen – und dabei ihre gemein-same Wurzel enthüllen. Oberflächlich gesehen geschah Ebert mit der Dolchstoßlüge bitteres Unrecht. Tiefer und genauer betrachtet, geschah ihm recht. Er wurde verraten, wie er verraten hatte; und er konnte nur verraten werden, weil er verraten hatte.“
Aus dem etwas ausführlich geratenen Zitat kann man die Grundrichtung in Haffners Essay sehr gut erahnen. Haffner ist hier parteiisch wie sonst in keiner seiner Publikationen; und zwar auf Seiten der (wie auch immer) sozialistischen Revolutionäre – merkwürdig doch für einen zutiefst bürgerlichen Charakter, wie er es war. „Vielleicht“, vermutet Journalistenkollege Klaus Harpprecht, „war er vorübergehend ein Opfer des bürgerlichen Selbsthasses geworden, der die empfindsamsten Geister seiner Generation (wie Thomas Mann) immer aufs neue heimsuchte.“
Von dieser „Durchgängerei“, als die sein Freund Joachim Fest sie diagnostiziert hat, kommt Haffner alsbald wieder ab. Aber ein gewisses Irrlichtern zwischen den Lagern bleibt doch. 1980 meldet Haffner sich im Wahlkampf für Schmidt und gegen Strauß zu Wort, weil er außenpolitisch von letzterem einen „Kriegskurs“ erwartet; in den „Anmerkungen zu Hitler“ schreibt er, der Krieg gehöre selbstverständlich zum Staatensystem wie der Stuhlgang ins biologische System des menschlichen Körpers. Von der deutschen Wiedervereinigung will er bald nichts mehr wissen, weil die Bundesrepublik zwi-schen den Supermächten doch eine auskömmliche und gesicherte Existenz habe und man von einem wiedergegründeten „Deutschen Reich“ nur erneutes Unheil erwarten dürfe; wozwischen sich auch wieder äußerst konservative Wortmeldungen mischen, in denen er die Grünen und die Friedensbewe-gung als weltfremde Romantiker abtut, gar als Gefahr für die Demokratie, und in einem (höchst lesenswerten) Essay „Rechts und Links“ nach den menschlichen Händen definiert: die linke, etwas ungelenke Hand für Theorie und Opposition, die rechte aber für Praxis und Regierung. „Nur darf man natürlich nicht vergessen, dass es auch Linkshänder gibt.“
Wer Haffner in eine politische Schublade pressen will, wird scheitern. Aber gänzlich über den Lagern, staatsmännisch irgendwo im Ungefähren, steht er eben auch nicht, dazu liebte er es zu sehr, zu provozieren. Er steht mal hier und mal dort, aber niemals irgendwo ganz. Und seine häufigen Meinungswechsel kommen noch dazu.
Haffner selbst erklärt das mit einer Jugenderfahrung, zwei sehr verschiedenen Schulen, die er besuchte: „Dass mir die Juden so wichtig wurden und dass mich der nazistische Antisemitismus zur Emigra-tion brachte, liegt an meiner ersten Schule, dem Königsstädtischen Gymnasium in der Nähe des Alexander-Platzes. (…) In meiner zweiten Schule, dem Schillergymnasium, lernte ich eine zweite Elite kennen, die mich auch immer beeinflusst hat und der ich heute noch ein bisschen anhänge, und zwar Klein-Potsdam. Wir waren 1924 nach Lichterfelde umgezogen, und das war Klein-Potsdam. In Potsdam waren die Generäle, dort waren die Obristen, die mittleren und höheren Beamten und die mittleren Offiziere. Dort lebte schon lange vor Hitler der Geist des 20. Juli. (…) Am Königsstädtischen Gymnasium unter der jüdischen Elite war ich ziemlich links, hier wurde ich rechts. Mein ganzes Leben ist bestimmt gewesen von meinen Erfahrungen auf diesen beiden Schulen.“
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Literat
Die dritte Sonderbarkeit, von der wir sprechen wollen, betrifft Haffners etwas eigentümliches, wenn man will unwissenschaftliches Geschichtsbild; ein weiterer Punkt, der einen zögern lassen sollte, ihn einen Historiker zu nennen. Haffner folgt Treitschkes Motto, dass Männer die Geschichte machen, wenigstens insoweit als die großen Männer eine gute Geschichte machen; was ihm im übrigen einerlei ist. Eine verquere, irrationale, im Kern ästhetisch motivierte Sicht der Dinge. Aber, und das ist das Interessante, verborgen hinter nüchterner Analyse und zutiefst sachlicher Sprache.
In den meisten seiner Bücher geriert sich Haffner ja als unterkühlter Beobachter. Besonders die „Anmerkungen zu Hitler“, sein erfolgreichstes Buch, provozieren geradezu durch ihre Sachlichkeit. Kaum irgendwo sonst wird das Phänomen Hitler so emotionslos in seine Bestandteile zerlegt wie auf den Seiten dieses dünnen, aber gewichtigen Buches.
Die gleiche distanzierte Kühle, die er sich als Analytiker – oft, nicht immer – auferlegte, empfiehlt Haffner immer wieder als Grundlage erfolgreicher Politik. In einem kurzen Aufsatz über Politik und Vernunft hat er das formuliert. Politik sei „das ganz ureigenste Gebiet der Vernunft, also des nüchter-nen Tatsachensinns und Interessenkalküls, des vorsichtigen Abwägens, der umsichtigen Berechnung aller Aspekte und Folgen einer Entscheidung, der kalten Unterdrückung vorgefasster Wünsche und spontaner Gefühle.“ Kein unkluger Gedanke; Not und Heldentum, Emotion und Katastrophe stehen oft nah beieinander. „Und nur eine Politik, die sich mit härtester Selbstdisziplin den Forderungen der Vernunft beugt – in der Zielsetzung wie in den Mitteln –, ist auf Dauer erfolgreich.“
Haffner war ein Bewunderer nüchterner, kühl ausgeführter Realpolitik, wobei er die moralische Verankerung gelegentlich vergaß. So sehr, dass er sich dazu verstieg, sogar Lenin und Ulbricht für ihre nüchterne, nur erfolgsorientierte Politik überschwänglich zu loben; Ulbricht rief er gar zum erfolgreichsten deutschen Politiker seit Bismarck aus.
Am Beispiel Bismarck wollen wir nun zeigen, dass Haffners Sicht auf die Geschichte so nüchtern-rational nun doch nicht immer war. Haffner hat – schade eigentlich – kein Buch über Bismarck ge-schrieben, sondern nur einen sehr knapp gehaltenen biographischen Essay, aber einen gewichtigen und, am Ende, auch sehr persönlichen. Wir erlauben uns an dieser Stelle noch einmal ein über Gebühr ausführliches Zitat. Es sagt über Haffner mindestens genauso viel aus wie über Bismarck.
„Bismarck war ein Pessimist durch und durch. Er hätte ein böser Mensch sein können. Es gibt Augen-blicke, in denen er es war. Das Ergreifende ist, dass er schließlich doch kein böser Mensch war, dass der endgültige Eindruck von ihm ein edler bleibt. Es war etwas in ihm, das ihn immer – fast immer – zügelte, das stärker war als Hass, Eigenliebe, Nihilismus und gekränkter Stolz. Dies Stärkere war nicht seine Religion (Demut vor Gott, die er hatte, machte ihn gegen Menschen fast noch stolzer), auch nicht die Konvention des hochzivilisierten Zeitalters, in dem er lebte und wirkte (auf die gab er we-nig), sondern etwas viel Ausgesuchteres, Exquisiteres: der unerbittliche Anspruch seines politischen Künstlertums! Er vergab sich alles, nur keine politischen Kunstfehler. Wo sie seine Politik gestört hätten, mussten selbst Kränkung und Stolz zurückstehen. Eine politische Gewissenhaftigkeit höchsten Ranges ersetzte bei ihm das sittliche Gebot. Es gibt Augenblicke bei Bismarck, wo seine politische Kalkulation von höchster, strahlender Moralität nicht mehr zu unterscheiden ist.“
Nachdem er als einen solchen Augenblick den generösen Friedensschluss mit Österreich 1866 herausgearbeitet hat, beschließt Haffner den Essay: „Bismarcks Werk hat wenig Dauer gehabt. Sein Wirken bleibt trotzdem ewig faszinierend. Es bleibt ein Nachhall wie von großer Musik – ‚ich will Musik ma-chen, wie ich sie für gut befinde oder gar keine‘, so hat er einmal gesagt. Was er gebaut hat, waren Strukturen aus Fließendem, so wie Symphonien Strukturen aus Fließendem sind, kommend und ge-hend wie Wasserwogen … Der Vergleich stammt von Bismarck selbst. (…) Soviel traurige Weisheit, und dann doch, im Angesicht der Vergeblichkeit, soviel Tat – das ist Bismarck. Man findet es nicht oft zusammen. Wer ein Ohr für diesen besonderen Akkord hat, den ergreift es, wie sonst kaum etwas auf der Welt.“
Haffner hatte dieses besondere Ohr, ohne Zweifel. Die musikalische Metapher ist übrigens kein Zufall – Haffner war ein sehr musikalischer Mensch, wie auch sein Pseudonym andeutet: „Sebastian“ von Bach entliehen und „Haffner“ von einer Mozart-Serenade.
Musik – verklingt. Und so vergehen die Ergebnisse auch der besten Realpolitik, manchmal früher, manchmal später. Dass auch die Realpolitik ihre Tragik hat oder haben kann, nämlich die der letztendlichen Vergeblichkeit, für die sie, nur auf das Ziel bedacht, keinen Trost kennt: das zieht sich wie ein Leitmotiv durch weite Teile von Haffners Oeuvre. Sein Preußen-Buch hat er als eine Tragödie aufge-baut, „Die Tragödie der reinen Staatsvernunft“. Preußen, zufällig zusammengewürfelter Kunststaat, macht aus seiner Künstlichkeit eine Tugend, erweist sich als ausgesprochen wandlungsfähig, ohne feste Form, passt sich der Aufklärung an wie der Romantik, paktiert mit der Nationalbewegung, ver-liert so seine staatliche Funktion und geht am Ende unter. Eine Maschine, die aus Staatsräson versucht, sich eine Seele zu geben, die damit scheitert und sich überflüssig macht – während das Organisch-Gewachsene, wie Deutschland, aber auch zum Beispiel Bayern oder Sachsen, die Zeiten übersteht. So Haffners These. Rein historisch betrachtet natürlich sehr spitz und steil; aber zweifelsohne höchst dramatisch.
Es scheint eben immer der verhinderte Romanschreiber durch, dessen literarische Götter nicht Mommsen oder Jacob Burckhardt sind, sondern Kleist und Thomas Mann. „Geschichte“, hat Haffner einmal skeptisch geschrieben, „ist nichts Vorgegebenes wie Natur, Geschichte ist selbst schon ein Kunstprodukt. Nicht alles, was je geschehen ist, wird Geschichte, sondern nur das, was Geschichts-schreiber irgendwo und irgendwann einmal der Erzählung für wert erachtet haben. Erst Geschichts-schreibung schafft Geschichte. Geschichte – um es ganz scharf zu sagen – ist keine Realität, sie ist ein Zweig der Literatur.“ Und das heißt: „Geschichte wird nach literarischen Gesichtspunkten geschrieben.“ Nun, vielleicht nicht immer. Aber bei Haffner wird sie das. Er, der die soziologische, struktu-renorientierte Geschichtsschreibung immer als Scharlatanerie qualifiziert hat, scheint stets dem Zeitalter nachzutrauern, in dem die großen Männer, Charakterköpfe von shakespearschem Format, noch Politik machen konnten. Die Churchill-Biographie (1967), aus einer Haltung tiefer Bewunderung heraus geschrieben, steckt auch voller Wehmut über diesen zu spät gekommenen Krieger. In einem später publizierten Essay erhebt er Churchill zur Sagengestalt: „Und wenn unsere Zivilisation schließlich doch in einer atomaren Katastrophe zugrunde gehen sollte, so dass nichts von ihr übrig bliebe und in irgendeinem fernen Erdenwinkel alles von vorn anfangen müsste, so könnte ich mir vorstellen, dass selbst dort ein dunkles Raunen von einem Mann gehen würde, der in dem großen Vorher, ganz gegen Ende, vor der atomaren Sintflut, noch einmal so etwas wie alle Riesen der Vorzeit in einem war.“ Wehmut; obwohl Haffner natürlich erkannte, dass die Abwesenheit der „großen Männer“, der großen Heldentaten und Katastrophen für die Völker realpolitisch eher von Vorteil als von Nachteil war. „Große Männer mögen ein öffentliches Unglück sein, aber große Völker überleben ihre großen Männer.“ So Haffner in einer Skizze über Mao.
Ein schwieriger Charakter. Und auch kein einfacher Autor. Auf die Frage, ob man ihn zur Lektüre empfehlen kann, muss man dennoch antworten: uneingeschränkt ja. Keinem sonst im Nachkriegsdeutschland ist es gelungen, so breite Schichten für Geschichte zu begeistern. Wer sonst keine Histori-kerschwarten in die Hand nehmen will: Hier findet er ein großes Lesevergnügen – prägnant geschrieben und, vor allem, kurz; die meisten Haffner-Bücher kann man bequem auf einer längeren Zugfahrt lesen. Und wer sich allgemein für Geschichte interessiert, findet viele provokante Thesen, an denen er sich reiben kann. Man darf ihn nicht für bare Münze nehmen, was er schreibt nicht als „historische Wahrheit“ ansehen – die gibt es ohnehin kaum. Aber eine Schneise in diesen Urwald Geschichte schlägt er doch. Keiner weiß, ob sie zum Ziel führt; aber ein wenig mehr Licht bringt sie uns sicher.
Lebensdaten
27.12.1907: Geburt als Raimund Pretzel in Berlin.
1933: Abschluss des Studiums der Rechte. Frankreichaufenthalt und Promotion.
1938: Emigration nach England.
1940: Nach Kriegsbeginn wird Haffner von den Briten kurzzeitig als „enemy alien“ interniert.
1942: Beginn der Tätigkeit für den „Observer“.
1945: Rückkehr nach Deutschland als britischer Presseoffizier.
1962: Haffner verlässt den „Observer“ und schreibt nun zuerst für die „Welt“, dann für den „Stern“.
1975: Ende der Tätigkeit für den „Stern“, Beginn des Spätwerks.
1999: Tod in Berlin nach langer schwerer Krankheit.
Publikationen (Auswahl)
1940: Germany – Jekyll and Hyde
1964: Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg
1967: Winston Churchill
1969: Die verratene Revolution
1978: Anmerkungen zu Hitler
1979: Preußen ohne Legende
1980: Überlegungen eines Wechselwählers
1987: Von Bismarck zu Hitler
2000 (posthum): Geschichte eines Deutschen















